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Plakatmotiv: Perfect Days (2023)

Wim Wenders Antworten auf
so Manches in dieser Filmwelt

Titel Perfect Days
Drehbuch Wim Wenders & Takuma Takasaki
Regie Wim Wenders, Japan, Deutschland 2023
Darsteller

Kôji Yakusho, Tokio Emoto, Arisa Nakano, Aoi Yamada, Yumi Aso, Sayuri Ishikawa, Tomokazu Miura, Min Tanaka, Miyako Tanaka, Long Mizuma, Soraji Shibuya, Aoi Iwasaki, Kisuke Shimazaki, Yuriko Kawasaki, Aki Kobayashi, Bunmei Harada, Reina, Shunsuke Miura, Gan Furukawa, Atsushi Fukazawa, Taijirô Tamura, Masahiro Kômoto u.a.

Genre Drama
Filmlänge 124 Minuten
Deutschlandstart
21. Dezember 2023
Inhalt

Hirayama lebt in einer bescheidenen Wohnung in einem weniger gentrifizierten Stadtteil Tokios. Er ist ein Mann der Gewohnheit, der seine Tage mit einer festen Routine verbringt, die ihm Sicherheit und Zufriedenheit gibt. An jedem Arbeitstag steht er früh auf, um in das wohlhabende Shibuya zu fahren, wo er für die Sauberkeit der künstlerisch gestalteten öffentlichen Toiletten verantwortlich ist. Dieser Arbeit geht er mit Genauigkeit nach.

In seiner Freizeit widmet sich Hirayama seiner Leidenschaft für Musik und Literatur. Er hört gerne Musik auf Kassetten, darunter Stücke von Künstlern wie Lou Reed und Patti Smith, und liest vor dem Schlafengehen Werke von Autoren wie William Faulkner, Aya Kōda und Patricia Highsmith. Eine besondere Vorliebe hat Hirayama für die Natur, insbesondere für Bäume. Er verbringt seine Pausen im Schatten von Bäumen, fotografiert deren Blätter und genießt die Lichtspiele, die durch die Äste entstehen.

Im Laufe der Zeit reißen Hirayama verschiedene Begegnungen und Ereignisse aus seiner Routine. Sein junger Assistent Takashi bringt eine dynamische, aber auch chaotische Energie in Hirayamas Leben. Takashi versucht Hirayama zu motivieren, seine wertvollen Musikkassetten zu verkaufen, was Hirayama jedoch ablehnt. Stattdessen gibt er Takashi Geld, damit der ein Date mit einer jungen Frau namens Aya haben kann.

Als er in einer Toilettenkabine einen versteckten Zettel findet, lässt sich Hirayama auf ein TicTacToe-Spiel mit einer Unbekannten ein. Und eines Abends sitzt seine Nichte bei ihm vor der Tür …

Was zu sagen wäre

Vielleicht ist dieser Film die Antwort. Schließt sich hier, wie Darth Vader sagte, der Kreis? War das Kino von Wim Wenders, das ja auch schon mehr als 50 Jahre auf dem Buckel hat (s.u.), immer schon die Antwort auf das Kino von heute, auf das explodierende, erklärsüchtige, bildgewaltige, DolbySurroundKino aus dem 21. Jahrhundert? Auf Filme, die zweieinhalb Stunden dauern, ständig in Bewegung, ständig in Erklärung, bevor ein Special Effect die Leinwand zum Glühen bringt, und am Ende nichts sagen, geschweige denn zu zeigen haben?

Jetzt sitze ich eine halbe Stunde in "Perfect Days" von Wim Wenders, bin einem stummen Mann gefolgt, der den ganzen Tag öffentliche Toiletten in Tokio putzt und zwischendrin Bäume fotografiert und habe das Gefühl, lange nicht mehr sowas Aufregendes im Kino gesehen zu haben. Plakatmotiv: Perfect Days (2023) Da ist dieser Stadtteil Shibuya, der nichts Schönes hat, aber einen auffallend klotzigen Fernsehturm oder Sendemast und verwirrend vielgeschossige Straßen. Hier wohnt der Toilettenmann in einem unspektakulären Haus, liest Faulkner und züchtet Ableger von Bäumen, die er tagsüber fotografiert hat. Es ist, wie die Reise auf einen fernen Planeten in ein Leben, das mir vollkommen fremd ist; natürlich nicht, als würde ich es selbst erleben, aber, als wäre ich selbst dabei in Shibuya.

Wim Wenders hält nicht viel davon, im Kino Geschichten zu erzählen. Wenn er gezwungen würde, in seinem Film eine Geschichte zu erzählen, hat er in einem Interview zu seinem 80. Geburtstag gesagt, wäre er verloren. Dabei macht er nichts anderes als das, allerdings mit den Mitteln des Kinos der ersten Tage, als es noch als eine Geschichte galt, wenn auf der Leinwand eine Lokomotive in den Bahnhof einfuhr. Ich sehe in "Perfect Days" nur aufregende Dinge. Neben dem völlig fremdartigen Stadtleben, das Hirayama führt, mit versteckten Garküchen in Untergrundstationen sticht die für unsere westeuropäischen Augen geradezu hypermoderne Architektur der Öffentlichen Toiletten hervor. Da entfalten sich vor unserem westeuropäischen Auge andauernd Geschichten.

Hirayama putzt Toiletten. Auch dieser Mann ist eine Geschichte, die ohne künstliche Dramaturgie auskommt. Er lebt im Moment, genießt, wo er was zu genießen sieht, blendet aus, was nicht zu genießen ist. In der ersten Toilette, die wir mit ihm putzen, stolpert ein Schnösel im Slim-Fit-Anzug ins Bild und beleidigt Hirayama mit Nichtbeachtung. Hirayama ignoriert das. Ist er ein Mensch ohne Ansprüche? Hat er keine Träume? Hat er eine versteckte Vergangenheit, in der große Pläne und Ziele hatte? Wie sich später in Nebensätzen herausstellt: Ja! Aber diese Vergangenheit spielt dann trotzdem nur die Statistenrolle. Im taoistischen Geist lebt Hirayama im Hier und Jetzt: hier, nicht dort, jetzt, nicht morgen. Nach wenigen Minuten in den technisch und architektonisch faszinierenden Toiletten mit diesem ausgeglichenen Mann haben wir vergessen, auf was für einem Boden wir da kriechen, was für Schüsseln wir putzen. Wir freuen uns mit Hirayama, wenn die Sonne durch die Baumwipfel scheint und dreidimensionale Schatten entwirft.

Wenders versteht unter Filme machen Bilder aus der Welt zu zeigen, Menschen zu zeigen oder Tiere. Die machen ihm Geschichte genug. "Perfekt Days"als Spielfilm hatte er gar nicht auf dem Schirm. Er ist Japan und der japanischen Lebensweise sehr verbunden, aber auf die Idee mit den Toiletten hat ihn erst die Stadt Tokio gebracht, die den weltberühmten Regisseur anfragte, ob der nicht einen Dokumentarfilm über die modernen Klos von Tokio drehen könne. Unter dem Namen The Tokyo Toilet wurden sie im Hinblick auf die ursprünglich für 2020 geplanten Olympischen Sommerspiele in Japan errichtet, die dann aufgrund der COVID-19-Pandemie um ein Jahr verschoben wurden. Das Ziel war es, moderne und ästhetisch ansprechende öffentliche Toiletten zu entwickeln. Plakatmotiv: Perfect Days (2023) Im Tokioter Stadtteil Shibuya entstanden auf diese Weise insgesamt 17 WC-Anlagen nach Plänen von international renommierten Architekten und Designern. Entgegen den ursprünglichen Plänen, einen kleinen Dokumentarfilm über die Toiletten zu machen, entschied sich Wenders dafür, einen abendfüllenden Spielfilm vor den Toiletten als Kulissen zu drehen.

Dem Film gelingt, dass wir das Reinigen der Toiletten im Kinosessel mit der Nachoschale in der Hand als leidenschaftlichen Wettbewerb im Alltag wahrnehmen. Seine Schwester, die für ein paar Minuten ins Bild kommt, nachdem ihre Tochter, Hirayamas Nichte, zu ihm geflüchtet war und engagiert beim Putzen geholfen hat, fragt naserümpfend, ob er jetzt wirklich Toiletten putze. Hirayama bricht, nachdem seine Schwester wieder weg ist, in Tränen aus, sein Vorleben hat Gewicht, aber kein dauerhaftes und keines für diesen Film, in dem das alles keine Rolle spielt. Als Zuschauer sind wir da längst in Hirayamas Universum: Wenn er die Toiletten dauerhaft sauber hält, ist da bald auch nichts mehr Unangenehmes, das ihn oder uns anwidern müsste, Hirayama hat ja alles im Griff – dieser Film führt uns bestmöglich in eine fremde Welt ein, furchtlos. Und wir folgen im Kinosessel ohne Scheu.

Die anonyme Person, die mit Hirayama TicTacToe spielt und nie ein Gesicht bekommt, kommt uns in dieser Welt näher, als Hirayamas Schwester, die in einer vom Chauffeur gesteuerten Limousine anreist und an irgendwelche Geschichten von Früher appelliert. Diese Schwester symbolisiert Zwänge aus einer toten Zeit, in der Kino nur sein darf, wenn explodierende Geschichten erzählt werden. Da ist irgendwas im Verhältnis zwischen Schwester und Bruder, was interessant ist … aber ungefähr so interessant, wie die Klatschspalte auf der "Aus aller Welt"-Seite in der Zeitung. Für Hirayama spielen diese Geschichten keine Rolle mehr. Das macht auch die deutsche Synchronfassung deutlich. Die ist eine Katastrophe.

Wenders ist ein Mann des sich selbst erklärenden Bildes. Die wenigen Dialoge in seinem Film sind – wahrscheinlich – improvisiert. Und fürs deutsche Kino von einer Gruppe von Hobbysprechern eingedeutscht worden. Nichts passt da zusammen, nicht die Stimme zur Figur noch das Verhältnis von Sprache zur Athmo. In dieser Sprachfassung geht mir Hirayamas Assistent Takashi auf die Nerven. Im Drehbuch ist er einfach nur ein Gegengewicht zu der schweigsamen, in sich gekehrten Hauptfigur, die von der Macht und Monotonie der Gewohnheit durchdrungen ist, oder von dem Trost und der Ruhe, die sie spenden kann; in der deutschen Synchronfassung ist der Assistent ein respektloser Schnorrer, der durchs Leben tölpelt. Immerhin bleibt die Erkenntnis, dass es solche Durchhänger offenbar überall gibt, auch in Städten, die wie von einem anderen Stern anmuten.

Weil das Leben auf jedem Stern in diesem Universum anders ist. Aber doch gleich.

Wertung: 8 von 8 €uro
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