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Plakatmotiv: Ein Affe im Winter (1962)

Das melancholische Portrait
zweier einsamer Männer

Titel Ein Affe im Winter
(Un singe en hiver)
Drehbuch François Boyer & Michel Audiard
nach dem gleichnamigen Roman von Antoine Blondin
Regie Henri Verneuil, Frankreich 1962
Darsteller

Jean Gabin, Jean-Paul Belmondo, Suzanne Flon, Gabrielle Dorziat, Hella Petri, Marcelle Arnold, Charles Bouillaud, Anne-Marie Coffinet, André Dalibert, Hélène Dieudonné, Geneviève Fontanel, Gabriel Gobin, Sylviane Margollé, Lucien Raimbourg, Hans Verner, Paul Frankeur, Noël Roquevert, Édouard Francomme u.a.

Genre Drama
Filmlänge 105 Minuten
Deutschlandstart
7. August 1962
Inhalt

In dem Küstenstädtchen Tigreville in der Normandie verbringt der Hotelbesitzer und ehemalige Marineinfanterist Albert Quentin seine Tage damit, sich zu betrinken und von seiner Zeit als Soldat der Kolonialtruppen in China zu träumen.

Als im Juni 1944 die Stadt von den Deutschen bombardiert wird, schwört er im Falle seines Überlebens nie wieder zu trinken. Fünfzehn Jahre später steigt der Werbetexter und Alkoholiker Gabriel im Quentins Hotel in Tigreville ab. Er freundet sich mit dem jungen, verloren wirkenden Mann an und wirft seine hehren Vorsätze bezüglich Hochprozentigem bald über Bord …

Was zu sagen wäre

Einer chinesischen Legende zufolge verirrten sich jeden Winter kleine Äffchen in den großen Städten. Die Menschen dort nahmen sie über den Winter unter ihre Fittiche und setzten sie im Frühling wieder im Wald aus. Mit zwei solcher Äffchen haben wir es in diesem Film zu tun.

Der eine, der Hotelbesitzer Albert, trauert seiner Jugend nach, die er als Quartiermeister des französischen Expeditionskorps in China verbracht hat, und sich seitdem nutzlos fühlt und trinkt. Der andere, Gabriel, ist nach einer Trennung oder gar Scheidung aus der Bahn geworfen und weiß nicht, wohin im Leben. beide treffen sich in Tigreville, einem (fiktiven) Städtchen in der Normandie, wo Albert sein Hotel betreibt. Plakatmotiv (UK): Monkey Winter (1962) Dort hat er über viele Jahre ordentlich gesoffen, aber seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist er trocken. Nicht so Gabriel, der in Tigreville seine Tochter besuchen will, die dort ungeliebt in einem Mädchenpensionat lebt – aber so richtig besuchen will er sie dann lieber doch nicht, er schämt sich offenbar.

Gabriels Scheitern ist nicht explizit. Er ist Werbetexter in Lohn und Brot. Er ruft eine junge Frau in Madrid an und legt auf, als sie Hallo, wer ist denn da? sagt. Ob die Tochter beider Tochter ist, bleibt offen, wie weit Gabriels Träumereien von Stierkämpfen in Spanien einem realen Erleben entstammen, ebenso. Aber er trinkt viel. Das ist deutlich erkennbar. So viel, dass er nicht mehr stehen kann, aggressiv wird und sich anderntags an nichts mehr erinnert.

Henri Verneuil (Der Präsident – 1961) komponiert hier eine Etüde in Einsamkeit der Nachkriegsmänner, jener Männer, die nach dem Krieg nicht wieder auf den Boden gefunden haben, und jener Männer, deren Väter nach dem Krieg nicht heimkehrten oder eben dort dann nicht mehr auf den Boden gefunden haben. Diese Männer wissen sich anders nicht zu helfen, als ihren uneingestandenen Kummer in Alkohol zu ertränken. Hotelmann Albert hat seiner stets hilfsbereiten Ehefrau versprochen, nie wieder zu trinken, und hält dieses Versprechen auch 15 Jahre durch. Als er dann Gabriel kennenlernt, sieht er sein Alter Ego, erkennt die anhaltende Leere in seinem Leben und zieht mit ihm für eine großartige Nacht noch einmal los. Und es wird eine großartige Nacht. Für die beiden, aber irgendwie auch für die kleine Stadt und sogar für die Freundschaft Frankreichs mit den Alliierten aus USA und Großbritannien. In dieser Nacht überhöht er seine latente Alkoholsucht zur Weltläufigkeit. All die anderen Trinker um ihn herum in der Kneipe seien doch nur Spießer, die nie aus ihren Normandie-Kaff herausgekommen wären, sagt er, während er, wenn er trinke, auf große Reisen ginge und gar die Welt rette. Es ist eine fantastische Rolle für Jean Gabin, den großen Alten Mann des französischen Kinos seit den 1930er Jahren (Der Präsident – 1961; Maigret kennt kein Erbarmen – 1959; Mit den Waffen einer Frau – 1958; Die Miserablen – 1958; "Maigret stellt eine Falle" – 1958; Razzia in Paris – 1955). Selbst im Vollrausch verströmt sein Albert noch Autorität und Führungsstärke, im nüchternen Tagsüber dann ist er der brummige Geschäftsmann, dem mit dem Alkohol auch die Kumpane abhanden gekommen sind.

Da kann Gabriel nicht mithalten. Er rettet auch unter Alkoholeinfluss nicht die Welt, obsiegt aber als genialer Torrero in der Stierkampfarena, auch wenn da mal heran rasende Autos auf der Hauptstraße als tobende Stiere herhalten müssen. Aber auch im Rausch vermisst er seine Tochter, sein altes Leben. Jean-Paul Belmondo (s.u.) spielt ihn als die große Verzweiflung, die weder ein noch aus weiß.

Als ich den Film in den 1970er Jahren zum ersten Mal sehe, gilt er als die große Wachablösung im französischen Kino. Jean Gabin, der seinen ersten Auftritt im französischen Kino 1928 hatte, übergibt das Zepter an Jean-Paul Belmondo, dessen Kinokarriere 1957 begonnen hat. Die Dreharbeiten sollen kühl begonnen haben, weil Gabin seinem jungen Kollegen mit Missachtung begegnete. Das soll sich aber bald geändert haben, als Gabin die Leidenschaft und spielerische Qualität Belmondos erkannte. Ohne diesen filmakademischen Hintergrund bleibt "Ein Affe im Winter" ein melancholisches Portrait zweier Einsamer, gespielt von zwei großen Könnern des französischen Films.

Wertung: 6 von 7 D-Mark
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