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Plakatmotiv: Königreich der Himmel (2005)

Ein Zeichen für friedliches Miteinander
in Form eines bildgewaltigen Epos

Titel Königreich der Himmel
(Kingdom of Heaven)
Drehbuch William Monahan
Regie Ridley Scott, USA, UK, Spanien, Deutschland, Marokko 2005
Darsteller

Orlando Bloom, Eva Green, Jeremy Irons, David Thewlis, Brendan Gleeson, Marton Csokas, Michael Sheen, Liam Neeson, Ghassan Massoud, Alexander Siddig, Khaled Nabawy, Kevin McKidd, Velibor Topic, Jon Finch, Ulrich Thomsen, Nikolaj Coster-Waldau, Eriq Ebouney, Jouko Ahola u.a.

Genre Abenteuer, Historie
Filmlänge 144/189 Minuten
Deutschlandstart
5. Mai 2005
Inhalt

Balian, ein junger französischer Schmied, trauert um seine Frau und seinen kleinen Sohn. Zu diesem Zeitpunkt ist Godfrey von Ibelin, ein hoch angesehener Baron des Königs von Jerusalem, der sich vor allem der Erhaltung des Friedens im Heiligen Land verpflichtet fühlt, auf der Suche nach eben diesem Balian, seinem unehelichen Sohn. Balian überwindet seinen Kummer und entschließt sich, Godfrey auf seiner heiligen Mission zu begleiten.

Als sein Vater an den Folgen einer Verletzung stirbt, erbt Balian dessen Land und Adelstitel in Jerusalem – einer Stadt, in der Christen, Muslime und Juden während der kurzen Phase der Waffenruhe zwischen dem Zweiten und dem Dritten Kreuzzug zu einem friedlichen Miteinander gefunden haben. Es ist das Jahr 1186.

Balian findet sich in einem neuen und fremden Land wieder, wo er einem todgeweihten König dient und sich zu der geheimnisvollen Schwester des Königs, Prinzessin Sibylla, hingezogen fühlt. Einem edlen Ritterschwur verpflichtet und von großer Aufrichtigkeit beseelt, muss er hier in Jerusalem beweisen, was in ihm steckt. Er wächst mit seiner Aufgabe und wird zu einem der ehrenhaften und heldenmutigen Ritter seiner Zeit, der schließlich die Stadt und ihre Bewohner vor übermächtigen Angriffen schützen muss …

Was zu sagen wäre

Ridley Scott präsentiert einen farbenprächtigen Bilderbogen zum Zwecke der Völkerverständigung. Sein Film über die Zeit zwischen dem zweiten und dem dritten Kreuzzug ist im Kino 144 Minuten lang und mühsam. Die Intention, den Wahnsinn des nie endenden Kampfes um die Herrschaft in Jerusalem in packendes Kino, wird zermahlen zwischen unausgegorenem Personal und mangelnder Dramaturgie mit uninspirierenden Szenenwechseln. Im September 2006 erschien eine DVD mit einem um 45 Minuten längeren Director's Cut, der dem Film die erzählerische Eleganz gibt, die Ridley Scott vorgeschwebt ist (s.u.).

Im Mittelpunkt steht ein verlorener Mann. Er hat Kind und Frau verloren und darüber seinen Glauben an Gott. Den will er in Jerusalem wiederfinden, am Berg Golgatha, wie einst Christus gekreuzigt wurde. Auch Jerusalem ist eine verlorene Stadt. Hier leben Menschen wie in allen Städten auf der Welt. Sie essen, schlafen, lieben, gehen ihren Geschäften nach. aber Jerusalem ist die Stadt heiliger Städten von Juden, Moslems und Christen. Alle drei Gruppen erheben Anspruch auf die Stadt und ziehen darüber alle paar Jahrzehnte in den Krieg gegeneinander. Auch Jerusalem hat den Glauben längst verloren. „Was ist Jerusalem?“ fragt Balian im Schlussbild. „Nichts“, antwortet Saladin, der Feldherr der Sarazenen, „und alles!“ also gibt es wieder eine große Schlacht um Jerusalem, die Ridley Scott monumental in Cinemascope-Bilder packt.

Das ist der Kern der Geschichte, wie die Stadt und die Bevölkerung Jerusalems nie zur Ruhe kommt – bis heute ja nicht, wo die Kämpfe um die heiligen Stätten immer noch aus den gleichen Gründen stattfinden. Und wie der junge Hufschmied mit dem adligen Familienbackground sich und seinen Glauben wiederfindet. Der Part, der Jerusalem betrifft, sorgt für die großen Bilder, denen man ansieht, dass sie es sind, die Scott ursprünglich gereizt haben müssen, diesen Film zu drehen: eine wuchtige bewehrte Stadt mit filigranen Bauelementen, prunkvollen Palästen und stinkenden Gassen und später dem Hagel der Feuerkugeln aus Saladin Katapulten ausgesetzt. „Ich habe Jerusalem mein Leben geopfert“, stöhnt Stadthalter Tiberias. „Alles. Zu Anfang habe ich gedacht, es wäre für Gott. Und dann wurde mir klar, dass wir für Wohlstand kämpften und Land.“ Scott hat viele seiner Filme konzipiert, weil er auf historische Gemälde gestoßen war, deren Farben oder schlicht das Gezeigte ihn fesselten. Dann hat er ein Drehbuch verfassen lassen, das ihm diese Bilder auf der Kinoleinwand ermöglicht.

Die dramatische Handlung in Scotts Filmen ist daher häufig überschaubar. Für diese hat er Balian in den Film gehoben. Der historische Background des Films basiert lose auf der Biografie Balians des Jüngeren (1140er-Jahre–1193). Die wird aber nicht treu nacherzählt, sondern für die Bedürfnisse eines Kinofilms, dessen Produktion rund 130 Millionen US-Dollar gekostet hat, umgeschrieben. Im Kinosessel folgen wir der Findung des jungen Balian, der nacheinander die Welt kennenlernt, ein ausgetrocknetes Stück Land in eine blühende Landschaft verwandelt, eine Affäre mit der Schwester des Königs anfängt und schließlich, sozusagen als Abschlussarbeit, zwischen Christen, Moslems und Juden auf eine Weise vermittelt, bei der es zwar auch viele tausend Tote gibt, am Ende aber eine Zukunft für dieses Königreich der Himmel bestehen bleibt, für die Utopie, dass Menschen unterschiedlicher Religionen friedlich neben- und miteinander leben können. Orlando Bloom spielt Balian (Troja – 2004; Fluch der Karibik – 2003; Black Hawk Down – 2001; Der Herr der Ringe – 2001) und hat an der großen Rolle in diesem Epos schwer zu tragen. Seine weichen Gesichtszüge korrespondieren vorzüglich mit seiner durch und durch friedlichen Rolle – Balian hält tatsächlich auch die andere Wange hin, wenn man ihn schlägt. Plakatmotiv: Königreich der Himmel (2005) Aber dass er auf einmal zum großen Menschenfischer und Heeresführer mutiert, bleibt Behauptung, das steht so im Drehbuch; das dafür nötige Charisma sehe ich auf der Leinwand nicht.

Scott will mit seinem dreistündigen Epos ein Zeichen für Frieden zwischen den Religionen setzen. 2001 fielen die Zwilingstürme des World Trade Center in New York. Seither gelten Moslems und Araber im Westen als irgendwas zwischen nicht geheuer und feindlich gesinnt. Gegen diese um sich greifende Haltung schickt Scott seinen friedliebenden Balian in die Schlacht, der Konflikte mit Bedacht und Köpfchen löst – und dann mit den Waffen und Strategien, die er dort erfunden hat. Dass es Scott um die Botschaft und die Bilder ging und dann erst um historische Akkuratesse, lässt sich an den auftretenden Charakteren erkennen. Tatsächlich sind mehrere Figuren aus dem Film – König Baldwin IV, seine Schwester Sybille, Thronfolger Guy de Lusignan oder der Unruhestifter Renaud de Châtillon – Figuren aus der Geschichtsschreibung; auch Saladin (Salah ad-Din), den stolzen Sarazenenführer gab es. Der hebt im Film, nachdem er Jerusalem erobert hat, sogar ein goldenes Christen-Kreuz vom Boden auf und stellt es sorgsam – respektvoll – wieder auf einen Sockel, Historikern zufolge aber war Saladin weniger edel und aufrichtig als im Finale des Films. Dafür sind im Film vor allem die Christen geifernd und kriegslüsternd. Guy de Lusignan etwa stört sich daran, dass König Baldwin eine friedliche Koexistenz mit den Moslems anstrebt und lässt also Beduinenkarawanen überfallen und plündern, um Sarazenenführer Saladin zu einem Angriff zu provozieren, den Guy de Lusignan mit seinen Männern dann vernichtend zurückschlagen will, weil „eine Armee unter dem Kreuz Christi, der mächtigsten christlichen Reliquie, nicht besiegt werden kann“. Historiker sagen, so plump kriegslüsternd war Lusignan nun nicht. Seine Überfälle auf Beduinenkarawanen im Herbst 1184 sind zwar historisch belegt, aber sie fanden aus wirtschaftlichen Interessen statt, weil die Beduinen Abgaben an den König, nicht aber an Guy zahlten. Ganz erfunden ist der Stadthalter Tiberias, ausgerechnet, dem Jeremy Irons markant und stolz als einprägsamste Nebenfigur etabliert (The Time Machine – 2002; Der Mann in der eisernen Maske – 1998; Lolita – 1997; Chinese Box – 1997; Stirb langsam – Jetzt erst recht – 1995; Das Geisterhaus – 1993; "Kafka" – 1991; "Die Unzertrennlichen" – 1988; Mission – 1996).

Ridley Scott hat also die Historie seiner Intention angepasst, die Moslems als besonnene Kriegsfürsten dargestellt, die sich von (einem) giftigen Einflüsterer aus den eigenen Reihen nicht beeinflussen lassen, die Christen dagegen entweder friedvoll und nicht verteidigungsfähig oder Räuber und Mörder, die sich nehmen, was sie wollen.

Nach drei bildgewaltigen Filmstunden bleibt ein spannender Blick ins Geschichtsbuch im Kopf, der den Blick auf das Drama Jerusalem schärft, das ja eben nicht ein Drama ist, das nach dem zweiten Weltkrieg beginnt. Sondern mindestens seit dem 12. Jahrhundert tobt, weil sich fundamentalistische Vertreter dreier Religionen nicht auf ein friedliches Miteinander einigen können und seit Jahrhunderten immer neue Todesopfer produzieren.

Wertung: 3 von 6 €uro
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