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Plakatmotiv: Der Mann aus Marseille (1972)

Ein Film ohne Inhalt

Titel Der Mann aus Marseille
(La scoumoune)
Drehbuch José Giovanni
nach seinem gleichnamigen Roman
Regie José Giovanni, Frankreich, Italien 1972
Darsteller
Jean-Paul Belmondo, Claudia Cardinale, Michel Constantin, Enrique Lucero, Alain Mottet, Michel Peyrelon, Philippe Brizard, Marie-Claude Mestral, Aldo Bufi Landi, Luciano Catenacci, Lucie Arnold, Albert Augier, Bruno Balp, Paul Beauvais, Gabriel Briand u.a.
Genre Crime, Drama
Filmlänge 101 Minuten
Deutschlandstart
8. März 1973
Inhalt

Marseille, 1934: Der junge Kriminelle Roberto Borgo kommt nach Marseille, um seinem Freund Xavier Saratov zu helfen. Xavier und er hatten eine schlechte Kindheit in einem Waisenhaus, in dem der Herbergsvater seine eigenen Gelüste befriedigte. Heute ist dieser Herbergsvater mit Xaviers Schwester Giorgia liiert.

Roberto kann nicht verhindern, dass Xavier zu 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt wird; dafür erschießt er den Gangsterboss Villanova, der Xavier ins Gefängnis brachte, und tritt selber an die Spitze eines Syndikats. Das Geld, das die kriminelle Organisation in Spielhöllen und an der Prostitution verdient, ruft amerikanische Gangster auf den Plan. Roberto verteidigt sein Imperium gegen sie, eine blutige Schießerei trägt ihm ebenfalls eine lange Haftstrafe ein. Er kommt in dieselbe Strafanstalt wie Xavier; ein Versuch Giorgias, die beiden zu befreien, schlägt fehl.

Jahre vergehen. Als der Zweite Weltkrieg vorüber ist, sucht man in den Gefängnissen Freiwillige, die verminte Strände an den französischen Küsten säubern sollen. Um begnadigt zu werden, melden sich Roberto und Xavier zu diesem Himmelfahrtskommando. Xavier bezahlt die vorzeitige Freilassung mit dem Verlust eines Armes; als die beiden wieder ins Milieu zurückkehren, hat sich dort einiges verändert …

Was zu sagen wäre

Da weiß ein Kinoregisseur nicht, was er will. José Giovanni verfilmt den Roman, den er selbst geschrieben und mit eigenen Erlebnissen gefüllt hat. Aber er weiß nicht, wie er das dramaturgisch verpacken soll. Der Film gehört zum Fluch von Godards Außer Atem (1960). Godard hatte damals alle Regeln für das filmische Erzählen über Bord geworfen und, teils aus Geldmangel, teils aus Instinkt, einfach gemacht. Er inszenierte, ohne sich über die Rezeption der Feuilleton-Fürsten Gedanken zu machen und hatte Erfolg. Das scheint sich in der französischen Filmindustrie, die sich selbst nie als Industrie bezeichnen würde, herumgesprochen zu haben. Giovannis Film ignoriert also alle Standards der Filmdramaturgie. Und das geht dramatisch in die Hose.

Godard hat technische Regeln ignoriert und, weil er seinen Film von 150 auf 90 Minuten kürzen sollte, irgendwann einfach Bilder aus der Mitte rausgeschnitten. Das brachte Herausforderungen für einzelne Szenen, machte aber die Filmstory als Ganzes nicht kaputt. Giovanni aber experimentiert am Fluss der Story. Da taucht dann Monsieur Belmondo auf, den wir schon länger als charmanten, ausgebufften Kinohelden kennen – vor allem aus Godards À bout de soufle – und der schießt erst einmal ein paar Nadelstreifengangster aus dem Weg; das macht ihn zu einer Unterweltgröße in Marseille. Das aber ist gar nicht seine Motivation.

Eigentlich will er seinen Freund vor dem Gefängnis bewahren, der wegen der eben beseitigten schurkischen Buben überhaupt erst vor dem Richter gelandet ist. Dieser Freund hat eine attraktive Schwester, Claudia Cardinale spielt sie (Spiel mir das Lied vom Tod – 1968; Held der Arena – 1964; Der rosarote Panther – 1963), mit der Belmondo, der im Film Roberto heißt, irgendwie ein Liebesverhältnis hat, die aber gleichzeitig mit einem Typen verheiratet ist, der früher Chef in einem Heim für Waisenkinder war und der dort offenbar sehr schweinisch mit den Kindern umgegangen ist. Daraus können wir uns im Kinosessel die tiefe Freundschaft erklären zwischen Roberto und Xavier. Aber wir können uns die Figuren nicht erklären. Denn kaum hat sich Roberto selbst ins Gefängnis bugsiert, um seinen Kumpel zu befreien, bricht der Zweite Weltkrieg aus, streiten sich SA und Resistance und passieren allerlei historische Dinge, die alles, was wir vorher gesehen haben, überflüssig machen. Es geht von vorne los. Als hätte es die erste Filmstunde nicht gegeben.

José Giovanni, der schon lange im Filmgeschäft arbeitet, 1960 das Drehbuch für den Lino-Ventura-Jean-Paul-Belmondo-Krimi Der Panther wird gehetzt geschrieben hat, reiht Szene an Szene, die in der Rückschau einen roten Faden erahnen lassen, uns im Kinosessel während des Films aber allein lassen. Er vertraut darauf, dass wir der Belmondo-Figur folgen, weil sie eben von Belmondo gespielt wird. Giovannis Drehbuch ignoriert, dass der Zuschauer im Kinosessel einem Film nicht einfach folgt, weil dessen Hersteller sagt, er verfilme selbst Erlebtes. Giovanni bietet weder eine Identifikationsfigur, noch einen dramaturgischen Bogen. Wir sind seinem Film im Sinne des Wortes hilflos ausgeliefert. Es passiert das, dann passiert das, dann das – hey: Guck einfach zu!

Und irgendwann beginnt der Abspann, der uns sagt, dass der Film zu Ende ist. Ohne die Nennung von Maskenbildnern, Regieassistenten und Kameraleuten, die in weißen Buchstaben ins Bild gestanzt sind, würde das kaum auffallen.

Wertung: 2 von 8 D-Mark
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