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Plakatmotiv: Hannah und ihre Schwestern (1986)

Wunderbar geschriebenes Drama,
toll gefilmt und großartig gespielt

Titel Hannah und ihre Schwestern
(Hannah and her Sisters)
Drehbuch Woody Allen
Regie Woody Allen, USA 1986
Darsteller

Mia Farrow, Dianne Wiest, Michael Caine, Barbara Hershey, Carrie Fisher, Maureen O'Sullivan, Lloyd Nolan, Max von Sydow, Woody Allen, Lewis Black, Julia Louis-Dreyfus, Christian Clemenson, Julie Kavner, J.T. Walsh, John Turturro, Rusty Magee, Allen DeCheser, Artie DeCheser u.a.

Genre Drama, Komödie
Filmlänge 107 Minuten
Deutschlandstart
2. Oktober 1986
Website woodyallen.com
Inhalt

Von außen betrachtet sind Hannah, Lee und Holly kaum voneinander zu unterscheiden. Sie alle sind Töchter eines Künstlerehepaars, Mitte vierzig, und begeistern sich für die New Yorker Kunst- und Kulturszene.

Von den drei Schwestern ist Hannah die einzige, die – zumindest vordergründig – ihr Leben im Griff hat. Über ihre Probleme redet sie, wenn überhaupt, nur mit Elliot. Das Verhältnis zwischen den der Schwestern ist angespannt. Tieferliegende Probleme und Konflikte innerhalb der Familie, alltägliche Neurosen und Versagensängste stehen einem gelassenen Umgang miteinander im Weg.

Die im Beruf und Privatleben bis dahin weniger erfolgreiche Holly fühlt sich von Hannah bevormundet. Lee leidet unter Schuldgefühlen aufgrund ihrer mehrmonatigen Affäre mit Elliot …

Was zu sagen wäre

Hannah ist ein Ruhepol in der großen Familie, als Schauspielerin ein Name auf den Bühnen des Broadway, als Mutter organisiert, als Schwester loyal, als Tochter eine Stütze ihrer alt gewordenen Eltern, die nach einem Leben als Schauspieler ihre Liebe und ihre Enttäuschungen aneinander abarbeiten. Als Ehefrau ist sie schwierig. Jedenfalls für ihren Ehemann Elliot, der von einer Frau träumt, die ihn braucht, um die er sich sorgen kann. Was nützt es, wenn sie ihrem Mann versichert, eine Trennung würde sie „komplett zerstören“, wenn sie insgesamt unzerstörbar wirkt? Da hat Elliot schon ein Verhältnis mit Hannahs jüngster Schwester Lee, die aus der Beziehung zu dem viel älteren Maler Frederick geflohen ist, der Lee als sein spezielles Kunstwerk betrachtet, glaubte, er müsse Lee auf die Welt da draußen vorbereiten, als wäre die ein unmündiges Kind.

Das sind Probleme, wie sie auch Fernsehserien wie "Dallas" und "Denver Clan" gerne aufbereiten. Warum soll uns das interessieren? Nun, da ist noch Mickey, Produzent einer TV-Show, Hypochonder („Ich habe die klassischen Symptome eins Gehirntumors.“ „Vor zwei Wochen dachtest du, Du hättest ein bösartiges Melanom.“ „Natürlich. Ich weiß. Weil da plötzlich ein schwarzer Fleck auf meinem Rücken aufgetaucht ist.“ „Er war auf Deinem Hemd!“ „Woher sollte ich das wissen? Jeder hat dahin gezeigt.“), Suizidanfällig auf der Suche nach einem Sinn im Leben und der richtigen Religion: „Ich war jahrelang in der Analyse. Nichts ist passiert. Mein armer Analytiker wurde so frustriert, am Ende hat eine Salatbar aufgemacht.“ Eine Neben-, aber Paraderolle, die sich Woody Allen da selbst in sein Drehbuch geschrieben hat. Plakatmotiv: Hannah und ihre Schwestern (1986) Wie schon in Annie Hall (1977) spielt er einen TV-Autor auf Sinnsuche, der all den großen zwischenmenschlichen Problemen, die uns die Schwestern servieren und die dem Zuschauer auf den ersten Blick und in der eher stakkatoartigen Abarbeitung nicht außergewöhnlich genug für einen Kinofilm wirken, einen tieferen Zweck. Mickey, der Mann, der das Leben fürs Fernsehen jede Woche in ein kostvolles, pointenreiches Script gießen muss, sucht den Sinn in einem Leben, während seine Ex-Frau Hannah und deren Schwestern dieses Leben in all seinen Facetten durchexerzieren.

Die erzählte Geschichte erstreckt sich über zwei Jahre und windet sich um das jährliche Thanksgiving-Dinner bei Hannahs Eltern, das mit großer Gästeschar begangen wird. nach dem ersten Dinner beginnen Lee und Elliot ihre affaire, beizeiten Dinner macht Lee endgültig Schluss, weil sie „jemanden kennengelernt“ hat, das dritte Dinner bildet das Finale, auf dem sich alle Probleme in der ein oder anderen Weise erledigt oder aufgelöst haben.

Woody Allen erweist sich als Autor und Regisseur auf der Höhe seiner Kunst. Der begnadete Pointendrechsler treibt sein ununterbrochen redendes Ensemble durch die Untiefen menschlicher Schwächen, Unvollkommenheiten und kurzfristiger Euphorien, als müsse er sich nach seinen zurückliegenden Arbeiten, die sich mit Kinohelden, die auch nur Menschen sind, Theateragenten, die dem Erfolg der Bühne ihr Glück im Leben unterordnen und dem menschlichen Chamäleon Zelig widmeten, als Autor endlich wieder den wichtigen Dingen im Leben zuwenden. Seine Kreativität ist explodiert. "Hannah und ihre Schwestern" ist wie der "Stadtneurotiker", aber erzählt und gefilmt mit zehn Jahren mehr Erfahrung und Reife. Ein komplexes Drama, das Allen auch ohne seine immer passgenauen Pointen kraftvoll erzählt: „Woher soll ich wissen, warum es Nazis gab. Ich weiß ja nicht mal, wie der Dosenöffner funktioniert.

Als Besetzungscoup kann Michael Caine bezeichnet werden. Der Brite, der bekannt für seine Rollen als Kerl in großen Action-, Abenteuer- oder Kriegsfilmen ist (Der 4 1/2 Billionen Dollar Vertrag – 1985; Die Hand – 1981; Dressed to Kill – 1980; Freibeuter des Todes – 1980; Die Brücke von Arnheim – 1977; Der Adler ist gelandet – 1976; Der Mann, der König sein wollte – 1975; Die schwarze Windmühle" – 1974; "Mord mit kleinen Fehlern" – 1972; Jack rechnet ab – 1971; Charlie staubt Millionen ab – 1969; Ein dreckiger Haufen – 1969; Das Milliarden Dollar Gehirn – 1967; Siebenmal lockt das Weib – 1967; Finale in Berlin – 1966; Ipcress - streng geheim – 1965), spielt den sanften, ungeschickt verliebten Elliot, der nicht weiß, ob er Mann oder Partner, Kerl oder sanfter Liebhaber sein muss. Hinter großer Hornbrille singen seine traurigen Augen das Lied eines Mannes, der nicht, wo sein Platz in dieser Welt, in der ihn scheinbar niemand braucht, sein soll.

In Woody Allens Muse Mia Farrow hat Caine die perfekte Anspielpartnerin ("The Purple Rose of Cairo" – 1985; Supergirl – 1984; "Broadway Danny Rose" – 1984; "Zelig" – 1983; "Eine Sommernachts-Sexkomödie" – 1982; Tod auf dem Nil – 1978; Der große Gatsby – 1974; Rosemaries Baby – 1968). Ihre Hannah ist gleichzeitig ätherisch und zupackend, sensibel und klar fokussiert.

Um sie herum gruppiert sich ein so professionell unauffällig gut besetzter Cast, dass der ganze Film wirkt, wie eine sehr geglückte Improvisation. Barbara Hershey (Der Unbeugsame – 1984; "Der Stoff aus dem die Helden sind" – 1983; Der lange Tod des Stuntmans Cameron – 1980) als immer etwas zu strahlend lächelnde Lee, die nach langer, vom Alkohol diktierten Suche nach einem Halt im Leben erst bei dem weltabgewandten Maler Frederick, dann bei Elliot diesen Halt nicht findet, überzeugt als Frau ohne Plan. Dianne Wiest ("The Purple Rose of Cairo" – 1985; Der Liebe verfallen – 1984; Footloose – 1984) als mit sich hadernde, pessimistische Holly – die mittlere der drei Schwestern –, behauptet sich mühelos neben dem Schnellsprecher Woody Allen in den gemeinsamen Szenen; als hätte sie den Typus der enttäuschten Frau, die jede Kritik als Angriff, jede abweichende Meinung als Idiotie empfindet, erfunden.

"Hannah und ihre Schwestern" ist großartiges Unterhaltungskino für Menschen, die unter Actionkino wunderschöne Bilder einer faszinierenden Weltmetropole und gepfefferte Dialoge mit gut gesetzten Punchlines, aufgeführt von souveränen, uneitlen Schauspielern verstehen.

Wertung: 10 von 10 D-Mark
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