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Plakatmotiv: Midnight Run – 5 Tage bis Mitternacht (1988)

Das Geheimnis des Lebens
liegt auf der gebremsten Straße

Titel Midnight Run – 5 Tage bis Mitternacht
(Midnight Run)
Drehbuch George Gallo
Regie Martin Brest, USA 1988
Darsteller

Robert De Niro, Charles Grodin, Yaphet Kotto, John Ashton, Dennis Farina, Joe Pantoliano, Richard Foronjy, Robert Miranda, Jack Kehoe, Wendy Phillips, Danielle DuClos, Philip Baker Hall, Tom McCleister, Mary Gillis, John Toles-Bey u.a.

Genre Komödie, Crime
Filmlänge 126 Minuten
Deutschlandstart
6. Oktober 1988
Inhalt

Der Ex-Cop Jack Walsh verdient sich seinen meist eher gering ausfallenden Lebensunterhalt als Kopfgeldjäger, dabei will er sich lieber zur Ruhe setzen. Mit dem nächsten Auftrag könnte ihm das sogar gelingen. Für 100.000 Dollar soll er den flüchtigen Mafiabuchhalter Jonathan Mardukas von New York nach Los Angeles bringen und das innerhalb der nächsten fünf Tage.

Buchhalter Mardukas hat 15 Millionen Dollar unterschlagen, an wohltätige Einrichtungen weitergegeben und sich danach abgesetzt. Er wurde festgenommen und Eddie Moscone, Inhaber eines Kautionsbüros, hatte für ihn 450.000 Dollar Kaution hinterlegt. Plakatmotiv: Midnight Run – 5 Tage bis Mitternacht (1988) Mardukas setzte sich wieder ab und nun soll also Walsh Mardukas aufspüren und binnen fünf Tagen nach Los Angeles bringen. Als Belohnung winken 100.000 Dollar.

Walsh spürt Mardukas auf, nimmt ihn fest und will mit ihm nach Los Angeles fliegen. Madurkas leidet aber unter heftiger Flugangst, sodass sie die Strecke per Bahn bewältigen müssen. Das FBI, die Mafia und der Kopfgeldjäger Dorfler verfolgen Walsh und Mardukas, hinken aber immer wieder einen Schritt hinterher. Auch unternimmt Mardukas einen Fluchtversuch, Walsh fängt ihn jedoch wieder ein. In Arizona wird Mardukas von Dorfler entführt. Er will ihn gegen Bezahlung an Serranos Leute ausliefern, wird dann aber von diesen überwältigt, und Mardukas gerät so in die Hände der Mafia

Was zu sagen wäre

Um Deinen Weg in Deinem Leben zu finden, brauchst Du Zeit. Brauchst Du die Langsamkeit des alten Westen. Die Siedler sind damals gen Westen gezogen, haben das Land urbar gemacht (okay, nachdem sie es den Native Americans weggenommen haben, aber das ist hier jetzt nicht das Thema), Städte gebaut, Schienen gelegt, Fernsprechdrähte gezogen, einen Kontinent erschlossen und so eine Gesellschaft über eine Fläche von 4.000 Kilometer miteinander im Gespräch gehalten. Dauerte es um 1870 herum noch Wochen, bis eine Nachricht es von New York bis an die Westküste schaffte, ging das hundert Jahre später schon in einem Tag. Entwickelt aber wurden diese Ideen auf sehr langen, das Leben wie wir es kennen sehr ausbremsenden Strecken zwischen Ost und West quer über den Kontinent.

Und heute? In Minuten! Informationen umkreisen heute den ganzen Planeten schneller, als Gedanken. Das Leben ist mit seinen Verpflichtungen und Erwartungen im 21. Jahrhundert so komplex, das für einen klaren Gedanken kein Platz mehr ist. Die 4.000-Kilometer-Strecke von Ost nach West macht das Flugzeug in fünf Stunden. Und am Ziel wartet der nächste Geschäftstermin.

Wenn ein Filmemacher das in Unordnung gekommene Leben seines Protagonisten wieder in Ordnung bringen will, wenn er dem Protagonisten Zeit zum Nachdenken, zum Reflektieren verschaffen will, dann setzt er ihn ohne Kreditkarte auf der Landstraße in the middle of nowwhere aus. Um von dort an sein Ziel zu gelangen, braucht er den Geist der alten Pioniere. Und Zeit. Also greift der Autor zum Subgenre des Roadmovie.

Natürlich hätte Jack Walsh seine 100.000-Dollar-Beute einfach per Flugzeug von NY nach LA transportieren können. Aber dann wäre sein miserables Leben auch einfach immer so weiter gegangen, von einem Kopfgeld-Job zum nächsten. Und wenn Walsh Glück gehabt hätte, wäre er bald drauf gegangen – um dieses Scheiß-Leben nicht weiter ertragen zu müssen. Also hat die 100.000-Dollar-Beute sehr glaubhaft eine Flugangst und verliert Walsh ebenso glaubhaft den Zugriff auf seine Kreditkarte. Und schon sind er und seine Beute auf nahe Null gebremst. Und die 100.000-Dollar-Beute entpuppt sich als die Stimme des Gewissens, die die kaputten Teile im Leben des Kopfgeldjägers, der mal ein ehrbarer Cop mit Frau und Tochter war, wieder sortiert. Plakatmotiv (US): Midnight Run (1988) Jack Walsh bekommt auf seinem ausgebremsten Trip nach Westen ausreichend Zeit, sein Leben zu reflektieren und Entscheidungen zu formulieren, für die ihm in den zurückliegenden Scheiß-Jahren einfach nie Zeit geblieben war. Und seine 100.000-Dollar-Beute entpuppt sich als der bessere Mensch, als der Lackmustest, der das richtige vom falschen Leben trennt; und der sich am Höhepunkt des Films – wie der persönliche Schutzengel – in Luft auflöst.

Martin Brest ist als Regisseur, als einfühlsamer gar, bislang nicht in Erscheinung getreten. Sein Beverly Hills Cop vor vier Jahren lebt vor allem von Eddie Murphys Performance. Mit "Midnight Run" erinnert uns Brest, dass wir vergessen haben, dass Murphy mit seiner bewundernswerten Kodderschnauze nur glänzen konnte, weil dahinter eine sensible, Figuren orientierte Regie mit Sinn für emotionale Dramaturgie stand. Im vorliegenden Film stehen Brest zwei echte Schauspieler zur Seite.

Jack Walsh ist schnell eine bemitleidenswerte Figur; schon, weil sie, als wir sie kennenlernen, agiert, wie jeder TV-Cop, den wir dauernd im Fernsehen sehen. Auch ist er von schmierigen Geschäftsleuten abhängig während gleichzeitig im Hintergrund ein ehemaliges Leben wie Deines und meines schimmert. Robert De Niro spielt diesen Walsh, der in der Sackgasse seines Lebens gelandet ist (Die Unbestechlichen – 1987; Angel Heart – 1987; Mission – 1986; Brazil – 1985; Es war einmal in Amerika – 1984; "Die durch die Hölle gehen" – 1978; New York, New York – 1977; Der letzte Tycoon – 1976; 1900 – 1976; Taxi Driver – 1976; Der Pate II – 1974; "Hexenkessel" – 1973). Und er stattet seinen Kopfgeldjäger mit wenig Sympathie aus. Er übervorteilt Kollegen, er lügt, er muss sich von Schmierlappen kommandieren lassen. Aber wenn er seiner ehemaligen Familie gegenübersteht, fällt alle professionell antrainierte Arschlöchrigkeit von ihm ab; da ist er nur noch Mensch.

Zu einem Roadmovie gehören immer zwei Personen. Walshs Antagonist ist Jonathan Mardukas, ein Buchhalter der Mafia, von dem wir im Kinosessel alle sofort ein Bild im Kopf haben, weil Buchhalter immer Nickelbrille tragen und Ärmelschoner. Statt dessen taucht Charles Grodin auf ("Ishtar" – 1987; Die Frau in Rot – 1984; Ein Single kommt selten allein – 1984; King Kong – 1976; Rosemaries Baby – 1968). Grodin wird im Hollywood-Geschäft geholt, wenn ein überforderter Softie gebraucht wird. Abgesehen davon, dass er hier einen Buchhalter der (immerhin) Mafia spielt, begleitet er uns als so ein Softie auch durch diesen Film, inklusive dauernder Ernährungs- und Gesundheitstipps. Bis wir sukzessive merken, dass der sanfte Buchhalter, der 15 Millionen Mafia-Dollar an die Wohlfahrt umgeleitet hat, tatsächlich mehr auf dem Kasten hat, als wir nach so charmanten Auftritten wie als Warren in Ein Single kommt selten allein vermutet hätten.

Wenn Du Menschen im 21. Jahrhundert an ihre Grenzen bringen willst, bremse sie aus, setze sie in einen Güterzug, lass sie zu Fuß durchs Land stolpern. Kurz: Tue alles, um sie auf die Siedlertrecks des 19. Jahrhunderts zu bringen, auf denen sie viel Zeit zum Nachdenken haben. Mache sie zu Hauptfiguren eines Roadmovies.

Wertung: 9 von 10 D-Mark
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