In dem Küstenstädtchen Tigreville in der Normandie verbringt der Hotelbesitzer und ehemalige Marineinfanterist Albert Quentin seine Tage damit, sich zu betrinken und von seiner Zeit als Soldat der Kolonialtruppen in China zu träumen.
Als im Juni 1944 die Stadt von den Deutschen bombardiert wird, schwört er im Falle seines Überlebens nie wieder zu trinken. Fünfzehn Jahre später steigt der Werbetexter und Alkoholiker Gabriel im Quentins Hotel in Tigreville ab. Er freundet sich mit dem jungen, verloren wirkenden Mann an und wirft seine hehren Vorsätze bezüglich Hochprozentigem bald über Bord …
Einer chinesischen Legende zufolge verirrten sich jeden Winter kleine Äffchen in den großen Städten. Die Menschen dort nahmen sie über den Winter unter ihre Fittiche und setzten sie im Frühling wieder im Wald aus. Mit zwei solcher Äffchen haben wir es in diesem Film zu tun.
Der eine, der Hotelbesitzer Albert, trauert seiner Jugend nach, die er als Quartiermeister des französischen Expeditionskorps in China verbracht hat, und sich seitdem nutzlos fühlt und trinkt. Der andere, Gabriel, ist nach einer Trennung oder gar Scheidung aus der Bahn geworfen und weiß nicht, wohin im Leben. beide treffen sich in Tigreville, einem (fiktiven) Städtchen in der Normandie, wo Albert sein Hotel betreibt.
Dort hat er über viele Jahre ordentlich gesoffen, aber seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist er trocken. Nicht so Gabriel, der in Tigreville seine Tochter besuchen will, die dort ungeliebt in einem Mädchenpensionat lebt – aber so richtig besuchen will er sie dann lieber doch nicht, er schämt sich offenbar.
Gabriels Scheitern ist nicht explizit. Er ist Werbetexter in Lohn und Brot. Er ruft eine junge Frau in Madrid an und legt auf, als sie Hallo, wer ist denn da? sagt. Ob die Tochter beider Tochter ist, bleibt offen, wie weit Gabriels Träumereien von Stierkämpfen in Spanien einem realen Erleben entstammen, ebenso. Aber er trinkt viel. Das ist deutlich erkennbar. So viel, dass er nicht mehr stehen kann, aggressiv wird und sich anderntags an nichts mehr erinnert.
Henri Verneuil (Der Präsident – 1961) komponiert hier eine Etüde in Einsamkeit der Nachkriegsmänner, jener Männer, die nach dem Krieg nicht wieder auf den Boden gefunden haben, und jener Männer, deren Väter nach dem Krieg nicht heimkehrten oder eben dort dann nicht mehr auf den Boden gefunden haben. Diese Männer wissen sich anders nicht zu helfen, als ihren uneingestandenen Kummer in Alkohol zu ertränken. Hotelmann Albert hat seiner stets hilfsbereiten Ehefrau versprochen, nie wieder zu trinken, und hält dieses Versprechen auch 15 Jahre durch. Als er dann Gabriel kennenlernt, sieht er sein Alter Ego, erkennt die anhaltende Leere in seinem Leben und zieht mit ihm für eine großartige Nacht noch einmal los. Und es wird eine großartige Nacht. Für die beiden, aber irgendwie auch für die kleine Stadt und sogar für die Freundschaft Frankreichs mit den Alliierten aus USA und Großbritannien. In dieser Nacht überhöht er seine latente Alkoholsucht zur Weltläufigkeit. All die anderen Trinker um ihn herum in der Kneipe seien doch nur Spießer, die nie aus ihren Normandie-Kaff herausgekommen wären, sagt er, während er, wenn er trinke, auf große Reisen ginge und gar die Welt rette. Es ist eine fantastische Rolle für Jean Gabin, den großen Alten Mann des französischen Kinos seit den 1930er Jahren (Der Präsident – 1961; Maigret kennt kein Erbarmen – 1959; Mit den Waffen einer Frau – 1958; Die Miserablen – 1958; "Maigret stellt eine Falle" – 1958; Razzia in Paris – 1955). Selbst im Vollrausch verströmt sein Albert noch Autorität und Führungsstärke, im nüchternen Tagsüber dann ist er der brummige Geschäftsmann, dem mit dem Alkohol auch die Kumpane abhanden gekommen sind.
Da kann Gabriel nicht mithalten. Er rettet auch unter Alkoholeinfluss nicht die Welt, obsiegt aber als genialer Torrero in der Stierkampfarena, auch wenn da mal heran rasende Autos auf der Hauptstraße als tobende Stiere herhalten müssen. Aber auch im Rausch vermisst er seine Tochter, sein altes Leben. Jean-Paul Belmondo (s.u.) spielt ihn als die große Verzweiflung, die weder ein noch aus weiß.
Als ich den Film in den 1970er Jahren zum ersten Mal sehe, gilt er als die große Wachablösung im französischen Kino. Jean Gabin, der seinen ersten Auftritt im französischen Kino 1928 hatte, übergibt das Zepter an Jean-Paul Belmondo, dessen Kinokarriere 1957 begonnen hat. Die Dreharbeiten sollen kühl begonnen haben, weil Gabin seinem jungen Kollegen mit Missachtung begegnete. Das soll sich aber bald geändert haben, als Gabin die Leidenschaft und spielerische Qualität Belmondos erkannte. Ohne diesen filmakademischen Hintergrund bleibt "Ein Affe im Winter" ein melancholisches Portrait zweier Einsamer, gespielt von zwei großen Könnern des französischen Films.
Jean-Paul Belmondo im Kino
Jean-Paul Belmondo (* 9. April 1933 in Neuilly-sur-Seine; † 6. September 2021 in Paris) war ein französischer Film– und Theaterschauspieler. Er wurde ab den späten 1950er Jahren zunächst als Darsteller innerhalb der Nouvelle Vague bekannt. Ab Mitte der 1960er Jahre war er zwei Jahrzehnte lang als Komödiant und agiler Held actionbetonter Filme einer der erfolgreichsten Stars des europäischen Kinos.
- À pied, à cheval et en voiture (1957)
- Sonntagsfreunde (1958)
- Sei schön und halt den Mund (1958)
- Die sich selbst betrügen (1958)
- Leben und lieben lassen (1958)
- Ein Engel auf Erden (1959)
- Schritte ohne Spur (1959)
- Ausser Atem (1960)
- Der Panther wird gehetzt (1960)
- Stunden voller Zärtlichkeit (1960)
- Die Französin und die Liebe (1960)
- Die Nacht vor dem Gelübde (1960)
- … und dennoch leben sie (1960)
- Das Haus in der Via Roma (1961)
- Eine Frau ist eine Frau (1961)
- Eva und der Priester (1961)
- Galante Liebesgeschichten (1961)
- Sie nannten ihn Rocca (1961)
- Mit meinen Augen (1961)
- Riviera-Story (1961)
- Cartouche, der Bandit (1962)
- Ein Affe im Winter (1962)
- Der Teufel mit der weißen Weste (1962)
- Verrückte Seefahrt (1963)
- Bonbons mit Pfeffer (1963)
- Heißes Pflaster (1963)
- Die Millionen eines Gehetzten (1963)
- Abenteuer in Rio (1964)
- 100.000 Dollar in der Sonne (1964)
- Der Boss hat sich was ausgedacht (1964)
- Jagd auf Männer (1964)
- Dünkirchen 2. Juni 1940 (1964)
- An einem heißen Sommermorgen (1965)
- Elf Uhr nachts – Pierrot le Fou (1965)
- Die tollen Abenteuer des Monsieur L. (1965)
- Geliebter Schuft (1966)
- Brennt Paris? (1966)
- Der Dieb von Paris (1967)
- Casino Royale (1967)
- Ho! (1968)
- Das Superhirn (1969)
- Das Geheimnis der falschen Braut (1969)
- Dieu a choisi Paris (1969)
- Der Mann, der mir gefällt (1969)
- Borsalino (1970)
- Musketier mit Hieb und Stich (1971)
- Der Coup (1971)
- Der Halunke (1972)
- Der Mann aus Marseille (1972)
- Der Erbe (1973)
- Le Magnifique (1973)
- Stavisky (1974)
- Angst über der Stadt (1975)
- Der Unverbesserliche (1975)
- Der Greifer (1976)
- Der Körper meines Feindes (1976)
- Ein irrer Typ (1977)
- Der Windhund (1979)
- Der Puppenspieler (1980)
- Der Profi (1981)
- Das As der Asse (1982)
- Der Außenseiter (1983)
- Die Glorreichen (1984)
- Fröhliche Ostern (1984)
- Der Boss (1985)
- Der Profi 2 (1987)
- Der Löwe (1988)
- Der Unbekannte (1992)
- 101 Nacht - Die Träume des M. Cinema (1995)
- Les Misérables (1995)
- Désiré (1995)
- Alle meine Väter (1998)
- Peut-être (1999)
- Les acteurs (2000)
- Amazone (2000)
- Ein Mann und sein Hund (2008)
