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Kinoplakat: Schindlers Liste

Spielberg emanzipiert sich mit einem
der wichtigsten Filme seiner Zeit

Titel Schindlers Liste
(Schindler's List)
Drehbuch Steven Zaillian
nach dem Buch von Thomas Keneally
Regie Steven Spielberg, USA 1993
Darsteller

Liam Neeson, Ben Kingsley, Ralph Fiennes, Caroline Goodall, Jonathan Sagalle, Embeth Davidtz, Malgorzata Gebel, Shmuel Levy, Mark Ivanir, Béatrice Macola, Andrzej Seweryn, Friedrich von Thun, Krzysztof Luft, Harry Nehring, Norbert Weisser u.a.

Genre Drama
Filmlänge 195 Minuten
Deutschlandstart
3. März 1994
Inhalt

1939: Mithilfe jüdischen Kapitals gelingt es dem cleveren Geschäftsmann Oskar Schindler, in Krakau eine enteignete Emailfabrik zu kaufen, die fortan Feldgeschirr für den sich anbahnenden Krieg herstellt. Um seinen Profit zu maximieren, setzt er äußerst preiswerte jüdische Arbeitskräfte aus dem Krakauer Getto ein, die ihm auf Grund der kriegswichtigen Güter, die seine Fabrik produziert, zugestanden werden.

Schindler versteht es, zu repräsentieren und Geschäftskontakte zu knüpfen, ist aber in Verwaltungs- und Koordinationsaufgaben auf seinen versierten Buchhalter Itzhak Stern angewiesen. In Kooperation ihrer Talente entwickelt sich die Emailfabrik zu einem florierenden Unternehmen, welches immer mehr Arbeitskräfte benötigt. Stern, dem in Personalfragen freie Hand gelassen wird, nutzt dies, um möglichst viele Juden, zumeist denen, die aufgrund ihrer akademischen oder künstlerischen Vergangenheit oder einer Behinderung für die Industriearbeit nicht in Frage kämen, einen Arbeitsplatz in der Fabrik zu verschaffen.

1943 werden die Überlebenden des Krakauer Gettos in das Arbeitslager Krakau-Plaszów überführt. Hier erlebt Schindler mit, wie die Insassen auf unmenschliche Art und Weise behandelt werden, wie Wachsoldaten willkürlich Menschen erschießen. Dann soll auch dieses Lager geschlossen und die noch lebenden Juden zur Liquidierung nach Auschwitz gebracht werden. Schindler jedoch setzt alles daran, dies zu verhindern …

Was zu sagen wäre

Und dann taucht in der kaum unterscheidbaren Masse von in Schwarz-Weiß gefilmten Opfern ein Mädchen auf, das einen rot eingefärbten Mantel trägt. Das Mädchen hat keine weitere Bedeutung für den Film, es führt keine Änderung im Handlungsaufbau herbei. Es läuft einfach mit im Strom der Vielen, als das Ghetto in Krakau geräumt wird. Dreißig Filmminuten später sehen wir das Mädchen wieder. Da ist es tot, wird abtransportiert auf einem Sackkarren als eines von vielen toten Kindern. Auch Steven Spielberg, dieser meisterhafte Manipulator im Kino, bekommt das Grauen nicht in eine Handlung gefasst. Spielberg ergibt sich der Macht des Unerklärlichen und erzählt Anekdoten.

Natürlich gibt es den groben Handlungsfaden, in dem Oskar Schindler sein Gewissen entdeckt. Spielberg baut, filmisch elegant, eine Gegnerschaft zwischen Schindler und Amon Göth auf, dem sadistischen – oder wollen wir sagen: gelangweilten? – Lagerkommandanten. Bevor sich die beiden zum ersten mal begegnen, inszeniert Spielberg, wie sich beide rasieren; Schnitt, Gegenschnitt, der weiße Rasierschaum wird weniger, das Gesicht glatter, kein blutiger Schnitt. Er braucht diese Dramatisierungen, weil er hier keine Geschichte erzählen kann, wie etwa die eines Archäologen, der zusammen mit seinem Vater den Heiligen Gral findet. Das Grauen der Konzentrationslager lässt sich nicht dramaturgisch inszenieren.

Aber Spielberg findet Bilder, die für sich sprechen. Das Mädchen im roten Mantel ist eine Erfahrung, die er seit seinem Debütfilm Duell variiert. Damals war es das Auto des Protagonisten, das knallrot sein sollte, damit man es im Wüstenstaub immer erkennen kann. In Jaws, Close Encounter oder E.T. tragen die Hauptfiguren knallrote Oberteile, damit man sie auch in Massenszenen leicht erkennen kann. In "Schindler's List" soll das Mädchen, das keine Sprechrolle hat, kein Gesicht, nur den rot eingefärbten Mantel im Schwarz-Weiß-Bild, nur einmal, im Film für Oskar Schindler, im Kinosessel für uns, beispielhaft das Schicksal von sechs Millionen Menschen in dieser Zeit in Bilder packen – es soll nicht explizit erschossen oder verscharrt werden, wie andere im Film. Es soll Namen- und gesichtslos verschwinden, wie so viele im realen Nazi-Regime. Wenige Minuten nach dieser Szene sagt Schindler seinem Buchhalter Stern: „Ich habe mehr Geld verdient, als ich im Leben ausgeben kann.“ Das ist der Einstieg in das lang andauernde Finale, in dem er mehr als 1.100 Menschen das Leben rettet und selbst am Ende mittellos vor den russischen Befreiern fliehen muss.

Schindler ist aus Nazisicht ein Mitläufer, ein Kriegsgewinnler, einer, der weiß, wie man Gewinn macht. Das verstehen die Nazis, mit so einem haben sie keine Probleme. Zumal er ihnen eleganten Stoffe besorgen kann. Da stört der Zynismus, der zwischen den Zeilen spritzt, niemanden: „Ist das Seide?“ „Ja, ich würde Ihnen ja auch so einen Anzug besorgen, aber der Mann, der ihn gemacht hat, ist wohl schon tot!“ Es ist bemerkenswert, wie Spielberg den Schindler-Charakter mit wenigen Kreidestrichen im Film verankert. Nach zehn Minuten dieses über drei Stunden langen Films ist klar, wie der Mann die uniformierten Machthaber um den Finger wickelt. Zu Beginn des Films hat er gefunden, was ihm bisher „gefehlt hat. Und selbst, wenn ich gewusst hätte, was es war, hätte ich dagegen überhaupt nichts unternehmen können. Denn dieses Etwas kann man nicht erzwingen. Und dabei bewirkt es den Riesen Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg.“ „Glück?“ „Krieg!

Dramaturgisch tritt der Film dann dauernd auf der Stelle. Oskar Schindler hat nicht an einer Stelle seiner Biografie die Haubitze ausgepackt und 1.100 Juden freigebombt. Er konnte nur Menschenleben retten, indem er so tat, als sei er der Zyniker, als der er auftritt. Für filmisches Erzählen gibt das nicht viel her. Spielberg erzählt statt dessen Einzelschicksale, lässt Nebenfiguren das erlebte Grauen in Worte kleiden. Im Weinkeller Göths trifft Schindler auf die Jüdin Helene, die ihm – und uns – die absolute Beliebigkeit verdeutlicht, in der Juden in Göth Welt leben oder sterben: „Er schoss ihr ins Genick. Einfach so. Einer Frau, die nur unterwegs war, verstehen Sie, sie war weder dicker noch dünner, noch langsamer noch schneller als sonst jemand. Und ich konnte nicht erkennen, was sie getan hatte. Je mehr man sieht vom Herrn Kommandanten, desto mehr wird einem klar, dass es überhaupt keine Regeln gibt, an die man sich halten kann. Es ist einfach nicht möglich zu sagen Wenn ich diese Regeln befolge, dann kann mir nichts passieren.

Über eine weite Strecke geht dem Film sein Titelheld verloren. Da geht es dann um Itzhak Stern oder um weitere Schicksalsfiguren und das Grauen der Willkürdiktatur, in der auch Juden gegen Juden keine Gnade kennen, zum Beispiel, wenn sie einem panischen Jungen einen Platz im Versteck verwehren: „Sie haben einen Blauschein.“ „Ein Blauschein nützt doch nichts mehr!“ Eine Handlung wird auch da nicht weiter erzählt. Aber was wollte man auch erzählen? Spielberg, selbst Kind einer Familie mit jüdisch-ukrainischen Wurzeln, ereilt das Dilemma, das Ende der 70er Jahre die TV-Serie "Holocaust" ereilte. Der Film packt in Bilder, was nicht in Bilder gepackt werden kann, weil die Realität immer das schlimmere Bild bleibt.

Wertung: 9 von 11 D-Mark
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