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Plakatmotiv: Under Fire – Unter Feuer (1983)

Ein Hohelied auf den neutralen Journalismus.
Und wie dieser missbraucht werden kann.

Titel Under Fire – Unter Feuer
(Under Fire)
Drehbuch Clayton Frohman + Clayton Frohman + Ron Shelton
Regie Roger Spottiswoode, USA, Mexiko 1983
Darsteller

Nick Nolte, Ed Harris, Gene Hackman, Joanna Cassidy, Alma Martinez, Holly Palance, Ella Laboriel, Samuel Zarzosa, Jonathan Zarzosa, Raul Picasso, Oswaldo Doria, Fernando Elizondo, Hamilton Camp, Jean-Louis Trintignant, Richard Masur u.a.

Genre Drama, Krieg
Filmlänge 128 Minuten
Deutschlandstart
11. November 1983
Inhalt

Drei US-amerikanische Journalisten berichten 1979 über die Revolution in Nicaragua. Russell Price ist ein Kriegsfotograf. Hin und her gerissen zwischen der Liebe zu der Reporterin Claire Stryder und der Freundschaft zu ihrem Ehemann Alex Grazier, gerät er auch politisch zwischen die Fronten.

Im Krieg zwischen den nicaraguanischen Machthabern und den Rebellen wird er vor die Entscheidung gestellt, nicht mehr nur Fotos, sondern Politik zu machen und Partei zu ergreifen. Russell gerät von beiden Seiten unter Feuer …

Was zu sagen wäre

Auf welcher Seite sind Sie?“ „Auf keiner, ich mache nur Fotos.“ Im Krieg gibt es keine Neutralität. Ebensowenig wie im Journalismus. Dies ist der Film zu dieser Aussage. Es ist nicht der erste Film dieser Art, Reporter und Väter desillusionierten sich auch schon im vergangenen Jahr in "Ein Jahr in der Hölle" oder "Vermisst". Aber "Under Fire" von Roger Spottiswoode macht in besonderer Weise die Gefahren deutlich, wenn der Journalist seine Neutralität verliert.

Plakatmotiv (US): Under Fire – Unter Feuer (1983)Nick Nolte (Nur 48 Stunden – 1982; Die Tiefe – 1977) spielt den Fotografen Russell Price. Ein erfahrener Kriegskorrespondent, immer da, wo die Action ist und immer auf der Suche nach dem einen Blickwinkel, der aus einer alltäglichen Kriegshandlung ein preiswürdiges Foto, ein Titelbild macht. Insofern ist das deutsche Plakatmotiv des Films, auf dem Nick Nolte, wie einst Jean-Paul Belmondo mit der 44er Magnum knapp am Betrachter vorbeizielt, während über ihm ein AK47-Sturmgewehr schwebt, auch sehr hilfloses Marketing. Nolte spielt einen Fotografen, der im ganzen Film keinen einzigen Schuss abgibt.

Andererseits können Bilder, anders als eine Kugel aus der 44er, die effektivere Massenvernichtungswaffe sein. Price hält viel auf sein journalistisches Ethos: Nur das zeigen, was ist. Aber als Fotograf mittendrin ist etwas anderes, als als Zuschauer nur dabei. Und so bezieht er, mittendrin, Stellung, als er merkt, dass seine Regierung in Washington in Nicaragua sehr blutige, zutiefst unethische Fäden zieht. Er lanciert ein Foto, das die Weltpolitik beeinflusst. Um eine große, 25 Millionen Dollar schwere Waffenlieferung der USA an das herrschende Somoza-Regime in Nicaragua zu verhindern, macht er ein Foto, das den toten Revolutions-Anführer Comandante Rafael so aussehen lässt, als sei er am Leben; das Somoza-Regime also vor dem Aus.

Natürlich gerät er für dieses journalistisch nicht zu rechtfertigende Handeln in Teufels Küche. Und an dieser Stelle hat das Drehbuch seine große Schwäche. Denn dass Price dieses Fake-Foto lanciert hat, fällt ihm direkt nicht auf die Füße. Stattdessen gibt es da einen undurchsichtigen Franzosen – Spion? Geschäftsmann? Wer weiß das schon an Orten wie diesen. Jean-Louis Trintignant spielt diesen Typen im strahlend weißen Anzug mit tiefer Melancholie in der Stimme und großer Romantik in den Sätzen, die das Drehbuch ihm schenkt. Der jedenfalls ist plötzlich im Besitz all der Fotos, die Price gemacht hat und führt damit seinen eigenen Vernichtungsfeldzug gegen die Rebellen des Comandante Rafael. Heißt: Price wird in der Filmdramaturgie ausgerechnet nicht wegen seines Verstoßes gegen die journalistische Ethik durchs Fegefeuer geschickt, sondern, weil er – rund um dieses spezielle Shooting – seinem journalistischen Auftrag sehr gewissenhaft nachgegangen ist (und also Szenen aus dem Alltag der Rebellion fotografiert hat). Im Krieg (und in der Liebe) ist alles erlaubt, schon klar.

Aber der Film verliert seinen Fokus. Was will er mir eigentlich erzählen? Als Soldaten des Somoza-Regimes einen US-amerikanischen Reporter – unbewaffnet, Hände in der Luft – erschießen, hat Price, immer als einziger unter all den Reportern vor Ort zur rechten Zeit am rechten Ort, den Finger auf dem Auslöser. Und beweist – wieder der ganzen Welt – was wirklich abgeht in Nicaragua. Damit beeinflusst er den Kriegsverlauf entscheidend, wenige Tage später flieht der Diktator aus dem Land. Das böse Foto vom toten Comandante Rafael, den der Fotograf als lebend ausgegeben hatte, ist vergeben wegen der authentischen Bilder des ermordeten US-Reporters. Dass dieser der Mentor des Fotografen und der Ex-Liebhaber der anderen Reporterin war, gibt dem Film persönliche Tiefe. Aber dass die einen Fotos die Sünde des anderen Fotos reinwaschen können sollen, ist unsauber erzählt.

Reales Vorbild für die Figur des Russell Price ist Matthew Naythons, während des Bürgerkrieges Fotoreporter in Nicaragua. Auch die Ermordung des unbewaffneten US-Reporters, die das Somoza-Regime den Sandinisten unterzuschieben versucht, was von Russell durch Fotos widerlegt wird, orientiert sich an einem realen Fall: Der ABC-Reporter Bill Stewart wurde 1979 in Nicaragua erschossen. Sein Kollege Jack Clark hatte den Mord gefilmt und konnte so beweisen, dass nicht wie behauptet Sandinisten, sondern Nationalgardisten die Mörder gewesen waren.

Im Film spielt Gene Hackman diesen US-Reporter ("Reds – Ein Mann kämpft für Gerechtigkeit" – 1981; Superman – 1978; Die Brücke von Arnheim – 1977; French Connection II – 1975; Frankenstein Junior – 1974; "Der Dialog" – 1974; Die Höllenfahrt der Poseidon – 1972; French Connection – Brennpunkt Brooklyn – 1971; Leise weht der Wind des Todes – 1971; "Bonnie und Clyde" – 1967). Den Alex Grazier spielt Hackman mit der Grandezza eines Reporters alter Schule. Er hat alles gesehen, nichts kann ihn erschüttern – außer, dass seine ewige On-Off-Freundin ihn für seinen Best Buddy Russell Price verlässt. Dieses Dreiecksverhältnis spielt einigermaßen gekonnt über die dann doch eher dünne Dramaturgie eines Kriegsreporters hinweg, der im Krieg über den Krieg aufgeklärt wird.

Letzten Endes geht es in diesem Film wohl eher nicht allein um dessen Dramaturgie. Er entführt uns in ein realistisches Bürgerkriegsszenario. Was er uns eigentlich sagen will: Der Krieg wird nicht mit Waffen gewonnen, sondern mit den Medien – mit Reportagen, Portraits. Und Fotos.

Das ist die weit dringlichere Warnung, als die vor Gräueln während eines Krieges.

Wertung: 8 von 9 D-Mark
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