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Plakatmotiv: Das Geheimnis der falschen Braut (1969)

Truffauts Thesenpapier:
Liebe macht Dich verrückt

Titel Das Geheimnis der falschen Braut
(La sirène du Mississipi)
Drehbuch François Truffaut
nach dem Roman "Waltz into Darkness" von Cornell Woolrich
Regie François Truffaut, Frankreich, Italien 1969
Darsteller

Jean-Paul Belmondo, Catherine Deneuve, Nelly Borgeaud, Martine Ferrière, Marcel Berbert, Yves Drouhet, Michel Bouquet, Roland Thénot u.a.

Genre Crime, Drama
Filmlänge 123 Minuten
Deutschlandstart
19. Dezember 1969
Inhalt

Über eine Heiratsannonce lernen sich der Zigarettenfabrikant Louis Mahé, der auf der Insel Réunion lebt, und Julie Roussel kennen. Mahé kennt sie nur aus Briefen und von einem Foto, als sie mit dem Überseedampfer Mississipi im Hafen eintrifft. In Wirklichkeit ist die Frau jedoch Marion Vergano und sie erzählt später, dass ihr Begleiter Richard Julie Roussel auf der Überfahrt von Bord gestoßen und sie deren Identität angenommen habe. Das falsche Foto erklärt sie damit, dass sie aus Bescheidenheit ein Foto einer Freundin geschickt habe.

Louis und die angebliche Julie heiraten. Louis liebt seine Frau so sehr, dass er alle aufkommenden Verdachtsmomente beiseite wischt, bis Marion mit seinem gesamten Geld durchbrennt. Von seiner vermeintlichen Schwägerin – der Schwester der echten Julie – wird er über seinen folgenschweren Irrtum aufgeklärt. Er beauftragt den Detektiv Comolli. Louis findet Marion jedoch zufällig auf eigene Faust an der Côte d’Azur wieder – und will sie umbringen. Doch er verliebt sich aufs Neue …

Was zu sagen wäre

Was für eine irrwitzige Geschichte. Das ist der Film, für den der Begriff "Amour Fou" hätte erfunden sein können. Nichts an diesem Film hat mit einer real nachvollziehbaren Geschichte zu tun. Im Schnitt ungefähr alle zehn Minuten schreit der Film selbst seinem Protagonisten, dem properen Millionär Jean-Paul Belmondo ("Das Superhirn" – 1969; Casino Royal – 1967; Der Dieb von Paris – 1967; "Abenteuer in Rio" – 1964; "Die Millionen eines Gehetzten" – 1963; "Der Teufel mit der weißen Weste" – 1963; "Cartouche, der Bandit" – 1962; Der Panther wird gehetzt – 1960; Außer Atem – 1960) zu „Tu's nicht! Die nimmt Dich nur aus!“ Aber der smarte, gut aussehende Millionär, aufgewachsen auf La Réunion, einer kleinen Insel östlich von Madagascar, also abseits weltmännischer Bosheiten und Tricksereien, will die Warnungen alle nicht hören. Und als er sie doch endlich umbringen will, da schon im französischen Nizza, wo sie aller üblen Bosheiten überführt ist, verliebt er sich neu in sie, die blonde Sirene vom Schiff "Mississippi".

Plakatmotiv (Fr.): La sirène du Mississipi – Das Geheimnis der falschen Braut (1969)Francois Truffaut hat Spaß daran, die Sprache des zeitgenössischen Kinos zu dekonstruieren. Dazu braucht er keine glaubwürdig nachvollziehbare Handlung, die einem Realitätscheck stand halten muss. Er braucht die Chiffren, mit denen das Kino arbeitet, orientiert sich da ganz offen an seinem Vorbild Alfred Hitchcock. Schon der hat sich nicht an der Realität glaubwürdiger Handlungsstränge abgearbeitet, statt dessen lieber Chiffren genutzt, um seinen Thrill zu erzeugen – seinen berüchtigten MacGuffin, grüne Kleider, rote Farbe, schwarze Linien auf weißem Grund. Hitchcock legte keinen Wert auf Realismus für das, was im Viereck seiner Leinwand geschieht. Deshalb erfand er seine Manierismen (s.o.).

Truffaut will mit "Das Geheimnis der falschen Braut" die ultimative Kino-Lovestory erzählen, eine Liebe, die alle Hürden überwindet – und also erzählt er seine Geschichte einfach immer weiter. Ihm fehlen die Manierismus seines Idols. Etwaige Spannungsbringer, wie etwa den zuvor von Belmondo engagierten Privatdetektiv, schießt Truffaut einfach aus der Story. Tod, Ende. Aus.

Das französische Kino orientiert sich nicht am logischen Spannungsaufbau, wie das amerikanische Kino es tut. Französisches Kino baut Spannung über Beobachtung auf. Da hatten sich die europäischen Künstler gerade an der Bildsprache der Amerikaner aus den 30er, 40er Jahren orientiert und darauf die Nouvelle Vage aufgebaut, da orientieren sich junge amerikanische Filmemacher am europäischen, durch Hollywood geprägten, Kino. Und die Europäer schauen neu auf das neue amerikanische Kino. Es ist ein dauerndes Geben und Nehmen.

Plakatmotiv (UK): Mississippi Mermaid – Das Geheimnis der falschen Braut (1969)Einen Spannungsaufbau hat Truffauts Film nicht. Im Kinosessel können wir nicht nachvollziehen, warum Louis Mahé, der Tabakmillionär, seiner blonden Marion immer weiter vertraut, warum er ihr all seinen Wohlstand opfert, zumal Catherine Deneuve ihre Marion auch nicht als verführerische Sirene anlegt. Dafür haben wir selbst im richtigen Leben draußen vor dem Kino einfach zu viel Mist mit der Romantik erlebt. Als das Liebes-, Gauner-, Flüchtlingspaar unten angelangt ist, in billiger Absteige, kaum noch Geld, angewiesen auf gute Ideen, da macht der bisher meist als verliebter Gockel auftretende ehemalige Millionär Mahé das blonde Mädchen, das da auf seinem Absteigenbett sitzt rund, wirft ihr vor, dass Mädchen wie sie immer nur auf den nächsten Schminktipp, das nächste Kleid, die nächste Extravaganza scharf sind. „Du bist nicht nur egoistisch! Du bist der Egoismus in Person. Du glaubst, Du bist etwas Besonderes, eine Ausnahme. Aber das ist falsch! Solche Mädchen wie Du, die sind jetzt gerade wieder in Mode. Nicht mal sowas wie Abenteurer seid Ihr. Wie Nutten seid Ihr, sowas wie Parasiten, die am Rande der Gesellschaft leben. Ihr seid weder Frauen noch junge Mädchen. Ihr seid Luxus-Bienen! Was Ihr genau seid, dafür gibt's gar keinen Namen. In Euren Köpfen herrscht nur Schwachsinn und völlige Leere. Ihr seid in Euren eigenen Körper verliebt, wollt immer nur in der Sonne liegen, um braun zu werden.“ Emotionaler wird's nicht. Vorher hatte er schon einen Mord begangen, um seine Geliebte zu retten. Auch das lief eher geschäftsmäßig beiläufig ab. Ein Traktat hat Truffaut verfilmt. Titel: Liebe kann einen zugrunde richten.

Er, der Millionär, liegt ziemlich offen zutage von Anfang an. Sie, die Blonde, ist das Rätsel. Und war nicht schon zu Hitchcocks Zeiten die Blonde Frau das Rätsel schlechthin? Etwa zur Mitte des Films haben Mahé und Marion eine lange Aussprache über sein bisheriges Leben, aber vor allem über ihr bisheriges, schon sehr abwechslungsreiches Leben. Catherine Deneuve (Belle de Jour – 1967; Ekel – 1965) trägt in dieser langen Sequenz dieselbe hochgedrehte Blondhaar-Frisur, wie einst Kim Novak als Judy Barton in Vertigo, als sie etwa zur selben Spielzeit James Stewart ihre Lebensbeichte liefern muss. Und natürlich: Bei Truffaut heißt die gefährliche Blondine wahlweise Julie oder Marion. Bei Hitchcock hieß sie Judy oder Madeleine. Der Ähnlichkeiten zu Alfred Hitchcock sind bewusst viele. Selbst die Schauspieler sind lediglich „Rindvieh“. So soll das Hitchcock mal gesagt haben um zu verdeutlichen, dass er keine Method Actors vor der Kamera braucht, sondern Figuren, die tun, was er, der Regisseur, braucht.

Auch Belmondo und Deneuve müssen nicht viel machen. Für Truffaut sind der Millionär und die Tänzerin nur Funktionsfiguren für eine Filmkonstruktion, die er mit schönen Plansequenzen und wunderbaren Bildern in Szene setzt.

Wertung: 5 von 8 D-Mark
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