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Plakatmotiv: American Gangster (2007)

Authentischer Bilderbogen aus einer
Zeit, als Cops noch Gangster waren

Titel American Gangster
(American Gangster)
Drehbuch Steven Zaillian
nach einem Artikel von Mark Jacobson
Regie Ridley Scott, USA, UK 2007
Darsteller

Denzel Washington, Russell Crowe, Chiwetel Ejiofor, Josh Brolin, Lymari Nadal, Ted Levine, Roger Guenveur Smith, John Hawkes, RZA, Yul Vazquez, Malcolm Goodwin, Ruby, Ruben Santiago-Hudson, Carla Gugino, Skyler Fortgang u.a.

Genre Biografie, Crime, Drama
Filmlänge 157 Minuten
Deutschlandstart
15. November 2007
Inhalt

15 Jahre lang chauffierte er den Mafiaherrscher Bumpy Johnson. Als letzterer in den späten 60ern das Zeitliche segnet, nutzt Frank Lucas seine Chance und wird Nachfolger des verstorbenen Paten. Seine "Geschäftsidee" bringt ihm fast zehn Jahre lang dicke Profite.

Lucas kauft direkt in Thailand bei den Heroinproduzenten und umgeht so die Zwischenhändler. Den Stoff lässt er durch das amerikanische Militär in die Vereinigten Staaten transportieren. Der Clou: Sein "Blue Magic" ist doppelt so gut wie die übliche Ware, aber halb so teuer. So wird Lucas schnell zum mächtigsten Mann der Harlemer Unterwelt, und nebenbei noch zum ersten Afroamerikaner in dieser Position.

Auf der anderen Seite des Gesetzes erlebt die Korruption innerhalb der New Yorker Polizei gerade eine Hochphase. Cop Richie Roberts lässt sich davon nicht anstecken – einen Kofferraum voller Drogengeld, das niemand vermisst hätte, bringt er zum Revier zurück. Wert: knapp eine Million Dollar. Roberts wird dazu berufen, eine Sondereinheit gegen die Drogenkriminalität zusammenzustellen und kommt bald auf Frank Lucas' Spur …

Was zu sagen wäre

Eigentlich der personifizierte amerikanische Traum: Frank Lucas war ein kleiner Gangster, unbedeutender Gehilfe eines gealterten Gangsters, der in Harlem herrschte. Als der stirbt, übernimmt Lucas die Geschäfte mit einer innovativen Idee, unternehmerischem Mut, mit dem er den harten Kampf auf dem Wirtschaftsmarkt ausfechtet. Anstatt sich bei seinen Drogengeschäften auf lästige, Provisionen kassierende Zwischenhändler zu verlassen, fliegt er nach Thailand, verhandelt dort direkt mit den örtlichen Drogenproduzenten und hat an der Hand einen korrupten Militär, der die Ware – wir schreiben das Jahr 1969 und der Vietnamkrieg ist im Gange – in den Zinksärgen der gefallenen Kameraden in die USA schmuggelt. Das Ergebnis: Frank Lucas verkauft in New York das reine, ungestreckte "Blue Magic" getaufte Heroin zu einem günstigen Preis – blendende Qualität zum halben Preis. Es lebe der amerikanische Geschäftssinn.

Seinen Film hat Ridley Scott mit "American Gangster" überschrieben und es ist wahrlich nicht das erste Mal, dass sich im Kino Gangster als die amerikanischeren, weil skrupellos über Leichen gehenden Geschäftsleute erwiesen haben. Francis Ford Coppola hat das in Der Pate erzählt, Martin Scorsese in Good Fellas oder Brian De Palma in Scarface. Abweichend zu jenen Filmen sind die genannten Amerikanischen Gangster bei Ridley Scott allerdings keine Mobster. Scott lässt die späten 60er und frühen 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts aufleben, als Amerika zunehmend verzweifelt und lustlos einen Krieg im fernen Vietnam führte, die Korruption bei der New Yorker Polizei allgegenwärtig war und „Bullen Bullen erschießen, denen sie nicht vertrauen“, heißt, denen, die sich nicht schmieren lassen. Einer von denen ist Richie Roberts, ebenso eine historische Figur wie Frank Lucas; Ridley Scott verfilm auch hier eine Geschichte „nach einer wahren Begebenheit“ (s.u.).

Den unbestechlichen, ein wenig grobschlächtigen Cop, der sich mit seiner in Scheidung lebenden Ex-Frau um das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn streitet, spielt der großartige Russell Crowe, der dem Publikum wieder nee Facetten seines Spiels präsentieret (Todeszug nach Yuma – 2007; Ein gutes Jahr – 2006; "Das Comeback" – 2005; Master and Commander – Bis ans Ende der Welt – 2003; A Beautiful Mind – 2001; Lebenszeichen – Proof of Life – 2000; Gladiator – 2000; Insider – 1999; L.A. Confidential – 1997; "Virtuosity" – 1995). Richie Roberts agiert an einem Kipppunkt amerikanischer Geschichte, an der die Amerikanischen Gangster in den Polizeibehörden auch endgültig die Oberhand hätten bekommen können. Das Leben in New York schildert der Film ähnlich dem im Wilden Westen hundert Jahre zuvor. Entweder Du schießt erst, oder Du bist tot. Plakatmotiv: American Gangster (2007) Überleben garantiert nur das Leben innerhalb der eigenen Familie. Behördliche Strukturen, Gesetze, staatliche Gewalt sind Produkte, die nur auf dem Papier existieren. Aber der Kipppunkt wird nicht überschritten. Wenn der Vorhang sich schließt, haben die amerikanischen Werte gewonnen – Aufrichtigkeit, Gesetzestreue, Bescheidenheit.

Auch Frank Lucas, der skrupellos tötet, wenn es sein Geschäft erfordert, legt Wert auf Umgangsformen und unauffälliges Leben. Denzel Washington, der bislang eher mit Ridley Scotts Bruder Tony gearbeitet hat, spielt den familiären Drogenbaron mit der kalten Eleganz, die viele seiner Charaktere ausstrahlen (Déjà Vu – 2006; Inside Man – 2006; Der Manchurian Kandidat – 2004; Mann unter Feuer – 2004; Training Day – 2001; Hurricane – 1999; Der Knochenjäger – 1999; Ausnahmezu – 1998; Dämon – Trau keiner Seele – 1998; Mut zur Wahrheit – 1996; Crimson Tide – 1995; Teufel in Blau – 1995; Die Akte – 1993; Philadelphia – 1993; "Viel Lärm um nichts" – 1993; "Malcolm X" – 1992; Ricochet – Der Aufprall – 1991). Lucas umgibt sich nicht mit Gangstern, er arbeitet mit seiner Familie, den Brüdern, Cousins. Er geht selten aus, lebt unter dem Radar staatlicher Überwachung. Erst, als er einmal, weil seine Frau ihm den geschenkt hat, in einem auffallend teuren Chinchillamantel in der zweiten Reihe am Ring des "Kampf des Jahrhunderts" Joe Frazier versus Muhammad Ali (1971) Platz nimmt, gerät er ins Visier sowohl von Roberts als auch der korrupten Sondereinheit unter Führung von Nick Trupo. Kaum benimmt sich der unauffällige Drogenboss, der ein Leben wie Familie Durchschnitt zelebriert mitsamt Kirchgang, Tischgebet und strenger Mutter einmal außerhalb der gesellschaftlichen Norm, gerät sein Leben aus den Fugen. So hundertprozentig nachvollziehbar ist das nicht, wenn wir im Kinosessel früh im Film schon Zeuge wurden, wie kaltblütig Frank Lucas auf offener Straße einen Konkurrenten erschießt. Da mag zwar Harlem zusammenhalten und gegen die Cops die Rehen schließen; aber war der mann wirklich nie ins Visier der Polizei geraten? Oder ist auch das eine der dramaturgischen Freiheiten, die Ridley Scott sich beim Erzählen dieser wahren Begebenheit nimmt?

Geduldig stellt er das Leben der beiden Antagonisten gegeneinander und lässt sie sich aufeinander zu bewegen, bis sie schließlich aufeinandertreffen und das NYPD aus den Angeln heben. Wieder ist Scott nicht am schnellen Abschluss interessiert, spielt auch hier seine visuellen Stärken aus, zieht seine Zuschauer tief hinein in den Kosmos der frühen 70er Jahre, als New York kaum vergleichbar war mit dem von heute, als die Zwillingstürme des World Trade Centers, die 2001 zerstört wurden, noch gerade erst in der Planung, beziehungsweise eröffnet (1973) waren. Fachkundige haben erkannt, dass manche Automodelle oder Tätowierungen im Film nicht der damaligen Zeit entsprechen. Dennoch schafft Scott einen fantastischen Bilderbogen aus einer anderen Zeit und sein Kameramann Harris Savides liefert passend dazu kontrastarme Bilder, die TV-Bildern aus jener Zeit ähneln.

Auch für diesen Ridley-Scott-Film gilt, dass das Visuelle, die authentische Milieuzeichnung vor verkaufsfördernder Action steht. Zumal das Drama um die American Gangster auch ohne Action monströs genug ist.

Wertung: 5 von 7 €uro
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