Versicherungsmakler Truman Burbank hat das Gefühl, beobachtet zu werden. Er hat keine Ahnung, wie richtig er damit liegt. Jede Sekunde jeden Tages, vom Moment seiner Geburt an, die ganzen letzten 30 Jahre lang war Truman Burbank der ahnungslose Star der erfolgreichsten Dokumentar-Soap aller Zeiten – sowas wie "Big Brother", nur dass die Hauptfigur nicht weiß, dass sie überwacht von Kameras in einem Container sitzt.
Die wunderbare Sauberstadt Seahaven, umgeben vom Blau des wunderbar sauberen Meeres, die Truman sein Zuhause nennt, ist in Wirklichkeit eine Studiokulisse unter einer gigantischen Kuppel, die oberhalb des Hollywood-Signs in Los Angeles thront. Trumans Freunde, seine Familie – jeder Mensch, den er trifft – sind Schauspieler. Er lebt jede Sekunde seines Lebens unter 5.000 versteckten Kameras.
Eines Tages fällt Truman ein Scheinwerfer vor die Füße; aus heiterem Himmel!
Dieser Vorfall nährt eine ungewisse Ahnung in Truman. Was genau für eine Ahnung? Das kann er auch nicht sagen. Es ist nur … die Menschen benehmen sich immer so gleich. Jeden Tag dieselben Sprüche, dieselben alten Männer, die ihn gegen ein Plakat schubsen … und dann ist da dieser Fahrstuhl, hinter dessen Tür irgendwelche Menschen gerade irgendwas tun … nur nicht in einem Fahrstuhl stehen.
Sein Traum, „Fidschi“ am anderen Ende der Welt zu besuchen, wird stärker. Seine Ehe beginnt zu kriseln. Truman denkt häufig an seine College-Liebe, die unter mysteriösen Umständen aus seinem Leben verschwand. Und so kommt der Tag, an dem Truman endlich beschließt, „die Welt zu sehen“. Truman hat natürlich nicht mit der Macht von Christof gerechnet, der die Show erfunden hat und sie von Beginn an betreut.
Christof ist Produzent, Regisseur, Showrunner der Truman Show und steht auf dem Standpunkt: „Ich habe Trumans Geburt live einem Milliarden-Publikum in die Wohnzimmer übertragen, ich kann also auch Trumans Tod live einem Milliarden-Publikum in die Wohnzimmer übertragen!”
Willkommen in der "Truman Show". Und die ganze Welt schaut zu!
Dies ist ein Film über das Gefühl, im falschen Film zu sein. Manchmal, wenn einem alle Welt fremd ist, man den Eindruck hat, alle spielten verrückt, nur man selbst komme eigentlich von einem anderen Planeten – dieses Gefühl: Hier stimmt was nicht.
Dies ist auch ein Film über Menschen, die ihr eigenes Leben gegen das einer Fernsehfigur getauscht haben; die nicht mehr interessiert, was in der Welt um sie herum vorgeht, solange ihnen das Fernsehen nur eine bessere, saubere Welt zeigt. Mit einem echten Menschen darin.
So echt man sein kann, wenn man von der Stunde seiner Geburt an von Kameras gefilmt und der Welt als Nonstop-Rund-um-die-Uhr-Show präsentiert wird, in der der beste Freund ein Schauspieler ist. In der ein Produzententeam die Frau gecastet hat, die als seine Ehefrau in die Show kommt. „Ich gab Truman die Chance, ganz normal zu leben“, tönt Produzent und Showrunner Christof gegenüber dem TV-Publikum. Die Welt, in der Sie leben, die ist pervers. Seahaven ist so, wie die Welt sein sollte.“
Dies ist auch ein Film, in dem Jim Carrey zeigt, dass er mehr drauf hat, als das kreischende Gummigesicht mit den vielen Grimassen ("Der Dummschwätzer" – 1997; Cable Guy – 1996; Ace Ventura – Jetzt wird's wild – 1995; Batman Forever – 1995; "Dumm und Dümmer" – 1994; Die Maske – 1994; Ace Ventura – Ein tierischer Detektiv – 1994; Pink Cadillac – 1989; Das Todesspiel – 1988; Peggy Sue hat geheiratet – 1986). In feinen Nuancen spielt er den einfachen Mann auf der Straße mit dem langweiligsten Beruf der Filmgeschichte – Versicherungsmakler.
Ein freundlicher Naivling, der in seinem gescripteten Leben sichtbar nie gelernt hat, zu kämpfen, weil Christof gottgleich dafür sorgt, dass die Show weiter geht. Autor Andrew Niccol sollte in früheren Plänen für "Die Truman Show" die Regie führen. Er hatte Gary Oldman in der Truman-Rolle gesehen (Lost in Space – 1998; Air Force One – 1998). Als die Produzenten aber Carrey haben konnten und der 12 Millionen Dollar Gage aushandelte, war ihnen ein Anfänger mit erst einer Arbeit auf dem Regiestuhl zu heikel. Also holten sie Peter Weir, der eine dramatische Komödie gedreht hat ("Fearless – Jenseits der Angst" – 1993; Green Card – 1990; Club der Toten Dichter – 1989; Mosquito Coast – 1986; Der einzige Zeuge – 1985), die das Kinopublikum zum Spanner von Spannern macht.
Während der freundliche Nachbar Truman Burbank in seine sehr persönliche Midlifecrisis gerät und an seinem Leben, an seiner Welt zu zweifeln beginnt, zeigt uns Weir immer wieder Zuschauer irgendwo in der Welt, die gebannt in den Fernseher starren, in dem nichts mehr anderes gesendet zu werden scheint, als die Show um den Simplicissimus aus Seahaven Island – in Asien sitzt eine Familie bei Tisch vor dem Fernseher, an der Wand hängen Bilder der Hauptdarsteller; in Europa sitzt ein Mann unentwegt in der Badewanne und verfolgt Trumans Leben; in einer Bar namens "Truman's Bar" knubbeln sich die Gäste an der Theke, hinter der der Fernseher läuft; zwei alte Ladies mit Truman-Kissen im Arm verfolgen auf einem Sofa die Show; irgendwo sitzen zwei Nachtwächter und bekommen um sich herum nichts anderes mehr mit als Truman, den Mann mit dem sprechenden Namen – ein true man, ein echter Mensch in künstlicher Kulisse aus Burbank, Kalifornien. Sie alle unterstreichen mit ihrer Gier nach diesem unschuldigen Wesen des Produzenten Prämisse, dass die Welt da draußen schlecht sei.
Und die Welt ist auch schlecht. Der Umgang der Produzenten, Showrunner und Regisseure mit ihrem Hauptdarsteller ist unmenschlich. Als der junge Truman Fernweh entwickelt, lassen die Autoren Trumans "Vater" bei einem Segelunfall sterben, auf dass Truman künftig panische Angst hat, Wasser zu überqueren und sei es über eine Brücke. Zuschauer, die sich in die Kulissen schmuggeln, um Truman auf sein Schicksal aufmerksam zu machen, werden rigoros und mit harten Bandagen aus der Show entfernt. Sie gaukeln ihm ein falsches, künstliches Leben, in dem Freunde und die Ehefrau immer wieder Werbesprüche aufsagen, um die zahlenden Sponsoren zufriedenzustellen, als das echte Leben vor. Hat Truman das Gefühl, er müsse sich aus unsichtbaren Klammern befreien, steht zuververlässig Jugendfreund Marlon mit einem Six Pack vor der Tür, um ihn mit Weißt-du-noch-Geschichten abzulenken. Sogar im Reisebüro hängen statt Berpanoramen und Palmen lauter Plakate, die vor den tödlichen Gefahren bei Reisen ins Ausland warnen. Sie halten ihn gefangen im goldenen Käfig. Die Männer und – wenigen – Frauen, die durch Truman reich geworden sind, sind gnadenlos, verkörpern jene Schlechtigkeit, vor der sie Truman zu bewahren vorgeben. Die übrige Welt will in Ruhe vor dem Fernseher gelassen werden.
Mit offenem Mund sitzt der Zuschauer in seinem Kinosessel, staunt über so viel geduldete Boshaftigkeit, fiebert mit Truman Burbank, dem Schicksalsschläge widerfahren, wie sie vielen von uns auch widerfahren – nur sind sie bei Truman nicht Gottgegeben, sondern von Menschenhand entworfen. Ed Harris (Absolute Power – 1997; The Rock – Fels der Entscheidung – 1996; Nixon – 1995; Apollo 13 – 1995; Needful Things – In einer kleinen Stadt – 1993; Die Firma – 1993; Glengarry Glen Ross – 1992; Im Vorhof der Hölle – 1990; Abyss – 1989; "Der Stoff aus dem die Helden sind" – 1983) spielt Showrunner Christof als kalten Gott mit Baskenmütze und schmaler Brille. Ein einziges Mal erhebt er die Stimme und da wissen alle, auch wir im Kinosessel, dass die Geschehnisse aus dem Ruder laufen. Harris gibt eine großartige Vorstellung und hätte hierfür einen Oscar verdient gehabt – am Ende blieb es bei einer Nominierung für die Rolle. "Die Truman Show" ist auf unheimliche Weise realistisch: Die Ahnung, dauernd und überall überwacht zu werden, der Wunsch andererseits vieler mutmaßlich zu kurz Gekommener, durch Fernsehen endlich berühmt und beliebt zu sein, wird hier hier auf die Spitze getrieben – nicht einmal zehn Jahre später sind Shows dieser Art im realen Leben fast erreicht.
Und der Schlusssatz des Films setzt dem ganzen die Krone auf: „Und was gucken wir jetzt?“ fragen die zwei bislang völlig gefesselten Nachtwächter – vom 30 Jahre dauernden Drama eines Menschen hinter der Show gänzlich unberührt – als Truman die Kulisse verlässt.
Großes Kino!
