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Plakatmotiv: Cartouche, der Bandit (1962)

Fröhlicher Abenteuerfilm, in dem
der revolutionäre Vorabend droht

Titel Cartouche, der Bandit
(Cartouche)
Drehbuch Daniel Boulanger & Philippe de Broca & Charles Spaak
Regie Philippe de Broca, Frankreich, Italien 1962
Darsteller

Jean-Paul Belmondo, Claudia Cardinale, Jess Hahn, Marcel Dalio, Jean Rochefort, Philippe Lemaire, Noël Roquevert, Odile Versois, Jacques Charon, Lucien Raimbourg, Jacques Balutin, Pierre Repp, Jacques Hilling, Paul Préboist, René Marlic, Madeleine Clervanne, Raoul Billerey, Alain Dekok u.a.

Genre Action, Abenteuer, Komödie
Filmlänge 114 Minuten
Deutschlandstart
13. März 1962
Inhalt

Frankreich, im 18. Jahrhundert. Louis-Dominique Bourguignon arbeitet für Malichot, den Anführer einer Räuberbande. Weil er aber mit dessen ethischen Grundsätzen nicht einverstanden ist, bildet er eine eigene Bande.

Unter dem Namen Cartouche beraubt er von nun an den Adel, um das Geld an die Armen zu verteilen. Durch seine Taten gewinnt er zahlreiche Sympathisanten, macht sich aber auch Feinde: Malichot und die Polizei wollen ihm an den Kragen.

Cartouche gelingt es immer wieder, sich aus ihren Fängen zu befreien – doch schließlich wird ihm die Liebe zu einer Frau zum Verhängnis. …

Was zu sagen wäre

Wenn Cartouche es will, dann läuten alle Glocken von Paris. Der Mann ist, was man heute einen "Großgangster" nennen würde, der größte Bandenchef von Paris. Und ein Charmeur, dem die Ziele ausgegangen sind. Plakatmotiv (Fr.): Cartouche (1962) Eben noch hat er sich die Männer des skrupellosen Malichot unterworfen und erklärt, künftig nur noch die Reichen zu bestehlen, weil man nun auch selbst in Seide schlafen wolle, da ist das auch schon passiert. Ganz Paris feiert den Mann. Ganz Paris? Nein, die Reichen, die der Mann unablässig ärgert, natürlich nicht. Der Polizeipräfekt ist düpiert über die Frechheit des Diebes, findet aber freilich keinen Weg, gegen ihn vorzugehen.

Cartouche, der eigentlich Dominique heißt, ist eine Art Robin Hood im Frankreich am Vorabend der Revolution. Noch regiert Louis XVI. im fernen Versailles, in Paris hat Polizeipräfekt Gaston de Ferrussac das sadistische Sagen. Hinrichtungen geraten unter seiner Knute zum Volksfest. Cartouche nimmt den Reichen und gibt … nein, nicht den Armen, sondern seinen Leuten. Wer nicht zu seiner Bande gehört, also Kaufleute, Schmiede, Küfner und andere Handwerker, freut sich, dass die Reichen eins übergebraten bekommen.

Bald sind die Diebe satt. Sie haben genug angehäuft, um sich aufs Land zurückzuziehen und eine Familie zu gründen. Aber Cartouche, der mit der reizenden Zigeunerin Venus das Bett teilt, kann nicht aufhören. Aus dem Helden, der das Volk unterhält und die Seinen ernährt, wird ein Getriebener seines Herzens; denn er hat sich in die Frau des Polizeipräfekten verliebt. Die Gründe dafür bleiben unklar. Vielleicht verehrt er ihre stolze Eleganz, ihre aristokratische, arrogante Haltung. Vielleicht reizt ihn ihre Unnahbarkeit. Man erfährt es nicht. <Nachtrag1998>Auf dem Tiefpunkt führt die Verehrung der Lady zu einer unangenehmen Aufführung männlicher Macht, wenn Cartouche seine Männer auffordert, den Damen eines Stifts ein wenig Freude zu bereiten; er lässt ihnen nur wenige Minuten, es geschieht nichts Endgültiges. Aber der herrische Sexismus dieser Szene macht schlechten Geschmack im Mund.</Nachtrag1998> Seine Venus jedenfalls, der Claudia Cardinale den Charme eines Mädchens von nebenan leiht, reicht ihm nicht. Plakatmotiv (Fr.): Cartouche (1962) Die Liebe – oder die Faszination – für diese Frau jedenfalls treibt den Film, der bisher eine lockere, flott inszenierte Komödie mit Prügeleien und Degenduellen war, in dem das französische Militär zu einer Kolonie von Deppen verkommt, in ein großes Drama, in dessen Finale der ernüchterte Cartouche mit seinen Mannen in den Rachefeldzug zieht „und dann werde ich dort enden, wo ich enden muss.“ „Du meinst … beim Henker?“ „Ja. Hoffentlich geht's schnell!“ Philippe de Broca feiert nicht das Rabaukentum, dass Regeln bricht und Gesetze missachtet. Er feiert das freie Leben, für das man kämpfen muss. Für das man dann aber auch bezahlen muss. Hier mendelt sich der Titelheld zur Metapher für die französischen Revolutionäre, die in den Kampf gegen den König zogen, obsiegten und einen hohen Preis dafür bezahlten.

Was dem US-Kino sein Western, sind dem französischen Kino die Revolutionsjahre vor, während und nach 1789. Immer wieder tauchen hier Musketiere und andere Beschützer des Königs auf, auch fröhliche Halunken, wie es sie auch im US-Western gibt. Die Filme sind mal mehr, mal gar nicht an historischen Figuren entlang erzählt. In "Cartouche" hat der König keinen Namen, wir können mutmaßen, dass es sich um Louis XVI. handelt, weil die bunten Uniformen in den Straßen passen; für die Geschichte selbst spielt es keine Rolle. Vordergründig erleben wir einen fröhlichen Abenteuerfilm mit Augenzwinkern. Zwischen den Zeilen erzählt uns Philippe de Broca das Drama der französischen Revolutionäre, die angriffen, übernahmen, köpften. Und dann nicht recht wussten, was sie anfangen sollten mit ihrer neu gewonnenen Herrschaft.

So reiten auch Cartouche und seine Mannen im Finale nicht in den Sonnenuntergang, sondern in die dunkle Nacht.

Wertung: 5 von 7 D-Mark
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