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Plakatmotiv: Der Windhund (1979)

Belmondo begründet im französischen
Kino eine eigene Filmgattung

Titel Der Windhund
(Flic ou voyou)
Drehbuch Jean Herman & Michel Audiard
nach einem Roman von Michel Grisolia
Regie Georges Lautner, Frankreich 1979
Darsteller

Jean-Paul Belmondo, Marie Laforêt, Michel Galabru, Georges Géret, Jean-François Balmer, Julie Jézéquel, Claude Brosset, Tony Kendall, Juliette Mills, Michel Beaune, Tony Kendall, Catherine Lachens, Venantino Venantini, Charles Gérard, Philippe Castelli, Marc Lamole u.a.

Genre Action
Filmlänge 107 Minuten
Deutschlandstart
21. Juni1979
Inhalt

Stanislas Borowitz ist ein Kommissar vom IGPN (Inspection Générale de la Police Nationale), der besonders effektive wie auch rasche Methoden anwendet, um korrupten Polizisten das Handwerk zu legen. Er wird nach Absprache mit Kommissar Grimaud von Paris nach Nizza geschickt, um gegen die dortige Mafia anzukämpfen und um den Mord an einem korrupten Kommissar zu untersuchen.

Dabei nimmt Borowitz die Identität eines Verbrechers namens Antonio Cerruti an und löst einen Krieg zwischen den beiden größten lokalen Bandenchefs Théodore Musard und Achille Volfoni aus. Außerdem entlarvt Stanislas eine geheime Polizeiorganisation der Mafia in der Stadt. Parallel zu seinen Untersuchungen beginnt Borowitz eine Beziehung mit der reichen Romanautorin Edmonde Puget-Rostand. Seine Ermittlungen werden jedoch durch das plötzliche Auftauchen seiner Tochter Charlotte, welche aus einem Pensionat in England ausgerissen ist, durcheinander gebracht.

Als die korrupten Polizeiinspektoren Rey und Massard, welche beide für Volfini arbeiten, Borowitz' wahre Identität entdecken, wollen sie ihn um jeden Preis aus dem Weg räumen. Ein Anschlag auf Borowitz seitens Rey misslingt und Stanislas lässt es so aussehen, als sei Volfoni für Reys Tod verantwortlich. Schließlich wird Charlotte von Musard und seinen Männern entführt …

Was zu sagen wäre

Ein Kommissar mit ungewöhnlichen Methoden. Eine Stadt mit korrupten Polizisten, eine florierende Unterwelt und ein unbestechlicher Cop, der beide Seiten gegeneinander ausspielt und am Ende in den Sonnenuntergang reitet. Das französische Kino (oder, vielleicht besser: das Belmondo–Kino) bedient sich mal wieder beim US-Kino mit Clint Eastwood oder Steve McQueen oder Charles Bronson. In den Studios Gaumont hat Jean-Paul Belmondo da seinen Platz gefunden. Er hat einen weiten Bogen geschlagen von Jean-Luc Godards Außer Atem 1960 über Hauptrollen bei Francois Truffaut bis zum Kommissar Stanislas Borowitz (Ein irrer Typ – 1977; Der Körper meines Feindes – 1976; Der Greifer – 1976; Der Unverbesserliche – 1975; Angst über der Stadt – 1975; Le Magnifique – Ich bin der Größte – 1973; Der Erbe – 1973; Der Mann aus Marseille – 1972; Musketier mit Hieb und Stich – 1971; Borsalino – Die Losleger – 1970; Das Geheimnis der falschen Braut – 1969; Das Superhirn – 1969; Casino Royal – 1967; Der Dieb von Paris – 1967; Brennt Paris? – 1966; Die tollen Abenteuer des Monsieur L. – 1965; Elf Uhr nachts – Pierrot le Fou – 1965; Abenteuer in Rio – 1964; Der Panther wird gehetzt – 1960; Außer Atem – 1960). Es ist sein persönlicher Platz, in dem er sich fläzen kann. Wie der Platz aussieht, ist ihm einigermaßen egal.

Die Figur, die Belmondo spielt, unterscheidet sich nicht großartig von seinem Jean-Baptiste Liégard aus Henri Verneuils Der Körper meines Feindes oder von seinem Greifer, oder vom Kommissar Letellier aus – ebenfalls – Verneuils Angst über der Stadt. Zu seinem Nachteil gereicht Belmondo – wofür er nichts kann – die deutsche Synchronisation durch Rainer Brandt, die Belmondos Figuren einen Spruch nach dem anderen in den Mund synchronisiert. Deshalb scheint der deutsche Titel "Der Windhund" auf den ersten Blick auch zu passen: ein flotter Action-Typ mit lockerer Lippe halt für zwei Stunden Spaß im Kino. Das ist er nicht.

Im Original heißt der Film "Bulle oder Gauner". Die Polizistenfigur ist eine Variation des Dirty Harry-Mythos, in dem ein Cop auch mal erst schießt und dann fragt. Und natürlich ist Belmondo auch in Georges Lautners Krimi der coole Loner mit der 45er Magnum (sic!) unter der dicken Lederjacke, der in engen Jeans um die nächtlichen Häuser zieht und die Frauen schwach macht. Immer charmant, immer mit diesem Schlupflid-Blick und einer Zigarette zwischen den wulstigen Lippen, während der Stunt-Koordinator ihm ein paar Action-Szenen choreographiert, die Monsieur Belmondo dann selbst vorführen kann. Die deutsche Synchro zerstört leider Zwischentöne, die der Film durchaus hat. Das deutet der Score von Philippe Sarde an, der dem Film ein melancholisches Tremolo überwirft.

Eine Stimmung, die sich auch in der Figur des Commissaire Grimaud abzeichnet, der sich in weißem Hemd, brauner Strickjacke und ein paar Pfund zu viel im Gangsterreigen seiner Stadt eingerichtet hat – der wunderbare Michel Galabru, quasi eine fleischgewordene Melancholie, spielt diesen Commissaire hinreißend bieder. Auch Belmondos Figur ist eine einsame Figur. Kommissar Borowitz bleibt nie lange an einem Ort. Seine Frau hat ihn verlassen, seine Tochter ist im Internat in England – eigentlich –, taucht aber zur Steigerung der Spannung mitten in seinen polizeilichen Untersuchungen auf. Auch in seiner Einsamkeit unterscheiden sich Belmondos Figuren wenig von den amerikanischen Leinwandkollegen; Bulle ist Bulle. Egal, in welchem Land.

Und wo soll Belmondo noch hin. Das französische Autorenkino hat er erfolgreich bevölkert. Den französischen Gangsterfilm hat er erfolgreich bevölkert. Das französische Actionkino hat er erfolgreich bevölkert. Während Belmondo bis in die frühen 1970er Jahre unter der Regie französischer Großregisseure aufgetreten war (Godard, Malle, Truffaut, Melville, Resnais, Chabrol), sind seine Filme seither fast ausnahmslos auf sein Image als Komödiant und sportlicher Actionheld zugeschnitten und kommerziell ausgerichtet. Dabei ist er nicht zu einem besseren Schauspieler geworden. Belmondo ist ein physischer Typ, der in seinen besseren Momenten mit seiner wuchtigen Präsenz das Bild und die Szene füllt. Er bleibt im Grunde immer der Kleinkriminelle Michel, der in À bout de souffle vor einem Kinoplakat von Der Malteser Falke steht und sich mit dem Daumen über die Lippen fährt – eine typische Humphrey-Bogart-Geste. Belmondo spielt keine Typen, er passt sich nicht einem Film an. Filme passen sich mittlerweile ihm an. Da gibt es dann eine melancholische Polizeistory in einem brutalen Gangstermilieu, das von einem witzigen Typen in Nadelstreifen aufgemischt wird. Er ist sein eigenes Genre geworden. Man geht „in den neuen Belmondo“. "Flic ou voyou" war 1979 mit beinahe vier Millionen Zuschauern der vierterfolgreichste Film in Frankreich.

In den Sonnenuntergang übrigens reitet Borowitz am Ende dann doch nicht. Er fährt statt dessen in seinem Oldie-Cabriolet unter strömenden Regen in den Abspann.

Wertung: 5 von 9 D-Mark
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