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Plakatmotiv: Wer hat Angst vor Virginia Woolf? (1966)

Epochales Kammerspiel über Lebenslügen
mit zwei fantastischen Schauspielern

Titel Wer hat Angst vor Virginia Woolf?
(Who's Afraid of Virginia Woolf?)
Drehbuch Ernest Lehman
nach dem Theaterstück von Edward Albee
Regie Mike Nichols, USA 1966
Darsteller

Elizabeth Taylor, Richard Burton, George Segal, Sandy Dennis, Agnes Flanagan, Frank Flanagan u.a.

Genre Drama
Filmlänge 131 Minuten
Deutschlandstart
16. Dezember 1966
Inhalt

Martha und George, ein alterndes Akademiker-Ehepaar, führen eine Beziehung, die von zynischen Wortgefechten und lustvollem Streit, Missachtung, Bloßstellung und Demütigungen geprägt ist. Um eine neue Qualität – die Öffentlichkeit – in ihre bittersüßen "Spiele" zu bringen, lädt Martha für einen Abend ein junges Ehepaar zu Besuch ein: den dandyhaften Biologiedozenten Nick und seine schüchterne Gattin Honey.

Plakatmotiv (US): Who's afraid of Virginia Woolf? – Wer hat Angst vor Virginia Woolf? (1966)Was zunächst harmlos beginnt, eskaliert bald zu einem gnadenlosen Seelenstriptease. Martha, dominanter Mittelpunkt des Geschehens, lässt nichts unversucht, den jungen Dozenten demonstrativ zu verführen und ihren Mann der Lächerlichkeit preiszugeben. George sinnt derweil auf Rache und demütigt Martha mit ihrer Wunschvorstellung von einem gemeinsamen Sohn.

Mit vereinten Kräften halten die Gastgeber wiederum dem jungen Paar den Spiegel vor und entlarven die Nichtigkeit ihrer Beziehung. Für alle Beteiligten verschwimmen im Verlauf der Nacht die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge, Realität und Wahn, Spiel und bitterem Ernst …

Was zu sagen wäre

Die Herausforderung, wenn man ein Bühnenstück für die Leinwand adaptiert, besteht darin, den Blick zu weiten, eine nur durch Dialoge vorangetriebene Handlung auf kleinstem (Bühnen)Raum in die Dreidimensionalität einer Welt auf der Kinoleinwand zu transferieren. Regisseur Mike Nichols ist das so gelungen, dass man gar nicht glauben mag, dass dieser Film sein Regiedebüt darstellt. Dabei hat er die Welt, in der das Drama seinen Lauf nimmt gegenüber der Bühnenfassung nur marginal erweitert. Jetzt gibt es noch eine Autofahrt und eine Autoraststätte als Schauplatz der giftigen Streitereien. Der Rest ist Dialog und Schauspiel. Da schöpft Nichols aus dem Vollen.

Ursprünglich geplant war, dass Bette Davis und James Mason das streitbare Paar spielen. Das Studio Warner Bros. entschied zugunsten von Elizabeth Taylor und Richard Burton, weil deren turbulente Ehe regelmäßig für Schlagzeilen in der Regenbogenpresse sorgte und man sich durch deren Besetzung einen größeren Werbeeffekt für den Film erhoffte – dass beide keine ganz untalentierten Schauspieler sind, half bei der Entscheidungsfindung. Taylor und Burton enttäuschen nicht.

Sie spielen ein Ehepaar, bei dem ich mich fragen könnte, was die beiden eigentlich noch zusammenhält oder, was sie eigentlich vor den Traualtar getrieben hat. Ich frage es mich aber nicht. Denn da ist ja noch dieses zweite Ehepaar, Nick und Honey, das ganz am Anfang seiner Ehe steht und jetzt schon so knietief in Lebenslügen watet, dass die Ausgangsfrage anders lauten muss: Nicht Was hält die beiden zusammen? Sondern Wie macht man sich dieses verlogene Leben erträglich? Daran vorbei kommt man ja nicht – jedenfalls nicht in der hier gezeigten Welt der Angestellten eines Uni-Campus. Liebe spielte da eher eine nebensächliche Rolle und die Entscheidung traf die Frau – wie überhaupt in diesem Stück die Frauen die Entscheider sind. Beide sind Töchter wohlhabender Väter, die jüngere Tochter eines sparsamen Geistlichen, die ihrem Freund eine Schwangerschaft vortäuscht, um geheiratet zu werden und das Elternhaus verlassen zu können; später stellt sich raus, dass sie sehr wohl schwanger war, aber einfach keine Kinder haben will – noch so eine Lebenslüge.

Plakatmotiv (US/F): Who's afraid of Virginia Woolf? – Wer hat Angst vor Virginia Woolf? (1966)Marthas Vater ist der Dekan der Uni, an der George als Historiker lehrt. Es bleibt im Nebulösen, wer ursprünglich den Plan hatte, dass George erst die Historische Fakultät übernimmt und dann die Leitung der ganzen Uni aus Schwiegerpapas Händen. Jedenfalls ist daraus nichts geworden, ebensowenig wie aus dem Plan, eine Familie zu gründen und heute sind Martha und George seit mehr als 20 Jahren verheiratet und wissen nicht, warum. Sie langweilen sich auf Empfängen der Uni. Sie lästern über Kollegen. Sie verlieren sich in Lügen, mit denen sie sich unter Hinzuziehung großer Mengen Alkohol ihr Leben schön reden. Nick und Honey wird es dereinst genauso gehen. Das ist offenbar das Schicksal der Gelehrten in ihren Elfenbeintürmen. Sie durchdringen alles in der Theorie und verbeißen sich dann in der Praxis an der Realität.

Mike Nichols hat sich für sein Debüt eine erstklassige Crew zusammengestellt. Herausheben möchte ich Ausstattung (Richard Sylbert und George James Hopkins) und Kostüm. Kameramann Haskell Wexler leuchtet die gediegene mit Büchern vollgestellte und herumliegenden Gegenständen dekorierte Wohnung in ein dem Psychostress diametral entgegengesetztes gemütliches, indirektes Licht. Und allein die Strickjacke und die Brille, die Kostümdesignerin Irene Sharaff Richard Burton angezogen hat, ist ein steter Hinweis auf dessen eigentlich zurückhaltenden Charakter, der ihn nicht nur die Leitung der Historischen Fakultät gekostet hat.

All das aber wäre nur lose Verpackung, wenn die beiden Hauptcharaktere nicht stimmten. Richard Burton (Der Spion, der aus der Kälte kam – 1965; Die Nacht des Leguan – 1964; Cleopatra – 1963; Das Gewand – 1953) stattet seinen George mit so viel weggedrückt brodelndem Jähzorn aus, dass ich ständig mit einer Eruption rechne – trotz der Strickjacke – die er aber immer nur androht. Bis er explodiert. Herrlich, wie er seine Frau angiftet, die keift zurück, und er schaltet in einem Augenblick um auf devotes, hingebungsvolles Männlein mit beißendem Zynismus.

Elizabeth Taylor hat für ihre Darstellung ihren zweiten Oscar geholt (Cleopatra – 1963; Telefon Butterfield 8 – 1960; Plötzlich im letzten Sommer – 1959; Die Katze auf dem heißen Blechdach – 1958; Giganten – 1956; Quo Vadis – 1951; "Ein Geschenk des Himmels" – 1951; Vater der Braut – 1950). Richtig glänzen kann sie erst in der zweiten Hälfte. In der ersten ist sie die unausstehlich rechthaberische zänkische von Mann und Leben enttäuschte Furie. Bis auch in ihrer Martha-Rolle die Zwischentöne zur Geltung kommen. Sie ist großartig (ein charmanter Randgedanke: Das ist also aus dem lebensfrohen Backfisch Liz Taylor geworden, der vor 16 Jahren in Vater der Braut seine Hochzeit gefeiert hat)!
Was die Oscar-Jury an Burton allerdings weniger großartig fand, sodass es bei ihm nur zur Nominierung reichte, erschließt sich mir nicht (an seiner statt wurde Paul Scofield für seine Hauptrolle in "Ein Mann für jede Jahreszeit" geehrt).

Mike Nichols hat mit feinem Gespür für Zwischentöne und Atmosphäre psychische Abhängigkeiten in zwei Akademiker-Ehen seziert und dies formvollendet für die Leinwand aufbereitet. Was für ein Erstlingsstück.

Wertung: 8 von 8 D-Mark
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