IMDB

Plakatmotiv: Die Legende vom Ozeanpianisten (1998)

Eine Erzählung im
falschen Medium

Titel Die Legende vom Ozeanpianisten
(La leggenda del pianista sull'oceano)
Drehbuch Giuseppe Tornatore
nach dem Monolog "Novecento" von Alessandro Baricco
Regie Giuseppe Tornatore, Italien 1998
Darsteller

Antonio Banderas, Catherine Zeta-Jones, Rufus Sewell, Alberto Reyes, Julio Oscar Mechoso, Gustavo Sánchez Parra, Adrian Alonso, Nick Chinlund, Giovanna Zacarías, Carlos Cobos, Michael Emerson, Shuler Hensley, Pedro Armendáriz Jr., Mary Crosby, Mauricio Bonet, Fernando Becerril, Xavier Marc, Pepe Olivares u.a.

Genre Drama
Filmlänge 169 Minuten
Deutschlandstart
12. September 1999
Inhalt

Schweren Herzens betritt der Trompeter Max den Laden eines Pfandleihers, um seine Trompete zu versetzen. Dort erzählt er die Legende von seinem Freund, dem Ozeanpianisten: Als Baby wird der von einem schwarzen Schiffsmechaniker an Bord des Luxusdampfers "Virginian" entdeckt. Der Mann nimmt sich des Kindes an und zieht es zwischen Heizkesseln und Lagerräumen groß, als wäre es sein leiblicher Sohn. Weil er den Jungen am Morgen des 1. Januars 1900 gefunden hat, gibt er ihm den Namen Neunzehnhundert.

Schon als Kind entdeckt Neunzehnhundert seine Leidenschaft und große Begabung für das Klavierspiel, und nach dem Unfalltod seines Ziehvaters bleibt er an Bord, um als Pianist die Passagiere mit seiner Musik zu verzaubern. Seinen besten Freund findet er in dem weit gereisten Trompeter Max, der Neunzehnhundert zuliebe als Musiker an Bord des Luxusliners bleibt. Nur eines kann Max nicht verstehen: Dass der Wunderknabe noch nie in seinem Leben das Bedürfnis verspürte, seine schwimmende Heimat zu verlassen, um die Welt kennenzulernen.

Dabei bleibt sein Talent nicht unentdeckt. Vertreter großer Musikverlage kommen auf die "Virginian", um Neunzehnhundert spielen zu hören und seine Musik auf Platte zu pressen. Aber die einzige Plattenkopie seiner Musik zerstört Neunzehnhundert eines Tages aus Liebeskummer, als die Frau seines Herzens, eine namenlose Reisende, von Bord geht. Diese Liebe ist es auch, die ihn zu dem Entschluss führt, die "Virginian" zum ersten Mal zu verlassen. Doch als der große Tag gekommen ist, bleibt Neunzehnhundert plötzlich in der Mitte der Gangway stehen …

Was zu sagen wäre

Es gibt so Geschichten, die wären besser ein Text geblieben. Oder ein Hörspiel. Um die Musik, die eine Rolle spielt, hören zu können. Und wäre der Regisseur nicht der Guiseppe Tornatore (Cinema Paradiso – 1988), würde man das auch einfach so schreiben. Aber so muss man sich – wenigstens – Gedanken machen, ob er nicht eine tiefere Botschaft in der Legende versteckt hat, die er in knapp drei Stunden Länge auf die Leinwand gebracht hat.

Hat er nicht.

In aller Welt existiert der Film in einer 120-minütigen Fassung, nur im Italienischen gibt es eine, die nochmal 40 Minuten länger ist. Die aber auch nichts erzählt, was mich noch interessiert hätte.

Die Geschichte ist schön, ist melancholisch, lustig, traurig, musikalisch. Aber sie führt mich nirgendwo hin. Da ist dieser Junge, der auf einem Ozeanriesen geboren wurde – oder als sehr frisch geborener Mensch dort von Eltern zurückgelassen worden ist – und nun also dort lebt. Plakatmotiv: Die Legende vom Ozeanpianisten (1998) Er hat ein musikalisches Talent, verfügt wohl über das absolute Gehör und wird ein gefeierter Künstler an Bord – ein Star, der mit diesem Begriff nichts anfangen kann, und sich deshalb allen potenziellen Schritten, sein künstlerisches Leben zu entwickeln, verweigert. In einem Roman könnte man das mit viel Innerem Monolog erklärend begleiten. Als solcher, als Monolog, ist die Geschichte auch ursprünglich für die Bühne angelegt worden.

In seinem Film begleitet Tornatore seine Titelfigur staunend. In kurz geschnittenen Episoden erleben wir das Heranwachsen des Jungen, wie es der Trompeter Tim in einer Rahmenhandlung, in der er seine Trompete verkaufen will, erzählt. Und irgendwann spielt er halt super gut Klavier. Und fordert dadurch ungewollt den selbst ernannten "Erfinder des Jazz", den amerikanischen Pianisten Jelly Roll Morton heraus. Der kommt dann an Bord, zieht am Flügel seine Show ab und geht als geprügelter Hund, ohne dass Neunzehnhundert irgendeinen Wettkampfgeist entwickelt hätte; nach einer viertel Stunde ist die Episode auserzählt.

Neunzehnhundert will nicht an Land. Wie wir ganz am Ende erfahren, scheut ihn, der auf wenigen Quadratmetern des Passagierdampfers aufgewachsen ist und lebt, die Unendlichkeit der Welt da draußen. Und damit fällt der Film in sich zusammen. es passiert halt nichts. Neunzehnhundert hat keine Träume, denen er nachjagt. Er will nichts erreichen. So sind wir auf die traurigen Augen des Trompeters Tim angewiesen, der die Geschichte des Ozeanpianisten in der Rahmenhandlung erzählt und aber auch kaum mehr als musikalischen Ruhm und Ehre erreichen will. Die Kamera steckt im Maschinenraum und den Lower Decks auf dem Ozeanriesen fest, ohne dort etwas zu entdecken.

Tim Roth spielt den Pianisten (Gridlock'd - Voll drauf! – 1997; Alle sagen: I love you – 1996; Rob Roy – 1995; Pulp Fiction – 1994; Reservoir Dogs – 1992; "Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber" – 1989). Und er hat nicht wirklich viel zu tun, was über die Tim-Roth-mäßige Ausstrahlung seiner ausdrucksstarken Augen hinaus geht. Wahlweise sitzt er am Flügel und lässt – vermutlich – andere Finger für sich spielen, oder er sitzt im Maschinenraum und geheimnist rund um seinen Lebensentwurf.

Es ist nicht so, dass einen die Geschichte dieses rätselhaften Charakters nicht mitreißen könnte. Nur tut es dieser Film nicht.

Wertung: 4 von 11 D-Mark
IMDB