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Plakatmotiv: Große Erwartungen (1998)

Nicht Fisch, nicht Fleisch,
aber schön fotografiert

Titel Große Erwartungen
(Great expectations)
Drehbuch Mitch Glazer
nach dem gleichnamigen Roman von Charles Dickens
Regie Alfonso Cuarón, USA 1998
Darsteller

Ethan Hawke, Gwyneth Paltrow, Hank Azaria, Chris Cooper, Anne Bancroft, Robert De Niro, Josh Mostel, Kim Dickens, Nell Campbell, Gabriel Mann, Jeremy James Kissner, Raquel Beaudene, Stephen Spinella, Marla Sucharetza, Isabelle Anderson u.a.

Genre Drama, Romantik
Filmlänge 111 Minuten
Deutschlandstart
5. März 1998
Inhalt

Finnegan Bell wächst bei seinem Onkel Joe in einem Fischerdorf in Florida auf. Aus einer Zufallsbekanntschaft entwickeln sich bald regelmäßige Besuche von Finn in einer pompösen Villa in der Nachbarschaft, die von der reichen, exzentrischen Dame Nora Dinsmoor mit ihrer Nichte Estella bewohnt wird. Als sich Finn einige Jahre später längst unsterblich in das Mädchen aus gutem Hause verliebt hat, verschwindet Estella plötzlich aus seinem Leben. Ins europäische Paris, wie es heißt, unerreichbar weit weg für Finn, den talentierten, aber erfolglosen Maler, der sich als Fischer verdingen muss.

Doch eines Tages meint es ein zunächst unbekannter Gönner gut mit Finn, und so wendet sich das Blatt. In New York erhält Finn die Chance, sich als Künstler zu beweisen und zu einem angesehenen Maler zu werden. Und dort begegnet er auch wieder seiner einstigen und ewigen Jugendliebe.

Finns Herz wird ein weiteres Mal gebrochen werden, bevor er erkennt, dass er für eine gute Tat belohnt wurde, die so weit in der Vergangenheit liegt, dass er sie schon wieder vergessen hatte.

Und dann wird es womöglich doch Hoffnung geben für ihn und Estella. Sollten sie sich ein weiteres Mal wiedersehen.…

Was zu sagen wäre

Filme, deren Geschichte aus dem Off erzählt werden, wirken – und da können die dazu gezeigten Filmszenen und -bilder noch so elegant, glamourös, verführerisch, melancholisch sein – wie ein vorgelesener Roman. In diesem Fall ein Roman von Charles Dickens. Dessen Bildungsroman von 1860 nennt man heute eine Coming-of-Age-Geschichte. Ein Junge verliebt sich in ein Mädchen, wird sie über die Jahrzehnte nicht vergessen und nach langer, erfahrungsreicher Odyssee endlich in die Arme schließen dürfen.

Aus jener Zeit des 19. Jahrhundert in die Gegenwart gerettet hat sich die Vorstellung, dass es ein gutes Leben nur in der Stadt geben kann. Die Gegend in Florida, in der der junge Finn aufwächst, ist ein Ort der Chancenlosen, ohne Hoffnung. Plakatmotiv: Große Erwartungen (1998) Man kann hier seinen Lebensunterhalt mit Reparaturen oder mit Fischen verdienen und lebt dann in einer undichten Bretterbude. Wer was werden will, muss nach New York. Wo der märchenhafte Aufstieg des jungen Finn zum Star der dortigen – und damit der globalen – Kunstszene beginnt. Unerfüllt bleibt seine Liebe zu dem Mädchen. Estelle kommt aus reichem Hause, erzogen von ihrer Tante in einem verfallen Anwesen am Ufer der Bucht zu einer Frau, die den Männern die Herzen brechen soll. Im Motiv der Tante liegt ein wenig Spannung. Selbst vor 30 Jahren am Traualtar von ihrem Bräutigam stehen gelassen ist es ihre Art der Rache an den Männern, diesen ihre bildschöne Nichte durch dünkelhafte Erziehung zu entziehen.

Das unschuldige böse Mädchen spielt Gwyneth Paltrow (Sie liebt ihn – sie liebt ihn nicht – 1998; "Jane Austens Emma" – 1996; Sieben – 1995; Malice – Eine Intrige – 1993). Sie gibt sich alle Mühe, hinter ihrer natürlichen Schönheit sowas wie herablassende Bosheit blitzen zu lassen. Das erschöpft sich im Drehbuch aber darin, dass sie sich von den sie begehrenden Männern ausziehen, anfassen oder nackt malen lässt um dann kommentarlos zu verschwinden. Ihr Counterpart, Ethan Hawke (Gattaca – 1997; Reality bites – 1994; "Der Club der toten Dichter" – 1989) läuft mit großen Augen durch diese teure Welt, die ihm von einem unbekannten Gönner, hinter dem er Estelles ungeheiratete Tante vermutet, dargereicht wird, hält seinen Erfolg und all die plötzlich auftauchenden, wohlmeinenden Freunde für irgendwie selbstverständlich und malt Bild um Bild, die ihm dann bei der Vernissage in Manhattan alle aus den Händen gerissen werden. Im Kinosessel wartet man spätestens ab jetzt auf den Wendepunkt in der Geschichte. Irgendwann muss noch ein Absturz kommen, der zum großen Leben Lernen führt, das gehört beim Coming-of-Age dazu. Dieser könnte sich in der Figur verbergen, die Robert De Niro spielt (Wag the Dog – 1997; Jackie Brown – 1997; Cop Land – 1997; Sleepers – 1996; The Fan – 1996; Heat – 1995; Casino – 1995; Mary Shelley's Frankenstein – 1994; Kap der Angst – 1991; Backdraft – 1991; Schuldig bei Verdacht – 1991; Zeit des Erwachens – 1990; GoodFellas – 1990; Midnight Run – 5 Tage bis Mitternacht – 1988; Die Unbestechlichen – 1987; Angel Heart – 1987; Mission – 1986; Brazil – 1985; Es war einmal in Amerika – 1984; "Die durch die Hölle gehen" – 1978; New York, New York – 1977; Der letzte Tycoon – 1976; 1900 – 1976; Taxi Driver – 1976; Der Pate II – 1974), eine eher kleine Rolle eines Gangsters, dem der kleine Finn mal geholfen hat, und der später nochmal auftaucht; und dann ganz andere Wendungen zur Geschichte beiträgt.

Abstürze erleben alle anderen, aber nicht Finn. In dessen Figur zeigt sich das Manko der Verfilmung eines Romans aus dem 19. Jahrhundert, in dem die Hauptfigur kein Künstler wird, sondern einfach ein Junge aus armem Hause war, dem ein unbekannter Gönner eine teure Ausbildung in London ermöglicht. In dieser Ausbildung, in den damit einhergehenden Erwartungen (Buchtitel!), erwachsen dann die dramaturgisch wichtigen Stolpersteine, die der Adoleszent überwinden muss, um zum Manne zu reifen. In der Filmversion des Stoffes verzichtet die Erzählung nicht nur auf jedwede innere Erwartungen, sie baut mit dem Thema Künstler auf dem Kunstmarkt auch eine Brücke zum unbekannten Gönner aus der Vorlage, die jeder Glaubwürdigkeit entsagt: Landei, das gerne malt, kommt in die große Stadt und wird mit viel Geld mal eben zum Star der Szene hochgejazzt – vermutlich, weil all die auftretenden Kunstliebhaber und Adabeis nicht die geringste Ahnung von Kunst haben und einfach nur kaufen, was teuer ist oder gerade angesagt. Aus Klischees und Vorurteilen werden schwerlich glaubhafte Erzählungen.

Filme, die aus dem Off erzählt werden, wirken meist so wie ein vorgelesener Roman. In Romanen kann man auf dem Sofa versinken, während man sich von der Stimme des Erzählers durch fremde Länder, komische Gesellschaften und zerklüftete Innenleben entführen lässt. Im Kinosessel funktioniert das im Prinzip auch. Aber wozu brauche ich dann die Bilder? Auch wenn die noch so elegant, glamourös, verführerisch, melancholisch sind? Ohne die Stimme aus dem Off bleiben Alfonso Cuaróns Bilder Großer Erwartungen Bilder ohne Inhalt. Sollte ich die Augen schließen und der Stimme folgen? Blöde Idee im Kinosessel.

Wertung: 5 von 11 D-Mark
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