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Plakatmotiv: Himmel über Berlin (1987)

Reiseführer für Melancholiker mit Thesen
über Kinder, Sex und das übrige Leben

Titel Der Himmel über Berlin
Drehbuch Wim Wenders + Peter Handke
Regie Wim Wenders, BRD, Frankreich 1987
Darsteller

Bruno Ganz, Solveig Dommartin, Otto Sander, Curt Bois, Peter Falk, Hans Martin Stier, Elmar Wilms, Sigurd Rachman, Beatrice Manowski, Lajos Kovács, Bruno Rosaz, Laurent Petitgand, Chick Ortega, Otto Kuhnle, Christoph Merg u.a.

Genre Drama, Fantasy
Filmlänge 128 Minuten
Deutschlandstart
29. Oktober 1987
Inhalt

Berlin 1987. Der Engel Damiel streift in Begleitung seines Freundes Cassiel durch die Stadt, die nach wie vor durch die Mauer geteilt ist. Von den Menschen nicht zu erkennen, lauschen die beiden aufmerksam und geduldig deren Gedanken und Gesprächen.

Mit steigender Neugierde wendet Damiel sich seinen Schützlingen zu und verliebt sich letztlich in die Akrobatin Marion. Seine Suche nach menschlichen Gefühlen, nach Leidenschaft, Sehnsucht, Kummer, Schmerz, wird immer größer und er entschließt sich dazu, seine Unsterblichkeit gegen eine irdische Existenz als Mensch einzutauschen.

Plötzlich sieht er die Welt in Farbe und findet sich Stück für Stück in seiner neuen Existenz zurecht, mit all ihren Vor- und Nachteilen, Hochs und Tiefs. Dabei steht ihm ein anderer, ein ehemalige Engel zur Seite …

Was zu sagen wäre

Ein Schweben durch Berlin. Die Kamera führt uns vorbei an Männern, Frauen, Kindern, wir hören Fetzen ihrer Gedanken, Alltagssorgen, Liebesgedanken, das kranke Haustier. Menschen in ihrer intimen Umgebung und in ihren momentanen Empfindungen. Die Kamera gleitet über Straßen, Plätze, durch Häuserschluchten, überwindet Wände, Türen, Fenster, immer mehr Menschen gleiten durch unser Blickfeld, das schwarz-weiß auf diese Stadt blickt. Zwischendrin immer wieder Menschen, die sich über andere Menschen beugen, ganz nah, und gütig lächeln. Es sind Engel, wie wir im Lauf des Films erfahren, Engel, die in der städtischen Bibliothek ihr Zuhause haben, von dort überall in die Stadt ausschwärmen. Sie sehen das Treiben auf belebten Straßen, an wichtigen Orten der Stadtgeschichte, auf dem Brachland entlang der innerdeutschen Grenze. Ihre schwerelosen Bewegungen werden durch schwebende Kamerafahrten und Aufnahmen aus der Vogelperspektive imitiert.

Es ist nichts Schönes in dieser Stadt, die dominiert ist von Bauruinen, Brachflächen, Pfützen und der Mauer. Deutsche Tristesse in Schwarzweiß, die auch, wenn der Engel gegen Ende zum Mensch wird und der Film zur Farbe findet, nicht aufhellt. Schöner wird Wenders’ Version von Berlin auch in Farbe nicht. Auch die Menschen in der Stadt, deren Gemurmel wir gewahr werden: trist. Kein glücklicher Gedanke. Ein endloses Rauschen vermeintlicher Frustration, Sorge, Klage, Angst und Qual; kein Ort für Wünsche, kein Platz für große Pläne, Sehnsüchte, Träume. Die Menschen haben ihre Leidenschaft verloren, ihre Seelenkraft. Dies zu mildern ist die Aufgabe der Engel. Das schwarzweiße Leben ist die Perspektive dieser Engel, im Grunde nicht minder trist als das der Menschen. Mehr können sie nicht. Weder können sie eingreifen, noch können sie fühlen, riechen, schmecken. Sie tun nichts als zuschauen und zuhören. Nichts verändert sich. Eine Geschichte kommt so nicht in Gang. Manche haben eine Ahnung von ihrem Mangel.

Damiel, gespielt von Bruno Ganz und seinen traurigen Augen, ahnt, dass ihm was fehlt: „Manchmal möchte ich ein Gewicht an mir spüren, das mich erdenfest macht. Nicht gleich ein Kind zeugen. Oder einen Baum pflanzen. Nur Fieber haben. Oder schwarze Finger vom Zeitunglesen.“ In dieser Melancholie trifft er in einem kleinen Zirkuszelt auf die Trapezkünstlerin Marion. Und etwas verändert sich.Vielleicht spräche Damiel von Liebe, wenn er wüsste, was Liebe ist, wie Liebe geht. „Leere. Überall Leere.“ melancholiert die frisch arbeitslose Trapezkünstlerin, legt eine Platte von Nick Cave auf (der Protagonist aus der Dark-Wave- und Gothic-Szene liefert später noch persönlich eine Performance vor lauter sedierten Im-Club-Herumstehern) und räkelt sich auf dem Bett in ihrem karg möblierten Zirkuswohnwagen. Damiel setzt sich neben sie und hört mit gütigem Auge ihren Gedanken beim Aufbau zu: „Wie soll ich leben? Vielleicht ist das die falsche Frage. Wie soll ich denken?“ Da nickt Damiel gütig. „Ich weiß so wenig. Vielleicht, weil ich immer zu neugierig bin. Immer wieder denke ich falsch. Denn es ist so, als würde ich denken und gleichzeitig mit jemand anderem sprechen. Im Inneren der geschlossenen Augen noch einmal die Augen schließen. Das macht sogar die Steine lebendig.“ Damiel, der unsichtbare Engel, steht auf und betrachtet die Steinsammlung des Mädchens. Das Drehbuch, die Gedanken hat Peter Handke geschrieben, Wenders' Freund und bevorzugter Filmautor. Man bemerkt es, weil man sich in der Schule mit seinen Werken streiten musste.

Handke ist kein Vertreter der Idee, eine stringente Geschichte erzählen zu müssen. Da ist er seinem Regisseur Wim Wenders ähnlich. „Geschichten gibt es ja gar nicht“, sagt er selbst, das ist einige Jahre her. „Es gibt nur Seitenwege oder Irrwege oder Ansätze zu Geschichten. Die Geschichte passiert nie, weil die Personen sie herstellen, sondern die Geschichte ist etwas, was die Personen lenkt und leitet.Plakatmotiv: Himmel über Berlin (1987) In seinem Stand der Dinge (1982) hat er den Zwang zur Geschichte in einen Dialog zwischen amerikanischem Filmproduzenten und europäischem Regisseur gepackt: „Eine ganz alte Leier, ohne Geschichte bist du aufgeschmissen,“ erklärt der Produzent, „ein Film ohne Geschichte, das hält nicht. Genausogut könntest du ein Haus ohne Mauern bauen. Aber es gibt kein Haus ohne Mauern. Auch Filme brauchen Mauern.“ Die Antwort des Regisseurs: „Wieso Mauern? Der Raum zwischen den Personen kann die Decke tragen. Der Raum zwischen den Menschen.“ In seinem Kurzfilm "Reverse Angle" (1982) sagt er gar, dass „Bilder mir immer mehr bedeutet haben als Geschichten. Ja, Geschichten mitunter nicht mehr als ein Vorwand waren, um Bilder zu finden“. Oder, wie Peter Falk, der hier einen ehemaligen Engel spielt, der zum Menschen wurde und als US-Schauspieler Peter Falk im Film auftritt, sagt, während er auf einem Blatt Papier herum malt: „Du machst da einen dicken Strich und da einen dünnen Strich. Zusammen genommen, entsteht etwas daraus.

So ist es wohl. Es ist wahrlich ein Film aus dem Land der Dichter und – vor allem – Denker. Voller Melancholiker. Melancholische, Gefühle vermissende Engel. Melancholische, ein Leben vermissende Menschen. „Als das Kind Kind war, würgte es am Spinat, an den Erbsen, am Milchreis und am gedünsteten Blumenkohl. Und isst jetzt das alles. Und nicht nur zur Not.“ Sinniert Damiel zwischen lauter Kindern im Zirkus aus dem Off. „Als das Kind Kind war, erwachte es einmal in einem fremden Bett. Und jetzt immer wieder. Erschienen ihm viele der Menschen schön. Und jetzt nur noch im Glücksfall. Stellte es sich klar ein Paradies vor. Und kann es jetzt höchstens ahnen. Konnte sich nicht Nichts denken. Und schaudert heute davor.“ Zu diesen bedeutungsschweren Kalenderweisheiten sehen wir eine Artistin, die in der Manege mit einer falschen Hantel hantiert, und als Löwe, Ratte und Hahn maskierte Künstler um sie herum tanzen. „Als das Kind Kind war, spielte es mit Begeisterung. Und jetzt, so ganz bei der Sache wie damals nur noch, wenn diese Sache seine Arbeit ist. Als das Kind Kind war, wusste es nicht, dass es Kind war. Aber es konnte die Engel sehen. Als das Kind erwachsen wurde, wurde es blind. Da ging es ins Kino und schlug die Augen auf.“ Zusammengefasst: Erwachsene Menschen leben ein tristes Leben und finden im Kino dafür Kompensation. Einen Zusammenhang zum Film, der hier eine Stunde alt ist, hat diese Erkenntnis nicht, ist aber immerhin eine Aussage, auf der wir im Kinosessel herumdeuteln können. Zeit dazu haben wir, der Film lässt sich Zeit.

Dass sich Engel Damiel verliebt, ist so richtig, wie für den Film eigentlich belanglos. Genauso richtig ist es zu sagen, der Film behandele die These, dass das Kindsein der utopische Idealzustand der Menschen ist und dass das Menschsein der utopische Idealzustand der Engel ist. Immer wieder baut Peter Handke sein für den Film geschriebenes Gedicht "Lied vom Kind sein" in den Offtext. Manchmal sehen wir dann leuchtende Kinderaugen im Zirkus. Als Kind habe er sich viel mehr mit Gedanken von Leben und Tod befasst, sagt Wim Wenders im Nachrichtenmagazin Der Spiegel vom 19. Oktober 1987: „Ich glaube, daß sich nur Kinder diese metaphysischen Fragen stellen, warum bin ich nicht du, wo fängt die Zeit an, wo hört der Raum auf. Das fragt kaum ein Erwachsener, aber nicht, weil er die Antworten wüßte, sondern weil er sich daran gewöhnt hat, daß es keine Antworten gibt.“ Eine Liebesgeschichte entwickelt sich nicht wirklich. Auch glimmt in Bruno Ganz' gütigem Blick kein entsprechendes Gefühl. Auch, als er zum Menschen geworden ist, mit allem ausgestattet wie Gefühl, Schmerz, Geschmack, Tastsinn, lodert da keine Leidenschaft für die Trapezkünstlerin. Da starrt ein uralter Unsterblicher eine sehr junge Frau in einem knappen Artistinnenkostüm an (Schauspieler Bruno Ganz, Jahrgang 1941, ist 20 Jahre älter als Schauspielerin Solveig Dommartin, Jahrgang 1961). Neugierde und/oder Geilheit auf junges Fleisch sind aber kein verliebt sein. Diese behauptete Liebe, die zudem sehr einseitig ist – sein muss, weil Marion von der Existenz des Engels kaum ahnen kann – ist eher ein Roter Faden durch ein Thesenpapier mit Filmbildern.

Wenders legt keinen Wert auf Unterhaltung, wie sie im Kino nebenan vielleicht Filme wie Predator, "Dirty Dancing", Full Metal Jacket oder Zwei stahlharte Profis liefern. Wenders' Film ist ein Kunstwerk, ein Werk eines Künstlers, so wie Joseph Beuys' Heftpflaster, Mullbinden, Fett und Kupferdraht in der Säuglingsbadewanne ein Künstler-Werk ist, das man erst versteht, wenn man sich mit dem Konzept des Künstlers vertraut gemacht hat und dann nicht Fett und Heftpflaster in der Wanne sieht, sondern die Wanne, in der der Künstler einst seinen Säugling gebadet hat, und die er mit kunsttheoretischen Argumenten zur Kunst erklärt – attraktiv oder interessant muss man die Wanne aber deshalb immer noch nicht finden. In dieser Tradition ist "Der Himmel über Berlin" – ohne Fett und ohne Heftpflaster, aber mit Kalender-Weisheitenmelancholie Wim Wenders' Assoziationen zu Berlin, der geteilten Stadt.

Ich folge diesem verfilmtem Reiseführer für Melancholiker durch die schwarz-weiße, geteilte Stadt, höre den abgerissenen Gedanken ihrer Bewohner hinterher und sehe Engeln zu, wie sie bedeutsam ihre Hand auf Berliner Schultern legen. Jahre später, nach dem Mauerfall 1989, erwerben wenigstens die zeithistorischen Bilder der kaputten Stadt einen hohen Weißt-Du-noch-Wert, die darüberhinaus grandios schön inszeniert sind. Wenders' Kameramann Henri Alekan macht ausgiebig Gebrauch vom ruckelfreien Kameragerüst der Steady-Cam. „Der Film ist wirklich von der Stadt miterfunden worden“, sagt Wenders. Ein fertiges Drehbuch habe er für den Film nicht gehabt, nur den unbedingten Willen, einen Film in und über Berlin zu drehen: „Berlin hat so eine Energie, das spürt man, wenn man hierher kommt.

Auf den Zuschauer überträgt sich diese Energie nicht. Nur die Erkenntnis, dass Sex auch für gewesene Engel etwas Wunderbares ist: „Ich war in ihr. Und sie war um mich. Ich bin zusammen. Kein sterbliches Kind wurde gezeugt in jener Nacht, sondern ein unsterbliches, gemeinsames Bild. Ich habe in dieser Nacht das Staunen gelernt. Erst das Staunen über uns zwei, das Staunen über den Mann und die Frau hat mich zum Menschen gemacht. Ich weiß jetzt, was kein Engel weiß.

Wertung: 3 von 10 D-Mark
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