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Plakatmotiv: Indiana Jones und der Tempel des Todes (1984)

Tiefer Griff in die Ekel-Kiste
Ein Abenteuer in Dunkel

Titel Indiana Jones und der Tempel des Todes
(Indiana Jones and the Temple of Doom)
Drehbuch George Lucas & Willard Huyck & Gloria Katz
Regie Steven Spielberg, USA 1984
Darsteller

Harrison Ford, Kate Capshaw, Amrish Puri, Roshan Seth, Philip Stone, Roy Chiao, Jonathan Ke Quan, David Yip, Ric Young, Chua Kah Joo, Philip Tan, Dan Aykroyd, Dr. Akio Mitamura, Michael Yama, D.R. Nanayakkara, Dharmadasa Kuruppu, Stany De Silva, Ruby De Miel, D.M. Denawake, George Lucas, Frank Marshall, Anthony Powell, Steven Spielberg u.a.

Genre Abenteuer, Action
Filmlänge 118 Minuten
Deutschlandstart
3. August 1984
Inhalt

Gerade haben sich Indiana Jones, sein asiatischer Weggefährte Shorty und die amerikanische, extrem hysterische, Sängerin Wilhelmina "Willie" Scott aus einer brenzligen Situation im Shanghaier Nachtclub "Obi-Wan" befreit, da landet das Trio in einem entlegenen Dorf im indischen Urwald. Die Dorfbewohner betrachten die Neuankömmlinge als ein höheres Zeichen und nehmen die Chance wahr sie um Hilfe zu bitten.

Das Dorf leidet unter dem Terror eines alten, wiederauferstandenen Todeskult, der seinen Sitz in einem entlegenen Tempel hat. Die Kultfolger haben die Kinder des Dorfes entführt und ebenfalls die heiligen Shankara-Steine entwendet, die eine besondere Bedeutung haben. Ihr Fehlen ist auch der Grund, warum der Brunnen des Dorfes kein Wasser mehr spendet.

Plakatmotiv: Indiana Jones und der Tempel des Todes (1984)Nicht zuletzt, weil Dr. Jones der Ansicht ist, einer archäologischen Sensation in den Kammern des Tempels auf der Spur zu sein – der gestohlene Stein könnte einer von fünf sagenhaften Shankara-Steinen sein, die zusammen Macht und Reichtum verheißen –, nimmt er die Bitte der Eingeborenen an und macht sich auf den Weg, die Kinder mitsamt den heiligen Steinen zu retten …

Was zu sagen wäre

Es gibt kurz vor Ende des Films eine Szene, die einen anrührt: Da finden sich der kleine Asiate "Short Round" und der weiße Archäologe nach allerlei Zauber-und-Gaukelwerk wieder, der eine gibt dem anderen seine Mütze zurück, der andere dem einen seinen Hut. Sonst berührt nichts. "Temple of Doom" ist perfekt durch inszeniert, hat hohes Tempo. Lässt einen aber kalt.

So sieht ein Film aus, wenn Regisseur und Produzent an der Spitze stehen. Produzent George Lucas bekommt alles Geld, was er haben will, solange er einen weiteren Star Wars-Knaller verspricht. Und Regisseur Steven Spielberg, hat eben hintereinander zwei Welterfolge gelandet – eben E.T. – Der Außerirdische, davor Jäger des Verlorenen Schatzes. Und lässt man 1941 außen vor, folgen gleich Unheimliche Begegnung der Dritten Art und Der weiße Hai. Jetzt dreht er seine erste Fortsetzung. Die allerdings nicht die Ereignisse aus dem Vorgänger fortsetzt, als etwa den Archäologen und seine Freundin in ein neues Abenteuer steuert. Der neue Film spielt ein Jahr vor den Ereignissen rund um die Bundeslade.

Neues Thema. Neue Frau. Neues Land. Nach einem fulminanten Auftakt in einem Nachtclub in Shanghai geht es in einen düsteren Tempel nach Indien. Und was das für ein Auftakt ist! Analog zum Vorgängerfilm hat er wenig mit dem Rest der Handlung zu tun, soll nur alle in die rechte Stimmung versetzen. Spielberg schöpft aus dem Vollen. Im Prinzip soll nur die Asche eines Dingsda in einer Urne gegen einen Diamanten getauscht werden.

Der Archäologe, kaum wiederzukennen in weißem Dinnerjacket mit roter Ansteckblume, geht seinen Geschäften nach, heißt: nach fünf Minuten ist er vergiftet, jagt im Gewühl des Nachtclubs, in dem Panik ausbricht, weil geschossen wird, dem Gegenmittel nach, während die Sängerin des Nachtclubs – und Gespielin des Nachtclubbesitzers, der eben noch Indiana Jones' Geschäftspartner, und jetzt sein baldiger Mörder ist – dem Diamanten nachkriecht, Plakatmotiv (US): Indiana Jones and the Temple of Doom (1984) der auf dem Tanzboden von den panischen Menschen herum gekickt wird, auf den sich dazu einige Kübel mit Eiswürfeln ergossen haben, als von der Decke weiße und schwarze Luftballons herunter schweben. Es ist alles möglich – Anything Goes. So hieß das Lied, das die Nachtclubsängerin während des zum Niederknien schönen Titelvorspann gesungen hat, aus dem Spielberg eine gut gelaunte Musicalnummer mit einer ganzen Kompanie an blonden Steptänzerinnen auf großer Bühne mit Showtreppe macht.

Der Schauplatz dieses irren Auftakt ist übrigens der "Club Obi Wan". Anything Goes. Wir befinden uns nun im Paralleluniversum des Kino, in welchem nicht die reale Welt reflektiert wird, sondern die fiktionale des Kinos. In der rettet sich der Archäologe, der jetzt die Sängerin im Schlepptau hat, weil die das Gegengift bei sich hat, mit einem beherzten Sprung aus dem Fenster im Obersten Stockwerk und landet im im perfekten Moment haltenden Auto, das sein Freund Short Round steuert, ein etwa 12-Jähriger, der sich Holzklötze unter die Schuhe gebunden hat, damit er Gaspedal und Bremse bedienen kann.

Kein fünf Filmminuten später springen die drei – die Sängerin ist komischerweise, obwohl sie das Gegengift längst weitergegeben hat, immer noch dabei – aus einem abstürzenden Flugzeug mit einem sich selbst aufblasenden, knallgelben Schlauchboot, mit dem sie schneebedeckte Berghänge hinabsausen und schließlich auf einem gemächlichen Fluss zur Ruhe kommen. Der Film ist jetzt 20 Minuten alt und hatte zwei Minuten Ruhe; die eine am Anfang, die andere im Flugzeug, wo die drei schlafen, während die Piloten das Benzin ablassen und mit dem Fallschirm aussteigen. Jetzt beginnt die eigentliche Geschichte.

Denn eine Geschichte gibt es auch. Das soll erwähnt sein, weil "Indiana Jones and the Temple of Doom" im Prinzip reiner Eskapismus ist, die Behauptung eines Abenteuers. Es geht um mächtige Steine und gestohlene Kinder, um britischen Kolonialismus und Kinderarbeit. Also, es geht um das alles nicht wirklich, aber irgendwas muss die Leute ja in Bewegung bringen, wenn das nicht gerade ein steiler Berghang übernimmt.

Sobald keine Bewegung im Spiel ist, wird der Film schnell müde. Die Reise durch den indischen Dschungel zum Tempel des Maharadschas, obwohl aufgepeppt mit einer dauernd kreischenden, weil sich vor Dschungelgetier ekelnden Nachtclubsängerin, zieht sich. Plakatmotiv: Indiana Jones und der Tempel des Todes (1984) Da könnten wir ja die handelnden Personen mal kennenlernen. Wer zum Beispiel ist eigentlich der Junge? Spielt keine Rolle. Genauso wenig wie Sängerin Willie, de im Drehbuch steht, damit die Hauptfigur jemanden zum Flirten hat. Apropos Hauptfigur: Der bebrillte Professor im Tweetjacket hat ausgedient. Die Figur zitiert den Abenteurer aus "Raiders of the Lost Arch", hat aber keinen Bezug mehr zu einer realen Welt. Diese und alle anderen Figuren leben in einer Art Remake von Der Tiger von Eschnapur – Indien, Dschungel, Tiger, grausame Riten und unappetitliche Gerichte.

Um die Exotik seines Schauplatzes zu unterstreichen, erzählt der Film von einer vornehmen Abendgesellschaft an der Tafel des Maharadschas. Um sie versammeln sich der Maharadscha selbst, der noch ein kleiner Junge ist, sein Premierminister, ein britischer Offizier, der indische Sitten und Gebräuche in Frage stellt und allerlei Edelmenschen in feinem Gewand. In der Menüfolge werden unter anderem serviert: Hirschkäfer zum auszuzeln, Snake Surprise – um silberne Terrinen geschwungene Schlangen, aus denen jede Menge glitschige Aale kriechen – sowie Affenhirn auf Eis – da werden aufgesägte Affenschädel gereicht, aus denen die Indigenen das Gehirn löffeln, während es Wiliie schlecht wird. Die Szene führt zu nichts. Während der Premierminister mit dem britischen Offizier über einen indischen Totenkult streitet, der später eine Nebenrolle spielt, sind wir abgelenkt von diesem Essen.

Und irgendwie geht es so immer weiter und es folgen noch ein paar grandios Action-Ritte und ein paar düstere, gruslige Zeremonien. Es gibt handfeste Prügeleien und noch mehr Kinder, die es zu befreien gilt, im großen Finale fahren die Helden tatsächlich Achterbahn. Aber wenn ich das Kino verlassen habe, ist das alles schon Schnee von gestern. Keine Boah-Ey-Freude, wie nach dem ersten Indiana Jones-Film, kein "Das will ich nochmal sehen", keine Schwärmereien für die Figuren, die Abziehbilder bleiben bis zum Abspann.

„Das Abenteuer hat viele Gesichter. Indiana Jones zeigt sie alle“, jubelt das Filmplakat. Das ist wohl der Fehler. Um alle Abenteuer zeigen zu können, bleibt kein Platz mehr, um glaubhafte Figuren zu entwickeln, um die wir im Kinosessel fiebern wollen. Anything Goes? Dann wird's beliebig.

Wertung: 4 von 9 D-Mark
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