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Plakatmotiv: 1900 (1976)

Grandioser Bilderbogen, spannende
Geschichtsstunde, großes Kino

Titel 1900
(Novecento)
Drehbuch Franco Arcalli & Giuseppe Bertolucci & Bernardo Bertolucci
Regie Bernardo Bertolucci, Italien, Frankreich, BRD 1976
Darsteller

Robert De Niro, Gérard Depardieu, Dominique Sanda, Stefania Sandrelli, Laura Betti, Donald Sutherland, Burt Lancaster, Sterling Hayden, Werner Bruhns, Romolo Valli, Anna Maria Gherardi, Roberto Maccanti, Paolo Pavesi, Alida Valli, Anna Henkel-Grönemeyer, Stefania Casini, Francesca Bertini, Ellen Schwiers, Bianca Magliacca, Giacomo Rizzo, Pippo Campanini u.a.

Genre Drama, Historie
Filmlänge 317 Minuten
Deutschlandstart
21. Oktober 1976 (Teil 1) / 16. Dezember 1976 (Teil 2)
Inhalt

Im Todesjahr Giuseppe Verdis werden 1900 auf einem Gut in der Emilia Romana Olmo, Enkel des Pachtbauern, und Alfredo, Enkel des Großgrundbesitzers, geboren. Bei der Geburt ist beider Lebensziel vorgegeben: Alfredo soll Jurist und Gutsherr werden, Olmo soll ihm wie schon sein Vater und Großvater dienen.

Der Erste Weltkrieg, der erste Landarbeiterstreik Italiens sowie die Weltwirtschaftskrise führen aber bald zu großen Veränderungen. Olmo wird als Sozialist politisch aktiv, während Gutsbesitzer Alfredo ein Bohémien wird, der den Faschismus Mussolinis in Gestalt des Gutsverwalters Attila und dessen Geliebter Regina verachtet, sie aber gewähren lässt.

Zwischen beiden Männern agiert die enigmatische Ada, die schließlich Alfredo heiratet, aber mit den politischen Zielen Olmos sympathisiert. Ada und Olmo müssen fliehen, während die Faschisten auf dem Gutshof ein KZ-ähnliches Regime errichten …

Was zu sagen wäre

In einer Kirche beginnt, bezeichnenderweise, der Untergang Italiens in die Barbarei des Faschismus. Hier versammeln sich die Großgrundbesitzer, um Pläne zu schmieden gegen die streikenden Landarbeiter und Tagelöhner, die allen Ernstes mehr Geld und Mitsprache fordern dafür, dass sie das Land der Grundbesitzer beackern dürfen und dafür das Dach eines Stalls über den Kopf bekommen. Plakatmotiv (It.): 1900 (1976) Die Grundbesitzer sind empört über das zu jener Zeit ungewohnt ungehorsame Verhalten der Arbeiter, beleidigt, dass die Arbeiter nicht verstehen, dass, wenn ein Unwetter die halbe Ernste vernichtet, auch der Lohn halbiert werden muss. „Und wenn die Ernte doppelt so gut ausfällt“, hatte ein Arbeiter die Stirn, den Padrone zu fragen, „bekommen wir dann auch doppelten Lohn?“ Diesem Ungeist wollen die Grundbesitzer in der Kirche ein Ende bereiten. Sie beschließen, Streikbrecher zu engagieren, die die Arbeiter zur Räson bringen sollen. Es ist dies die Zeugungsstunde der italienischen Faschisten. Für ihr Land, für die garantierte Einfuhr der Ente bezahlen die Grundbesitzer den "Schwarzhemden", wie sich selbst nennen, über die Jahre so viel Geld, dass diese bald unabhängig sind und zur dritten – und zielstrebigsten – Macht im Land werden.

Die Landarbeiter wehren sich gegen ausbeuterische Methoden der Grundbesitzer, sind jedoch zu schwach organisiert, um Druck aufzubauen; die einen wollen einfach nur ein auskömmliches Leben, die anderen finden Lenin irgendwie ganz gut. Aber sie haben keinen Plan. Die Grundbesitzer wollen gar nichts. Nur, dass alles so bleibt, wie es immer war – jemand soll ihre Felder beackern und Kühe melken und Bitteschön keine Kosten verursachen. Da kommt ihnen die beginnende Industrialisierung entgegen, die die Arbeit vieler Landarbeiter überflüssig macht; die werden kurzerhand entlassen und vertrieben. Das allerdings treibt deren Zorn auf die Grundbezitzer, also initiieren die eine Schlägertruppe. Diese Schläger sind die einzigen mit einem Ziel. Weder Grundbesitzer noch Bauern, wollen sie, so formuliert es Attila, im Film die Führungsfigur der Schwarzhemden, dass „alle bezahlen, ohne Ausnahme: die Gutsherren, die Arbeiter. Alle!“ Und die Schwarzhemden sorgen dann für Ordnung. Aus dem Geschichtsunterricht wissen wir: Aus den Schwarzhemden erwuchs Mussolini, der italienische Faschismus, der Pakt mit Adolf Hitler und der Untergang.

Bernardo Bertolucci greift zum ganz großen Besteck und zeigt, wozu Kino in der Lage. Nie war mein Geschichtsunterricht so unterhaltsam, so spannend, wie dieser Film, der am Stück fünfeinhalb Stunden dauert. Der Regisseur ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere (Der letzte Tango in Paris – 1972; "Die Strategie der Spinne" – 1970; "Der große Irrtum" – 1970). Er hat alle Freiheiten, bekommt ein paar der größten Schauspieler für sein Epos spendiert. Kürzen musste er aber dennoch. Der Film ist vom Verleih in zwei Teile zerlegt worden. Der erste Teil heißt "Gewalt, Macht, Leidenschaft" und kommt im Oktober 1976 in die Kinos. Der zweite Teil folgt im Dezember und ist mit "Kampf, Liebe, Hoffnung" überschrieben. Bertolucci fügt ein halbes Jahrhundert italienischer Geschichte zu einem Tableau zusammen. Plakatmotiv (It.): 1900 (1976) Faschismus und Kommunismus entflammen die Gemüter.

Die Handlung beginnt an dem Tag, an dem Guiseppe Verdi gestorben ist. Und das setzt den Ton für das, was Bertolucci will: einen Film wie eine Oper. Mit Breitwandbildern, die aussehen wie die Gemälde der alten Meister, die in den Uffizien ausgestellt sind. Die Arbeit von Kameramann Vittorio Storaro allein ist es wert, sich diese fünfeinhalb Stunden Film anzusehen: leuchtende Panoramen aus grünem Gras und gelben Strohballen; Polizeiaufmärsche gegen singende Bäuerinnen im herbstlichen Nebel; intime Dialoge im Kerzenschein; ausgelassene Feiern der Bauern in ihren Scheunen; sonnenüberflutete Palazzi und die mondän ausgestattete Welt der herrschenden Klasse(n). An manchen Stellen wird der film zur Dokumentation damaliger Lebensverhältnisse, wenn er etwa asgiebig beschreibt, wie ein lebendes Schwein erst zu Tode gebracht und geschlachtet wird. Die eigentliche Handlung bringt das nicht voran, vertieft aber das Verständnis für die einfachen Leute, für die diese klare Dramaturgie innerhalb der Nahrungskette Alltag ist. Sie schlachten das Schwein, dass ihnen dann aber der Feudalherr wegnimmt.

Im Kern ist der Film eine Dreiecksgeschichte: eine Frau steht zwischen zwei sehr guten Freunden, die, filmdramaturgisch, die zwei Seiten derselben Medaille sind. Sie stehen als Symbol für ein soziales Miteinander – der Gutsherr bietet Arbeitsfläche, der Knecht bearbeitet die Fläche und bekommt dafür ein bisschen was ab vom Ertrag und beide fühlen sich gerecht behandelt – das zerbricht. Gérard Depardieu (Der Mann aus Marseille – 1972) und Robert De Niro (Der Pate II – 1974; "Hexenkessel" – 1973) spielen diese Antipoden. Depardieus Olmo ist eine Naturgewalt, leidenschaftlich, furchtlos, immer vornweg. De Niro legt seinen Alfredo als Zweifler an, einer, der nicht Gutsherr sein will und es dann aber um so machtvoller wird.

Die Figur Alfredos beschreibt, wie der Faschismus sich durch Desinteresse und Trägheit der Feudalherren in Italien durchsetzen konnte. Alfredo ist an den Geschäften und an Politik wenig interessiert und von seinem Vater angewidert. Er ist fasziniert von der Welt seines Onkels Ottavio, eines dandyhaften Ästheten, der in einer kunstvoll eingerichteten, mondänen Jugendstil-Villa lebt. Dort begegnet Alfredo der geheimnisvollen Ada. Mit dem Tod seines Vaters wird er Gutsherr. Attila und seine Schwarzhemden lässt er gewähren. So windet sich Alfredo aus seiner erhabenen Position lange durch die Fährnisse der niederen Machtpolitik, während der zielbewusste Olmo aus der unterdrückten Position heraus keine Zurückhaltung kennt und schließlich ins Exil flüchten muss.

Bertolucci erzählt Weltgeschichte anhand von Charakteren, anhand von fassbaren Männern und Frauen in ihren Einzelschicksalen; damit fesselt er seine Zuschauer. Er verlautbart keine politischen Manifeste. Lediglich kurz vor Schluss blickt Olmo direkt in die Kamera und fasst die historische Großwetterlage nochmals zusammen, wonach der Faschismus von den Gutsherren eingekauft wurde, um die Landarbeiter zu unterdrücken. Aber in den übrigen fünfeinhalb Stunden spiegelt sich die große Politik in den Menschen, die in ihr zurecht kommen müssen. Da ist die rätselhafte Ada, die in den mondänen Kreisen Onkel Ottavios verkehrt, selber nichts ist, außer schön, und ihren verwöhnten Alltag mit Verwirrspielchen in gehobener Gesellschaft aufpeppt. Dominique Sanda (Der Macintosh Mann – 1973) spielt sie mit somnambuler Leidenschaft und Sinn für den großen Auftritt. Plakatmotiv: 1900 (1976) Für die Schwarzhemden hat Ada nichts übrig, aber auch sonst keine Ziele. Politik interessiert sie nicht. Ihr Verhältnis zu Alfredo und ihr Nicht-Verhältnis zu Olmo beherrschen ihr Sein, aber als es „auf dem Land“ nichts mehr Neues gibt, verschwindet sie aus dem Film in ein unbekanntes Leben.

Dann ist da Attila, ein mittelmäßig begabter Vorarbeiter, der eine Chance ergreift, wenn sie ihm offenbart wird. Diesen zu kurz gekommenen Vorarbeiter spielt Donald Sutherland mit einer bedrohlichen Aura, die ihresgleichen im zeitgenössischen Kino sucht ("Der Tag der Heuschrecke" – 1975; Wenn die Gondeln Trauer tragen – 1973; "Klute" – 1971; Stoßtrupp Gold – 1970; M.A.S.H. – 1970; Das dreckige Dutzend – 1967). Attila ist der, der sich in der bereits erwähnten Kirche als derjenige anbietet, der eine Truppe gegen die streikenden Arbeiter aufstellen könnte – angetrieben von Regina, der Cousine Alfredos, die sich Hoffnungen auf eine Ehe mit diesem gemacht hatte, aber gegen Ada den Kürzeren zog. Sie schiebt Attila ins Visier der Grundbesitzer, bei denen er „sich unentbehrlich machen“ solle. Später im Film vergewaltigt dann Attila Patrizio, den noch jungen Sohn eines Gutsbesitzers, und erschlägt ihn anschließend. Ausgerechnet Patrizios Vater hatte in jener Kirche den Aufbau der Schwarzhemden als Maßnahme gegen die Landarbeiter unterstützt. Da pointiert Bertolucci, dass die alte Garde der Gutsbesitzer die Brutalität der von ihr gerufenen Faschisten nicht kontrollieren kann, machtlos ist.

Eine bittere Fußnote bietet das Finale dieses prachtvollen Bilderbogens über ein halbes Jahrhundert. Mitten in die Wir-sind-frei-Feiern der Bauern kommen Vertreter der Nationalen Befreiungsarmee auf den Gutshof und zwingen die Bauern, alle ihre Waffen abzugeben. Damit wird die frisch erworbene Macht der Landarbeiter über den Gutshof schon wieder beendet. Die Bauern sind so unfrei und abhängig von Herrschenden wie eh und je, die gesellschaftlichen Verhältnisse bleiben die alten. DVD-Cover (UK): 1900 (1976) Und Alfredo und Olmo, der Kapitalist und der Revolutionär streiten sich bis ins hohe Alter, wer nun Recht hat – der Gutsbesitzer, der das Immer-schon-so vertritt, oder der Arbeiter, der eine Verbesserung seiner Lebensumstände erstreitet. Bertolucci lässt die Frage im Film offen. Er weiß, wenn die Kinobesucher aus seinem Film wieder auf die Straße des realen Alltags treten, sehen sie die Antwort in einem Weder Noch. Die Menschen sind nie frei, sind immer abhängig von Interessenvertretern und Parteien und davon, dass die da Oben sie dann nicht über den Tisch ziehen.

Wertung: 9 von 9 D-Mark
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