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Plakatmotiv: Seite an Seite (1998)

Unechte Menschen mit unechten Problemen in
einem filmisch hoch getunten Familiendrama

Titel Seite an Seite
(Stepmom)
Drehbuch Gigi Levangie & Jessie Nelson & Steven Rogers & Karen Leigh Hopkins & Ronald Bass
Regie Chris Columbus, USA 1998
Darsteller

Julia Roberts, Susan Sarandon, Ed Harris, Jena Malone, Liam Aiken, Lynn Whitfield, Darrell Larson, Mary Louise Wilson, Andre B. Blake, Herbert Russell, Jack Eagle, Lu Celania Sierra, Lauma Zemzare, Holly Schenck, Michelle Stone u.a.

Genre Komödie, Drama
Filmlänge 125 Minuten
Deutschlandstart
28. Januar 1999
Inhalt

Rosenkrieg noch über die Scheidung hinaus. Jackie fällt es schwer zu akzeptieren, dass es eine neue Frau im Leben ihres Ex-Mannes Luke gibt: die sehr viel jüngere, ein bisschen flippige Modefotografin Isabel, die er bald heiraten möchte. Vor allem passt es ihr nicht, ihre beiden Schätze, die Kinder Ben, 8, und Anna, 12, in Isabels Obhut zu wissen, wenn gerade "Papa-Wochenende" ist.

Und Isabel, die eigentlich nie Kinder haben wollte, versucht Luke zuliebe, sich irgendwie in ihrer Rolle als mütterliche Freundin zurechtzufinden. Doch ihre lockere Art, die chronische Unpünktlichkeit, überhaupt der ein wenig chaotische Lebensstil geben Super-Mom Jackie genügend Gelegenheiten, ihr den Kopf zu waschen. Und mittendrin: Luke, der versucht, die Wogen zu glätten. Harmonie sieht anders aus.

Auch Ben und Anna mögen Isabel überhaupt nicht, zumal Anna insgeheim hofft, dass ihre Eltern wieder zusammenfinden. Die Kinder leiden am meisten unter der ganzen Situation, den offen ausgetragenen Konflikten, den unterschwelligen Spannungen. Als Isabel die beiden zu einem Foto-Shooting mitnimmt, ist Ben plötzlich weg. Und für Jackie das Maß voll. Ben findet sich zwar quietschvergnügt wieder ein – aber Jackie, das geborene Muttertier, will „dieser Person“ den Umgang mit ihren Kindern gerichtlich verbieten lassen. Die Auseinandersetzungen eskalieren, auch Isabel hat es satt, wie im Märchen als böse Stiefmutter abgestempelt zu werden, sosehr sie sich auch Mühe gibt, die Zuneigung der Kinder zu gewinnen. Noch dazu, wo sie in ihrem Fulltime-Job unversehens Schwierigkeiten bekommt und mit einem Mal zwischen Karriere und Mutterpflichten steht.

Als Jackie dann von ihrer Krebsdiagnose überrascht wird und Isabel zufällig davon erfährt, beginnt sich das Verhältnis der beiden Frauen zueinander zu ändern …

Was zu sagen wäre

Diese Jackie ist eine brutale Nervtöterin. Die geschiedene Mutter der beiden Kinder ist eine fauchende Zicke ohne Manieren, für deren unverschämtes Verhalten die Erklärung, sie sei halt über die Trennung und darüber, dass ihr Ex jetzt eine so wesentlich Jüngere Haber, nicht hinweg eine müde Entschuldigung ist. Tatsächlich wird sie erst durch die Krebsdiagnose, also als klar ist, dass sie sterben wird, ein wenig sympathischer. Plötzlich handelt sie anders, spricht freundlicher und zeigt sich in der Lage, sich mit der Realität zu arrangieren. Selten hat man im Kino eine Krebsdiagnose als so befreiend empfunden. Ähnlich furchtbar ist lange Zeit die 12-jährige Anna, deren Hasskommentare gegen Isabel, die nicht mehr ganz so neue Freundin des Vaters, eher dem Hirn eines Drehbuchschreibers entstammen, als dem einer 12-Jährigen. Die einzige Funktion, die dieser geballte Hass im Drehbuch hat, ist, es der Regie leichter zu machen, Julia Roberts als unschuldige, verliebte, mit Kindern ungeübte Frau besonders strahlen zu lassen, wenn sie diese atomaren Anfeindungen mit freundlicher Gelassenheit hin nimmt.

Der Film insgesamt ist eine Kopfgeburt, in dem bei jeder rührenden Szene John Williams seinen Score anwerfen muss, damit es auch wirklich rührend wirkt. Julia Roberts (Fletchers Visionen – 1997; Die Hochzeit meines besten Freundes – 1997; Alle sagen: I love you – 1996; Michael Collins – 1996; Mary Reilly – 1996; Power of Love – 1995; I love Trouble – Nichts als Ärger – 1994; Die Akte – 1993; The Player – 1992; Hook – 1991; Flatliners – Heute ist ein schöner Tag zum Sterben – 1990; Pretty Woman – 1990; Magnolien aus Stahl – 1989; Pizza, Pizza – Ein Stück vom Himmel – 1988) spielt eine erfolgreiche Fotografin, ihr Chef nennt sie die „beste, die ich kenne“. Aber kaum übernimmt diese beste Fotografin zunehmend Mutteraufgaben, krittelt er an mangelndem Engagement und erloschener Kreativität herum und schmeißt sie schließlich raus. Das Hollywood-Studio ist mal wieder ganz bei sich. Die Frau auf der Leinwand darf eine super erfolgreiche Geschäftsfrau sein. Aber wenn es um Kinder geht, hat sie sich bitte zu entscheiden. Da ist die westliche Welt mal wieder weiter als die Produzenten der Traumfabrik. die ihre Träume immer noch in den 50ern verorten.

Visuell ist der Film ganz reizvoll, Chris Columbus (Neun Monate – 1995; Mrs. Doubtfire: Das stachelige Kindermädchen – 1993; "Kevin – Allein zu Haus" – 1990) inszeniert herbstleuchtendes New York und lachende Kinder zu Pferde und immer wieder die Hauptdarstellerinnen im Gegenlicht, dass deren Haare zu glühen scheinen. Zwischen den handelnden Personen glüht kaum etwas. Julia Roberts und Ed Harris (Die Truman Show – 1998; Absolute Power – 1997; The Rock – Fels der Entscheidung – 1996; Nixon – 1995; Apollo 13 – 1995; Needful Things – In einer kleinen Stadt – 1993; Die Firma – 1993; Glengarry Glen Ross – 1992; Abyss – 1989; "Der Stoff aus dem die Helden sind" – 1983) werden als Paar inszeniert, wirken aber nicht wie eine. Ed Harris und Susan Sarandon, die das geschiedene Paar spielen, streiten, sobald einer von beiden den Mund aufmacht – drei Jahre nach der Trennung.

Es ist nicht so, dass der Film im Kinosessel nicht berührt. Er berührt nur aus den falschen Gründen. Die Geschichte lässt mich kalt, nicht nur, weil ohnehin klar, dass Julia Roberts und die Kinder am Ende miteinander können werden, egal, welches Schicksal die von Susan Sarandon (Im Zwielicht – 1998; Dead Man Walking – Sein letzter Gang – 1995; The Player – 1992; Thelma & Louise – 1991; Die Hexen von Eastwick – 1987; Begierde – 1983; "Pretty Baby" – 1978; "Rocky Horror Picture Show" – 1975; Extrablatt – 1974) gespielte Gewitterziege nimmt. Sie lässt mich kalt, weil kein Leben in ihr pulsiert. Berühren tut mich die Filmkunst. Die Kunst eines Filmes, mich emotional anzufassen, mit Musik, Bildern, dem ein anderen Dialogsatz. Die Handwerker haben ganze Arbeit geleistet. Schauspieler, Kameraleute, Musiker bringen es fertig, einem leblosen Drehbuch doch ein paar Herztöne zu entlocken.

Wertung: 4 von 11 D-Mark
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