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Plakatmotiv: Fedora (1978)

Ein nüchterner Blick auf
das kalte Showgeschäft

Titel Fedora
(Fedora)
Drehbuch Billy Wilder + I.A.L. Diamond
nach einer Kurzgeschichte von Tom Tryon
Regie Billy Wilder, Frankreich, BRD 1978
Darsteller

William Holden, Marthe Keller, Hildegard Knef, José Ferrer, Frances Sternhagen, Mario Adorf, Stephen Collins, Henry Fonda, Michael York, Hans Jaray, Gottfried John, Arlene Francis, Jacques Maury, Christine Mueller, Ellen Schwiers u.a.

Genre Drama, Romanze
Filmlänge 105 Minuten
Deutschlandstart
29. Juni 1978
Inhalt

Der weltbekannte Filmstar und Mythos Fedora ist tot. Der unabhängige Filmproduzent Barry Detweiler reist zu dem für die Öffentlichkeit aufgebahrten Leichnam und erinnert sich der vorangegangenen zwei Wochen: Detweiler suchte die völlig zurückgezogen lebende Diva auf einer kleinen Insel bei Korfu in der Villa Kalypso auf, um sie für einen Film zu gewinnen. Obwohl sie eine ältere Dame von 67 Jahren sein müsste, tritt sie ihm jugendfrisch konserviert gegenüber, ebenso schön wie 1947, als sich beide zum ersten Mal bei Dreharbeiten begegnet sind und zusammen eine Liebesnacht am Strand verbracht haben.

Ihr kleiner Kreis von Vertrauten, die im Rollstuhl sitzende Gräfin Sobryansky, die argwöhnische Krankenschwester Miss Balfour und der bizarr auftretende plastische Chirurg Dr. Vando, tun alles, um Fedora vor Fremden abzuschirmen, und kontrollieren dabei jeden ihrer Schritte. Detweiler kann sich nur wundern, dass offenbar auch Fedoras Seelenleben und Liebesbedürfnisse auf dem Stand einer sehr viel jüngeren Frau stehengeblieben sind. Außerdem soll sie drogenabhängig sein.

Plakatmotiv (US): Fedora (1978)Detweiler gelingt es, allein zu ihr vorzudringen und sein Angebot zu unterbreiten. Fedora schöpft daraufhin Hoffnung, ihrem Exil und der Überwachung auf Korfu entfliehen zu können. Als sie von ihrer Entourage aber nach Paris verschleppt wird, endet ihr Leben auf einem Vorortbahnhof, wo sie sich vor einen einfahrenden Zug wirft. Für die Fans und die Presse wird die Beerdigung des Stars von der Gräfin in ihrem Palais in Paris nach allen Regeln der Kunst inszeniert.

Detweiler erfährt in einem letzten Gespräch mit der Gräfin schließlich Fedoras wahre Geschichte …

Was zu sagen wäre

Das Filmgewerbe lebt vom Schein, vom Glanz der Oberfläche. Gräfin Sobryansky nennt dass „stets bereit zu sein für die Großaufnahme“. Niemand will die dunklen Winkel kennen. „Das Publikum hatte es satt, was man ihm da als Unterhaltung anbot. Cinema Verité, die nackte Wahrheit, je hässlicher umso besser. Sie wollten wieder Glamour. Und wer war ich, sie zu enttäuschen?“, fragt Fedora.

Billy Wilder hat so eine Art Sunset Boulevard (1950) auf links gedreht inszeniert. Schon damals ließ er William Holden (Network – 1976; Flammendes Inferno – 1974; The Wild Bunch – 1969; Casino Royale – 1967; Der letzte Befehl – 1959; Die Brücke am Kwai – 1957; Sabrina – 1954) in den Bann einer alten Diva stolpern. Wilders Norma Desmond war damals altersmäßig nicht mehr vermittelbar und im Wahn „bereit für die Großaufnahme“.

Für die heutige Fedora ist die letzte Großaufnahme die entscheidende. Dafür tut sie alles. Hollywood ist 28 Jahre später weiter: Wenn die Legende gewahrt werden soll, geh' zum Schönheitschirurgen. Wir kennen den Satz leicht abgewandelt aus John Fords Western Der Mann, der Liberty Vallance erschoss (1962): „Wenn die Legende zur Wahrheit wird, druck die Legende!“ „Ich werde Ihnen sagen, was eine Legende am besten kleidet“, ätzt Fedora. „Sich selbst nicht zu überleben. Die Monroe und die Harlow, die waren glücklicher dran.

Plakatmotiv: Fedora (1978)In diesem Satz steckt Marlene Dietrich, Greta Garbo; in diesem Satz steckt das gesamte Studiosystem aus den alten Schwarz-Weiß-Zeiten, das sich nach außen ein so rührend familientaugliches, moralisch einwandfreies Image verpasste und im Inneren verkommen und korrupt war. „Wie nannte man das damals? Moralische Verworfenheit. Man konnte sechs Ehemänner haben, aber bloß kein uneheliches Kind. Heute kann man sechs Kinder haben, aber keinen Ehemann. Wen schert's?

Wilders Boulevard der Dämmerung rechnete mit dem Studiosystem ab, das Menschen aussortierte, wenn sie nicht mehr der Erwartungshaltung des Publikums entsprachen. Am Ende seiner Karriere nun rechnet Billy Wilder mit dem Nachfolger ab, dem System Hollywood. Genauso gnadenlos. Noch kälter. Es geht über Leichen, um den Schein zu wahren.

Erzählt wird die Geschichte in Rückblenden. Der lakonische Tonfall William Holdens aus dem Off erinnert an den von Humphrey Bogart in Die barfüßige Gräfin (1954), der ähnlich zynisch mit dem Filmgeschäft umging. Da steht am Anfang immer die geldwerte Idee, dass Menschen Sehnsucht nach Stars haben, weil Alltag haben sie daheim schon genug. Auch in den drei A Star is Born-Varianten, die für das Kino schon gedreht worden sind, ist das ja Thema. Angeblich wollen die Menschen die Sterne am Himmel glänzen sehen. Also zeigen die Studios ihnen die funkelndsten, makellosesten Sterne. Daraus formt sich eine enorme Eitelkeit bei diesen Sternen, weil sie vom Nektar der Bravorufe gar nicht genug bekommen – in A Star is Born geht dafür schließlich jemand ins Wasser, die barfüßige Gräfin hält dem Druck irgendwann nicht mehr stand und Fedora wird deshalb zum Monster. Marlene Dietrich, der Wilder die Rolle der Gräfin Sobryansky auch angeboten hat, zog sich, ebenso wie Greta Garbo ab einem gewissen Zeitpunkt ganz aus der Öffentlichkeit in Wohnungen mit zugezogenen Vorhängen zurück. Und natürlich feuern die Studios die Eitelkeit an und werden damit stinkreich.

Plakatmotiv: Fedora (1978)Wäre der Film als Anklage gegen dieses System erzählt, wäre er fehl am Platz. Alle arbeiten freiwillig in diesem System, niemand muss sich dem aussetzen. Und natürlich nähren sich Billy Wilder, William Holden, Marthe Keller, Hildegard Knef (Die Sünderin – 1951), Henry Fonda (Nur noch 72 Stunden – 1968; Spiel mir das Lied vom Tod – 1967; Höchster Einsatz in Laredo – 1966; Das war der Wilde Westen – 1962; "Die zwölf Geschworenen" – 1957; Der falsche Mann – 1956; Faustrecht der Prärie – 1946; Trommeln am Mohawk – 1939; Der junge Mr. Lincoln – 1939), Mario Adorf und die anderen an diesem Film Beteiligten ganz bis sehr gut von diesem System.

Statt dessen blickt Billy Wilder nüchtern auf seine Figuren und erzählt mit schönen Bildern im sonnigen Griechenland eine zunehmend düsterer und kälter werdende Geschichte. Das wirkt zu Beginn, wenn wir noch nicht wissen, wohin sich der Film entwickelt, beinah zäh, weil wir natürlich glauben, alles schon gesehen zu haben und also Bescheid zu wissen. Die erste halbe Stunde schauen wir großen Stars im sonnigen Griechenland zu. Auch nicht so schlecht. Für den mittlerweile 72-jährigen Billy Wilder ist dieser Abgesang auf Hollywood, auf das Kino alter Schule, also auch auf sein Kino ein souveränes Alterswerk, das er zwischen Satire und Grusel schweben lässt.

Wertung: 6 von 9 D-Mark
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