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Plakatmotiv: Full Metal Jackett (1987)

Kubrick verweigert dem Krieg
den moralischen Anspruch

Titel Full Metal Jacket
(Full Metal Jacket)
Drehbuch Stanley Kubrick + Michael Herr + Gustav Hasford
nach den den Romanen "The Short-Timers – Höllenfeuer" und "Dispatches – An die Hölle verraten"
Regie Stanley Kubrick, UK, USA 1987
Darsteller

Matthew Modine, Adam Baldwin, Vincent D'Onofrio, R. Lee Ermey, Dorian Harewood, Kevyn Major Howard, Arliss Howard, Ed O'Ross, John Terry, Kieron Jecchinis, Kirk Taylor, Tim Colceri, Jon Stafford, Bruce Boa, Ian Tyler u.a.

Genre Drama, Krieg
Filmlänge 116 Minuten
Deutschlandstart
8. Oktober 1987
Inhalt

Der junge Private Joker wird bei den Marines auf den Vietnam-Krieg vorbereitet. In dem Militärcamp auf Parris Island in South Carolina herrschen raue Sitten.

Kahl geschoren und entindividualisiert müssen sich die jungen Männer von ihrem sadistischen Ausbilder Hartman beleidigen und schikanieren lassen. Besonders der körperlich wie geistig schwerfällige Private Gomer "Paula" Pyle hat unter Hartmans Demütigungen zu leiden. Während er bei jedem Konditionstraining versagt, leckt er bei den Schießübungen Blut. Als er sein neu entdecktes Talent einsetzt, kündigt sich bereits das Grauen an, das die Soldaten bald am eigenen Leib erfahren werden.

Kurz nach ihrer Ankunft im vietnamesischen Hué werden die Marines von der berüchtigten Tet-Offensive des Vietcong überrascht. In der einst so prunkvollen Stadt, die nun in Trümmern liegt, liefern sich Joker und seine Kameraden, darunter Animal Mother, Feldfotograf Rafterman und Kompanieführer Cowboy eine blutige Schlacht mit den Vietnamesen.

Plakatmotiv (US): Full Metal Jackett (1987)Als ein unsichtbarer Scharfschütze zuschlägt, lernen die Soldaten eine harte Lektion …

Was zu sagen wäre

Das erste, was du für den Krieg verlierst, sind Deine Haare. Das zweite ist Deine Würde. Stanley Kubrick kehrt nach Wege zum Ruhm und Barry Lyndon zurück in die Armee. Aber diesmal ist die Armee das gesellschaftliche Thema des Films. Wie formt die Armee das Individuum? In den beiden früheren Werken war das Militär jeweils das Mittel zum Zweck, eine in Ritualen und Codes entmenschlichte Gesellschaft zu portraitieren. Das Prinzip des Befehl & Gehorsams erfüllte einen Plot im Prozess des Storytellings.

In "Full Metal Jacket" erforscht Kubrick, wie es überhaupt dazu kommt, dass Soldaten blind gehorchen. Für rund 45 Minuten schickt er uns dafür Gunnary Sergeant Hartmann auf die Leinwand, der junge, frisch eingetroffene Rekruten unablässig anschreit, beleidigt, schlägt, demütigt und über den Trainingsplatz jagt. Während des harten Drills sind Gefühlsregungen nicht vorgesehen, Gefühl ist Schwäche, wer Gefühl zeigt, stirbt, so die Konnotation des Gunnary Sergeanten, für den Militär und Kriegführung eine Art feuchter Traum darstellt. Unablässig flicht er sexuelle Begriffe in seine gebrühten Kommandos, erklärt das Gewehr zur einzig wahren „Pussy“ des Soldaten, das dieser liebevoll zu behandeln und diesem einen Frauennamen zu geben habe, seine Rekruten nennt er „Ladies“ und gibt jedem einen Spitznamen. Innerhalb von zehn Minuten haben die Hauptfiguren ihre Identitäten verloren und sind vom Ausbilder zu Maschinen geformt worden.

In der letzten Nacht im Ausbildungscamp sind die Rekruten geworden, was Hartman haben will: Killer. Einer ist so entmenschlicht, dass der Gunnary das nicht überlebt. Die 45 Filmminuten in der Ausbildung leben vor allem durch R. Lee Ermey, der selbst Ende der 60er Jahre Gunnary Sergeant der Marines in Vietnam war und seine Erfahrung sehr lebendig in den Film einbrachte (die meisten Flüche hat er vor laufender Kamera improvisiert, weil er sie aus seiner Militärzeit kennt), und von Vincent D'Onofrio, der den fetten Private Pyle spielt. Ermey schreit sich als Sergeant Hartmann die Lunge aus dem Leib und die Rekruten in Grund und Boden. Wegen seiner gebrüllten Unflätigkeiten allein lassen die Szenen auf Parris Island nicht kalt, sie sind anstrengend. D'Onofrio, bislang hauptsächlich Türsteher vor einem Nightclub, hat sich für seinen Pyle 30 Kilo drauf gefuttert. Das ist beeindruckend. Faszinierend aber ist sein Minenspiel, mit dem sich D'Onofrio von einem sanften Naivling in ein monströses Monster verwandelt. 

Und dann ist die Gebrülle Ausbildung endlich vorüber, da wirkt Vietnam zunächst wie ein ruhiger Ort, in dem man die Zeit mit Huren verbringt. Was wir bis dahin noch nicht gesehen oder gehört haben ist ein vaterländischer Überbau des Militärs. Warum machen wir das? Wieso kämpfen wir in Vietnam? Die Frage interessiert Kubrick nicht. Er beobachtet Drill und zeigt, was daraus wird. Die Rekruten werden nicht für den Kampf für ihr Vaterland, die Freiheit oder ihre Familien ausgebildet, sondern einzig und allein, um zu töten. Der Moral gleichartiger – als "Anti-Kriegsfilme" bezeichneten – Hollywoodproduktionen hält Kubrick zynisch den Spiegel vor, indem er Sergeant Hartman anhand von Beispielen wie Charles Whitman und Lee Harvey Oswald erklären lässt, wozu ein Marine mit seinem Gewehr imstande ist – Whitman erschoss von einem Aussichtsturm in Texas 17 Menschen über eine Distanz von 400 Metern. Oswald gab drei Schüsse auf ein bewegliches Ziel (Präsident Kennedy) aus 75 Metern Entfernung ab, darunter einen tödlichen Kopfschuss.

Die Army schickt ausgebildete Killer nach Vietnam, ohne sie auf das vorzubereiten, was sie dort erleben werden. Die Vietnamesen hassen die Fremden, auch, weil sie ihre Schwestern für 10 Dollar an sie verhökern. In Vietnam ist der Feind unsichtbar, unberechenbar, nicht mal die Feiertage hält er ein. Es geht gegen die Kommunisten, gegen den Vietcong, aber eigentlich geht es nur darum, seinen Arsch möglichst aus der Schusslinie zu halten und dabei ein paar Schlitzaugen zu töten. Private Joker ist Kubricks Auge in diesem Film, ambitioniert gespielt von Mathew Modine ("Birdy" – 1984; "Das Hotel New Hampshire" – 1984) zwischen Humanität und Mordlust. Einerseits ist Pvt. Joker sicher weit als Redakteur der Armeezeitung "Stars & Stripes" abseits feindlicher Linien in Da Nang. Andererseits heiß auf ein bisschen Action an der Front: Auf seinem Helm steht „Born to kill", auf seiner Brust klebt ein Peace-Zeichen. Einem TV-Journalisten erklärt er, er sei hier, weil er „das exotische Vietnam sehen will, das Juwel Südostasiens. Ich will interessante, faszinierende Menschen einer alten Kultur sehen. Und sie töten.

Die Tet-Offensive kommt ihm quasi gelegen, als der Vietcong an seinem Neujahrsfest überall im Land amerikanische Stützpunkte überfällt, und Joker als Berichterstatter an die Front geschickt wird. Es ist eine interessante Front: Kubrick holt den Vietnamkrieg aus dem Dschungel in die Ruinen der Stadt Hué. Kein Urwald, keine durch Tunnels schleichende Vietcong, lediglich ein grausamer Scharfschütze. Neben der fehlenden moralischen Rechtfertigung des US-Einsatzes ist dies der augenfälligste Unterschied zu anderen Hollywoodfilmen über den Vietnamkrieg.

Wenn der Film zu Ende ist, hat Private Joker einen Menschen getötet, und den aber nicht aus einem Hassgefühl heraus gekillt – was in der Situation durchaus nachvollziehbar wäre –  sondern aus Mitleid von Schmerzen erlöst. Auch im Ausbildungslager hatte er schon seine hohen Moralvorstellungen der Realität opfern müssen, als er sich einer Bestrafung seines Schützlings Private Pyle anschloss. Mitten im Krieg dann in Hué kann er diese Vorstellungen wieder nicht aufrecht halten. Moral und Krieg, Moral und Militär widersprechen sich in Kubricks Kino. Moral ist Schwäche; wie das Gefühl. Und Schwäche tötet.

Joker begleitet den Film mit kurzen Kommentaren aus dem Off. Was er nicht tut, ist, sich in seinem Schlusskommentar zu rechtfertigen, das Geschehene einzuordnen, seinen Totschlag als irgendwie systembedingt zu entschuldigen. Es gibt da nichts zu entschuldigen. Krieg ist Krieg. Wenn man ihn führt, muss man töten. Sonst wird man getötet. Kubricks Krieg zeigt, wie unterschiedlich Menschen damit umgehen. Am Schluss singen die überlebenden Soldaten beim Rückmarsch den Mickey-Mouse-Club-Song – sie machen sich selbst wieder zu den Kindern, die sie vor Kurzem ja wirklich noch waren, bevor man ihnen die Haarpracht nahm, um den erlebten Schrecken irgendwie verarbeiten zu können.

Wertung: 9 von 10 D-Mark
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