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Plakatmotiv: Arizona Junior (1987)

Die Coen-Brüder verstehen sich darauf,
ihre Zuschauer hinters Licht zu führen

Titel Arizona Junior
(Raising Arizona)
Drehbuch Ethan Coen + Joel Coen
Regie Joel Coen & Ethan Coen, USA 1987
Darsteller

Nicolas Cage, Holly Hunter, Trey Wilson, John Goodman, William Forsythe, Sam McMurray, Frances McDormand, Randall 'Tex' Cobb, T.J. Kuhn, Lynne Kitei, Peter Benedek, Charles 'Lew' Smith, Warren Keith, Henry Kendrick, Sidney Dawson u.a.

Genre Komödie, Crime
Filmlänge 94 Minuten
Deutschlandstart
28. Mai 1987
Inhalt

Der kleinkriminelle Herbert I. McDunnough, kurz: HI, verliebt sich nach unzähligen Festnahmen in die Polizistin Edwina, kurz: Ed. Er entschließt sich, sie zu heiraten und sein Ganovendasein an den Nagel zu hängen. Zusammen ziehen sie in die Wüste Arizonas. Das einzige, was dem jungen Paar fehlt, um das Liebesglück zu vervollständigen, ist ein Baby. Nach vielen gescheiterten Versuchen erhält Ed jedoch die Nachricht, dass sie unfruchtbar ist.

Zur gleichen Zeit erfahren HI und Ed, dass der Möbelmogul Nathan Arizona und seine Frau durch künstliche Befruchtung Fünflinge zur Welt brachten. Das wühlt Ed sehr auf, da sie es ungerecht findet, dass einige Menschen im Überfluss belohnt werden. Kurzerhand entschließen sich die beiden, eines der Fünflinge zu entführen.

Der Plan scheint zunächst zu funktionieren, doch als HIs Freunde, Gale und Evelle Snoats, aus dem Gefängnis entlassen werden und er sie übergangsweise bei sich aufnimmt, fängt der ganze Ärger erst an …

Was zu sagen wäre

Es ist die alte Geschichte: Die einen haben nicht mal genug zum Leben, die anderen alles im Überfluss. Damit beginnt jeder amerikanische Tellerwäscher-Traum, egal, ob es um Geld geht oder um … Kinder. Im vorliegenden Fall steht das verzweifelt liebende Paar Hi und Ed vor dem Problem, dass es keine Kinder bekommen kann, während ein paar Kilometer weiter ein Möbelhausmogul sich und seine Frau durch so viele Kliniken treibt, dass beider Kinderwunsch schließlich fünffach erfüllt wird. Plakatmotiv (Ib.): Arizona Junior (1987)Und wo die einen so viel haben und die anderen gar nichts, ist es doch nur fair, wenn die, die viel haben, etwas abgeben.

Um diesem kriminellen Tun von vornherein die kriminelle Spitze zu nehmen, sorgen die Brüder Ethan und Joel Coen dafür, dass die geschädigten Fünffach-Eltern nicht diejenigen sind, die unsere Sympathie verdienen. Wenn wir so sehen in ihren Sesseln sitzend, Bilanzen lesend der eine, Erziehungsratgeber lesend die andere, wünschen wir ad hoc allen fünf Babies eine bessere Zukunft. Zum Beispiel bei Hi und Ed. Die sind zwar im amerikanischen Wirtschaftsrythmus eher lebensuntüchtig, aber nach rein menschlichen Maßstäben die viel netteren Menschen. Ihn, Hi, spielt Nicolas Cage mit toupiertem Vogelnest auf dem Kopf als grundliebenswerten Typen ("Peggy Sue hat geheiratet" – 1986; Cotton Club – 1984; Rumble Fish – 1983; Ich glaub' ich steh' im Wald – 1982), der das Herz einer verzweifelten Polizistin erobert, die Holly Hunter spielt, ein frisches Gesicht mit Zukunft, das die Coen-Brüder für Blood Simple noch für nur die Off-Texte der Helene Trend geholt haben, weil sie über eine wunderbar einzigartig knarzige Stimme verfügt.

Die Coen-Brüder wissen selbst, dass so eine Prämisse ein Drehbuch nicht lange trägt. Aber sie kann gut in eine Geschichte hinein führen, von der man die erste viertel Stunde nur weiß, dass sie von einem Typen, HI, erzählt wird, der andauernd wegen Supermarktüberfällen im Knast landet. Bis er die Polizistin, Ed, heiratet, die ihm immer die Fingerabdrücke abnimmt.  Von da ab ändert sich der Film in eine Geschichte über die Schwierigkeiten junger Eltern mit der Schlaflosigkeit. Weil es aber ein Unterhaltungsfilm sein soll, gibt es keine schreienden Babys bei Nacht, sondern schmuddlige, nur erwachsene Idioten – bedingt intelligente Knastbrüder und Spießbürger auf erotischen Nebengleisen menschlicher Existenz –, die den jungen Eltern das Leben schwer machen. In erster Linie hat "Arizona Junior" dasselbe Problem, das der vorherige Film der Coen-Geschwister, Blood Simple, hatte: Es fehlen echte Menschen; also solche, die ich auf der Straße draußen vor dem Kino treffen könnte. Aber seit Blood Simple wissen wir, dass es den Coen-Brüdern um echte Menschen in ihren Filmen auch gar nicht geht. Sie wollen den Irrsinn, zu dem Kino in der Lage ist, auf die Spitze treiben. Da hilft ihnen ihr Kameramann Barry Sonnenfeld ("Tödliche Beziehung" – 1985; Blood Simple – 1984), der sein Arbeitsgerät virtuos einzusetzen versteht, mehr als luzide Storytwists.

Und so ist alles an diesem Film Over the Edge.

Ihre Story hat die Drehbuchautoren und Regisseure Joel und Ethan so weit aus der Kurve getragen, dass sie das in einem Film wie diesem zwingende Happy End nur in Form einer von Hi im Off erzählten Traumvision hinbekommen. Ja, ich verlasse das Kino mit einem beselten Lächeln. Nein, ich sollte nach Verlassen des Kinos nie mehr über den Film nachdenken. Denn dann würde mir womöglich auffallen, wie konstruiert das ganze Konstrukt ist, das mir hier vorgeführt wird – eine manipulative Jahrmarktattraktion. Nicht mehr.

Aber auch nicht weniger.

Wertung: 7 von 10 D-Mark
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