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Plakatmotiv: Wolf – Das Tier im Manne (1994)

Nicholson als Wolf im Haifischbecken
Pfeiffer als Piranha unter Goldfischen

Titel Wolf – Das Tier im Manne
(Wolf)
Drehbuch Jim Harrison & Wesley Strick
Regie Mike Nichols, USA 1994
Darsteller

Jack Nicholson, Michelle Pfeiffer, James Spader, Kate Nelligan, Richard Jenkins, Christopher Plummer, Eileen Atkins, David Hyde Pierce, Om Puri, Ron Rifkin, Prunella Scales, Brian Markinson, Peter Gerety, Bradford English, Stewart J. Zully, Thomas F. Duffy, Tom Oppenheim, Shirin Devrim u.a.

Genre Drama, Horror
Filmlänge 125 Minuten
Deutschlandstart
15. September 1994
Inhalt

Der erfolgreiche Verlagslektor Will Randall steht unter Druck: Sein engster Mitarbeiter Stewart Swinton hat hinter seinem Rücken intrigiert, sodass Verlagsleiter Alden den älteren und selbstbewussten Starlektor abservieren möchte. Just in dieser Situation wird Will auf einer nächtlichen Autofahrt bei Schnee und Vollmond von einem Wolf gebissen, den er kurz zuvor angefahren hatte. Wenige Tage später stellt er seltsame Veränderungen an sich fest: Sein Hör- und Geruchssinn sind plötzlich so ausgeprägt, dass ihm zum Beispiel das Parfüm an seiner eigenen Frau entgehen, das ihn verdächtig an seinen Kollegen erinnert.

Beim nächsten Vollmond passiert das Unvermeidbare: Will verwandelt sich in einen Werwolf mit unbändigen Kräften und besinnungsloser Aggression. Eine erschreckende, aber auch faszinierende Erfahrung. Und dann entwickelt Will sogar den lange vermissten "Biss", wenn es um die Verteidigung seines Reviers geht. Ausgerechnet jetzt verliebt er sich in Laura Alden, die Tochter seines Verlagschefs, die von der virilen Ausstrahlung des Lektors angezogen wird.

Instinktsicher plant Will den Rachefeldzug gegen seinen jüngeren Widersacher, verletzt diesen in einer Auseinandersetzung aber so, dass der nun selbst zum Werwolf wird. Es kommt zu einem tierischen Showdown, bei dem alle Beißhemmungen fallen und nur das nackte Überleben zählt – in das aber auch Laura verwickelt wird …

Was zu sagen wäre

Das möchte man ja auch nicht: Dass Dir auf dem Männer-Klo Dein Konkurrent in Karrieredingen auf die Wildlederschuhe pinkelt und sagt „Ich markiere nur mein Revier!" Im vorliegenden Film muss das James Spader ertragen, dem Jack Nicholson auf die Schuhe pisst.

Jack Nicholson ist hier das letzte Überbleibsel einer humanen Gesellschaft in einer Welt voller Karrieristen, oder, um im Filmtitel zu bleiben, der letzte Wolf im Haifischbecken. Mike Nichols, filmischer Forscher im Verhältnis von, allgemein, Mann zu Umwelt, im Speziellen zur Frau (In Sachen Henry – 1991; "Die Waffen der Frauen" – 1988; Sodbrennen – 1986; "Silkwood" – 1983; Catch 22 – Der böse Trick – 1970; Die Reifeprüfung – 1967; Wer hat Angst vor Virginia Woolf? – 1966), interpretiert die klassische Werwolfsaga um zu einer Metapher auf das zeitgenössische Berufsleben im New York der Firmenübernahmen und Ellbogenschubser. Mit Jack Nicholson, mit dem er seit der Zeit von "Die Kunst zu lieben" (1971), freundschaftlich verbunden ist, landet er eine ebenso nachvollziehbare wie herausragende Bersetzungsentscheidung (Eine Frage der Ehre – 1992; Die Spur führt zurück – The two Jakes – 1990; Batman – 1989; "Wolfsmilch" – 1987; Die Hexen von Eastwick – 1987; Sodbrennen – 1986; Die Ehre der Prizzis – 1985; Zeit der Zärtlichkeit – 1983; Wenn der Postmann zweimal klingelt – 1981; Shining – 1980; Duell am Missouri – 1976; Einer flog über das Kuckucksnest – 1975; Chinatown – 1974; "Das letzte Kommando" – 1973; Easy Rider – 1969; Psych-Out – 1968; Der Rabe – Duell der Zauberer – 1963; Kleiner Laden voller Schrecken – 1960).

Nicholson spielt das Schaf, das durch den Biss eines Wolfes zum Wolf im Schafspelz wird, ein braver Angestellter, der sich den Regeln des Marktes, anders ausgedrückt: den Regeln der Anderen unterwirft und eines Tages zurückbeißt; über die Schuhe seines Konkurrenten sein Revier markiert. Mit einem Mal, mit dem Biss des Wolfes, stehen dem braven Verlagslektor nur noch Meerschweinchen gegenüber, deren Ausdünstungen er riechen, deren geheimste Gedanken er hören kann. Plakatmotiv (US): Wolf (1994) Stewart Swinton, sein Protegé, der ihm ohne Schwierigkeiten Job und Ehefrau weggenommen hatte, steht plötzlich allein vor den Trümmern seiner Ellbogen-Karriere. Raymond Alden, der allmächtige Hire-and-Fire-Investor über dem Verlag, sieht in ihm plötzlich wieder den den Verlag allein selig machenden Manager; und dessen Tochter Laura, eine zynische Schönheit mit blondem Haar und blauem Auge, in ihm, der eben noch einer von Daddys entlassenen Verlierern war, den einzig wahren Kerl.

An dieser Stelle verliert der Film rapide an Spannung. Natürlich ist das von Anfang an klar, dass Nicholson, Jahrgang 1937, und Michelle Pfeiffer, Jahrgang 1958, ein Liebespaar bilden werden, darauf zielt ja schon das Filmplakat ab. Drehbuch und Regie finden aber keinen glaubhaften Dreh, um eine Liebesbeziehung zwischen Menschen zweier Generationen für den Zuschauer nachvollziehbar zu machen. Ach was: Die zynische Millionärstochter steht plötzlich auf animalische Instinkte, weil Frauen sich eben grundsätzlich gegen ihre langweiligen Unternehmer-Dads stellen und sowieso auf Tiere stehen? Dabei macht das in der ersten Hälfte des Films durchaus Spaß, Nicholson und Pfeiffer (Zeit der Unschuld – 1993; Batmans Rückkehr – 1992; Frankie und Johnny – 1991; Das Russland-Haus – 1990; "Die fabelhaften Baker Boys" – 1989; Gefährliche Liebschaften – 1988; Tequila Sunrise – 1988; Die Mafiosi-Braut – 1988; Die Hexen von Eastwick – 1987; Kopfüber in die Nacht – 1985; Scarface – 1983; Grease 2 – 1982) dabei zuzusehen, wie sie sich betont gar nicht füreinander interessieren. Es läuft dann aber in der zweiten Filmhälfte auf ein Duell Werwolf gegen Werwolf hinaus, dessen Ende in den Hollywood-Regeln auch in den 90er Jahren in Stein gemeißelt bekannt sind; und weil die 60er nun aber doch eine Weile zurückliegen, finden die Autoren Jim Harrison und Wesley Strick eine Lösung, die einerseits märchenhaft romantisch wirkt. Bei Licht betrachtet aber gar nicht funktioniert.

Jack Nicholson ist ein Glücksfall für das Kino. Seine Mimik, sein Auftreten, sind nährstoffreiches Futter für jede Spielfilmkamera. Michelle Pfeiffer ist ein Glücksfall für das Kino. Ihre Eleganz, ihre mit dem Gesicht eines Engels gepaarte Souveränität eines erwachsenen Menschen, lassen jede Filmkamera glühen. Diesen beiden Schauspielern zuzugucken, ist 125 Minuten elektrisierend. Mike Nichols aber hat seinem Œvre um diese beiden Ausnahme-Erscheinungen des amerikanischen Kinos keinen Klassiker hinzufügen können.

Wertung: 6 von 10 D-Mark
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