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Plakatmotiv: Die Elenden / Die Miserablen (1958)

Großes, ausführlich erzähltes Kino
ohne dramaturgische Raffinesse

Titel Die Miserablen
(Les Misérables)
Drehbuch René Barjavel & Jean-Paul Le Chanois
nach dem gleichnamigen Roman von Victor Hugo
Regie Jean-Paul Le Chanois, Frankreich, DDR, Italien 1958
Darsteller

Jean Gabin, Danièle Delorme, Bernard Blier, Serge Reggiani, Bourvil, Giani Esposito, Martine Havet, Béatrice Altariba, Elfriede Florin, Jimmy Urbain, Jean Murat, Lucien Baroux, Silvia Monfort, René Fleur, Isabelle Lobbé, Fernand Ledoux, Madeleine Barbulée, Marc Eyraud, Pierre Tabard, Jacques Harden, Gérard Darrieu, Hans-Ulrich Lauffer, Christoph Beyertt, Julienne Paroli, Jean d'Yd, Suzanne Nivette, Jean Ozenne, Gabrielle Fontan, Laure Paillette, Paul Villé, Louis Arbessier, Edmond Ardisson, André Dalibert, Henri Guégan, Gerhard Bienert, Harry Hindemith, Bernard Musson, Robert Bazil, Christian Fourcade, Jacques Marin, Jean Favre-Martin, Paul Bonifas, François Darbon, Palmyre Levasseur u.a.

Genre Drama, Historie
Filmlänge 210 Minuten
Deutschlandstart
29. Januar 1960
Inhalt

Teil I

Frankreich, 1815: Der Sträfling Jean Valjean, der wegen des Diebstahls eines Stückes Brot und zahlreicher Fluchtversuche 19 Jahre lang in Haft gehalten wurde, wird endlich aus dem Zuchthaus entlassen. Der Bischof Myriel, den er nach seiner Entlassung zu bestehlen versucht, rettet Valjean vor einer erneuten Verhaftung und ebnet ihm mit dem Geschenk wertvoller Silberleuchter den Weg in eine bessere Zukunft. Bestürzt von dieser Erfahrung der selbstlosen Großzügigkeit beschließt Jean Valjean, sein Leben den Bedürftigen zu widmen.

Zwischen Anfang und Ende dieses ersten Teils vergeht ein Jahrzehnt, in dem Jean Valjean mehrmals die Identität wechselt, um seiner Vergangenheit zu entkommen. Dabei ist Javert, der Sohn eines früheren Aufsehers im Zuchthaus von Toulon, ihm ständig auf den Fersen. In seinem neuen Leben als Bürgermeister von Montreuil-sur-Mer begegnet Valjean der Prostituierten Fantine, die alles bis auf ihre Zähne und ihr goldenes Haar verkauft hat, um an Geld zu kommen. Das wenige Geld schickte sie an die Familie Thénardier, die ihre Tochter Cosette in ihrem Gasthaus beherbergt.

Während die Familie Thénardier immer mehr Geld verlangt, muss Cosette harte Arbeit verrichten und wird misshandelt. Um den letzten Willen der sterbenden Fantine zu erfüllen, macht sich Valjean auf die Suche nach dem kleinen Mädchen.

Teil II

Frankreich, 1830: Das Volk spaltet sich zwischen Anhängern der Republik und der Monarchie. In den Pariser Cafés ist eine neue Revolution spürbar. Der junge Student Marius, Sohn eines napoleonischen Colonels, verzichtet nach dem Tod seines Vaters auf sein adeliges Leben und zieht in die Hauptstadt zur Familie Thénardier.

Neben seinen neuen politischen Aktivitäten beschäftigt ihn auch seine Zuneigung zu einer ihm unbekannten Dame. Es ist Cosette, die ihm während ihrer gewohnten Spaziergänge durch die Pariser Parks immer wieder begegnet. Unter der Aufsicht von Jean Valjean ist Cosette zu einer sorglosen, feinfühligen jungen Frau herangewachsen.

Während eines ihrer Spaziergänge durch die Stadt werden Cosette und Valjean Zeugen, wie eine Frau beinahe verhaftet wird. Sie hatte aus Hunger ein Stück Brot gestohlen. Für das gleiche Vergehen musste Valjean einst lange im Zuchthaus büßen. Dank seiner Intervention bleibt die junge Diebin auf freiem Fuß und begleitet ihre Wohltäter in ihr wohlhabendes Zuhause.

Dabei erkennen Valjean und Cosette nicht, dass es sich bei der Diebin um die Tochter der Thénardiers, Éponine, handelt. Durch die erneute Begegnung der beiden Familien wird Valjeans neue Identität aufgedeckt, wodurch ihm Inspektor Javert auf die Spur kommt. Derweil bereitet sich Marius mit seinen republikanischen Gesellen auf eine lange Nacht der Barrikaden vor …

Was zu sagen wäre

"Les Miserables" ist in Frankreich Teil des Nationalstolzes. Victor Hugos groß angelegte Erzählung über Macht und Ohnmacht, Schuld und Sühne und darüber, wie ethisches Handeln Menschen beeinflusst und Elend abwenden kann, ist ein großartiger, dicht geknüpfter Schmöker, der mehr als 50 Mal verfilmt worden ist. Diese ursprünglich dreieinhalbstündige Filmversion entstammt einer Kooperation der Filmindustrien Frankreichs und der DDR, die in Westdeutschland unter dem eigentümlichen Titel "Die Miserablen" ins Kino kam. Plakatmotiv (Fr.): Les Misérables (1958) Hugo erzählt keine Geschichte über miserable, also böse Menschen, obwohl die auch und zuhauf vorkommen. Ordentlich übersetzt wäre aus dem Filmtitel im deutschen "Die Elenden" geworden.

Mit großem Aufwand in weiten Panoramen und dreckigen Kaschemmen entfaltet Regisseur Jean-Paul Le Chanois das Frankreich zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Er setzt gegen Victor Hugos Erzählkunst beim Leser, der jetzt Zuschauer ist, dessen Vorstellungskraft durch detailreiche Bilder.

Der Kunst des schreibenden Erzählers aber stellt Le Chanois nicht die Kunst eines filmenden Erzählens entgegen. Dramaturgisch ist der Film eine reine Bebilderung der Szenen aus Hugos Roman, die ohne Spannungselemente durch simple Und-dann-und-dann-und-dann-Szenen aneinander gesetzt werden. Eben noch ist Valjean knapp dem Spitzel Javert entkommen, ist er auch schon Bürgermister, ist er auch schon entdeckt, ist ihm Javert schon wieder auf den Fersen, hat sich Valjean in Paris ein neues Leben mit Cosette als Mündel aufgebaut und bricht die Julirevolution von 1830 aus.

Zusammen hält die vielen einzelnen Tableaus ein Erzähler, der aus dem Off nicht nur die Lücken zwischen Bildern mit Zeitsprung füllt, sondern bisweilen auch erläutert, was eine Figur vor der Kamera denkt oder fühlt.

Jean Gabin ("Maigret stellt eine Falle" – 1958; Razzia in Paris – 1955) spielt den Valjean, der vom Paulus zum Paulus gerät, als ihn der freundliche Bischof Bienvenue Myriel mit einer guten Tat vor den Häschern des Staates beschützt. Seine Vorgeschichte – Brot gestohlen, vier Jahre Zuchthaus, Fluchtversuche, 19 Jahre Zuchthaus – erzählt der Off-Sprecher, wir lernen ihn kennen, als er endlich entlassen wird. Im Buch ist er ein innerlich verbitterter Mensch, der Rache gegen das System geschworen hat und schließlich durch den Bischof ein moralisch denkender und guter Mensch wird. So viel sehen wir bei Gabin nicht. Er stattet den Valjean mit seinem brummigen Charakter aus und gibt ihm den Schatten eines verhärteten, jeder Romantik verlorenen Mannes, der sich am guten Bischof ein Beispiel nimmt und zumindest dem Buchstaben nach Gutes tut.

Gabins Valjean weiß vom ersten Bild an, dass er verloren ist, jede Leidenschaft, die dem Mann vielleicht einst inne wohnte, ist erloschen. Seinen Gegenspieler Javert spielt Bernard Blier ohne Schattierung. Sein Javert ist besessen von Valjean – unerklärlich, weil ihm das von Hugo mitgegebene literarische Gerüst fehlt. Plakatmotiv (Fr.): Les Misérables (1958) Dieser klassische Schurke im Stück ist im Roman ein Mann, dessen oberste Treue gilt dem Gesetz und der Bibel gilt, nicht seinem Gewissen. Für die Figur im Roman gibt es nur gute oder böse Menschen auf der Welt. Er steht voll hinter dem Staat und zweifelt nicht Staat und Gottes Wille für der Verhältnisse. Im Film steht Javert einfach immer plötzlich wieder im Bild, egal, wo in Frankreich wir uns aufhalten, und ist die ewige Bedrohung des Valjean.

Als ewig widerlicher Thénardier allerdings hat André Bourvil große Auftritte ("Zwei Mann, ein Schwein und die Nacht von Paris" – 1956; "Wer nimmt die Liebe ernst?" – 1954; "Versailles – Könige und Frauen" – 1954; "Die Abenteuer der drei Musketiere" – 1953). Der große Clown des französischen Kinos nutzt die Zwänge dieser internationalen Großproduktion und tobt sich ordentlich aus. Die Regie ist in solch teuren Produktionen angewiesen auf Schauspieler, die buchstäblich mitspielen, nicht auf Regieanweisungen angewiesen sind. Ähnlich wie Gabin seinen Valjean einfach mit seinen Gabin'ismen ausstattet, stattet Borvil seinen Thénardier mit aller Schmiere aus, die ihm seine aufgeschriebene Rolle bietet. Er nutzt die alte Erkenntnis des Theaters, dass der Schurke schauspielerisch mehr hergibt, als der immer strahlen müssende Held.

Die anderen Schauspieler füllen ihre Rolle als Status aus. Béatrice Altariba als Cosette ist bezaubernd, aber gegen viele andere Gesichter, die einem so im französischen Kino einfallen, austauschbar. Dasselbe gilt für Giani Esposito, der sich als romantischer Revolutionär oder verwirrter Romantiker Marius Pontmercy halt da hinstellt, wo der Regisseur ihn gerade braucht. Beide lösen ihre Aufgabe, finden in dieser Mammutproduktion aber keinen Raum zur Entfaltung.

Der Film besticht durch seinen Umfang. Er dauert mehr als drei Stunden. Da fehlt zwar immer noch jede Menge von dem, was die Vorlage so groß macht, zumal man die Gossensprache, die den Roman aus der damaligen Literatur heraushob, ohnehin kaum in einen Film bringen kann, den auch Familien sehen sollen. Aber der Zuschauer kann doch in die Schicksalen und Dramen der Figuren eintauchen, die einfühlsam besetzt sind.

Wertung: 4 von 7 D-Mark
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