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Plakatmotiv: Frau ohne Gewissen (1944)

Der Klassiker des Film Noir mit der
kältesten Frau der Filmgeschichte

Titel Frau ohne Gewissen
(Double Indemnity)
Drehbuch Billy Wilder + Raymond Chandler
nach dem Roman "Doppelte Abfindung" ("Double Indemnity") von James M. Cain
Regie Billy Wilder, USA 1944
Darsteller

Fred MacMurray, Barbara Stanwyck, Edward G. Robinson, Porter Hall, Jean Heather, Tom Powers, Byron Barr, Richard Gaines, Fortunio Bonanova, John Philliber u.a.

Genre Crime, Film Noir
Filmlänge 107 Minuten
Deutschlandstart
6. Juni 1950
Inhalt

Der Versicherungsvertreter Walter Neff schleppt sich in sein Büro, um dort ein Geständnis mit einem Diktierphonografen aufzuzeichnen. Er erzählt die Geschichte eines Versicherungsbetrugs, in den er selbst als Mörder verwickelt ist.

Eines Tages besucht Neff das Haus von Mr. Dietrichson, damit dieser eine Autoversicherungspolice verlängert. Doch nur seine Frau Phyllis ist anwesend. Neff fühlt sich sofort zu ihr hingezogen. Bei einem zweiten Treffen – ihr Mann ist wieder nicht da – fragt sie ihn, ob sie eine Unfallversicherung für ihren Mann abschließen könne, ohne dass dieser davon erführe.

Plakatmotiv (US): Double Indemnity – Frau ohne Gewissen (1944)Neff ahnt bereits, dass Mrs. Dietrichson Pläne haben könnte, ihren Mann zu beseitigen, und sagt ihr offen, dass er dafür nicht zu gewinnen sei. Später besucht sie ihn zu Hause und Neff erklärt sich bereit, ihr bei dem Mord zu helfen. Er hat die Idee, einen Zugunfall zu inszenieren, da die Versicherung in einem solchen Fall die doppelte Summe, nämlich 100.000 Dollar, zahlen würde

Was zu sagen wäre

Fred MacMurray ist nicht für das ernste, tragische Fach in Hollywoods Studiosystem bekannt. Seine Fans lieben ihn für die leichten Komödien, die er – meist – mit Claudette Colbert spielt. Und jetzt lässt der Exil-Österreicher Billy Wilder Barbara Stanwyck auf den armen Mann los. Und MacMurray liefert eine seiner besten Leistungen.

MacMurray spielt einen unbescholtenen Mr. Durchschnitt, Walter Neff, mit möbliertem Appartement und Schlag bei Frauen. Er ist ein guter Verkäufer von Versicherungspolicen und gerade in einer Phase seines Lebens, in der er sich entscheiden muss, wie es mit ihm weitergehen soll. Sein Chef, Barton Keyes, würde ihn gerne ins Haus holen, hinter einen Schreibtisch setzen. Aber Neff liebt die Freiheit da draußen. Die und sein Schlag bei Frauen werden ihm zum Verhängnis werden.

Denn die Welt da draußen, die dieser Film uns zeigt, ist eine kalte Welt voll Betrug, Arglist und Mord, während vom Himmel die ewige kalifornische Sonne scheint. Keyes hatte es Neff erklärt: Die meisten Versicherungsfälle basieren auf Betrug. Begangen werden sie da draußen. Aufgedeckt werden sie am Schreibtisch. Keyes bezeichnet sich als Chirurg, Detektiv, als Bewahrer des guten. Neff hätte nur Ja sagen müssen.

Aber Neff zappelt im Netz einer bösartigen Blondine. Freilich ohne das zu ahnen. Als er diese Phyllis Dietrichson zum ersten mal sieht in dem großen Haus ihres Mannes, mit dem Goldkettchen am Fuß, den strahlend blonden Haaren, da glaubt er noch, eine dieser traurigen Gattinnen vor sich zu haben, die seines Trostes bedarf. Barbara Stanwyck spielt Phyllis, was auf den ersten Blick nicht überrascht. Sie hat ja häufig die Rolle der patenten Frau aus dem Arbeitermilieu, die sich mal mit komischen, mal mit werktätigen Mitteln durchschlägt. Das tut Phyllis in gewisser Weise auch.

Aber dann entblättert sich nach und nach eine gnadenlos berechnende, einen gegen den anderen ausspielende, über Jahre planende Mörderin. Im Kinosessel – oder auf dem heimischen Sofa (ich habe den Film Mitte der 1970er Jahre zum ersten Mal gesehen, im Fernsehen) – stockt einem der Atem über soviel Skrupellosigkeit.

Plakatmotiv (US): Double Indemnity – Frau ohne Gewissen (1944)Männer in solchen Filmen, Humphrey Bogart etwa oder Edward G. Robinson (Orchid, der Gangsterbruder – 1940; Kid Galahad – Mit harten Fäusten – 1937; Wem gehört die Stadt? – 1936; Der kleine Caesar – 1931), der hier die kleinere, aber sehr wichtige Rolle des Barton Keyes übernimmt (dessen Nachname nicht zufällig eine Art Plural von "Schlüssel" ist, weil er alle Geheimnisse knackt), verfolgen ihre Pläne mit dem Schießeisen; da liegen dann schnell Leichen am Boden. Frauen können das nicht. Sie sind auf reiche Ehemänner angewiesen, wenigstens auf Männer, die ausreichend Geld nach Hause bringen, mit denen sie dann ein gemeinsames Leben in einem gemeinsamen Haus aufbauen kann. Wenn die Männer gehen, steht die Frau ohne alles da. Das will Phyllis nicht hinnehmen. Dieser Kampf gegen das Schicksal einer Frau der 30er Jahre klingt einmal kurz in einem Dialog an. Stanwyck spielt diese aalglatte Frau präzise und stechend, nie sanft und liebenswert, aber immer erotisch fordernd. Dazu hat Billy Wilder ihr noch eine Blondhaarperücke aufgesetzt, die die Falschheit dieser Frau noch einmal zusätzlich unterstreicht.

Neff ist schnell klar, dass diese Frau keine fürs Leben ist, keine, mit der man eine Familie gründet. Nicht, dass Neff schon an Familie und sowas denken würde, er liebt ja die Freiheit da draußen, aber als er Lola kennenlernt, die Tochter des nun toten Ehemanns Dietrichson, da spürt er doch kurz das Leben, wie es es mit Frau und Kind sein könnte. Diese Lola mag 13 Jahre jünger sein als er, aber das war Anfang der 40er Jahre kein bemerkenswerter Altersunterschied zwischen Mann und Frau. Lola ist eine herzensgute Frau, unschuldig, freundlich, eine Frau für das Häuschen mit Garten. Als es schon zu spät ist, huscht dieser Gedanke über Neffs Gesicht. Da hat er die ganze Wahrheit der berechnenden blonden Femme Fatal erkannt, die ihn anekelt, abstößt – wobei er doch selbst genauso schuldig ist und für das große Geld gemordet hat. MacMurray spielt diese Bigotterie wunderbar.

Auf die böse Stanwyck war MacMurray vier Jahre zuvor schon mal getroffen. In der romantischen Komödie "Die unvergessliche Weihnachtsnacht" – das Plakat warb mit "(Bad) Girl meets (good) Boy". Da geht es um Liebe und Weihnachten an den Niagarafällen. Nicht zu vergleichen mit Billy Wilders Paarung im nächtlichen Los Angeles mit langen Schlagschatten. Es ist bezeichnend für die Härte des Films, dass Wilders Partner bei vielen Drehbüchern, Charles Brackett, von diesem Film nichts wissen wollte. Brackett hielt den Stoff für „schmutzig“. Für ihn sprang Raymond Chandler ein, einer von Amerikas führenden Kriminalautoren und Schöpfer des Detektivs Philip Marlowe, der hier zum ersten mal an einem Drehbuch arbeitet und dort vor allem harte Dialoge liefern sollte, für die seine Romane berühmt sind. Die Off-Texte, die Walter Neff in das Diktaphon diktiert sind tatsächlich von melancholischer Schönheit und kalter Wehmut. Neben ihrer sprachlichen Schönheit erinnern diese Passagen an Chandlers "Tote schlafen fest", der 1946 mit Humphrey Bogart in der Marlowe-Rolle verfilmt werden sollte.

Der Film, dessen Fall Charles Brackett als „schmutzig“ erachtet, basiert auf dem Roman "Double Indemnity" (1935) von James M. Cain, der wiederum auf einem wahren Fall basiert, der sich 1927 ereignet hatte: Ruth Snyder überredete ihren Liebhaber Judd Gray, ihren Ehemann zu ermorden und es wie einen Unfall aussehen zu lassen, um dann eine doppelte Versicherungssumme einzustreichen. Das Mörderpaar wurde jedoch schon kurz nach der Tat überführt und ein Jahr später auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.

Wertung: 6 von 6 D-Mark
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