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Kinoplakat: Sabrina (Sydney Pollack, 1995)

Ein Märchen aus der Welt
der Schönen und Reichen

Titel Sabrina
(Sabrina)
Drehbuch Barbara Benedek & David Rayfiel
nach dem 1954er-Drehbuch von Billy Wilder & Samuel A. Taylor & Ernest Lehman und dem gleichnamigen Theaterstück von Samuel A. Taylor
Regie Sydney Pollack, Deutschland, USA 1995
Darsteller

Harrison Ford, Julia Ormond, Greg Kinnear, Nancy Marchand, John Wood, Richard Crenna, Angie Dickinson, Lauren Holly, Dana Ivey, Miriam Colon, Elizabeth Franz, Fanny Ardant, Valérie Lemercier, Patrick Bruel, Becky Ann Baker, Paul Giamatti, John C. Vennema, Gregory Chase u.a.

Genre Romanze, Komödie
Filmlänge 127 Minuten
Deutschlandstart
11. Januar 1996
Inhalt

Die unscheinbare Sabrina Fairchild ist die Tochter des Chauffeurs der Larrabees, einer vermögenden Industriellenfamilie, die auf Long Island lebt. Das schüchterne Mädchen ist bis über beide Ohren in den jüngeren Sohn des Hauses, den charmanten Playboy David Larrabee, verliebt. Ihr Vater schickt Sabrina schließlich nach Paris, um dort ein Fotopraktikum bei Vogue zu absolvieren.

In Paris wächst sie zu einer selbstbewussten jungen Frau heran. Als sie nach Hause zurückkehrt, erkennt David die elegante und attraktive Unbekannte nicht, ist aber von ihrem Charme und ihrer Schönheit sofort fasziniert. Linus, sein älterer Bruder, erkennt Sabrina hingegen auf Anhieb wieder.

Kurz zuvor lernte David Elizabeth Tyson, die Tochter eines Geschäftspartners von Linus, kennen. Die beiden wollen – auf Vorschlag Elizabeths – heiraten. Allerdings führt ihn Sabrina in Versuchung, sein altes Playboy-Leben fortzuführen. Linus befürchtet, dass sich ohne die Heirat die Fusion des Familienunternehmens mit dem der Tysons zerschlagen könnte, wodurch seine Firma eine Milliarde US-Dollar an zusätzlichem Gewinn verlieren würde. Um Sabrina von seinem Bruder fernzuhalten, beginnt Linus eine Liaison mit ihr. Der Plan ist, sie von David abzulenken, sie zu verführen, mit nach Paris zu nehmen und sie dann fallen zu lassen. Er spielt ihr einen einsamen, verletzlichen Mann vor, der eigentlich ein großzügiger Menschenfreund ist, und Sabrina verliebt sich in ihn …

Was zu sagen wäre

Sydney Pollack wollte die Regie für den Film erst nicht übernehmen. Ihm klang die Geschichte zu altmodisch, was nicht von der Hand zu weisen ist, schließlich stammt die Vorlage, das gleichnamige Theaterstück, aus dem Jahr 1953 und wurde 1954 von Billy Wilder verfilmt, mit Humphrey Bogart und Audrey Hepburn in den Hauptrollen. 51 Jahre später ist die Geschichte von dem Chauffeurstöchterchen, das zum eleganten Schwan mutiert, und dem reichen Prinzen im Rolls Royce in der Tat ein schwer zu vermittelndes Rührstück, dessen Sinnhaftigkeit nicht erschließt.

Sydney Pollack zieht die Geschichte folgerichtig als Märchen auf, erzählt aus dem Off von Sabrina selbst, die mit „Es war einmal an der Nordküste von Long Island …“ beginnt. Und dann wird die Geschichte erzählt, die wir aus dem Vorgänger schon kennen, abzüglich Billy Wilders Pointen und mit Harrison Ford als skrupellosem Konzernboss, der auf Gefühlen herumtrampelt, wenn er dadurch ein Milliardengeschäft retten kann. Den skrupellosen Konzernboss nehmen wir Harrison Ford nicht ab (Das Kartell – 1994; Auf der Flucht – 1993; Die Stunde der Patrioten – 1992; In Sachen Henry – 1991; Aus Mangel an Beweisen – 1990; Indiana Jones und der letzte Kreuzzug – 1989; "Die Waffen der Frauen" – 1988; Frantic – 1988; Mosquito Coast – 1986; Der einzige Zeuge – 1985; Indiana Jones und der Tempel des Todes – 1984; Die Rückkehr der Jedi-Ritter – 1983; Blade Runner – 1982; Jäger des verlorenen Schatzes – 1981; Das Imperium schlägt zurück – 1980; Ein Rabbi im Wilden Westen – 1979; Apocalypse Now – 1979; Krieg der Sterne – 1977; "Der Dialog" – 1974; American Graffiti – 1973). Er sagt Geschäftsmann-Sätze aus dem Drehbuch auf, die ihn zynisch wirken lassen sollen, aber wir sehen einen Mann mit Fliege und treuherzigem Hundeblick, der unbeholfen versucht, skrupellos zu sein; um bei erster Gelegenheit sein soziales Herz zu entdecken, um Sabrina zu beeindrucken: „Ich mag Sabrina. Ich mochte sie schon immer. Aber deshalb pfeife ich nicht auf eine Milliarde Dollar. Da kann sie mit ihren Haaren machen, was sie will.“ Um den dunklen Charakter zu stützen, muss seine Bürochefin aushelfen: „Wir waren bis an die Ellbogen in Ihrer Unterwäsche. Ein Gefühl, als berührt man das Leichentuch von Turin.

Fords Rolle ist gegenüber der Linus-Rolle im Original vergrößert worden zulasten der Titelfigur. Wir erfahren mehr über Linus, weniger über Sabrina, die, nachdem sie aus Paris zurück ist, nur da ist und mit großen verträumten, erstaunten, verliebten, melancholischen Augen in die Welt der Schönen und Reichen blickt. Julia Ormond (Der erste Ritter – 1995; "Legenden der Leidenschaft" – 1994) spielt sie unter der Bürde, gegen den Glanz der Audrey Hepburn anspielen zu müssen, die Sabrina 1954 spielte und der man nachsagt, dass sie auch in kompletter Dunkelheit strahlte. Julia Ormond ist reizend, als Sabrina aber ein bisschen langweilig. Ihre Profession ist laut Drehbuch die Fotografie, also sehen wir sie einige Male Fotos machen, was aussieht, als klicke sie uninspiriert auf den Auslöser. In Paris hat sie mit freundlicher Unterstützung der schwerreichen Larrabee-Familie ein zweijähriges Praktikum bei der Modezeitschrift VOGUE und stolpert dort monatelang als Backfisch in Klamotten durchs Bild, wie sie Diane Keaton schon in Woody Allens Stadtneurotiker getragen hat. Ein freundlicher Fotograf wirbt um sie, kann bei ihr aber nicht landen und dann kommt sie in die USA zurück, hat eine modische Kurzhaarfrisur und ist, schwupps, eine erwachsene junge Frau in mondäner Garderobe. Paris habe sie verändert, heißt es dann.

Ist das statthaft, diesen Film mit einem 50 Jahre alten Original zu vergleichen? Das Studio legt Wert auf den Zusammenhang. Den können die Marketingleute des Studios besser verkaufen. Denn natürlich hätten die Produzenten auch eine eigene Märchenprinzen-Geschichte erfinden können, sowas wie Pretty Woman, was auch nichts anderes ist als ein Märchen. Aber sie haben Billy Wilders Film als Vorbild genommen und diesem Film hat Sydney Pollacks Version lediglich die Farbbilder und die moderne Kameratechnik voraus – die Wilder nicht brauchte, weil er die besseren Dialoge hatte.

Der Film protzt mit Reichtum und Ostküsten-Geld. Darüber sollen wir im Kinosessel geködert werden. Aber der Charme einer einfachen Liebesgeschichte bleibt weit weg. Hollywood '90 reduziert die Geschichte auf eine klassische er-umschwärmt-sie-und-sie-erkennt-irtgendwann-dass-er-sie-nur-verarscht-Dramaturgie. Übrig bleibt die Soap Opera, in der der Millionär der Verfemten ein Appartement schenkt. Da ist nichts Überraschendes, Gefühlvolles. Die Märchengeschichte aus den 50er Jahren funktioniert so einfach in den hedonistischen 90er Jahren nicht mehr.

Wertung: 4 von 10 D-Mark
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