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Plakatmotiv: Frantic (1988)

Ein eleganter Thriller aus Paris
abseits der Postkartenmotive

Titel Frantic
(Frantic)
Drehbuch Roman Polanski + Gérard Brach
Regie Roman Polanski, USA, Frankreich 1988
Darsteller

Harrison Ford, Emmanuelle Seigner, Betty Buckley, John Mahoney, Jimmie Ray Weeks, Yorgo Voyagis, David Huddleston, Alexandra Stewart, Gérard Klein, Laurent Spielvogel, Dominique Pinon, Djiby Soumare, Dominique Virton, Stéphane D'Audeville, Alain Doutey, Jacques Ciron, Roch Leibovici, Louise Vincent, Patrice Melennec, Ella Jaroszewicz, Joëlle Lagneau u.a.

Genre Thriller, Crime
Filmlänge 120 Minuten
Deutschlandstart
25. August 1988
Inhalt

Der Arzt Richard Walker und seine Frau Sondra reisen zu einem medizinischen Kongress nach Paris. Bei der Ankunft im Hotel müssen sie feststellen, dass sie einen falschen Koffer haben, und Sondras Koffer wahrscheinlich auf dem Flughafen vertauscht wurde. Als Walker aus der Dusche kommt, ist seine Frau verschwunden. Er wartet zunächst ab, sie taucht jedoch nicht wieder auf, also macht er sich auf die Suche.

In einer Kneipe findet er jemanden, der gesehen haben will, wie seine Frau in einen Wagen gestoßen wurde. An der betreffenden Stelle findet er tatsächlich ihr Armband. Auch der Portier des Hotels will gesehen haben, wie Walkers Frau in Begleitung eines Mannes das Hotel verlassen hat. So meldet er seine Frau als vermisst, doch sowohl die französische Polizei als auch die US-Botschaft erweisen sich als wenig kooperativ.

Plakatmotiv: Frantic (1988)Beim Öffnen des fremden Koffers findet Walker ein Streichholzbriefchen des Nachtlokals Blue Parrot und darin den Namen Dédé und eine Telefonnummer notiert, unter der er aber nur einen Anrufbeantworter erreicht. Er findet Dédés Adresse heraus, fährt dorthin und findet Dédé tot in seiner Wohnung vor …

Was zu sagen wäre

Wenn Ennio Morricones Score aus den Lautsprechern streicht, ist klar, dass die graue Einfallstraße auf der Leinwand nicht irgendwo ist. Es muss Frankreich sein. Zu nahe klingt dieser Sound den Harmonien aus Der Profi (1981) oder "Der Außenseiter" (1983). Die graue, regennasse Straße ist Paris, einmal ist unscharf der Eiffelturm im Hintergrund zu erkennen. Paris, die Stadt der Liebe, ist eine graue Stadt. Schon bei der Anfahrt vom Flughafen in die Stadt platzt ein Reifen. Taxifahrer haben hechelnde Hunde auf dem Beifahrersitz. Müllautos blockieren den. Verkehrsfluss. Schmuddlige Gassen, nassglänzender Asphalt, in dem das Neon billiger Bars reflektiert.

Roman Polanski schafft einen schon irren Normalo-Alltag in diesen ersten Szenen, in denen wir das Ehepaar Walker aus den USA kennenlernen. er Arzt, der hier auf einem Kongress sprechen soll, sie begleitet ihn. Vor 20 Jahren waren sie hier auf Hochzeitsreise. Das Paar ist tief vertraut miteinander. Als die Rezeption nach den Reisepässen fragt, hat sie sie schon in der Hand, während er mit dem Anmeldungsbogen beschäftigt ist. Will er mit den Kindern daheim telefonieren, weiß sie die korrekte Auslandsvorwahl. Es ist spannend, diesem krisenlosen Paar zuzuschauen, das im Kino so selten ist wie eine vergessene Mullbinde in der Bauchhöhle. Gipfel der Exaltiertheit ist, als sie merkt, dass ihr Koffer nicht da ist und sich auf ausgiebiges Shopping freut, er ihr mit vielsagendem Blick ankündigt, dass sie in den nächsten 24 Stunden ohnehin nichts zum Anziehen benötige, was sie mit „Angeber“ und ironischer Augenbraue quittiert.

Und dann, er steht unter der Dusche, ist die Gattin plötzlich weg. Die Rezeption weiß nichts, ein Streuner in einer Bar will gesehen haben, wie sie in ein Auto geschubst wurde. Polanski unterstreicht seine Kunst, Schrecken subtil in den Alltag tröpfeln zu lassen (Piraten – 1986; "Tess" – 1979; Der Mieter – 1976; Chinatown – 1974; "Was?" – 1972; Macbeth – 1971; Rosemaries Baby – 1968; Tanz der Vampire – 1967; "Wenn Katelbach kommt …" – 1966; Ekel – 1965). Es ist schön, ihm beim visuellen Konzipieren quasi zu beobachten, wie er Szene auf Szene baut. Da ist nichts zufällig, da wirkt auch nichts konstruiert. Auch nicht Harrison Fords kaum merkliches Lächeln der Erleichterung, als er an der Rezeption der Zimmerschlüssel nicht im Fach liegt – dann wird die Verschwundene wieder da sein; bis er wenige Sekunden später merkt, klar, er hat ihn ja in der Tasche, „Jetlag“. Niemand ist böse. Nicht die Pariser Polizei, nicht die Mitarbeiter in der US-Botschaft. Sie machen alle nur ihren Job. Nur ist eben dieser Typ aus San Francisco für sie nichts Besonderes. Frau weg? Bon, c'est Paris, mon ami.

Die Entwicklung dieses zunehmend lauter werdenden Dramas ist super konsequent durchgestylt. Harrison Ford ist kein Indiana Jones-Typ, der die Peitsche rausholt und damit die Pariser Unterwelt aufmischt. Als Amerikaner, der gewöhnt ist, alles mit einem Telefonat erledigen zu können, stolpert Ford in die fremde, dunkle Gosse, muss plötzlich lernen Freund von Feind zu unterscheiden. Ford zeigt, dass er mehr kann als den unbekümmerten Haudegen ("Der einzige Zeuge" – 1985; Indiana Jones und der Tempel des Todes – 1984; Blade Runner – 1982; Jäger des verlorenen Schatzes – 1981; Ein Rabbi im Wilden Westen – 1979; Apocalypse Now – 1979; Krieg der Sterne – 1977; American Graffiti – 1973). Als immer noch keine Spur zu seiner Frau aufgetaucht ist, ruft er Zuhause an, um zu hören, wie es den Kindern geht, und während er mit seiner Tochter in der fernen Normalität spricht, während seine Welt schon völlig aus dem Ruder gelaufen ist, hält er sich verkrampft am Hörer fest, als wolle er diese ferne Normalität festhalten, statt in den Albtraum zurückkehren zu müssen. Ford ist hier mal der einfache Biederbürger, der sich selbst helfen muss, weil es sonst keiner tut.

Der aber auch nicht weiß, wie er vorgehen soll und also macht, was die Leute im Fernsehen immer machen: In dem vertauschten Koffer findet er ein Streichholzbriefchen mit Nachtclublogo und einer Telefonnummer von Dédé. Als er im Nachtclub nach Dédé fragt, gerät er an einen überfreundlichen Dealer, der ihn auf die Toilette lockt und ihm Stoff andreht. Immer schwingt die Bedrohung mit, gleichzeitig aber die reale Erkenntnis, dass Dealer dealen wollen, nicht zusammenschlagen. Polanski erzählt eine Fish-out-of-Water-Geschichte in den Schmuddelecken von Paris, in der Sprachbarrieren, Kulturunterschiede und das Rätsel einer Entführung die Spannung treiben, nicht Autojagten, Schießereien und Explosionen. Jede Szene baut logisch auf der vorherigen auf, verweigert jeden Glamoureffekt. Dr. Walker hat Glück, dass wenigstens seine Brieftasche universal funktioniert.

Die gute Qualität des Drehbuchs erkennt man an einem Story-Scharnier: Dr. Walker muss die Polizei loswerden, die er zu Beginn selber vehement angefordert hatte. Polizisten, die einmal eine Spur aufgenommen haben, lassen sich schwer wieder abwimmeln. Mittlerweile recherchiert Walker aber in der Halbwelt zusammen mit Michelle, einem Mädchen mit eher zweifelhaftem Renommee. Offenbar hat er unwissentlich Hehlerware im Koffer, die er gegen seine Frau eintauschen kann. Da ist Polizei eher hinderlich. Also lügt er die Polizisten und die Hotelleitung, die in seinem Hotelzimmer stehen, um zu helfen, an, indem seinen ehrbaren ruf ankratzt. Über die Anwesenheit von Michelle in knapper Ledermontur und starkem Kanal um die Augen kann er die Polizisten – „Hat sich Paris wirklich so verändert in den letzten 20 Jahren?“ – einlullen, seine Frau habe hier einen Lover und er habe sich halt ein wenig mit einer Prostituierten vergnügt. Daraufhin verlassen die Flics das Zimmer und den Film. Das ist für den Handlungsverlauf entscheidend und im Drehbuch mit einfachsten Mitteln elegant gelöst.

Dass Walker den Einstieg in Michelles Dachwohnung kennt, nämlich über dieses Dach, wird ebenso beiläufig erklärt – Michelles Mitbewohnerin sei gerade in Thailand, hat Michelle an früherer Stelle im Film, und die habe den Schlüssel mitgenommen. Bei dieser Halbwelt-Leder-Frau glaubt der Zuschauer das ohne das weiter zu hinterfragen; dabei ist diese Thailand-Freundin lediglich die Funktionsfigur, die a.) erklärt, warum Dr. Walker Michelle aus schwieriger Lage retten kann und b.) für eine große Suspense-Szene sorgt, wenn Harrison Ford mit nackten Füßen über die Dächer kraxeln muss, eben um Michelle zu retten. Solche unauffälligen Scharniere gibt es in diesem Drehbuch viele. Und die meisten fallen erst hinterher auf. So etwas sieht man auf diesem Budget-Niveau, in dem sonst eher mit dem Actionhammer gearbeitet wird, selten.

Eine wichtige Rolle in diesem Film spielt Michelle, die mehr ist, als sexy Stichwortgeberin. Emmanuelle Seigner gibt mit ihr ihr Kinodebüt. Sie nimmt den orientierungslosen Amerikaner an die Hand und führt ihn souverän durch die Untiefen der Pariser Halbwelt, weil sie sich von der Hehlerware, die sie aus den USA in diesem vertauschten Koffer ins Land gebracht hat, noch 10.000 Francs erhofft. Bis Dr. Walker ihr den Kopf rettet – nackt in deren Bett – als sie von irgendwelchen Handlangern bedroht wird (auch so ein cleverer Script-Kniff) und fortan loyal an seiner Seite kämpft.

Diese Hehlerware ist der klassische MacGuffin, der einen Unschuldigen in ein lebensbedrohliches Abenteuer stürzt und prompt drängt sich der Vergleich mit Regisseur H. auf. Aber den will ich nicht bemühen. Höchstens, dass, Ja, es solche klug erzählten Thriller früher schon von H. gegeben hat; es dann viele Filmemacher versucht, aber nicht geschafft haben, etwas Vergleichbares zu bauen. Roman Polanski ist das mit "Frantic" gelungen. Cool.

Wertung: 10 von 10 D-Mark
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