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Plakatmotiv: Erin Brockovich (2000)

Eine wunderbare Julia Roberts
in einem spannenden Drama

Titel Erin Brockovich
(Erin Brockovich)
Drehbuch Susannah Grant
Regie Steven Soderbergh, USA 2000
Darsteller

Julia Roberts, Albert Finney, Aaron Eckhart, David Brisbin, Dawn Didawick, Valente Rodriguez, Marg Helgenberger, Conchata Ferrell, George Rocky Sullivan, Pat Skipper, Jack Gill, Irene Olga López, Emily Marks, Julie Marks, Scotty Leavenworth, Gemmenne de la Peña, Erin Brockovich-Ellis u.a.

Genre Biografie, Drama
Filmlänge 131 Minuten
Deutschlandstart
6. April 2000
Inhalt

Kein Geld auf dem Konto, keinen Job in Aussicht, kein Silberstreifen am Horizont: Erin Brockovich, zweimal geschiedene Mutter dreier Kinder, steckt in der Klemme.

Dann noch ein Autounfall. Erins Situation spitzt sich zu, als ihr Anwalt Ed Masry für sie keinen Cent Schadenersatz aus dem Unfall herausschlagen kann. Verzweifelt und zu allem entschossen bringt Erin mit sanfter Gewalt und losem Mundwerk den von ihrer weiblichen Power verunsicherten Ed dazu, sie in seiner verschlafenen Kanzlei zu beschäftigen.

Hier stolpert sie über ein paar vergessene Akten: medizinische Gutachten zwischen Immobilien-Verträgen. Auf eigene Faust beginnt sie die seltsamen und schwer verständlichen Zusammenhänge zu untersuchen und stößt dabei auf einen Umweltskandal großen Kalibers …

Was zu sagen wäre

Mit „wahren Geschichten“ ist das so eine Sache, wenn Hollywood sich darüber her- und dann einen Heldenfilm daraus macht. Es wird oft unerträglich schmalzig. Im vorliegenden Fall ist der historische Gerichtsstreit um einen Umweltskandal zwar die Geschichte des Films. Er ist aber nicht seine Seele. Seine Seele ist die Erlösung eines Anwalts mit kleiner Kanzlei aus den Fängen des zermürbenden juristischen Alltags durch eine Frau, die keine Ahnung von Juristerei hat und die Anwälte hasst.

Und das ist klassischer Kinostoff: Ein Fremder kommt in die Stadt und mischt die Machtstrukturen auf. Im vorliegenden Film ist es eine Fremde, die aufmischt. Und was für eine! Zweimal geschieden. Drei Kinder. Arbeitslos. 17.000 Dollar Schulden nach einem unverschuldeten Autounfall. Schwer zu ertragen im alltäglichen Umgang, weil sie – aber das lernen wir erst im Laufe des Films und müssen anfangs mit der unerklärlichen Unausstehlichkeit leben, was einigermaßen gelingt, weil es immerhin Julia Roberts ist, die da unausstehlich ist – soviel Wut über die Ungerechtigkeit, die das Leben, die Männer, das System über ihr ausschüttet, in sich aufgestaut hat, dass sie bei kleinsten Hindernissen in der fremden Kanzleiwelt explodiert. Die aber genau die richtige ist, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen, eben weil sie keine Ahnung von juristischen Winkelzügen hat und statt dessen einfach zuhört.

Zu Heldenfilmen gehört eine Heldenszene und die fehlt auch in diesem Film nicht. Da erklärt eine schmallippige Anwältin im Businessdress der wie immer ein wenig zu freizügig gekleideten Erin Brockovich, dass deren Akten nicht vollständig seien, was nun ihr, der schmallippigen Anwältin noch einige Arbeit verschaffen würde. Daraufhin fordert die sehr im Fall, aber nicht in der Juristerei bewanderte Erin Brockovich, ihr irgendeinen Namen aus der Akte zu nennen. Zu Heldenszenen gehört, dass die Zuschauer wissen, was kommt. Und es kommt in Potenz. Die Schmallippige nennt irgendeinen Namen und Erin referiert aus dem Stegreif nicht nur Adresse und Telefonnummer, sondern auch individuelle Krankengeschichten, Familienstrukturen, Namen von Kindern und Enkeln, kurz: Sie hat alles über diese rund 600 Menschen im Kopf, weil sie ehrlich interessiert an ihnen und empört über das Verhalten des Konzerns ist. Sie ist keine an juristischen Präzedenzfällen Interessierte, sondern eine von ihnen, eine Frau, die sich mit Problemen wie zu wenig Geld, Kinderbetreuung, Arbeitssuche auf einem Markt, der allein erziehenden Müttern von drei Kindern ohne Ausbildung nichts zutraut, auskennt. Deswegen vertrauen die vielen Klägerinnen und Kläger am Ende nur ihr, weil sie halt ist, wie sie ist: ein Mensch. Und deswegen ist die Frage, wie historisch real diese Geschichte erzählt ist, nicht so wichtig. Denn die Heldenfigur der Film-Erin-Brockovich ist eine, die das Kino in vielen Variationen immer wieder erzählt hat – als Ivanhoe, als Michael Corleone, als Luke Skywalker, als John McClane und und und. Allein gegen alle. Diesmal als Frau.

Julia Roberts hatte das Potenzial der Figur erkannt und für die Rolle unterschrieben (Die Braut, die sich nicht traut – 1999; Notting Hill – 1999; Seite an Seite – 1998; Fletchers Visionen – 1997; Die Hochzeit meines besten Freundes – 1997; Alle sagen: I love you – 1996; Michael Collins – 1996; Mary Reilly – 1996; Power of Love – 1995; I love Trouble – 1994; Die Akte – 1993; The Player – 1992; Hook – 1991; Flatliners – 1990; Pretty Woman – 1990; Magnolien aus Stahl – 1989; Pizza, Pizza – Ein Stück vom Himmel – 1988), lange bevor Regisseur Steven Soderbergh an Bord kam und es ist müßig, zu spekulieren, was aus dem Film geworden wäre, wäre er nicht an Bord gekommen.

Viel schöner ist es, zu bewundern, wie er aus dieser sperrigen Figur das leuchtende Denkmal eines echten Menschen gemacht hat. Soderbergh (Out of Sight – 1998; "Kafka" – 1991; "Sex, Lügen und Video" – 1989) erzählt seine Geschichte straight. Nach drei Minuten ist klar, mit was für einer Titelheldin wir es zu tun haben, Familienstand, Lebenslauf, spezifische Probleme sind benannt und es war drei Minuten nicht zäh. Was vielleicht daran liegt, dass er Julia Roberts einfach bei einem Bewerbungsgespräch filmt, in der sie all ihre Vorzüge herausstreicht, die für Personalchefs keine Vorzüge sind. Diese Frau hat großen Überlebenswillen. Wenn sie später, weil der Vorratsschrank leer ist, mit ihren Kindern Cheeseburger essen geht, bestellt sie kostensparend für sich einfach nur einen Kaffee und erzählt strahlend, ihr Anwalt habe sie nachmittags zum Essen eingeladen, daher sei sie noch satt. Ist gelogen, aber die Dose eingelegte Melonen hilft später über das Gröbste hinweg.

Die Geheimwaffe des Films ist Aaron Eckhart (An jedem verdammten Sonntag – 1999), der den Harley-Davidson-Schrauber George spielt. Ein Lederjacken tragender, langhaariger Rocker, der sich gegen das Image als freundlicher, liebevoller Mensch entpuppt und Erin auf deren Siegeszug die Grenzen aufzeigt. Denn zur hohen Qualität des Films trägt bei, dass Brockovich, kaum, dass sie die ersten Sprossen beruflichen Erfolgs erklommen hat, sofort auf missmutige, sich vernachlässigt fühlende Kinder trifft. Die ekelhafte Frage: Karriere oder Kinder? Kinder oder Karriere?

Wenn das im realen Leben tatsächlich so war, dass da im schlimmsten Moment dieser freundliche, Kinder liebende Motorrad-Rocker auftauchte, hätte man in diesem realen Leben sicher gesagt Das ist ja wie im Kino.

Deswegen ist dieser Film so zauberhaft: weil er Leben und Film in Einklang bringt, sodass es nicht mehr wichtig ist, wie historisch korrekt der Film ist. Weil er einfach wahr ist.

<Nachtrag2001>Am 25. März 2001 wurde Julia Roberts mit dem Oscar für die weibliche Hauptrolle ausgezeichnet.</Nachtrag2001>

Wertung: 11 von 11 D-Mark
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