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Plakatmotiv: Indiana Jones und das Rad des Schicksals (2023)

Ein sentimentaler Abgang
für eine unterhaltsame Kinofigur

Titel Indiana Jones und das Rad des Schicksals
(Indiana Jones and the Dial of Destiny)
Drehbuch Jez Butterworth & John-Henry Butterworth & David Koepp & James Mangold
mit Charakteren von George Lucas und Philip Kaufman
Regie James Mangold, USA 2023
Darsteller

Harrison Ford, Phoebe Waller-Bridge, Antonio Banderas, Karen Allen, John Rhys-Davies, Shaunette Renée Wilson, Thomas Kretschmann, Toby Jones, Boyd Holbrook, Olivier Richters, Ethann Isidore, Mads Mikkelsen, Martin McDougall, Alaa Safi, Francis Chapman, Alfonso Mandia, Chase Brown, Nasser Memarzia u.a.

Genre Abenteuer, Action
Filmlänge 154 Minuten
Deutschlandstart
29. Juni 2023
Inhalt

Irgendwo in Deutschland kurz vor Kriegsende. Die deutsche Armee ist auf dem Rückzug, macht aber noch einen amerikanischen Gefangenen, der in deutscher Uniform durch die Wälder streift. Weil er keine Angaben zur Person macht, will ihn der Oberst des Stützpunktes aufhängen. Dieser Oberst und ein anwesender deutscher Zivilist, aber auch der Gefangene sind offenbar an denselben Dingen interessiert: archäologische Artefakte, möglicherweise mit mystischen Kräften. Ein Bombenangriff verhindert die Exekution. Der Gefangene kann entkommen und einen Zug entern, mit dem die Deutschen allerlei Kulturschätze und Artefakte nach Berlin in Sicherheit bringen wollen, unter anderem ein goldenes, an einen Kompass gemahnendes Zahnrad, das Antikythera, das der griechische Mathematiker und Ingenieur Archimedes ums Jahr 200 vor Christus erfunden hat. Um dieses Artefakt entbrennt ein heftiger Kampf, den der amerikanische Archäologe mit seinem Freund und Kollegen für sich entscheiden kann.

New York, 1969: Prof. Henry Jones, Jr. geht nach seiner letzten Vorlesung in den Ruhestand. Er lebt in einem kleinen Appartement, die jungen Nachbarn hören viel zu laut Musik und drei Astronauten sind gerade von der ersten Mondlandung gesund nach Hause gekommen. In einer Bar erhebt Jones sein Glas auf seinen Ruhestand, als er von einer jungen Frau angesprochen wird, die sich als seine Patentochter Helena vorstellt. Helena Shaw ist die Tochter jenes Freundes und Kollegen, mit dem Jones damals das Antikythera sichern konnte, und sie will nun eben dieses Artefakt haben. Sie ist nicht die einzige.

Auch der Professor Schmitt will es haben. Schmitt war als Raktenkonstrukteur maßgeblich am Erfolg der US-Mondlandung beteiligt. Jetzt will er sich, nachdem er den Weltraum erobert hat, „der nächsten Grenze widmen“, der Zeit. Dafür braucht er das Rad des Archimedes – von dem es aber nur eine Hälfte gibt; wo die andere liegt, wissen nur die alten Schriften.

So treffen Dr. "Indiana" Jones und der deutsche Zivilist aus dem deutschen Stützpunkt nach mehr als 20 Jahren wieder aufeinander. Der gefeierte Professor Schmitt ist nämlich niemand anders als Jürgen Voller, einst persönlicher Ratgeber Hitlers in Sachen historische Artefakte und heute in eigenem Auftrag unterwegs: Er will mit dem Rad des Archimedes historische Begebenheiten korrigieren, damit Hitlers angedachtes Tausendjährige Reich doch noch zu voller Blüte kommt. Da sei Indiana Jones vor.

Und Helena Shaw. Die allerdings nicht in Familie macht, sondern ganz eigene Interessen verfolgt. Bald treffen die drei Jäger des verlorenen Artefaktes in einem Luxushotel in Marokko aufeinander …

Was zu sagen wäre

Die Peitsche schwingt der Abenteuer-Archäologe noch so gekonnt wie ehedem. Aber die Welt hat sich weitergedreht, ist zynischer geworden, härter. Heute reagieren die Peitschenopfer dergestalt, dass sie als Reaktion Schusswaffen ziehen und feuern – vorbei die Zeiten, in denen Indy einem Säbelschwinger gegenübertrat und den leicht gelangweilt erschoss.

Es ist einer der vielen Running Gags, die der jüngste Indiana-Jones-Film fortführt. Aber mal ehrlich: Brauchen wir einen weiteren Indiana-Jones-Film? Nein! Andererseits, wo er jetzt schon einmal da ist …

The times they are a changing

Die Zeiten sind insgesamt anstrengender geworden. Im Leben wie im Kino. Der Archäologe ist alt geworden. Sein Charme, der einst Studentinnen in seinen Vorlesungen zum Schmelzen brachte, zieht nicht mehr. Plakatmotiv: Indiana Jones und das Rad des Schicksals (2023) Seine Studenten heute, 1969, dösen gelangweilt vor sich hin. Seine Nachbarn halten den alten Mann, der sich dauernd über die zu laute Musik beschwert, für einen Spießer. Auf dem Küchentisch liegen die Scheidungspapiere; dass der gemeinsame Sohn Mutt in Vietnam gefallen ist, hat die Ehe von Marion und Indy nicht überstanden.

"Indiana Jones und das Rad des Schicksals" ist ein Film über das Alt werden. Jedenfalls eine Zeit lang. Bis dann die eigentliche Jagd losgeht, bei der man sich natürlich fragt, wie denn ein pensionierter Professor – Harrison Ford ist 80, seine gespielte Figur nach der erzählten Pension also so um die 70 Jahre alt – unbeschadet von einem Auto ins andere bei voller Fahrt springen, mit einem Pferd durch den New Yorker Untergrund, verfolgt von einer heulenden Subway, reiten oder schon mit einem Schuss in die Schulter versehen aus Flugzeugen springen und, zu weiteren Heldentaten bereit, landen kann.

Nur Harrison Ford kann die Marke Indiana Jones

Die Antwort ist: Der Schauspieler kann das eher nicht mehr. Harrison Ford hatte sich schon bei den für ihn weit Action-ärmeren Dreharbeiten zu Star Wars – Das Erwachen der Macht, als er als Han Solo zurückkehrte, schwer am Knöchel verletzt. Die Actionszenen übernimmt also ein Stuntman, dem digital Fords Gesichtszüge verpasst werden. Und der pensionierte Professor? Och ja … normal schwer zu glauben, aber es ist ein Indiana-Jones-Film. In solchen strahlt die Bundeslade schmelzenden Zauber aus, wird der heilige Gral gefunden und werden Außerirdische gerettet. Da kann auch mal nachvollziehbar ein pensionierter Professor sich auf seine eingeübten und vielleicht nur etwas eingerosteten Reflexe verlassen. Den Rest macht Harrison Ford in seinen vielen Spielszenen, in denen er vom ersten Bild an wieder der Indy ist, den wir seit 1981, seit Jäger des verlorenen Schatzes kennen und der sich bei seiner speziellen Form der Archäologie von dem Mantra leiten lässt: ”Das gehört in ein Museum!

Ford hat verfügt, dass nur er den Indiana Jones spielen darf. Das klingt erstmal eitel und vor allem überflüssig. Tatsächlich kann nur er dieses Franchise am Leben halten. Auch dieser Film hat – auch wegen der markanten Musik von John Williams, dessen Kompositionen zwischen all dem Kommerzkino-Einerlei heutzutage schon wieder als besonders erstrahlen – einen besonderen Indy-Touch, den kein anderer Abenteuerfilm hat. Hollywood hat ja versucht, Epigonen zu züchten, aber der direkte Nachahmer Höllenjagd bis ans Ende der Welt (1983) mit Tom Selleck (der sogar den Indiana Jones ganz ursprünglich mal spielen sollte, aber aus seinen TV-Verpflichtungen nicht raus kam) ist genauso untergegangen wie die Quatermain-Filme mit Richard Chamberlain Mitte der 80er Jahre oder jüngere Versuche wie Jungle Cruise mit Dwayne Johnson. Die Debatten nach der Premiere bei den Filmfestspielen in Cannes Anfang Mai darüber, ob man denn nicht eine Staffelübergabe des alten Indiana Jones an eine jüngere Abenteuerfigur hätte inszenieren müssen, wie das im Rocky-Franchise ganz achtbar gelungen ist, weil der alte Harrison Ford eher peinlich wirke, laufen ins Leere.

Ohne Ford klappt das Indiana-Jones-Gefühl nicht. Weil die mürrischen, leidenden, entgeisterten, entgleitenden Indy-Gesichtszüge fehlen würden. Harrison Ford ist ja nicht zufällig als Schauspieler zu Star-Ruhm gelangt ("Ruf der Wildnis" – 2020; Star Wars: Episode IX - Der Aufstieg Skywalkers – 2019; Blade Runner 2049 – 2017; Star Wars – Episode VII: Das Erwachen der Macht – 2015; The Expendables 3 – 2014; Ender's Game – 2013; Paranoia – Riskantes Spiel – 2013; Cowboys & Aliens – 2011; Plakatmotiv: Indiana Jones und das Rad des Schicksals (2023) Morning Glory – 2010; Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels – 2008; Firewall – 2006; K-19 – Showdown in der Tiefe – 2002; Schatten der Wahrheit – 2000; Begegnung des Schicksals – 1999; Sechs Tage, sieben Nächte – 1998; Air Force One – 1997; Vertrauter Feind – 1997; Sabrina – 1995; Das Kartell – 1994; Auf der Flucht – 1993; Die Stunde der Patrioten – 1992; In Sachen Henry – 1991; Aus Mangel an Beweisen – 1990; Indiana Jones und der letzte Kreuzzug – 1989; Die Waffen der Frauen – 1988; Frantic – 1988; Mosquito Coast – 1986; Der einzige Zeuge – 1985; Indiana Jones und der Tempel des Todes – 1984; Die Rückkehr der Jedi-Ritter – 1983; Blade Runner – 1982; Jäger des verlorenen Schatzes – 1981; Das Imperium schlägt zurück – 1980; Ein Rabbi im Wilden Westen – 1979; Apocalypse Now – 1979; Der wilde Haufen von Navarone – 1978; Krieg der Sterne – 1977; "Der Dialog" – 1974; American Graffiti – 1973). Was der alt gewordene Harrison Ford dem Publikum indes sehr hart deutlich macht – jedenfalls dem Publikum, das schon beim ersten oder vielleicht auch erst beim dritten Teil live dabei war – ist, dass wir im Kinosessel auch ganz schön alt geworden sind: Bei Jäger des verlorenen Schatzes war ich 20 Jahre alt, heute saß ein weißhaariger, weißbärtiger Mann mit Rückenbeschwerden auf meinem Platz im Kino.

Die Geschichte über die Jagd nach dem Rad des Archimedes, das es laut Archäologen tatsächlich gibt/gegeben hat, wenn auch wahrscheinlich ohne die Zeitreisefunktion, könnte tatsächlich auch mit einem neuen Helden erzählt werden. Aber dann wär's halt nur einer dieser Action-Filme, wie sie die Disneystudios, die seit der Übernahme von Lucasfilm im Jahr 2013 die Rechte auch an der Jones-Figur haben, in den vergangenen Jahren im Dutzend produziert haben, siehe Jungle Cruise. Da wären dann die meisten Effekte digital eingebaut worden. Im "Rad des Schicksals" ist die Action immer noch weitgehend analog angelegt; klar wird das dann digital aufgemotzt, aber im Kinosessel fühlen wir uns nahe dran an abstürzenden Felsbrocken und heranrasenden Tunneleinfahrten. Erst im Finale, wenn das titelgebende Rad des Schicksals, das ja nicht einfach ein goldenes Artefakt bleibt, seine ganze Kraft entfaltet, brechen die Produzenten ein Pixelgewitter vom Zaun, das den Spaß am bisherigen, überwiegend analog inszenierten Film einbremst. Angesichts dessen, was im Finale passiert – und was da also analog hätte aufgebaut werden müssen (das Pferderennen von Ben Hur war wahrscheinlich kostengünstiger zu haben) – ist die digitale Kosteneinsparung verständlich; im finalen Kinosessel aber reißen mich die zu 80 Prozent im Computer gebauten Bilder aus dem Spaß.

Auch die Dramaturgie, also die Jagd nach einem Artefakt, für dessen Lokalisierung man erst ein anderes Artefakt und dafür wiederum erst die richtigen Leute finden muss, kann man ohne Indiana Jones erzählen. Sie wird ja auch ohne Steven Spielberg erzählt. Plakatmotiv: Indiana Jones und das Rad des Schicksals (2023) Ursprünglich war er als Regisseur eingeplant, aber dann zog sich das Projekt wegen Drehbuchschwierigkeiten und wegen der Corona-Pandemie und schließlich winkte er ab, sagte hier, nun solle mal die nächste Generation ran, und dort, er wolle in seinem Alter lieber noch ein paar neue Projekte angehen. Auch Steven Spielberg ist ja nicht jung geblieben.

James Mangold macht wie immer einen guten Job

Auftritt James Mangold, ein Regisseur, dem man kaum eine erkennbare Handschrift nachsagen könnte, außer der, dass er in wechselnden Genres arbeitet und immer unterhaltsame, beeindruckende, mitreißende Filme dreht, die mehr sind, als eingeübte Kommerzware (Le Mans 66 – Gegen jede Chance – 2019; Logan: The Wolverine – 2017; Wolverine: Weg des Kriegers – 2013; Knight and Day – 2010; Todeszug nach Yuma – 2007; Walk the Line – 2005; Identität – 2003; Kate & Leopold – 2001; Durchgeknallt – 1999; Cop Land – 1997). Mangold hat nicht den Spielwitz, den Spielberg gerne zeigte. Der zeigte in Actionszenen gerne Totalen, damit wir die teure Arbeit der Stuntleute auch erleben können. Die schnell geschnittenen Actionszenen im aktuellen Film sind nahe an den Figuren, das große Ballett der Stuntleute feiert Mangold nicht; das macht seine Action weniger beeindruckend. Spannend bleibt sie dennoch durch ihre Charakter-nahe Inszenierung.

Mangold hat schon 2017 dem immer schlecht gelaunten Mutanten und Comichelden Wolverine einen 1-A-Altersabschied inszeniert. Dem Archäologen und Abenteurer bietet er den nun auch. Jones ist hier knurrig, kein gut gelaunter Opi für die Enkel. Sein Sohn zog in den Vietnamkrieg, „nicht, um mir zu gefallen, sondern, um mir zu missfallen“. Seine Patentochter erkennt er nicht wieder. Er weiß auch nichts über sie. Nicht, dass sie eine leidenschaftliche Archäologin wurde, nicht, dass sie ein abenteuerliches Leben in Marokko hatte, nichts. Jones ist kein Familienmensch. Aber er wird es in diesem seinem letzten Teil werden. Er findet erst in der Lebensgefahr des Abenteuers seine Bestimmung, und also setzt uns Mangold in den letzten 30 Minuten (bevor der sehr lange Abspann beginnt), wenn die Auflösung der Geschichte, wenn das Schicksal des Schurken absehbar ist, im Kinosessel nochmal ordentlich unter Spannung. Denn das Rad des Schicksals entfaltet im Finale seine ganze Kraft, wenn dann vor allem das Schicksal des Indiana Jones, des Archäologen und leidenschaftlichen Historikers, lange offengehalten wird.

Das ist gut erzählt, nahe an den Figuren, denen der Film – sofern die Figuren zu den Guten zählen – ein sentimental angemessenes Schlussbild bietet. Farewell, Indy! War schön, mit Dir erwachsen und dann alt zu werden.

Wertung: 6 von 8 €uro
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