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Plakatmotiv: Barton Fink (1991)

Die erfolgreiche Karriere beim Film
endet als Höllenfahrt in Hollywood

Titel Barton Fink
(Barton Fink)
Drehbuch Ethan Coen & Joel Coen
Regie Joel Coen (+ Ethan Coen), UK, USA 2017
Darsteller

John Turturro, John Goodman, Judy Davis, Michael Lerner, John Mahoney, Tony Shalhoub, Jon Polito, Steve Buscemi, David Warrilow, Richard Portnow, Christopher Murney, I.M. Hobson, Meagen Fay, Lance Davis, Harry Bugin, Anthony Gordon, Jack Denbo, Max Grodénchik u.a.

Genre Komödie, Drama
Filmlänge 116 Minuten
Deutschlandstart
10. Oktober 1991
Inhalt

New York, 1941: Der junge, naiv-idealistische Autor Barton Fink hat seinen ersten Bühnenerfolg am Broadway und wird von der Presse für seine treffende Darstellung des Kleine-Leute-Milieus gelobt, was auch im fernen Hollywood vernommen wird, von wo er ein lukratives Angebot von "Capitol Pictures" erhält. Zunächst eher widerwillig, dann aber angelockt durch das großzügige Honorar, tritt er seine Reise an die Westküste an. Auf eigenen Wunsch wird er in dem schäbigen Hotel "Earle" untergebracht, das menschenleer wirkt. Nur die Schuhe vor den Zimmertüren der langen Hotelflure deuten an, dass er nicht alleine ist.

Bei einem ersten, oberflächlichen Treffen mit dem herrischen Film-Mogul Jack Lipnick erfährt Fink, dass man von ihm „Großes erwartet“, das „Barton-Fink-Gefühl“ in Form eines Skripts zu einem trivialen Catcher-Film. Er bleibt weitgehend sprach- und ratlos. Apathisch vor seiner Schreibmaschine sitzend richtet er seinen Blick immer wieder auf eine farbige Fotografie an der Hotelzimmerwand: Eine Schönheit im Badeanzug sitzt am Strand und blickt in die Ferne. Fink wirkt wie hypnotisiert. Und bringt keine vernünftige Zeile zu Papier. Was ist ein Catcher-Film? Fink geht so gut wie nie ins Kino.

Im Nebenzimmer stört ihn Charlie Meadows durch komische Geräusche, was dem sehr peinlich ist, sich gleich zu einem Whisky bei Barton einlädt und ihm ausführlich von seinem Leben als Versicherungsvertreter erzählt. Ein lebensfroher Mann, der sich in einer harten Branche durchschlägt. Charlie ist Finks einziger freundschaftlicher Kontakt in der Stadt und als er sich für einige Tage nach New York verabschiedet, ist es für Fink, als breche seine Welt zusammen. Schreiben kann er immer noch nicht wieder.

Verzweifelt sucht er sich Hilfe. Sein Executive Producer Ben Geisler kann mit den moralischen Beklemmungen eines Schriftstellers nichts anfangen, verlangt pünktliche Lieferung eines Skriptes. Und der von Fink verehrte Autor W. P. Mayhew, den er auf der Toilette kennenlernt, entpuppt sich als zynischer Trinker, der seit Jahren keine gerade Zeile mehr geschrieben hat. Mayhews Assistentin Audrey Taylor hingegen, auch die Geliebte des runtergekommenen Autors, ist ihm seelisch eine große Stütze.

Als sie eines Morgens tot und blutüberströmt in seinem Bett liegt, erwachen langsam seine Schreibfähigkeiten wieder …

Was zu sagen wäre

In Hollywood scheint keine Sonne. Jedenfalls nicht für Drehbuchautoren. In kaum einer Szene sehen wie Barton Fink, den gefeierten New Yorker Bühnenautor in Los Angeles unter kalifornischer Sonne. Und wenn, dann sitzt er einem idiotischen Berserker gegenüber, der sich Filmproduzent nennt und sich benimmt, als habe er sich seinen Platz an der Sonne durch genaue Publikumskenntnis erarbeitet. Fink, der Autor, hingegen gehört in sein dunkles, schäbiges Hotelzimmer. Das hat er sich selbst so ausgesucht, sagt er, um näher am arbeitenden Volk zu sein, über das er schreibe. Da sitzt er nun. Es ist brütend heiß, die Fenster lassen sich nicht öffnen, die Tapeten rollen von den Wänden, und der Autor hat keine Ahnung, was einen Catcher-Film ausmacht.

Die Regie- und Autorenbrüder Joel und Ethan Coen (s.u.) halten der Industrie des Films in Hollywood mit "Barton Fink" den Schwarzen Spiegel vor, in dem sich das Business sieht, wie es – nach Ansicht der Coen-Brüder – wirklich ist: zynisch, menschenverachtend, für Autoren die Hölle – zum Ende des Films hin in Sinne des Wortes. Jack Lipnick, der Studioboss, der in seiner Physiognomie wahrscheinlich nicht zufällig an den Filmmogul Louis B. Mayer erinnert, verlangt einen „Catcher-Film“. Barton wisse schon, guter Catcher, böser Catcher, am Ende ein großer Triumph im Ring, dazwischen ein bisschen Drama mit einer Frau und oder mit einem unehelichen Kind, sowas in der Richtung. Plakatmotiv (Fr.): Barton Fink (1991) In Coens Hollywood sitzen keine Geschichtenerzähler, keine Troubadoure und Abtaste. In den Büros der Studios brüten Männer über Auswertungen von Besucherzahlen und kommen zum glasklaren Schluss: „Action, das wollen die Leute! Naja, und ein bisschen Drama zwischendurch.“ Dafür soll nun der in New York gerade gefeierte Autor an der Westküste das Barton-Fink-Gefühl einbringen. Niemand weiß, was das ist, am wenigsten der Autor selbst, aber das wird nun verlangt; keine Geschichte, kein vielschichtiges Drama, wie es vielleicht einst William Faulkner schrieb, der augenscheinlich das reale Vorbild für den von der Filmmaschinerie ausgewrungenen Autor W.P. Mayhew bildet. Gefragt ist im Produzentenbüro was mit Männern in Trikots, die sich im Ring prügeln, „Sie machen das schon!

Dass Drehbuchautoren in der Nahrungskette weiter unten siedeln, ist ein Bonmot in der Filmbranche. Nicht erst, seit George Lucas oder Steven Spielberg mit genau kalkulierten Abenteuerfilmen die Massen in die Kinos ziehen, gibt es den Streit zwischen ambitioniertem Künstler und einem Produzenten, der eigener Ansicht nach besser weiß, „was das Publikum sehen will“. Kunst oder Kommerz? Diese Frage treibt das US-Kino schon seit frühen schwarz-weiß-Zeiten um. Ob A Star is born (1937/1954/1976), Sunset Boulevard (1950) oder etwa All about Eve (1950), immer wieder trieben ambitionierte Filmemacher ihre Figuren in den Kampf zwischen Kunst und brotloser Kunst. Die Coens treiben den Kampf in Farbe weiter und bis in den offenen Irrsinn; im letzten Drittel weiß man im Kinosessel nicht so genau, ob wir uns noch im gute alten Los Angeles befinden, oder doch in Barton Finks Kopf. Denn die Realität, wie wir sie kennen, hat den Film da augenscheinlich verlassen. Oder auch nicht, was es für den armen Poeten nicht besser macht.

John Turturro ("Jungle Fever" – 1991; Miller's Crossing – 1990; "Do the Right Thing" – 1989; Der Sizilianer – 1987; "Pinguine in der Bronx" – 1987; Die Farbe des Geldes – 1986; Hannah und ihre Schwestern – 1986;; Leben und sterben in L.A. – 1985) spielt den Titelhelden als verhuschten Erfolgsautor. Er bietet wenig Potential für den Zuschauer, sich in ihm wiederzufinden; ein bisschen festeren Griff zum realen Leben, dass er offensichtlich so superb für den Broadway in Worte gefasst hat, hätte der Figur nicht geschadet. Nun sitzt er mit Dauer-offenem Mund in dieser Filmwelt und versteht sie nicht. Sie ist böse, sie bleibt böse, er bleibt naiv. So kommt der dritte und entscheidende Faktor ins Spiel: Bartons Zimmernachbar Charlie, in dem Barton jene reale Arbeiterfigur erkennt, über die er so gerne schreibt. Ein optimistischer, übergewichtiger Macher, der am Ende alles andere ist, nur nicht jenes reale Leben, dass Barton Fink – oder auch wir – uns darunter vorstellen mögen. John Goodman ("King Ralph" – 1991; "Arachnophobia" – 1990; Always – Der Feuerengel von Montana – 1989; Melodie des Todes – 1989; Arizona Junior – 1987; The Big Easy – Der große Leichtsinn – 1986) hat sich in dieser Rolle wahrscheinlich einen Meilenstein für seine Karriere gesetzt. Dieser Charlie ist ein sympathischer Typ – selbst als er das überhaupt nicht mehr ist.

Die Coen-Brüder erzählen ihre Geschichte vom vermeintlichen Aufstieg eines Bühnenautors zum hochbezahlten Filmautor als Höllenfahrt, die an einem sonnigen Strand endet. Schließlich hat auch Barton Fink seinen Platz an der Sonne. Er ist ein gut bezahlter Autor in Hollywood. Aber er wird nie wieder gehört werden. 

Wertung: 7 von 10 D-Mark
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