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Plakatmotiv: Fahrstuhl zum Schafott (1958)

Ein großartig konstruierter Thriller, der
unsere Loyalität auf die Probe stellt

Titel Fahrstuhl zum Schafott
(Ascenseur pour l'échafaud)
Drehbuch Roger Nimier & Louis Malle
nach dem gleichnamigen Roman von Noël Calef
Regie Louis Malle, Frankreich 1958
Darsteller
Jeanne Moreau, Maurice Ronet, Georges Poujouly, Yori Bertin, Jean Wall, Elga Andersen, Sylviane Aisenstein, Micheline Bona, Gisèle Grandpré, Jacqueline Staup, Marcel Cuvelier, Gérard Darrieu, Charles Denner, Hubert Deschamps, Jacques Hilling u.a.
Genre Crime, Drama, Thriller
Filmlänge 91 Minuten
Deutschlandstart
29. August 1958
Inhalt

Das Liebespaar Julien Tavernier und Florence Carala hat ein Problem. Florence ist mit dem Industriellen Simon Carala verheiratet, der einem uneingeschränkten Glück in Zweisamkeit entgegen steht.

In den beiden Verliebten reift der Plan, den unliebsamen Ehemann zu beseitigen. Da Julien als ehemaliger Offizier die notwendige Entschlossenheit mitbringt und in Caralas Unternehmen beschäftigt ist, glaubt er, den perfekt ersonnenen Mordplan ausführen zu können. Julien will Simon in dessen Büro töten.

Bei der Umsetzung unterläuft ihm aber ein dummer Fehler, der ihn als Täter verraten könnte. Julien versucht, das verräterische Indiz zu beseitigen, bleibt aber mit dem Fahrstuhl stecken, da der Hausmeister des Gebäudes über Nacht den Strom abschaltet. Juliens Gefangenschaft im Fahrstuhl setzt eine Reihe dramatischer Ereignisse in Gang, da seine Geliebte auf der Suche nach ihm durch Paris irrt und ein Krimineller mit seiner Freundin Juliens Auto stiehlt …

Was zu sagen wäre

Es ist kalt in Paris, der Stadt der Liebe. Florence gesteht Julien ihre ewige Liebe. Wir sehen ihr Gesicht in extremer Nahaufnahme, sie haucht Liebesschwüre, die Kamera entfernt sich langsam von ihrem Gesicht, neben dem wir nun unbedingt das Julien erwarten. Statt dessen fällt Florence einen Telefonhörer in der Hand. Sie ist allein. Ihr Julien am anderen Ende sitzt in seinem Büro in einem gesichtslosen Bürohochhaus. Es ist Liebe auf Abstand. Auch eine verbotene Liebe, weil Florence mit dem Mann verheiratet ist, den Julien im Begriff ist umzubringen.

Eine durchtriebene Frau, ein Liebhaber, ein Ehemann, der dem vermeintlichen Glück im Wege steht. Schwarz-weiß-Bilder, nächtliche, regennasse Straßen. Wir kennen das Motiv aus vielen Noir-Thrillern aus den Vereinigten Staaten, Billy Wilders Frau ohne Gewissen (1944) zum Beispiel. Louis Malt übernimmt dieses Motiv und dreht es, sehr europäisch, von reinem Crime-Thriller auf Drama. Die Liebe zwischen Florence und Julien ist echt, da ist nichts hinterhältiges. Aber sie ist nicht gefestigt, beide kennen sich erst einige Wochen und als Florence glaubt, ihren Geliebten im Auto an sich vorbei fahren zu sehen mit einer anderen, jüngeren Frau auf dem Beifahrersitz, ist sie schnell bereit, nicht auszuschließen, dass ihr Geliebter sie schon wieder verlassen hat; obwohl der gerade verzweifelt versucht, aus dem stehen gebliebenen Fahrstuhl im Bürogebäude zu entkommen. Immer wieder wechselt der film zwischen diesen beiden Polen: Der ehemalige Soldat, der professionell versucht, dem Fahrstuhl zu entkommen und die einsame Florence, die durch die nächtlichen Straßen von Paris irrt, beleuchtet nur von Straßenlaternen und Schaufensterbeleuchtungen. Dabei sind fantastische Aufnahmen gelungen. Alles Kameramann Henri Decaë filmt mit einem neuen, äußerst lichtempfindlichen, also auch grobkörnigen Filmmaterial namens Tri-X. Dadurch werden diese Nachtaufnahmen bei geringem Lichteinfall erst möglich. Die Szenen der durch die Stadt irrenden Florence sind auf den nächtlichen Champs-Élysées entstanden, Decaë postierte seine Kamera in einem Kinderwagen, den er neben, vor oder hinter Moreau herschob.

Zwischen diesen beiden Polen – Fahrstuhl und nächtliche Straßencafés baut Louis Malle eine dritte Geschichte: Ein junges Liebespaar, sie Blumenverkäuferin, er Kleinkrimineller, klaut den Wagen von Julien, während der gerade im Fahrstuhl hängenbleibt, und erschießt später in der Nacht ein deutsches Ehepaar an einem Motel vor der Stadt. Plakatmotiv: Fahrstuhl zum Schafott (1958) Die beiden lassen Juliens Wagen und Trenchcoat dort zurück und fliehen mit dem Mercedes 300 SL der Deutschen. Weil sie glauben, spätestens morgen von der Polizei gestellt und hingerichtet zu werden, neben sie noch in der Nacht ein starkes Schlafmittel, um sich selbst zu töten – während die Polizei am Motel anhand der Indizien eindeutig Julien als Doppelmörder entlarven. Malle hat hier eine perfekte Versuchsanordnung aufgestellt für eine den Zuschauer in die Verzweiflung treibende Dramaturgie.

Wird Julien rechtzeitig aus dem Fahrstuhl kommen, bevor der tote Firmenboss und das von Julien vergessene Kletterseil gefunden werden? Wirt Florence ein Indiz finden, das ihr den Glauben an Julien zurück gibt? Werden die beiden Kleinkriminellen und Mörder-aus-Versehen noch rechtzeitig erkennen, dass niemals sie für den Mord an den deutschen zur Verantwortung gezogen werden – rechtzeitig, bevor das Gift wirkt? Und dann: Julien entkommt rechtzeitig und unerkannt aus dem Fahrstuhl und hat sich damit unwissentlich zum einzigen Verdächtigen im Fall der beiden ermordeten Deutschen gemacht. Er steckt in der klassischen Zwickmühle. Und schließlich: Wird Florence, als sie die Zusammenhänge erkennt, noch rechtzeitig alles richten können?

Malle schafft eine Situation, die den Zuschauer unentwegt unter Spannung hält, dass er auch mitfiebert, wenn es um das Schicksal eiskalter Mörder geht; Zuschauers Loyalität wechselt alle paar Minuten.

Malle war durch einen Freund auf den Kriminalroman "Ascenseur pour l’échafaud" von Noël Calef aufmerksam gemacht worden, den der in einem Bahnhofskiosk gefunden hatte. Sein Drehbuchautor Roger Nimier fand das Buch „blöd“ und behielt für sein Drehbuch nur den Kern der Geschichte bei – die ironisch-paradoxe Wendung, dass Juliens perfektes Verbrechen aufgrund eines zweiten Mordes misslingt; alles andere erfand er quasi neu. Auch hier gilt, dass man im Kino besser nicht so arg genau hinschauen sollte. Der ermittelnde Commissaire Cherrier, den Lino Ventura mit ruppiger Ermittlerprofessionalität spielt, wirkt eigentlich klug genug, um sich die Frage nach Motiven zu stellen: Warum sollte Julien Tavernier, ein erfolgreicher Geschäftsmann und Kriegsheld ein ihm unbekanntes deutsches Ehepaar in einem. Motel ermorden? Ganz so eindeutig fatal für unsere Liebenden also ist die vertrackte Geschichte bei Näherem Hinsehen also nicht.

Aber dann ist da noch ein Gegenstand, der in jedem Kriminalfilm dem Schuldigen das Genick bricht, ein Gegenstand, der ohne Worte, dafür – ganz dem Medium Film gerecht – nur mit Bildern aufwartet: eine Fotokamera. Die dem Commissaire Cherrier das Motiv für den gewaltsamen Tod eines anderen Mannes bietet.

Louis Malles "Fahrstuhl zum Schafott" ist ein wunderbar konstruierter, kalt fotografierter, souverän inszenierter Kriminalfilm.

Wertung: 7 von 7 D-Mark
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