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Plakatmotiv: Flatliners – Heute ist ein schöner Tag zum Sterben (1990)

Hinter einem effektvoll erzählten Schauer
verbirgt sich ein etwas blasses Geheimnis

Titel Flatliners – Heute ist ein schöner Tag zum Sterben
(Flatliners)
Drehbuch Peter Filardi
Regie Joel Schumacher, USA 1990
Darsteller

Kiefer Sutherland, Julia Roberts, Kevin Bacon, William Baldwin, Oliver Platt, Kimberly Scott, Joshua Rudoy, Benjamin Mouton, Aeryk Egan, Kesha Reed, Hope Davis, Jim Ortlieb, John Duda, Megan Stewart, Tressa Thomas u.a.

Genre Drama, Horror
Filmlänge 115 Minuten
Deutschlandstart
22. November 1990
Inhalt

Der angehende Arzt Nelson Wright will sich mithilfe seiner Kollegen David, Joe, Randy und Rachel in den Zustand des klinischen Todes versetzten lassen. Dadurch möchte Wright neue Erkenntnisse über die Schwelle des Todes gewinnen.

Nach kurzer Überzeugungsarbeit stimmen Wrights Kollegen dem riskanten Vorhaben schließlich zu. Das Experiment wird durchgeführt und es gelingt tatsächlich. Davon ermutigt lassen sich auch die übrigen Wissenschaftler in den Tod versetzen und wieder aufwecken.

Doch diese außergewöhnliche Erfahrung ist mit einem hohen Preis verbunden. Die Teilnehmer des Experimentes werden fortan von bedrohlichen Visionen heimgesucht, wobei unbewältigte Ereignisse aus der Vergangenheit eine große Rolle spielen

Was zu sagen wäre

Der passende Film zum ausgehenden Anything Goes-Jahrzehnt. In dem Michael Douglas zur Stilikone als Hosenträger-Guru wurde, der die Wall Street in Exzesse gerockt hat, oder Indiana Jones uns gezeigt hat, dass das Kino keine visuellen Grenzen mehr akzeptiert. Zusammengefasst haben uns die 80er Jahre gelehrt: Wir haben alles, wir erreichen alles, es gibt keine Grenzen.

Und was uns also bleibt, ist der Tod. Der Mond ist erforscht, unser Sonnensystem von Sonden kartografiert, der Ozean wäre noch eine Spielwiese für die Forschung. Über den wissen wir gefühlt weniger als über den Weltraum. Die Medizinstudenten in Joel Schumachers Film träumen von glanzvollen Talkshow-Auftritten, wenn sie rausbekommen, was passiert, wenn der Mensch vom Leben in den Tod hinüber begleitet. Die Antwort in Peter Filardis Drehbuch: Das Schlechte Gewissen wird freigesetzt. Man sieht nicht sein ganzes Leben vor sich ablaufen, wie gerne kolportiert wird, sondern den Moment, in dem Du eine schlimme Sünde begangen hast. Wegen Nelsons Gemeinheiten ist ein Junge vom Baum gefallen, als Nelson 9 Jahre alt war. Rachels glaubt, für den Suizid ihres Kriegsveteranenvaters verantwortlich zu sein, der geschah, als sie 5 war. Joe filmt heimlich mit, wenn er mit seinen Kommilitoninnen schläft. Und David hat eine afroamerikanische Schülerin gemobbt.

Es sind verschüttete Traumata aus der Kindheit der Figuren, was wohl heißt, dass Kinder grausamer sind, als es Erwachsene jemals sein könnten. Bis auf Joe natürlich, der seine große Sünde – Sex filmen mit der versteckten Videokamera – erst als Student begeht. Weil nun die Probanden nach ihrer Todeserfahrung wieder aufwachen, ist ihr individuelles Schlechtes Gewissen mit ihnen in der Welt und verfolgt. Plakatmotiv (US): Flatliners (1990) Diese Nahtodgeschichte ist also sowas wie eine lange Sitzung beim Therapeuten, der verschütteten Kindheitshorror freilegt, die der Patient in der Folge bekämpfen kann. Bei David reicht eine aufrichtige Entschuldigung, um sich zu befreien, Joe wird sich eine neue Verlobte suchen müssen, nachdem die alte seine Videos gefunden hat. Rachel und Nelson haben es jeweils schwerer erwischt, weil deren Trauma-Auslöser ja tot sind.

Aus diesem etwas küchenpsychologischen Plot, der in unserer Esoterik verliebten Zeit auf fruchtbaren Boden fällt, komponiert Joel Schumacher (The Lost Boys – 1987; St. Elmo's Fire – 1985) einen effektvollen Gruselfilm – der Begriff ist altmodisch, aber hier passt er. Der Grusel ist auch altmodisch: Lichteffekte, wabernde Nebelbänke, Schumacher nutzt einfache Werkzeuge, um uns ordentlich zu erschrecken. Sind das Halluzinationen, die Rachel in Panik versetzen? Aber warum hat Jason nach jedem Angriff seiner Vision ein zerschrammteres Gesicht? In eleganten Kamerafahrten führt der Film uns in die (küchenpsychologischen) Tiefen der Seele, eine abrupte Montage im Schneideraum sorgt für den effektvollen Schreckmoment.

Der Film unterhält und ist spannend, trotz seiner etwas ernüchternden Wahrheit über die Schwelle zum Tod – die in etwa so ist, als säße ich aufgeregt im 5-Sterne-Restaurant und bekäme eine Aldi-Wurst serviert. Diese mystische Dürre, die letztlich nur der MacGuffin ist, um uns im Kinosessel und stellvertretend die Figuren auf der Leinwand zu gruseln, wird wett gemacht durch eben diese Figuren auf der Leinwand. Joel Schumacher hat den Querschnitt des etablierten sowie des werdenden Young Hollywood vor der Kamera versammelt. Oliver Platt ("Die Waffen der Frauen" – 1988; Die Mafiosi-Braut – 1988) und William Baldwin (Internal Affairs – Trau' ihm, er ist ein Cop – 1990; Geboren am 4. Juli – 1989) haben erste Arbeitsproben abgeliefert und zeigen in "Flatliners", dass mit ihnen zu rechnen ist, wobei Baldwin mit seiner Rolle als charmanter Großkotz Joe mit der problematischen Libido limitiert ist. Platt hingegen, der den übergewichtigen, moralischen Intellektuellen spielt glänz mit sarkastischen Auftritten. Julia Roberts, die gerade erst als Pretty Woman (1990) schlagartig berühmt geworden ist, kann als Rachel (die sie gespielt hat, bevor sie durch Pretty Woman in die Stratosphäre des Filmstarruhms katapultiert wurde) die dunkle Seite der reizenden Prostituierten Vivian Ward zeigen. Rachel lacht nicht, Rachel hängt düsteren Gedanken nach und ist sehr auf ihr Studium fixiert; für eine junge Schauspielerin hält die Rolle wenig Potenzial bereit. Der Star des Films ist Kiefer Sutherland, dessen Karriere schon auf die Startrampe gesetzt ist ("Renegades" – 1989; "Die Generation von 1969" – 1988; Young Guns – 1988; Die grellen Lichter der Großstadt – 1988; The Lost Boys – 1987; Stand by Me – 1986) und von dem erwartet wird, dass er nun durchstartet. Hier spielt er den engagierten, Grenzen ignorierenden Mastermind Nelson, der sich als geläutertes Ekel entpuppt, das bereit ist, für seine Sünden zu bezahlen.

Interessanterweise wird in dieser Jungtruppe Kevin Bacon als Altersgenosse verkauft, der schon vor zehn Jahren als Jungstar verkauft wurde ("Im Land der Raketen-Würmer" – 1990; "She's Having a Baby" – 1988; Ein Ticket für zwei – 1987; "Footloose" – 1984; Diner – 1982; Freitag, der 13. – 1980; Ich glaub', mich tritt ein Pferd – 1978). In "Flatliners" gibt Bacon passend die Rolle des leidenschaftlichen Mediziners, der von der Uni suspendiert wird und jetzt in die Rolle des mahnenden Erwachsenen schlüpft.

Wertung: 7 von 10 D-Mark
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