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Plakatmotiv: Suspect – Unter Verdacht (1987)

Thriller, bei dem für Schauspieler und
Überraschung nur wenig Raum bleibt

Titel Suspect – Unter Verdacht
(Suspect)
Drehbuch Eric Roth
Regie Peter Yates, USA 1987
Darsteller

Cher, Dennis Quaid, Liam Neeson, John Mahoney, Joe Mantegna, Philip Bosco, E. Katherine Kerr, Fred Melamed, Lisbeth Bartlett, Paul D'Amato, Bernie McInerney, Thomas Barbour, Katie O'Hare, Rosemary Knower, Aaron Schwartz u.a.

Genre Crime, Drama, Thriller
Filmlänge 121 Minuten
Deutschlandstart
3. März 1988
Inhalt

Als an einem Flußufer die Leiche einer junge Frau aufgefunden wird, steht der Obdachlose Carl Anderson unter Verdacht. Er soll die Sekretärin ermordet haben, nachdem ihr Chef – ein Richter – Selbstmord begangen hat.

Für die Gerichtsverhandlung wird Anderson die Pflichtverteidigerin Kathleen Riley bestellt, die von seiner Unschuld überzeugt ist. Zusammen mit dem Geschworenen Eddie Sanger versucht sie die Wahrheit herauszufinden. Eigentlich darf der Geschworene keinen Kontakt zur Anwältin aufnehmen, lässt ihr aber dennoch einen wichtigen Hinweis zukommen.

Schon bald entpuppt sich der Fall als brisanter als vermutet: Die Spur des Mörders führt bis an die Spitze der Regierung …

Was zu sagen wäre

Politik und Juristerei. Hier wie dort geht es um Deals, um Schulden einfordern. In der Politik endet das in Gesetzestexten, die für alle verbindlich sind. In der Juristerei in Urteilssprüchen, die für alle verbindlich sind. Die Regeln in der Juristerei allerdings sind strenger. Anwälte – Rechts- wie Staatsanwälte – dürfen keinen Kontakt mit Geschworenen haben, dürfen sie schon gar nicht beeinflussen. In unserem Fall beeinflusst ein Geschworener aber eine Anwältin. Er gibt ihr einen Hinweis, der erschreckend plump ist – dass der Mord von einem Linkshänder ausgeführt worden sein muss, der Angeklagte aber Rechtshänder ist, das ist eine Ermittlungsposition, die schon Krimiserien in den 70er Jahren gerne verwendet haben. Der Mann arbeitet als Lobbyist in Washington, also in der Politik. Da schließt sich der Kreis mit der Justiz.

Ein Lobbyist und eine Anwältin, die genau genommen ja auch eine Lobbyistin (für ihre Klienten) ist, arbeiten zusammen, um einen Mord aufzuklären. Naja, das stimmt nicht ganz. Sie will ihren Mandanten raushauen, der als Obdachloser in der US-Hauptstadt lebt, zudem gehörlos und stumm ist und einem Justizsystem ausgeliefert ist, dass sich für keinen der drei Punkte interessiert – als er bei der Festnahme schweigt und sich körperlich wehrt, wird er als renitent eingestuft; dass er vielleicht nicht versteht, was gesprochen wird, ist im verfilmten Washingtoner Justizapparat nicht der Rede wert.

Er, der Geschworene und Lobbyist, hat zu Beginn des Prozesses eine Ungereimtheit entdeckt und diese der Anwältin zugespielt, ist im weiteren Verlauf dann aber daran interessiert, sie ins Bett zu bekommen. DVD-Cover (US): Suspect (1987) Weil er die unterbezahlte, überarbeitete, einsame Pflichtverteidigerin dabei aber zweimal aus tödlicher Gefahr rettet und ihr auch sonst mit seinem Wissen um die politischen Verzweigungen in Washington helfen kann, geht er als Drehbuchkniff in Ordnung.

Das Drehbuch gibt Dennis Quaid (Die Reise ins Ich – 1987; "The Big Easy" – 1986; Enemy Mine – Geliebter Feind – 1985) wenig Spielraum, in dem er Schauspielkunst zeigen könnte. Thriller im Kino leben oder sterben an ihrer Konstruktion. Sie müssen konstruiert sein, weil sich die Erzähler keine Zufälle erlauben können. Zufälle blasen sich auf der Leinwand zum unglaubwürdigen Kai-aus-der-Kiste auf, also müssen sie so versteckt untergebracht werden, dass der Kai nicht zu groß wird. Hier entdeckt einer an entscheidender Stelle nach vielen Tagen ein möglicherweise falsch notiertes Autokennzeichen auf Anhieb wieder und hat die Anwältin Akten im Gerichtssaal vergessen, in den sie also zurückkehren muss und prompt in – dramaturgisch wichtige – Lebensgefahr gerät. Das sind schwere Haken, die schon im Kinosessel Bauchschmerzen bereiten, in dem man ja gerne mal bereit ist, fünfe gerade sein zu lassen. In diesem Fall bereitet diese grobe Konstruktion Schmerzen, die den spannenden Gesamteindruck trüben, aber nicht zerstören. Der Kunstgriff lautet Liam Neeson ("Auf den Schwingen des Todes" – 1987; Mission – 1986; Krull – 1983; Excalibur – 1981).

Der Ire Neeson spielt den stummen und gehörlosen Angeklagten Carl Anderson. Der Kerl ist ein Brecher, groß, breit, stark. Aber mit einer Lebensenttäuschung im Blick, dass es einem schaudert. Die Anklage muss ein Fehler sein, ich will, dass dieser Mann wieder frei kommt. Jemand, der diesen Eindruck ohne Worte, nur mit Blicken so hinbekommt, hat eine Zukunft als Schauspieler. Seine Figur eines Obdachlosen schließlich macht den Film zu einem kühlen Blick auf die US-Gesellschaft. In Washington treffen sich Arm und Reich, Abhängig und Einfluss wie nirgendwo sonst in den USA.

Bis die Fäden beginnen zueinander zu finden und einen geheimnisvollen Plot zu enthüllen, lebt der Film von seiner – gut konstruierten – Ausgangssituation, in der neben dem obdachlosen Angeklagten auch die anderen Protagonisten entwurzelte, heimatlose Einzelgänger sind. Kathleen Riley ist eine überarbeitete Pflichtverteidigerin, die seit einem Jahr keinen Urlaub mehr hatte, Single ist, vor lauter Überstunden nie ein Date hat. Cher (Die Hexen von Eastwick – 1987) tut ihr Bestes, wirkt als Figur interessant, aber als einsamer Single nicht glaubwürdig. Eddie Sanger, der Lobbyist und Geschworene ist damit beschäftigt, Gesetze dahingehend zu beeinflussen, dass für die Milchbauern was herausspringt und verkauft dafür seinen Körper. Zusammen mit Carl Anderson sind sie alle Opfer eines Systems, dem sie im letzten Drittel des Films an den Kragen gehen.

Sowas in der Art erwarten wir, wenn wir ein Ticket für einen Thriller lösen.

Wertung: 6 von 10 D-Mark
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