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Kinoplakat: Der Krieg des Charlie Wilson (2007

Politik mit Whisky und Whirlpool
bringt eine historische Zäsur

Titel Der Krieg des Charlie Wilson
(Charlie Wilson's War)
Drehbuch Aaron Sorkin
nach dem gleichnamigen Buches von George Crile
Regie Mike Nichols, USA, Deutschland 2007
Darsteller
Tom Hanks, Julia Roberts, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams, Ned Beatty, Emily Blunt, Om Puri, Ken Stott, John Slattery, Denis O’Hare, Jud Tylor, Peter Gerety, Shiri Appleby, Brian Markinson, Christopher Denham, Rachel Nichols u.a.
Genre Biografie, Komödie, Drama
Filmlänge 102 Minuten
Deutschlandstart
7. Februar 2008
Inhalt

Anfang der 80er Jahre ist Charlie Wilson ein Kongressabgeordneter in den USA. Allerdings ist er kein gewöhnlicher Politiker (oder vielleicht doch?), denn er genießt das Leben in vollen Zügen. Er trinkt, kokst und ist dem weiblichen Geschlecht äußerst zugetan. So besteht sein Büropersonal zum Beispiel nur aus sensationell aussehenden Frauen.

Da Wilson auf Grund von kleinen Gefallen, die er allen möglichen Leuten gemacht hat, viele Beziehungen hat, kann er auch viel hinter den Kulissen bewegen. Als die Russen in Afghanistan einmarschieren, hört Wilson von dem Elend der Flüchtlinge und dem Widerstand der Mudschaheddin. Und als ihn eine enge Bekannte, die reiche Texanerin Joanne Herring, bittet, ihr Engagement für dem Widerstand gegen den Kommunismus in Afghanistan zu unterstützen, fängt Wilson an, sich für die Sache einzusetzen und Gelder locker zu machen.

Zusammen mit dem CIA-Agenten Gust Avrakotos wirbelt er dann die ganzen diplomatischen Verbindungen zum Nahen Osten kräftig durcheinander, um letztlich viel Geld aufzutreiben und eine Sache in Gang zu bringen, die Jahre später noch auf die USA zurückschlagen wird …

Was zu sagen wäre

Wie führt man einen Krieg, wenn man keinen Krieg führen darf? Afghanistan wird von sowjetischen Einheiten belagert und angegriffen. Da ist das Kräfteverhältnis so in etwa Mit Kanonen auf Spatzen. Über die üblichen Kanäle sind die USA schon auch drin in diesem Krieg, der mitten im Kalten Krieg in einem Land geführt wird, das die meisten Amerikaner immer durcheinander bringen – eines dieser "–istan"-Länder halt, Afghanistan, Pakistan, Tadschikistan, Kurdistan, Congressman Charlie Wilson nennt Afghanistan einen „Geröllfelsen“. Fünf Millionen Dollar investiert Washington; das macht aus den afghanischen Spatzen afghanische Krähen, die gegen die sowjetischen Hubschrauber auch nichts ausrichten können.

Aber dieser Geröllfelsen wird gerade von den Kommunisten bedroht und da gibt es mächtige Kräfte in den USA, die das gerne ändern wollen, unter anderem eine texanische Multimilliardärin, die sehr angetan davon ist, dass der texanische Abgeordnete im Kongress, Charlie Wilson, eben dafür gesorgt hat, das CIA-Budget für Afghanistan zu verdoppeln – auf zehn Millionen Dollar. Und hier nun nimmt der Irrsinn seinen Lauf, in dem besagtes Budget schließlich bis auf eine eine Milliarde Dollar anschwillt, neben Amerikanern auch Israel, Ägypten, Saudi-Arabien und Pakistan involviert sind – ein Lauf, der genau genommen heute noch nicht zu ende ist. Die Sowjets haben zwar Afghanistan längst verlassen, aber heute kämpfen die Mudschahedin mit den von der genannten Koalition finanzierten Waffen gegen den Westen. Vereinfacht ausgedrückt.

These things happened.“, wird im Abspann der echte Charlie Wilson zitiert. „They were glorious and they changed the world … and then we fucked up the end game.” (Diese Dinge passierten. Sie waren ruhmreich und änderten die Welt … und dann versauten wir das Endspiel.) In der Tat und um zu unterstreichen, was das heißt, das Endspiel versaut zu haben, warnt am Ende CIA-Mann Avrakotos Wilson eindringlich, sich auch nach Ende des Krieges um die Menschen in Afghanistan zu kümmern, was man aber kaum versteht, weil die Regie auf der Tonspur ein deutlich zu hörenden Flugzeug eingefügt – als Andeutung auf den 11. September 2001.

Kinoplakat (US): Charlie Wilson's War – Der Krieg des Charlie Wilson (2007So eine Geschichte erzählt man entweder in einer Dokumentation oder als Satire. Mike Nichols präsentiert die Geschichte als locker leicht erzählte Dokumentation: Eine bibelfeste Millionärin mit lebendiger Libido, ein wegen fehlender Kinderstube aus der Karriere gekegelter Agent und ein berüchtigter Kongress-Playboy besiegen die Sowjets. Der Gegensatz von Patriotismus und losen Sitten reizt Regisseur Mike Nichols und Drehbuchautor Aaron Sorkin (Malice – Eine Intrige – 1993; Eine Frage der Ehre – 1992). Sorkin hat, seit er für The American President (1995) in Washington recherchierte, aus seinem Material eine erfolgreiche, zehn Staffeln umfassende TV-Serie über "The West Wing" geschrieben. Dabei muss er auch auf die Eckpfeiler dieser wahren Geschichte gestoßen sein. Dann hat er sich den umfangreichen Tatsachenroman von George Crile zur Brust genommen und daraus ein sehr spannendes Drehbuch über das Innenleben des politischen Apparates in Washington geschrieben, gewürzt mit den bei Sorkin üblichen gepfefferten Dialogen, die präzise und mundgerecht formuliert sind.

Mike Nichols hat mit den Absurditäten des Alltäglichen Erfahrung; viele seiner Filme handeln davon. Er würzt das scharfe Script mit drei leidenschaftlichen Schauspielern. Vor allem mit Julia Roberts, die als texanische Millionärin Joanne Herring eine phänomenale Performance liefert (Ocean's Twelve – 2004; Mona Lisas Lächeln – 2003; Geständnisse – Confessions of a Dangerous Mind – 2002; Ocean's Eleven – 2001; America's Sweethearts – 2001; Erin Brockovich – 2000; Die Braut, die sich nicht traut – 1999; Notting Hill – 1999; Fletchers Visionen – 1997; Die Hochzeit meines besten Freundes – 1997; Alle sagen: I love you – 1996; Mary Reilly – 1996; I love Trouble – Nichts als Ärger – 1994; Die Akte – 1993; The Player – 1992; Hook – 1991; "Flatliners – Heute ist ein schöner Tag zum Sterben" – 1990; Pretty Woman – 1990; "Magnolien aus Stahl" – 1989; "Mystic Pizza" – 1988).

Schon in Nichols vorherigem Film, Hautnah (2004) war Roberts die herausragende Figur – er sieht in ihr etwas, vor dem der Hollywood-Betrieb offenbar die Augen verschließt: nicht die süße Prinzessin sondern die coole Entscheiderin. Roberts gefällt das und spielt mit blitzenden Augen eine erwachsene Frau mit Charisma, Sexappeal und einer gehobenen Menge Sarkasmus. Charlie Wilson wird verkörpert von Hollywoods moralischer Instanz Tom Hanks, was die Fallhöhe für diese Rolle reizvoll anhebt (The Da Vinci Code – Sakrileg – 2006; Terminal – 2004; Catch Me If You Can – 2002; Road to Perdition – 2002; Cast Away – Verschollen – 2000; The Green Mile – 1999; e-m@il für Dich – 1998; Der Soldat James Ryan – 1998; That Thing You Do! – 1996; Apollo 13 – 1995; Forrest Gump – 1994; Philadelphia – 1993; Schlaflos in Seattle – 1993; Eine Klasse für sich – 1992; Fegefeuer der Eitelkeiten – 1990; Joe gegen den Vulkan – 1990; "Scott & Huutsch" – 1989; Meine teuflischen Nachbarn – 1989; big – 1988; Schlappe Bullen beißen nicht – 1987; Nothing in Common – 1986; "Geschenkt ist noch zu teuer" – 1986; Alles hört auf mein Kommando – 1985; Der Verrückte mit dem Geigenkasten – 1985; Bachelor Party – 1984; Splash – Jungfrau am Haken – 1984)

Hanks spielt formidabel den Lebemann, der sich von seinen entzückenden, handverlesenen Vorzimmerdamen schon morgens um 10 einen Bourbon mixen lässt, auf Außenstehende wirkt wie ein Spesenverplemperer, tatsächlich aber einer ist, der das politische Geschäft genau versteht. Und weil er einen Wahlkreis vertritt, der alles hat und wenig braucht, wie er feixend dem zweifelnden CIA-Mann Avrakotos erklärt, braucht er selten Hilfe im Kongress, kann selbst aber freimütig und unabhängig für andere mit Ja stimmen und dafür dann Gefallen einfordern; Charlie Wilson hat eine große Sammlung offener Gefallen. Hanks bewegt seinen Charlie Wilson souverän und mit den kleinen Gesten, die die Mächtigen von den Schein-Mächtigen trennen, durch die Whirlpools und Flure der Macht in Washington. Dass er moralisch nicht gerüstet ist, die Tragweite dessen, was er da anzettelt, zu erfassen, hat in der realen Geschichte in ein Desaster geführt; der Film vertieft diesen Aspekt nicht weiter, entlässt seine Titelfigur als ungebrochenen Helden.

Der Dritte im Bunde ist Philip Seymour Hoffman als abgehalfterter CIA-Mann Gut Avrakotos (Mission: Impossible III – 2006; "Capote" – 2005; … und dann kam Polly – 2004; "Unterwegs nach Cold Mountain" – 2003; Roter Drache – 2002; "Almost Famous – Fast berühmt" – 2000; Der talentierte Mr. Ripley – 1999; Magnolia – 1999; The Big Lebowski – 1998; Boogie Nights – 1997; Twister – 1996; Der Duft der Frauen – 1992). Mit fettigen Haaren, schmieriger Sonnenbrille und knödeligen Brummlauten, die das Sprechen ersetzen, rollt diese Urgewalt von Kerl über die Leinwand. Ein Zyniker vor dem Herrn, dem es am Ende des Films obliegt, die bittere Wahrheit dieser Art amerikanischer Kriegführung einzuordnen: überall einzumarschieren, um dann nicht wiederaufzubauen, ende früher oder später in einer Katastrophe, die sich im Film schon anbahnt, als die Mudschahedin mit US-finanzierten Waffen auf Kandahar marschieren, um ihr Reich des Terrors zu gründen. Die Bilder jener Tage wirken noch heute nach. Die damaligen Freunde der USA sind ihre Todfeinde heute. Mudschahedin-Kommandeur Jalaludin Haqqani, für Charlie Wilson damals „das Gute in Menschengestalt“, begegnete den Amerikanern nach dem 11.9.2001 wieder: als einer der wichtigsten Militärkommandeure der Taliban.

Aber das ist die Welt nach dem Abspann dieses Films, dessen Thema eben nicht die fatalen Folgen des Afghanistankriegs ist, sondern jener spezielle, hemdsärmelige Politikstil der 80er mit Whisky und Whirlpool. Nichols feiert dieses Zeithistorische, das im Laufe der Jahrzehnte von den Geschützen der Political Correctness niedergeschossen wurde.

Wertung: 7 von 7 €uro
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