Henri "Le Nantais" kommt nach Reisen durch Asien, Latein- und Nordamerika nach Frankreich zurück. Wegen seines Rufs, hervorragende Arbeit für einen US-Boss geleistet zu haben, beauftragt ihn der Pariser Drogenboss Liski mit der operativen Führung in Paris. Henri soll in der „verlotterten Organisation für Ordnung sorgen“; zur Tarnung fungiert er als Geschäftsführer eines gut laufenden Restaurants. Dabei geht er eine Beziehung mit der Kassiererin Lisette ein.
Die beiden Gorillas von Liski, "der Katalane" und Bibi, erhalten von Henri den Namen eines Bandenmitglieds, eines Schmugglers, der aus dem Geschäft aussteigen will.
Sie rauben ihn aus und töten ihn.
Henri lässt sich innerhalb der Organisation das ganze Vertriebsnetz bis zu den Endabnehmern vorführen. Dabei besucht er ein Labor, in dem der Chemiker der Bande Rohopium zu Heroin verarbeitet. Ein Velokurier, der auf eigene Faust Stoff abgezweigt und an einen Zwischenhändler verkauft hat, wird in Liskis Auftrag getötet.
Kurz nach einer Reise nach Le Havre, bei der er 40 Kilogramm an englische Mittelsmänner übergeben hat, fliegen die Engländer auf: im Restaurant gibt es eine Polizeirazzia. Die Polizei nimmt alle Anwesenden fest und Henri in die Mangel …
Dieser Kriminalfilm von 1955 tarnt sich als Dokumentation mit Spielfilmcharakter und stellt für den Zuschauer eine Warnung voraus: „Dieser Film zeigt im harten Licht der Realität ein brutales, skrupelloses und bislang unbekanntes Milieu. Die Autoren erachten ihr Ziel als erreicht, wenn dieses Werk eine Warnung für all jene darstellt, die aus Schwäche oder Unwissenheit möglicherweise eines Tages dieser schrecklichen Geißel zum Opfer fallen: DER DROGE.“
Und brutal ist dieser Film aus damaliger Sicht. Im "Academy"-Bildformat 4:3 und kontrastreichem Schwarz-Weiß kreiert der Film zunächst die Anmutung klassischer US-Gangsterfilme, setzt aber Motive, die in Hollywood der 30er Jahre – und schon gar nicht in dem der 50er Jahre – nur jenseits der Kamera möglich waren. Eine Frau wird vergewaltigt, eine andere bis auf den BH entkleidet, ein Polizist liefert kaltblütig unbewaffnete Kleinkriminelle ans Messer – alles moralische Unmöglichkeiten im US-Kino.
"Razzia sur la chnouf" folgt nicht der klassischen Filmdramaturgie <Nachtrag1998>und wenn man den Clou am Ende des Films nicht kennt, ist der Film aus Sicht eines Zuschauers des 21. Jahrhunderts abseits des akademischen Interesses nicht sonderlich aufregend</Nachtrag1998>.
Da steigt ein mittelalter Mann aus einem eleganten Überseeflugzeug Marke "Caravelle", wird von einem Unterweltboss empfangen und soll dessen Drogengeschäft straffen. Das macht der Mann dann treulich und mit ihm lernt der Zuschauer, der im Jahr 1955 Drogenkriminalität nur dramaturgisch aufbereitet aus dem US-Kino mit – häufig – James Cagney, oder aus Zeitungsschlagzeilen kannte, Schritt für Schritt den Weg harter Drogen kennen – aus der Heroinküche über die Kuriere an die Zwischenhändler bis zu den Kneipen mit den Endabnehmern.
Der Mann aus dem Flugzeug folgt diesem Weg ziemlich unbeeindruckt. Er kennt das aus seiner jahrelangen Arbeit in den USA. Entdeckt er unzuverlässige Elemente in der Lieferkette, lässt er zwischenzeitlich auch mal Kleinkriminelle umbringen und verbringt gerne Zeit mit der Kassiererin aus seinem gut gehenden Lokal – sie 22, er Anfang 50. Jean Gabin (Der Clan der Sizilianer – 1969; Action Man – 1967; Der Präsident – 1961; Maigret kennt kein Erbarmen – 1959; Mit den Waffen einer Frau – 1958) spielt diesen Mann mit dem wenig bewegten Gesicht, der Kleinkriminelle ans Messer liefert. Im Filmgeschäft gehörte es damals zum guten Ton, dass männliche Filmstars eine junge Frau an die Seite – und hier explizit auch ins Bett – bekamen; drei Jahre später darf Gabin die 30 Jahre jüngere Brigitte Bardot befingern.
Etwas Aufregung sollen zwei Gangster mit locker sitzenden Waffen in den Film bringen. Sie sind zuständig, jene unzuverlässigen Mitglieder aus der Lieferkette zu eliminieren. Den einen der beiden spielt der spätere Weltstar Lino Ventura in seinem zweiten Kinoauftritt ("Der Rammbock" – 1983; Der Maulwurf – 1982; Das Verhör – 1981; Der Schrecken der Medusa – 1978; Die Macht und ihr Preis – 1976; Adieu Bulle – 1975; "Der Ehekäfig" – 1975; "Die Ohrfeige" – 1974; Die Filzlaus – 1973; Die Valachi-Papiere – 1972; Rum-Boulevard – 1971;
Der Clan der Sizilianer – 1969; Armee im Schatten – 1969; Die Abenteurer – 1967; Einer bleibt auf der Strecke – 1965; Taxi nach Tobruk – 1961; Der Panther wird gehetzt – 1960; Tatort Paris – 1959; Fahrstuhl zum Schafott – 1958).
Nach 100 Filmminuten hat der Zuschauer die Lieferkette der Drogen kennengelernt. Er hat auch gelernt, dass Drogen abhängig machen, und anhand einer Zwischenhändlerin erkannt, welch unwürdiges Schicksal einen drogensüchtigen Menschen erwartet. Das ist – wahrscheinlich – für erwachsene Zuschauer im Jahr 1955 einigermaßen fesselnd, weil man zu jener Zeit aus dem Kino schon Alkohol mit Schießereien kannte, aber die harten Drogen, verbunden mit Sex waren noch weitgehend ungesehenes Terrain.
Spoiler Warnung
Dann fliegt die ganze Drogenbande mitsamt all ihrer Zwischenhändler und Drogenköche auf. Es stellt sich nämlich heraus, dass Henri, der Mann aus dem Flugzeug, den Jean Gabin spielt, ein verdeckter Inspekteur der Polizei ist. Da ergibt die laue Dramaturgie plötzlich Sinn und wenn man den Film ein zweites Mal sieht, erkennt man kleine Hinweise im Verlauf des Films.
<Nachtrag1998>Aus heutiger Sicht ist es spannender, wenn man den Clou vom Ende schon kennt, wenn der Film los geht. Weil man sich dann andauernd fragt, wie Henri mit seinen echten Kollegen in Kontakt tritt und ob etwa Figur B, C oder D als Kontaktperson fungiert.</Nachtrag1998>
