Hirayama lebt in einer bescheidenen Wohnung in einem weniger gentrifizierten Stadtteil Tokios. Er ist ein Mann der Gewohnheit, der seine Tage mit einer festen Routine verbringt, die ihm Sicherheit und Zufriedenheit gibt. An jedem Arbeitstag steht er früh auf, um in das wohlhabende Shibuya zu fahren, wo er für die Sauberkeit der künstlerisch gestalteten öffentlichen Toiletten verantwortlich ist. Dieser Arbeit geht er mit Genauigkeit nach.
In seiner Freizeit widmet sich Hirayama seiner Leidenschaft für Musik und Literatur. Er hört gerne Musik auf Kassetten, darunter Stücke von Künstlern wie Lou Reed und Patti Smith, und liest vor dem Schlafengehen Werke von Autoren wie William Faulkner, Aya Kōda und Patricia Highsmith. Eine besondere Vorliebe hat Hirayama für die Natur, insbesondere für Bäume. Er verbringt seine Pausen im Schatten von Bäumen, fotografiert deren Blätter und genießt die Lichtspiele, die durch die Äste entstehen.
Im Laufe der Zeit reißen Hirayama verschiedene Begegnungen und Ereignisse aus seiner Routine. Sein junger Assistent Takashi bringt eine dynamische, aber auch chaotische Energie in Hirayamas Leben. Takashi versucht Hirayama zu motivieren, seine wertvollen Musikkassetten zu verkaufen, was Hirayama jedoch ablehnt. Stattdessen gibt er Takashi Geld, damit der ein Date mit einer jungen Frau namens Aya haben kann.
Als er in einer Toilettenkabine einen versteckten Zettel findet, lässt sich Hirayama auf ein Tic-Tac-Toe-Spiel mit einer Unbekannten ein …
Vielleicht ist dieser Film die Antwort. Oder schließt sich hier, wie Darth Vader sagte, der Kreis? War das Kino von Wim Wenders, das ja auch schon mehr als 50 Jahre auf dem Buckel hat (s.u.), immer schon die Antwort auf das Kino von heute, auf das explodierende, erklärsüchtige, bildgewaltige, DolbySurroundKino aus dem 21. Jahrhundert? Auf Filme, die zweieinhalb Stunden dauern, ständig was erzählen, was sie in der nächsten Sequenz erklären, bevor ein Special Effect die Leinwand zum Glühen bringt, und am Ende nichts zu sagen, geschweige denn zu zeigen haben?
Jetzt sitze ich eine halbe Stunde in "Perfect Days" von Wim Wenders, bin einem stummen Mann gefolgt, der den ganzen Tag öffentliche Toiletten in Tokio putzt und zwischendrin Bäume fotografiert und habe das Gefühl, lange nicht mehr sowas aufregendes im Kino gesehen zu haben. Da ist dieser Stadtteil Shibuya, der nichts Schönes hat, aber einen auffallend klotzigen Fernsehturm oder Sendemast und verwirrend vielgeschossige Straßen. Hier wohnt der Toilettenmann in einem unspektakulären Haus, liest Faulkner und züchtet Ableger von Bäumen, die er tagsüber fotografiert hat. Es ist, wie die Reise auf einen fernen Planeten in ein Leben, das mir vollkommen fremd ist; natürlich nicht, als würde ich es selbst erleben, aber, als wäre ich selbst dabei in Shibuya.
Wim Wenders hält nicht viel davon, im Kino Geschichten zu erzählen. Wenn er gezwungen würde, in seinem Film eine Geschichte zu erzählen, hat er in einem Interview zu seinem 80. Geburtstag gesagt, wäre er verloren. Dabei macht er nichts anderes als das, allerdings mit den Mitteln des Kinos der ersten Tage, als es noch aufregend war, einen in den Bahnhof einfahrenden Zug auf der Leinwand zu sehen. Ich sehe in "Perfect Days" nur aufregende Dinge. Neben dem völlig fremdartigen Stadtleben, das Hirayama führt, mit versteckten Garküchen in Untergrundstationen sticht die für unsere westeuropäischen Augen geradezu hypermoderne Architektur der Öffentlichen Toiletten hervor.
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Der junge Wim Wenders in den Sechzigern, als er Filmkritiken schrieb und sich über die neuen besserwisserischen Filme beklagte: „Ich vermisse die Freundlichkeit, die Sorgfalt, die Ausführlichkeit, die Sicherheit, die Ernsthaftigkeit, die Ruhe, die Menschlichkeit der Filme von John Ford, ich vermisse die Gesichter, die nie zu etwas gezwungen werden, die Landschaften, die nie einfach nur Hintergründe sind, die Gefühle, die nie aufdringlich oder komisch sind …“ All das, was Wenders vermisste, hat er dann in seine eigenen Filme eingebracht, in die frühen, wie Alice in den Städten, und in die späten, wie diesen hier. "Perfect Days" hat er in Tokio gedreht, über einen jungen Mann, der öffentliche Klokabinen reinigt, mit Lust und Sorgfalt und Songs von Lou Reed und Patti Smith. Ein Meisterwerk der Transparenz, denn die modernen Kabinen von Japans Stararchitekten machen erst dicht, wenn jemand drinnen ist.
Die Kinofilme von Wim Wenders
Wilhelm Ernst "Wim" Wenders ist ein deutscher Regisseur und Fotograf. Zusammen mit anderen Autorenfilmern des Neuen Deutschen Films gründete er 1971 den Filmverlag der Autoren. Mit Filmen wie Paris, Texas oder Himmel über Berlin erreichte er ab den 1980er Jahren weltweite Bekanntheit.
Wenders sieht sich als „der Reisende und dann erst Regisseur oder Fotograf“. Von 1991 bis 1996 war Wenders Vorsitzender der Europäischen Filmakademie und ist seither deren Präsident. Außerdem war er von 2002 bis 2017 Professor für Film an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Zu seinem 75. Geburtstag im Jahr 2020 erschien die Dokumentation Wim Wenders, Desperado von Eric Friedler und Andreas "Campino" Frege, in der die Filmemacher die Ambivalenz zwischen europäischem und amerikanischem Kino (Wenders' Traumland) am Beispiel von Wim Wenders und Francis Ford Coppola analysieren.
- Summer in the City (1970)
- Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1972)
- Der scharlachrote Buchstabe (1973)
- Alice in den Städten (1974)
- Falsche Bewegung (1975)
- Im Lauf der Zeit (1976)
- Der amerikanische Freund (1977)
- Nick's Film – Lightning Over Water (1980)
- Hammett (1982)
- Der Stand der Dinge (1982)
- Paris, Texas (1984)
- Tokyo-Ga (1985)
- Himmel über Berlin (1987)
- Yamamoto – Aufzeichnungen zu Kleidern und Städten (1989)
- Bis ans Ende der Welt (1991)
- In weiter Ferne, so nah! (1993)
- Lisbon Story (1994)
- Die Gebrüder Skladanowsky (1995)
- Am Ende der Gewalt (1997)
- Buena Vista Social Club (1999)
- The Million Dollar Hotel (2000)
- Viel passiert – Der BAP-Film (2002)
- Land of Plenty (2004)
- Don't come knocking (2005)
- Palermo Shooting (2008)
- Pina – tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren (2011)
- Das Salz der Erde (2015)
- Every Thing will be fine (2015)
- Die schönen Tage von Aranjuez (2016)
- Grenzenlos (2017)
- Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes (2018)
- Anselm – Das Rauschen der Zeit (2023)
- Perfect Days (2023)
