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Plakatmotiv: Die durch die Hölle gehen (1978)

Ein Kriegsfilm, der ohne Krieg auskommt,
aber wie eine Faust in die Magengrube wirkt

Titel Die durch die Hölle gehen
(The Deer Hunter)
Drehbuch Deric Washburn & Michael Cimino & Louis Garfinkle & Quinn K. Redeker
Regie Michael Cimino, Frankreich 1978
Darsteller

Robert De Niro, John Cazale, John Savage, Christopher Walken, Meryl Streep, George Dzundza, Chuck Aspegren, Shirley Stoler, Rutanya Alda, Pierre Segui, Mady Kaplan, Amy Wright, Mary Ann Haenel, Richard Kuss, Joe Grifasi, Christopher Colombi Jr., Victoria Karnafel, Jack Scardino u.a.

Genre Drama, Krieg
Filmlänge 183 Minuten
Deutschlandstart
8. März 1979
Inhalt

Clairton, Allegheny County, ein Provinzstädtchen in Pennsylvania. Nicht und Michael feiern die Hochzeit ihres Freundes Steven und genießen ihre Freiheit: ein letztes Mal geht es in die Berge auf die Jagd. Am nächsten Tag nämlich werden die drei zum Kriegsdienst nach Vietnam eingezogen – „Serving God and country proudly“ verabschiedet sie  ein Spruchband in die Ferne.

Im Dschungel geraten sie in Gefangenschaft des Vietcong. Zusammen mit anderen traumatisierten Gefangenen zwingen die Aufpasser die drei Freunde zu einem sadistischen Spiel: Russisches Roulette gegeneinander – entweder Du oder ich.

Michael sieht nur eine Fluchtmöglichkeit. Er schlägt den Vietcong eine noch tödlichere Variante mit drei statt einer Kugel in der Revolvertrommel vor …

Was zu sagen wäre

Eine Heimkehr aus dem Krieg stellt man sich gewöhnlich anders vor. Jedenfalls aus Sicht der Daheimgebliebenen, die alles für ein großes fest vorbereitet haben. Aber Mike will davon nichts wissen. Er ist eben aus Vietnam zurück. Mike ist passionierter Jäger. Wenn er auf den Hirsch zielt, muss der erste Schluss sitzen, sagt, mehr als ein Schuss „ist was für Pussys“. Zeigt Regisseur Michael Cimino Mike in den Bergen auf Jagd, erschallen Choräle auf dem Score, als folge der Jäger einer heiligen Mission.

Und jetzt ist Mike aus einem Krieg zurück, der nichts Göttliches hatte, nicht mal eine ehrliche Mission. Plakatmotiv (US): The Deer Hunter (1978) Der Krieg, den uns der Film zeugt, besteht aus vietnamesischen Soldaten, die wehrlose Frauen und Kinder mit einer lässig geworfenen Handgranate töten und aus einem Straflager des Vietcong, in dem die amerikanischen Soldaten gequält, erniedrigt und in einem Russisch-Roulette aufeinander gehetzt werden. Auf den Straßen verstopfen Flüchtlinge den Weg, in Saigon regiert das Chaos. Wer Geld hat, kommt weiter. Junge Frauen verkaufen ihren Körper an zugekokste Amerikaner. Am Abend seiner Heimkehr ist Mike also nicht nach Feiern. Er übernachtet alleine in einem Hotel.

Michael Cimino (Die Letzten beißen die Hunde – 1974) hat einen Kriegsfilm gedreht, in dem der Krieg nur indirekt vorkommt. Das sinnlose Sterben, das im Mittelpunkt anderer (Anti-)Kriegsfilme steht, symbolisiert das Russische Roulette, bei dem sich die Gefangenen einen mit nur einer Kugel geladenen Revolver an die Schläfe halten und abdrücken müssen. Niemand wird aus dem Hinterhalt erschossen. Keiner tritt auf eine Mine. Bei Michael Cimino ist das Sterben im Krieg noch sinnloser. Worum es in diesem nur angedeuteten Krieg geht, Nordvietnam gegen Südvietnam, Kommunismus gegen Kapitalismus, Stellvertreterkrieg, wird nicht vertieft; der Film verfolgt keine politische Agenda, auch wenn ausschließlich der (kommunistische) Vietcong mit grausamer Folter für die Traumata verantwortlich ist, während die überlegen geglaubte Kriegsmaschinerie der USA ausschließlich bei Rettungseinsätzen gezeigt wird. Cimino klagt mit seinem Kriegsfilm keinen militärisch industriellen Komplex an. Er klagt den Krieg an. Er schaut auf die Menschen, die direkt von einem Krieg betroffen sind und das sind ja nicht nur die Soldaten. Das sind auch deren Familien und Freunde, deren Leben ebenso zerstört wird. Dass es im Krieg um ideologische oder gar wirtschaftliche Interessen geht, ist nicht Thema dieses Films.

Drei Stunden nimmt sich Cimino Zeit, um ein Triptychon zu errichten – drei Bilder über Vorher, Während und Nachher, die zusammen ein Ganzes ergeben. Der Film beginnt in einem verregneten Städtchen in Pennsylvania. Ein Stahlwerk ist der größte Arbeitgeber, ein Supermarkt der andere. Blaues und rotes Neon leuchtet vor den zwei Bars der Stadt. Plakatmotiv (US): The Deer Hunter (1978) Die Männer kommen von der Nachtschicht im Stahlwerk. Einer von ihnen wird am Abend heiraten und übermorgen mit zwei weiteren in den Krieg ziehen. Die Stimmung ist gelöst, angesichts der anstehenden Hochzeitsfeier fröhlich. Ein harter Bildschnitt wirft uns in den Albtraum "Vietnam", der Steven seinen Körper und Nick seine Seele kostet. Und Mike, der Heimkehrer, hält die Fröhlichkeit seiner Freunde von früher heute für aufgesetzt, falsch. Robert De Niro (New York, New York – 1977; Der letzte Tycoon – 1976; 1900 – 1976; Taxi Driver – 1976; Der Pate II – 1974; "Hexenkessel" – 1973) spielt den Kriegsheimkehrer als verschlossenen Loner, der sich mit dem Jagdgewehr in den Bergen wohler fühlt, als in der Bar. Im Grunde passt dieser Michael von Anfang an nicht in diese Clique aus Trinkern und Spielern; es gibt hier halt niemanden sonst. Bis auf Nick. Nick ist Michaels bester Freund, dem Michael ein Versprechen gibt, an dem der beinahe zerbricht. Christopher Walkens Mike (Der Stadtneurotiker – 1977) ist ein aufrechter Kerl, der dachte, er komme nach zwei Jahren Vietnam zurück und dann wird geheiratet. Wie er dann immer tiefer in die Wunden dieses Krieges verwickelt wird, spielt Walken mit einer Gänsehaut erzeugenden Intensität.

Krieg endet nicht mit dem Waffenstillstand. Für die Beteiligten endet er nie. Das ist die Erkenntnis aus Ciminos Film. Die Sorglosigkeit, die vor dem Kriegseinsatz in dem Stahlarbeiterstädtchen herrschte, ist nach dem Einsatz verflogen, die Versuche, im heimischen Leben wieder Fuß zu fassen, scheitern. Kläglich. Das beeindruckende an diesem Film ist die Zeit, die er sich nimmt. So entsteht in drei Stunden eine genaue Milieuschilderung, das Psychogramm einer Gesellschaft, die uns sehr nah kommt, deren Schicksal uns berührt. Eine Gruppe von trauernden Müttern, Witwen und Männern, die ihre Freunde verloren haben, Menschen, die durch den Krieg ihren inneren Kompass, ihre Heimat verloren haben. Aber nach einem Begräbnis beisammen sitzen und leise God bless America anstimmen. Und das ist bei diesen Männern und Frauen nicht einen Augenblick kitschig.

Wertung: 9 von 9 D-Mark
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