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Plakatmotiv: Früchte des Zorns (1940)

Intensives Drama gegen Ausbeutung
von Menschen in Gods own Country

Titel Früchte des Zorns
(The Grapes of Wrath)
Drehbuch Nunnally Johnson
nach dem gleichnamigen Roman von John Steinbeck
Regie John Ford, USA 1940
Darsteller
Henry Fonda, Jane Darwell, John Carradine, Charley Grapewin, Dorris Bowdon, Russell Simpson, O.Z. Whitehead, John Qualen, Eddie Quillan, Zeffie Tilbury, Frank Sully, Frank Darien, Darryl Hickman, Shirley Mills, Roger Imhof u.a.
Genre Drama
Filmlänge 129 Minuten
Deutschlandstart
27. März 1953
Inhalt

USA, zur Zeit der Weltwirtschaftskrise: Tom Joad kehrt nach einer mehrjährigen Haftstrafe wegen Totschlags zu seiner Familie nach Oklahoma zurück. Doch das Farmhaus seiner Eltern steht leer. Der ehemalige Priester Casy und Nachbarn erzählen ihm, was in seiner Abwesenheit geschehen ist: Die Farmerfamilien wurden von den Großgrundbesitzern verdrängt und von ihrem Land vertrieben.

Zahlreiche Familien haben sich auf die Reise nach Westen gemacht, um in Kalifornien Arbeit zu finden. Tom beschließt ihnen zu folgen. Nach einer beschwerlichen Fahrt, die viele Opfer fordert, erwartet sie in Kalifornien jedoch nicht die erhoffte Freiheit, sondern lediglich Feindseligkeit, Ausbeutung und Hunger.

Im ersten Auffanglager erfahren sie Rechtlosigkeit und Ausbeutung. Tom hat nichts mehr zu verlieren und wehrt sich …

Was zu sagen wäre

60 Jahre nach den großen Siedlertrecks ziehen sie wieder gen Westen. Aber sie kommen nicht aus Europa. Diesmal kommen sie aus Oklahoma, wo sie auf riesigem Farmland als Pächter nicht mehr gebraucht werden. Also ziehen sie gen Westen. Denn sie haben gehört, dass man dort für das Pflücken von Orangen „gutes Geld“ bekäme. Zehntausende haben das gehört. Hunderttausende ziehen mit ihren letzten Habseligkeiten gen Westen. Statt der versprochenen gut bezahlten Arbeit erwarten sie dort Ausbeutung, Hunger und Anfeindung.

In vielen seiner Filme hat John Ford die Großartigkeit seines Vaterlandes besungen (Trommeln am Mohawk – 1939; Der junge Mr. Lincoln – 1939; Ringo – 1939). Hat Geschichten aus dem Wilden Westen erzählt, als die Vereinigten Staaten von Amerika sich noch suchten und die Menschen darin dann in Städten, zwischen Rinderherden und Farmland zueinander fanden. Hier erzählt er das Gegenteil. Und auch diese Geschichte ist wahr. Sie ist nicht authentisch so passiert, Fords Film basiert auf dem fiktiven Roman des Dramatikers John Steinbeck, der, als er 1939 erschien nicht nur auf Begeisterung stieß. In manchen Städten war er verboten, das Buch wurde öffentlich verbrannt; aber 1940 wurde Steinbeck mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet und 1962 mit dem Literaturnobelpreis. Steinbeck konnte für sich reklamieren, zur Recherche vor dem Schreiben des Romans selber einen Treck wie den in seinem Buch beschriebenen mitgemacht zu haben. Die Familie Joad mag also erfunden sein, das zerfallende Amerika, das sein Roman beschreibt, ist es nicht.

In John Fords Verfilmung ist Amerika zerfallen und zerfällt gerade die Familie, also die beiden großen Leuchttürme, um die sich die Menschen immer mit ganzem Pathos scharen konnten. Im Amerika der großen Depression Ende der 20er Jahre gehört das Land der Ostküste mit den dort ansässigen Großgrundbesitzern, Eisenbahnmagnaten, Öl-Tycoons und Bankiers. Im Osten sind die großen Städte gewachsen. Im Westen, an der kalifornischen Küste, tun sie das immer noch. Dazwischen ist Land, trockenes Land; die Dust Bowl nannten sie die Region um Oklahoma. Hunderttausende Kleinfarmer hatten ihre Schulden nicht mehr begleichen können, konnten nach Missernten ihre Pacht nicht bezahlen und wurden mit Bulldozern von ihrem ehemaligem Grundbesitz vertrieben.

John Ford findet für diese Vertreibung eindringliche Bilder, in denen die Farmer mit ihrer Verzweiflung und Wut ins Leere laufen. Ein Agent der Grundbesitzer höhnt, es sei doch aussichtslos, mit einem Gewehr gegen die "Shawnee Land & Cattle Company" vorzugehen, das sei doch nur ein Name. Und deren Präsident bekäme von der Bank in Tulsa gesagt, was er zu tun hat und „Was hilft es, einen Bankdirektor zu erschießen?“, der seine Anweisungen von der Ostküste bekommt. „Wen müssen wir dann erschießen?“ „Ich weiß es nicht, Mann.“ Kurz: Irgendwer hat irgendwo gerechnet und erkannt, dass die Farmer viel zu teuer sind, um das Land zu bestellen; die großen Raupen – Caterpillar –  erledigen das Umpflügen viel effizienter und billiger. Die Zeit, als Farmer für ihr Land einen verantwortlichen Ansprechpartner in der Bank im nahen Städtchen hatte, ist vorbei; im 21. Jahrhundert würde man sagen: Das Outsourcing wird erfunden. Und wer fährt die Caterpillar? Der ehemalige Farmer und Nachbar. Plakatmotiv (US): The Grapes of Wrath (1940) Auf dem Bulldozer bekommt er drei Dollar am Tag, „Dafür mache ich das. Ich habe zwei kleine Kinder zuhause, meine Frau, meine Schwiegermutter. Und die wollen alle essen.“ Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Als der Cat-Fahrer dann das alte Farmhaus niedergewalzt hat, schwenkt die Kamera von den hilflos blickenden Pächtern auf den sandigen Boden, wo man ihre Schatten sieht. John Fords Weg zu zeigen, dass die lebendigen Menschen in diesem Amerika zu Schatten geworden sind. Der Optimismus, der den Wilden Westen einst – auch – durchzog, ist Perspektivlosigkeit gewichen.

Dabei ist die Familie Joad, der wir hier folgen, nicht mutlos. Sie haben ein bisschen was gespart und haben zu Beginn noch den Pragmatismus der alten Siedler, wonach es halt, wenn nicht hier, dann eben woanders weitergehen muss. Erst im Westen lernen sie, dass es mit ihrem Leben nicht mehr weiter geht. Das Land ist aufgeteilt, die Pfründe verteilt, die Gewehre gehören den Mächtigen. Und mächtig ist, wer Arbeit zu vergeben hat, und sei es für einen Hungerlohn. Dadurch zerfällt auch die Struktur der Familie, die im Leben auf der Farm ein ewiger Kreislauf war aus Werden und Vergehen durch die Generationen. Im neuen Amerika muss jeder sehen, wo er Arbeit bekommt und da geht er dann hin und gründet eine neue Familie, deren Kinder dann eines Tages auch weiterziehen, dahin, wo sie Arbeit finden. Die große Familie, die früher auf der Farm unter einem Dach wohnte, kommt dann noch einmal im Jahr zu Thanksgiving zusammen.

Ford beschreibt diesen schleichenden Zerfall an Sohn Tom, der nach vier Jahren auf Bewährung aus dem Zuchthaus heimkehrt, und seiner Mutter, Ma Joad. Tom, leidenschaftlich gespielt von Henry Fonda (Trommeln am Mohawk – 1939; Der junge Mr. Lincoln – 1939; Jesse James – Mann ohne Gesetz – 1939), verkörpert den aufrechten Amerikaner, der nicht versteht, warum Hilfssheriffs ihm einen nächtlichen Spaziergang verweigern und der sich auflehnt gegen die ausbeuterischen, grausamen Methoden der Landbesitzer. Das Verhältnis der beiden zueinander unterstreicht den starken Lebensmut, den Willen, sich durch nichts unterkriegen zu lassen und zusammenzuhalten. Die Rolle des Tom Joad begründet Fondas zahlreiche Rollen in den Folgejahrzehnten als tadelloser Amerikaner. Jane Darwell in der Rolle der Ma Joad verkörpert das bedrohte Amerika, das aber Familie und Zusammenhalt nie preisgibt. Ford überlässt ihr auch deshalb das letzte Wort. Ursprünglich sollte der Film mit einer Bild von Tom enden, der seine Familie zurücklässt und loszieht, um ein Gewerkschaftsaktivist zu werden. Studioboss Darryl F. Zanuck sah dieses Ende – 1940 – als zu politisch und provokativ an, und übergab das Schlusswort stattdessen an Ma Joad: „Die Reichen, weißt Du, die kommen und gehen. Die sterben, ihre Kinder taugen nichts und Schluss und aus. Aber wir sind nicht totzukriegen. Wir sind die Menschen, die leben. Sie können uns nicht wegfegen, nicht auslöschen. Uns wird es immer geben, Pa, denn wir sind das Volk!“ Dieser Optimismus kommt nach den vorherigen Erlebnissen etwas unverhofft, entließ aber die Kinobesucher damals etwas versöhnter in die Nacht, als Steinbecks geschriebenes Ende, das sehr viel eindringlicher davon erzählt, wie im kapitalistischen System Familien auseinander fallen und statt dessen lauter Einzelschicksale aufgehen in einer neuen Schicksalsgemeinschaft von Tausenden.

Wertung: 6 von 6 D-Mark
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