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Plakatmotiv: Die Royal Tenenbaums (2001)

Mehr Witz, weniger Handlung
Klassischer Wes Anderson

Titel Die Royal Tenenbaums
(The Royal Tenenbaums)
Drehbuch Wes Anderson & Owen Wilson
Regie Wes Anderson, USA 2001
Darsteller

Gene Hackman, Anjelica Huston, Ben Stiller, Gwyneth Paltrow, Luke Wilson, Owen Wilson, Bill Murray, Danny Glover, Seymour Cassel, Kumar Pallana, Alec Baldwin, Grant Rosenmeyer, Jonah Meyerson, Aram Aslanian-Persico, Irene Gorovaia u.a.

Genre Komödie
Filmlänge 110 Minuten
Deutschlandstart
14. März 2002
Inhalt

Dies ist die Geschichte der Familie Tenenbaum – Royal, der Vater, Etheline, die Mutter und ihre drei Kinder Chas, Richie und Margot – letztere ist noch ein halbes Kind, sie wurde im Alter von zwei Jahren adoptiert. Nachdem alle drei im Sprech- und denkfähigen Alter waren, ließen sich Royal und Etheline scheiden.

  • Chas entdeckte dann seine Begeisterung für den Immobilienhandel, bevor er seinen Stimmbruch hatte. Sein Verständnis für die Gesetzmäßigkeiten des internationalen Finanzmarktes war außerordentlich.
  • Margot wurde eine gefeierte Autorin und gewann ihre ersten Preise, noch bevor sie ins Gymnasium kam.
  • Richie zeigte schon im Kindesalter ein ungewöhnliches Talent für Tennis. Später gewann er die amerikanischen Meisterschaften dreimal in Folge.

Aber alle Brillanz, alles Genie der Kinder scheint in den nächsten zwanzig Jahren in einer Ansammlung von Niederlagen und Unglück beinahe verloren und als alle drei Kinder wieder ins Haus von Mama Etheline zurückkehren, setzt nun Royal Tenenbaum alles daran, seine Kinder für sich zurückzugewinnen – obwohl er eigentlich doch nichts mehr liebt, als seine Martinis – und natürlich Etheline, die jedoch im Begriff ist, ihren Anlageberater zu ehelichen …

Was zu sagen wäre

Ein Wes-Anderson-Film (Rushmore – 1998; "Durchgeknallt" – 1996). Das heißt vorweg: Muss man mögen. Muss man den entsprechenden Humor für mitbringen, um die Fülle an Ideen, die prallen Bilder zu goutieren, für die man diesen Film aber mehrmals wird schauen müssen.

Anderson entwirft das Bild einer dystopischen Familie. Vater betrügt Mutter, drei hochbegabte Kinder, die alle den Vater hassen, der schließlich auszieht, aber bis heute nicht in die Scheidung eingewilligt hat, Bruder liebt Adoptivschwester. Dauerhaft kommen die Inder mit ihrer Hochbegabung nicht zurecht und so landen sie schließlich alle wieder im Haus von Mutter Etheline, die gerade versucht, ihrer Einsamkeit mit ihrem Steuerberater ein Ende zu bereiten. Als Royal wieder in der Tür steht, den todkranken spielt und solange von der immer noch mit ihm verheirateten Etheline umtüttelt wird, bis sich herausstellt, dass er einmal mehr gelogen hat. Fortan fristet der einstmals Superreiche ein Dasein als Liftboy in dem Hotel, in dem er bis gestern in der Präsidentensuite logiert hat. Der Fahrstuhl als Symbol für das Auf und ab im Leben.

Royals Sohn Chas, den Ben Stiller spielt (Zoolander – 2001; Meine Braut, ihr Vater und ich – 2000; Glauben ist alles! – 2000; Verrückt nach Mary – 1998; Cable Guy – 1996; Reality Bites – Voll das Leben – 1994; Das Reich der Sonne – 1987), trägt, ebenso wie seine Söhne, ausschließlich rote Trainingsanzüge von Adidas – außer auf Beerdigungen. Da tragen sie natürlich schwarze Trainingsanzüge. Warum, wird nicht erklärt, aber seit Chas seine Frau bei einem Unfall verloren hat, vollführt er regelmäßig Katastrophenübungen mit seinen Söhnen; bei sowas ist in Trainingsanzügen natürlich beweglicher. Ob Adidas den Film gesponsert hat bei so viel Trainingsanzugspräsenz, ist nicht gesagt. Das satte Rot mit den drei fetten weißen Streifen passt in das Farbkonzept, das Anderson für seinen Film entworfen hat, in dem ben Stiller häufig vor den roten Wänden im Hause Tenenbaum steht. Sein Bruder Richie, das ehemalige Tennisas, lebt in einem quietschgelben Zelt – gelb wie seine Tennisbälle – im Haus, während Adoptivschwester Margot bei wind, Wetter und Sonnenschein Pelzmantel trägt und so viel Kanal um die Augen trägt, dass sie wirkt wie eine Leiche; Gwyneth Paltrow ("Bounce – Eine Chance für die Liebe" – 2000; Traumpaare: Duets – 2000; Der talentierte Mr. Ripley – 1999; Dogma – 1999; Shakespeare in Love – 1998; Ein perfekter Mord – 1998; Große Erwartungen – 1998; Sie liebt ihn, sie liebt ihn nicht – 1998; Sieben – 1995; Malice – Eine Intrige – 1993) schafft es, ihrer Margot jedes Leben zu entziehen, eine Art Zombie mit wechselnden Liebhabern und heimlicher Nikotinsucht.

An der Spitze des Clans steht das Paradebeispiel des amerikanischen Mannes: Royal Tenenbaum. Ein Mann, der sich aus jeder Notlage quatschen und andere davon überzeugen kann, ihn reichhaltig zu bewirten. Jahrelang hat er zuletzt in einem 5-Sterne-Hotel gelebt, ohne seine Zeche zu bezahlen und hat einen Rauswurf immer wieder verzögert, dabei aber freundschaftliche bände zum alternden Liftboy und zum Hausdiener geknüpft. Auch im Kinositz kann man diesem Mann, der sich so gerne bei seinen Kindern entschuldigen würde, die ihn aber alle zurückweisen, kaum böse sein, was auch damit zusammenhängen mag, dass er von Gene Hackman gespielt wird (Heist – Der letzte Coup – 2001; Heartbreakers – 2001; Mexican – 2001; Helden aus der zweiten Reihe – 2000; Der Staatsfeind Nr. 1 – 1998; Im Zwielicht – 1998; Absolute Power – 1997; Die Kammer – 1996; The Birdcage – 1996; Schnappt Shorty – 1995; Crimson Tide – 1995; Geronimo – Eine Legende – 1993; Die Firma – 1993; Erbarmungslos – 1992; Das Gesetz der Macht – 1991; Narrow Margin – 12 Stunden Angst – 1990; Eine andere Frau – 1988; Mississippi Burning – Die Wurzel des Hasses – 1988; No Way Out – 1987; Superman IV – Die Welt am Abgrund – 1987; Die verwegenen Sieben – 1983; Under Fire – 1983; Superman – 1978; Die Brücke von Arnheim – 1977; French Connection II – 1975; 700 Meilen westwärts – 1975; Frankenstein Junior – 1974; "Der Dialog" – 1974; Die Höllenfahrt der Poseidon – 1972; French Connection – Brennpunkt Brooklyn – 1971; Leise weht der Wind des Todes – 1971; Bonnie und Clyde – 1967). Ihm gegenüber steht die herzensgute, in ihrer Emotionalität erschütterten Etheline, die nicht so recht weiß, ob sie statt ihres Steuerberaters nicht doch lieber bei ihrem ja doch irgendwie aufregenden Royal bleiben soll. Angelica Huston spielt hier eine gegen ihr Leinwandimage eine freundliche, mittelalte Dame, der jede Bosheit fremd ist (Auf immer und ewig – 1998; Crossing Guard – 1995; … und das Leben geht weiter – 1993; Manhattan Murder Mystery – 1993; The Player – 1992; "Die Addams Family" – 1991; Verbrechen und andere Kleinigkeiten – 1989; Die Ehre der Prizzis – 1985; Wenn der Postmann zweimal klingelt – 1981).

In der Royal-Tenenbaum-Figur steckt der rote Faden des Films, der vor allem aber von vielen Episödchen und Momentaufnahmen lebt. Wenn Raleigh St. Clair, der mäßig begabte Psychoanalytiker, aber geniale Selbstvermarkter und bedauernswerter Ehemann von Margot, die Ergebnisse präsentiert bekommt, die ihm ein Privatdetektiv über seine Frau präsentiert, macht Anderson daraus einen kleinen Extra-Film. Nachdem Royal seine beiden kleinen Enkel aus den übervorsichtigen Händen ihres Vaters Chas besuchst hat, bekommen wir einen vor guter Laune sprudelnden New-York-Nachmittag präsentiert, der für den weiteren Film – und die etwaige Entwicklung der Enkel – keine Rolle mehr spielt. Wie so vieles andere. Die On-Off-Raucherin Margot ist einige Zeit spaßig in einem Running-Gag („Ich wusste nicht, dass du rauchst?“), aber schließlich nur noch eine Marotte des Regisseurs.

"Die Royal Tenenbaums" zeigen Wes Andersons Talent für spezielle Bilderwelten, die streng durchkomponiert sind, vor Ideen sprühen mit penibel arrangiertem Set-Design – und wahrscheinlich findet man bei genauem Hinsehen in einem der vielen Bilderrahmen im haus der Tenenbaums auch noch eine geniale Anspielung auf irgendwas. Das ist ein akademisch interessanter Film. Aber kein aufregendes Kino.

Wertung: 3 von 6 €uro
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