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Plakatmotiv: 1492 – Die Eroberung des Paradieses (1992)

Bildgewaltiges Epos mit einer Leerstelle,
wo die Hauptfigur zu finden sein müsste

Titel 1492 – Die Eroberung des Paradieses
(1492: Conquest of Paradise)
Drehbuch Rose Bosch
Regie Ridley Scott, Frankreich, Spanien 1992
Darsteller

Gérard Dépardieu, Armand Assante, Sigourney Weaver, Loren Dean, Ángela Molina, Fernando Rey, Michael Wincott, Tchéky Karyo, Kevin Dunn, Frank Langella, Mark Margolis, Kario Salem, Billy L. Sullivan, John Heffernan, Arnold Vosloo, Steven Waddington, Fernando G. Cuervo u.a.

Genre Abenteuer, Biographie
Filmlänge 154 Minuten
Deutschlandstart
15. Oktober 1992
Inhalt

Ende des 15. Jahrhunderts sucht der wagemutige Seemann Christopher Columbus potente Geldgeber, um zu beweisen, dass die Erde eine Kugel ist. Columbus will das ferne Indien über den Seeweg westwärts erreichen.

Das, was er findet, ist nicht Indien, sondern ein intaktes Paradies mit einem Volk, das mit der Natur in Einklang lebt. Columbus will die Zivilisation bringen. Aber die Krone und die Geldgeber wollen Geld und Sklaven …

Was zu sagen wäre

Experten und Feuilletons streiten, wie historisch korrekt dieser Film ist. Da will ich mich nicht einmischen und gehe davon aus, dass Ridley Scott um der Dramaturgie willen gewisse Ereignisse geschärft, Gegensätze herausgearbeitet hat, die vielleicht so krass gar nicht waren. Christoph Columbus im Film ist ein fortschrittlich denkender Mann. er lebt Ende des 15. Jahrhunderts in einem Spanien, dessen Kirche Menschen verbrennt und dessen Adel hochmütig eigene Privilegien verteidigt. Als Columbus von seiner ersten Entdeckungsfahrt zurück kommt, wird er als Held empfangen, ist er der Liebling der Königin und wird zum Neidziel des Adels, der dem Emporkömmling die Gunst nicht gönnt.

In der neuen Welt geriert er sich als Menschenfreund, der bei den eigenen Leuten mit harter Hand dafür sorgt, dass die indigene Bevölkerung mit Respekt und Freundlichkeit behandelt wird und keineswegs von oben herab. Aber Columbus findet auch bei seiner zweiten Expedition nicht die reichen Goldvorräte, auf die Spanien gesetzt hatte. Einer der Adligen probt den aufstand, als Columbus den Adel zwingt, am Aufbau einer Siedlung mit zu arbeiten, obwohl der spanische Adel nicht zu arbeiten braucht und nach „schwarzen Sklaven“ ruft. Plakatmotiv (US): 1492 – Conquest of paradise Dem großen Columbus, den Ridley Scott hier als naiven Menschenfreund zeigt, entgleiten die Zügel und schließlich wird er in Ketten zurück nach Spanien gebracht. Dass dort mittlerweile Amerika Vespucci als Entdecker der neuen Welt für die spanische Krone gefeiert wird, ist historisch korrekt, ob der spanische Adel um 1500 herum so borniert und rückständig war wie geschildert, darf in Frage gestellt werden. Aber Ridley Scott wollte keinen Dokumentarfilm drehen, sondern einen Spielfilm.

Er hat einen sehr langen Spielfilm gedreht. Dem die innere Spannung fehlt. Scott inszeniert die gewohnt üppige Bilderpracht, die ersten Bilder des neuen Kontinents sind berauschend schön, zum Greifen nahe. Seine Bilder haben eine Tiefe, die wie 3D wirken, für die wir keine 3-D-Brille brauchen. Die Bilder, in der Columbus seinen Fuß auf den Boden des vermeintlichen Indien setzt, gehören zu jenen Momenten auf der Cinemascope-Leinwand, die im Gedächtnis bleiben. Scott hat Nachbauten der drei Columbus-Schiffe Santa Maria, Niña und Pinta über den Atlantik segeln lassen für einige wenige Bilder, er hat viel Wert auf visuelle Authentizität gelegt, aber seine Hauptfigur bleibt in der Erzählung blass, obwohl Gérard Dépardieu ("Mein Vater, der Held" – 1991; "Green Card – Scheinehe mit Hindernissen" – 1990; Die letzte Metro – 1980; 1900 – 1976; Der Mann aus Marseille – 1972) ihn mit Wucht, Leidenschaft und um Erhörung bettelnden Hundeaugen spielt.

Wenn sich im Kino der Vorhang schließt, haben wir etwas tieferen Einblick hinter dem Satz Christoph Columbus hat Amerika entdeckt. Wir erfahren, was sowas kostet, welche Erörterungen angestellt werden, um so eine Expedition auf die Beine zu stellen, gegen welche Kräfte man sich damals durchzusetzen hatte, zumal als nicht adliger Ausländer – Columbus war Italiener – und wir erfahren, dass Columbus nicht verheiratet war, aber zwei Söhne mit einer Frau hatte, die ihn im Film so sehr liebt, dass sie immerzu gütig lächelt und dankbar ist. Über Columbus erfahren wir, dass er wagemutig ist, zielstrebig, von seiner Sache überzeugt. Das ist er zu Beginn des Films und das ist er am Ende des Films. Dazwischen hat er Amerika entdeckt, aber mit den fragwürdigen Folgen dieser Tat bringt ihn Ridley Scott nicht in Verbindung. Mit den negativen Aspekten der Kolonisation hat der Film-Columbus nichts zu tun. Diese Rolle wird stattdessen dem Adligen Móxica zugewiesen, dem der auf Ekeltypen abonnierte Michael Wincott seine einzigartige Hackfresse leiht (Robin Hood – König der Diebe 1991; The Doors – 1991; Geboren am 4. Juli – 1989; "Talk Radio" – 1988; Der Sizilianer – 1987). Im Kinosessel gleiten wir mit diesem Christoph Columbus durch eine farbenprächtige, stilvoll gefilmte Welt und schreiben Geschichte. Nicht, dass das uninteressant ist, oder gar nicht schön anzugucken. Es ist nur nicht spannend.

Wertung: 6 von 10 D-Mark
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