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Kinoplakat: Stadt der Engel

Ein Kinofilm feiert das Leben,
die Liebe, die Stadt und den Tod

Titel Stadt der Engel
(City of Angels)
Drehbuch Dana Stevens
nach der Vorlage „Der Himmel über Berlin” von Wim Wenders, Peter Handke und Richard Reitiger
Regie Brad Silberling, USA 1998
Darsteller

Nicolas Cage, Meg Ryan, Andre Braugher, Dennis Franz, Colm Feore, Robin Bartlett, Joanna Merlin, Sarah Dampf, Rhonda Dotson, Nigel Gibbs, John Putch, Lauri Johnson, Christian Aubert, Jay Patterson, Shishir Kurup u.a.

Genre Romanze, Drama
Filmlänge 114 Minuten
Deutschlandstart
23. Juli 1998
Inhalt

Engel Seth beschleicht ein seltsames Gefühl: Er ist unglücklich. Eine Regung, die er bei Menschen zwar dauernd beobachtet, die für Engel jedoch keine Bedeutung haben sollte. Seths Kollege Cassiel kann kein rechtes Verständnis für Seths Zweifel aufbringen: Was soll schon dran sein, etwas körperlich zu fühlen? Engel, sagt Cassiel, sind dazu da, den göttlichen Willen in die Tat umzusetzen – irdische Probleme sind ihre Sache nicht.

Herzchirurgin Dr. Maggie Rice operiert den 50jährigen Mr. Balford, der morgens mit einem Herzanfall zusammengebrochen ist. Die Operation läuft wie geplant – eine Routineaktion für eine Spezialistin wie Maggie. Doch gerade, als Balford aus der Narkose erwachen soll, setzt sein Herz aus. Ohne erkennbaren Grund. Die Wiederbelebungsmaßnahmen fruchten nichts. Maggie öffnet die Operationswunde und massiert das Herz des Patienten direkt.

Seth hat ihr die ganze Zeit gebannt zugeschaut, denn er hat den Auftrag, Balford in die Ewigkeit zu geleiten. Maggie allerdings ist nicht bereit aufzugeben: „Auf meinem OP-Tisch stirbt niemand!” Aber Mr. Balford ist nicht zu retten, irgendwann muss Maggie aufgeben.

Ihr Selbstverständnis als Ärztin ist erschüttert. Aber sie spürt die beruhigende, unerklärliche Präsenz des unsichtbaren Seth. Kein Wunder: Seth seinerseits spürt schon wieder ein fremdartiges Gefühl, das er bisher nicht kannte. Und plötzlich, im Flur, steht er sichtbar vor ihr. Strahlt eine derartige Ruhe und Zuversicht aus, dass sie ganz gegen ihre rationale Natur, fast wie in Trance, sofort Vertrauen fasst und ihren tiefen Schmerz mit ihm teilt.

Das ist der Beginn einer verzweifelten Liebesgeschichte. Zwischen einem Engel und einem Menschen, die niemals sein kann …

Was zu sagen wäre

Würden Engel in solchen Begriffen denken, man könnte sagen: Engel führen ein unglückliches Dasein. Ihr Leben ist schwarz/weiß, sie riechen nichts, schmecken nichts. Sie fühlen nichts. Sie sehen Menschen beim Leben zu, beruhigen sie, wenn sie unter Stress stehen und schauen morgens der Sonne beim Aufgehen und abends beim Untergehen zu. Sie tragen lange schwarze Mäntel, immer, und  leben in den Räumen der städtischen Bücherei, verbinden aber mit den Texten zwischen den Buchdeckeln dort nichts. Zum Glück ahnen sie nicht, was sie verpassen. Das Leben als Mensch bedeutet „Freiheit", sagt einer, der es wissen muss. ein gefallener Engel, buchstäblich. Er war ein Engel, dann ließ er sich fallen, aus großer Höhe, und wurde Mensch. „Menschen haben den freien Willen!“, sagt er und bereut seine Entscheidung, die ihn jetzt, Jahrzehnte später, mit schwachem Herzen ins Krankenhaus gebracht hat, nicht.

Was am Menschsein so toll sein soll, lässt der Film lange im Dunkeln. Wir lernen Maggie, die Ärztin kennen, die auf ihrem OP-Tisch einen Patienten verliert und damit nicht klar kommt. Ihr Leben ist aufgeräumt, die Karriere läuft, ein gelegentlicher Liebhaber – und Kollege – sorgt für Schwankungen im Gefühlshaushalt. Aber dass jetzt ihr Patient gestorben ist, damit kommt sie nicht klar. Und damit wiederum kommt Seth nicht klar, ein Engel, für den das Sterben Alltag ist. Er begleitet die Gestorbenen hinüber. Die große Trauer, die er nicht versteht, rührt den Engel und macht ihn neugierig. Und so wird er schließlich Mensch.

Das ist Stoff für großes Melodram. Aber Brad Silberling, der bisher nur einen Kinofilm gedreht hat (Casper – 1995), lässt sich nicht verführen von den Möglichkeiten der großen Kinomaschinerie. Sein Film beginnt leise, beiläufig fast. Spektakulär ist der jeweils erste Auftritt der Hauptfiguren: Ein Mädchen hat hohes Fieber, wird ins Krankenhaus gefahren, an ihrer Seite immer ein sanft lächelnder Mann in schwarzem Mantel, der das Mädchen beruhigt. Und als es gestorben ist, geleitet der Mann es nach oben. „Was hast Du in Deinem Leben am meisten gemocht?“ „Meinen Pyjama.“ Nicolas Cage spielt diesen Engel, Seth, bemerkenswert feingliedrig. Nach drei Actionfilmen in Folge (The Rock, Con Air, Im Körper des Feindes) spielt er hier einen aufmerksamen, antizipierenden Geist, der etwas verstehen möchte. Das fordert uns im Kinosessel Geduld ab, denn es explodiert nichts, es kracht nichts. Mit gefühlvollem Dackelblick recherchiert Nicolas Cage (Leaving Las Vegas – 1995; "Wild at Heart" – 1990; Cotton Club – 1984; Rumble Fish – 1983; Ich glaub' ich steh' im Wald – 1982) eine fremde Spezies. Den Menschen.

Maggie ist so ein Mensch. Ist der Mensch. In Seths Dackelaugen. Der Mensch, den er verstehen will und also nutzt er eine nicht näher erklärte Engel-Fähigkeit und macht sich sichtbar. Maggie kann ihn plötzlich sehen. Die Szene, in der sie ihn erstmals sieht und mit ihm spricht, ist intensives Schauspielerkino – zurückgenommen, sanft, sehr spannend. Aber als sie ihn später küsst, weicht sie erschrocken zurück. Wir sehen ihrem Blick förmlich an, dass totes Gewebe geküsst zu haben glaubt. Meg Ryan spielt die Maggie und sie steht vor der schwierigen Aufgabe, uns im Kinosessel vergessen zu lassen, dass sie im Kino bisher auf Hollywoods Herzchen-vom-Dienst-Rollen abonniert schien ("In Sachen Liebe" – 1997; French Kiss – 1995; Schlaflos in Seattle – 1993; The Doors – 1991; Joe gegen den Vulkan – 1990; Harry und Sally – 1989; Presidio – 1988; D.O.A. – Bei Ankunft Mord – 1988; Die Reise ins Ich – 1987; Top Gun – 1986), gleichzeitig aber die bezaubernde Person of Interest für einen Engel sein muss. Brad Silberling bereitet Ryan dafür einen großen Auftritt als Ärztin in einer Notsituation, die cool das jeweils Richtige tut, knappe Ansagen macht, „Skalpell!“, und am Ende, obwohl sie nichts falsch gemacht hat, doch verliert. Meg Ryan in Touch und mit einer Träne, die ihre Wange hinabläuft.

Der Film kreist nur um die beiden. Seth hat einen Freund, den Engel Cassiel, der Seths neuartige Sehnsüchte im Ansatz schon nicht versteht, und den Andre Braugher (Zwielicht – 1996) mit großen warmen Augen als gefühlsneutralen Geist spielt. Dennis Franz (Stirb Langsam 2 – 1990) spielt den gefallenen Engel mit dem schönen Namen Mr. Messinger. Herzerwärmend, liebenswert, ein Knuddeltyp – „Was haben Sie da für eine Tätowierung? Was sagt Ihre Frau dazu?“ „Das ist meine Frau.“ Aber beide bleiben Funktionsfiguren, die zwischendurch Dinge erklären müssen, die der Zuschauer benötigt – Cassiel durch beredtes Schweigen, Mr. Messinger mit Alltagssprache über das Hüben und das Drüben.

Der Film kreist also um Maggie und Seth, die lange nicht interagieren können, Maggie kann den Engel nicht sehen, der Engel sie schon. Sprechen miteinander? Geht nicht. Das macht den Zugang zum Film im Kinosessel nicht leicht. Helfen tun die die beiden Schauspieler und die schönen Bilder von Kameramann John Seale (Das Attentat – 1996; Der englische Patient – 1996; Hallo, Mr. President! – 1995; Rangoon – 1995; Schlagzeilen – 1994; Die Firma – 1993; Rain Man – 1988; Die Nacht hat viele Augen – 1987; Mosquito Coast – 1986; Hitcher, der Highway Killer – 1986; Der einzige Zeuge – 1985). Die erste halbe Stunde ist angefüllt mit Beobachtungen des täglichen Erden-Geschäfts der Engel beklemmend schön ausgestellt. Und mit Maggies Job werden wir überraschend deutlich von Meg Ryans Kino-Image abgelenkt – Herzmassage am offenen Organ, das passt zum Auftakt eines Melodrams.

Der Film hat das Pech, die Neuversion des deutschen Dramas Der Himmel über Berlin (1987) von Wim Wenders zu sein, dem Säulenheiligen des deutschen Feuilletons. Damit hat er sich selbst ein Bein gestellt, wird Frame für Frame verglichen und da fehlt es dem Feuilleton an Vielem: an Poesie, an Geist, an Hintergrund. Wo Wenders ein Thesenpapier über Kindheit, Liebe und Leben im geteilten Berlin gedreht hat, rückt Silberling die Liebesgeschichte in den Fokus und bemüht sich um eine Geschichte. Wim Wenders wird das nicht gefallen haben, er hält den Zwang des Filmemachers, eine Geschichte erzählen zu sollen, für schwierig. Und er hält das Filmgeschäft à la Hollywood für die Vorhölle. In einem Spiegel-Gespräch sagte er 1987 anlässlich des Filmstarts seines Himmel über Berlin zum Hollywood-Geschäft: „Die Art und Weise, wie dort eine Fülle von Talent mißachtet und kaputtgemacht wird, ist einfach schrecklich. Die Filme werden nicht von den Künstlern, sondern von ein paar Agenten und Rechtsanwälten bestimmt, die sich wie die Schmeißfliegen auf diesen riesigen Scheißhaufen nicht beschäftigter Leute werfen, um ihn Schicht für Schicht abzutragen. Die Künstler sind nur die Opfer. Hollywood ist das Sündenbabel der Neuzeit, die größte Schmierenindustrie, die man sich denken kann.“ Brad Silberling, der Regisseur in Hollywood findet einen eigenen Weg, die unterschiedlichen Geschmäcker von Engeln und Menschen erlebbar zu machen. Von Wenders' Vorlage steht in Los Angeles prompt nicht mehr, als das Gerüst. Der 55 Millionen-US-Dollar teure Mut dieser Neuinterpretation hat sich gelohnt, sein Film hat weltweit rund 200 Millionen Dollar eingespielt.

Lässt man diesen schweren Ballast außen vor, was im Sessel eines Kinos, diesem großen Verführer, nur sinnvoll ist, dann entfaltet "Stadt der Engel" ein emotionsgeladenes Drama über die Schönheit, ein Mensch sein zu können, auch wenn das bisweilen mit Blut, Gestank und Schmerzen zu tun hat. In dessen Finale dann sogar der warmherzig teilnahmslose Engel Cassiel fröhlich lacht. Für Filme wie "City of Angels" wurde das Kino einst erfunden.

Wertung: 9 von 11 D-Mark
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