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Plakatmotiv: Don't come knocking (2005)

Eine Familienzusammenführung
in Edward-Hopper-Amerika

Titel Don't come knocking
Drehbuch Sam Shepard & Wim Wenders
Regie Wim Wenders, UK, Frankreich, Deutschland, USA 2005
Darsteller

Sam Shepard, Jessica Lange, Tim Roth, Gabriel Mann, Sarah Polley, Fairuza Balk, Eva Marie Saint, George Kennedy, James Roday, Jeffrey Vincent Parise, Majandra Delfino, Marieh Delfino, Julia Sweeney, Tim Matheson, James Gammon, Robin Twogood, Gabriel Mann, Mike Butters u.a.

Genre Drama, Musik
Filmlänge 122 Minuten
Deutschlandstart
25. August 2005
Inhalt

Hollywoodstar Howard Spence hat schon bessere Zeiten gesehen. Heute lebt er nur noch von seinem früheren Ruhm, den er in alten Zeiten als großer Western-Star einsammeln konnte. Danach hat er sein Leben durch Alkohol, Drogen und unzählige junge Frauen verpfuscht und durch diese Erkenntnis ist er in seinen alten Tagen in ein gewissen Selbsthass verfallen.

Nach einer weiteren durchzechten Nacht flieht er eines Morgens vom Set des Westerns, den er gerade dreht, und reitet auf und davon. Wie einer der Helden, die er sein Leben lang gespielt hat.

Als er kurz darauf erfährt, dass er womöglich ein Kind hat, von dessen Existenz er nie etwas wusste, erscheint ihm das wie ein Hoffnungsstrahl. Also macht er sich auf die Suche nach seinem möglichen eigenen Fleisch und Blut und dabei erfährt er ein Lebensgefühl, das er all die Zeit verpasst hat …

Was zu sagen wäre

Ein Film über die Familie, die Family Values. Der Rest drumrum ist Blendwerk. Das Drehbuch hat Sam Shepard geschrieben, der auch Paris, Texas schrieb, die andere Ballade über den einsamen, missverstandenen Mann, der tun muss, was ein missverstandener Mann tun muss: Er bleibt einsam, aber vorher führt er die Familie zusammen.

Von den vielen Filmen, die Wim Wenders mittlerweile in den USA gedreht hat, ist dieser hier sein amerikanischster. Das liegt vielleicht daran, dass seine Figuren diesmal nicht in Hollywood leben und arbeiten, sondern in Nevada und Montana, dem lizensierten Glücksspielstaat und dem mit den weiten Flächen und den leeren Städten, die immer noch so aussehen, als würde gleich John Wayne durchreiten. Es liegt vielleicht auch daran, das Wenders seine Geschichte an dem Ort beginnen lässt, der wie kein zweiter den Western auf der Kinoleinwand repräsentiert: Monument Valley, auch John-Ford-Country genannt, weil John Ford hier viele seiner Western gedreht hat. Plakatmotiv: Don't come knocking (2005) Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Wim Wenders hier selbst einen Western dreht, zumindest ein paar Bilder lang – unter der Regie von George Kennedy, dem Joe Patroni des amerikanischen Heldenkinos (Tod auf dem Nil – 1978; Airport 77 – Verschollen im Bermuda-Dreieck – 1977; Erdbeben – 1974; Giganten am Himmel – 1974; Die Letzten beißen die Hunde – 1974; Airport – 1970; Bandolero – 1968; Der Unbeugsame – 1967; Das dreckige Dutzend – 1967; Der Flug des Phoenix – 1965; Die vier Söhne der Katie Elder – 1965; Der Mann vom großen Fluss – 1965; Die 27. Etage – 1965; Wiegenlied für eine Leiche – 1964; Charade – 1963). Aber dann reitet der Hauptdarsteller mit Cowboyhut auf einem Pferd auf und davon, beleuchtet von den Strahlen der tief stehenden Sonne über Monument Valley.

Sam Shepard (Black Hawk Down – 2001; Passwort: Swordfish – 2001; Das Versprechen – 2001; All die schönen Pferde – 2000; Schnee, der auf Zedern fällt – 1999; Die Akte – 1993; Magnolien aus Stahl – 1989) spielt Hollywoodstar Howard Spence, den Suchenden, jene Wim-Wenders-Ikone, die mit wechselnden Gesichtern durch all seine Filme streift, immer auf der Suche nach dem Leben, sich selbst, einem Sinn in allem. Howard Spence flieht erst mal vom Filmset. Man erfährt nicht so genau, warum er das tut, aber er hat ein Leben im Exzess hinter sich, das legen die Zeitungsausschnitte nahe, die seine Mutter über 30 Jahre gesammelt hat. 30 Jahre, in denen Howard jeden Kontakt zu Früher erkalten ließ, sein Leben bestand offenbar aus erfolgreichen Filmen, Partys, Alkohol, Drogen, Mädchen, schwerer Kater. Und dann wieder ein Film. Irgendwo dazwischen soll er Kinder gezeugt haben. Und als er von einem Sohn jetzt erfährt, ist er neugierig und weil er ohnehin nicht weiß, wohin, fährt er halt nach Montana, wo er entdecken muss, dass er Jahrzehnte ohne Familie gelebt hat und jetzt plötzlich Vater zweier Kinder ist.

Wenders dreht diesen Film über eine vaterlose Generation und die kinderlosen Väter als strahlendes Coffeetable-Book mit Sehnsuchtsbildern aus Amerika in Edward-Hopper-Dunkelgrün-und-Dunkelrot. Der Film ist in einer Abfolge von Hopper-Interpretationen gefilmt. In diesem Amerika abseits der Filmindustrie findet der deutsche Regisseur ganz zu sich und seinem Werk zurück: Bilder waren ihm im Kino immer lieber als die Geschichte, die dazu erzählt werden sollte. In die satten Farben des kleinstädtischen Amerika, getragen und gemalt vom Stolz der zurückgelassenen Einwohner, setzt Wenders heute zu seinen Bildern ein Lebensgefühl: Die Leere der Städte ist die Leere in den Köpfen seiner Protagonisten und alle warten darauf, ob es weitergeht oder ob man hier bleibt. „Hier wimmelt es nur so von Geistern. Hier haben's nur die wenigsten lange ausgehalten.“ „Was war das für'n Film. Ist der hier in der Gegend gedreht worden?Plakatmotiv: Don't come knocking (2005)Ja. Hier bei uns.“ „Da war hier ja richtig was los.“ „Ja, für fünf Minuten, wenn's hoch kommt. Doch dann gewann das echte Leben wieder die Oberhand.“ „Ja … also naja … ich denke, mir ist das richtige Kino lieber.“ „Lieber als was?“ „Als das echte Leben.“ Mit dem echten Leben können in Wenders Film die wenigsten umgehen. Auch der Versicherungsmann nicht, der Howard Spence zurück ans Filmset bringen soll, mag „keine Einflüsse von außen“, löst lieber Kreuzworträtsel, als sich mit dem echten Leben zu befassen. In einer vorherigen Szene haben wir ihn mutterseelenallein in der Wüste stehen sehen, im blütenweißem Hemd, wie er sich rasiert. Dieser Versicherungsmann, den der großartige Tim Roth spielt (Planet der Affen – 2001; Lucky Numbers – 2000; Vatel – 2000; Alle sagen: I love you – 1996; Pulp Fiction – 1994), verkörpert Wenders üblichen Tritt gegen Hollywoods Schienbein. Es geht um Geld, der Schauspieler ist abgehauen, es drohen Vertragsstrafen, die die Versicherung wird zahlen müssen. Dabei ist der Film, der da im Monument Valley entsteht, augenscheinlich ein altbackener Schmarrn, für den man gar nicht erst Geld einsetzen sollte.

Die Realität kommt auch der Familienzusammenführung in die Quere, weil das Leben nun mal nur in Howard Spences Kino einfach ist, die Menschen im realen Leben sich weiter entwickeln, irgendwann keinen Vater mehr brauchen, oder doch nur, um zu erkennen, dass sie sich in ihm nicht wiederkennen. Mit lakonischem Humor schaut Wenders zu, wie einer dieser kernigen Clint Eastwoods aus der ersten Reihe kippen und im Zuge ihrer Suche nach dem verpassten Leben immer kleinlauter wird. Nur im Western wartet die junge Braut bebenden Herzens im Sonnenuntergang darauf, dass ihr Geliebter irgendwann heimkehren wird. Im richtigen Leben muss die junge Frau in der Zwischenzeit ja irgendwie ihr Essen bezahlen.

"Don't come knocking" ist beinah schon eine Komödie, lakonisch, altersmilde mit dem wahnsinnigen Versuch, ein irgendwie so halbes Happy End mit einem klassischen Hollywood-Finale zu mischen. Es ist halt Wim Wenders' amerikanischster Film.

Wertung: 6 von 6 €uro
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