Paris, der Prinz von Troja, raubt Königin Helena von Sparta. Darüber ist deren Gatte, Menelaos, nicht begeistert.
Die Sippenehre gebietet: Wenn Menelaos provoziert wird, trifft die Provokation auch seinen Bruder Agamemnon, den mächtigen König von Mykene, der prompt die Stämme Griechenlands zusammenruft, um Helena seinerseits den Trojanern zu rauben und so die Ehre seines Bruders wiederherzustellen.
Doch in Wahrheit schiebt Agamemnon die Familienehre nur vor – tatsächlich ist seine immense Habgier das Hauptmotiv: Er muss Troja unterwerfen, wenn er die Vorherrschaft seines bereits riesigen Reiches sichern will. In der von Mauern bewehrten Stadt regiert König Priamos, verteidigt wird sie vom gewaltigen Prinz Hektor. Diese Festung hat bisher allen feindlichen Angriffen widerstanden. Ob Troja siegt oder fällt, hängt nur von einem einzigen Mann ab: Achilles – er gilt als der größte Krieger seiner Zeit.
Achilles ist arrogant, rebellisch und schier unüberwindlich – er nimmt für niemanden Partei, ihn interessiert allein sein eigener Ruhm. Weil er als Held unbedingt unsterblich werden will, entschließt er sich, für Agamemnon gegen die Tore Trojas zu stürmen – doch letztlich ist es die Liebe, die sein Schicksal besiegeln wird …
Die Weltgeschichte nach Wolfgang Petersen wird von eitlen Männern dominiert. Von Anfang an herrscht die Frage, ob jemand – Achilles, Agamemnon, Hektor – ruhmreich genug sei, damit man sich seiner auf ewig erinnern werde. Das ist wenig überraschend in dieser Welt, in der eine Schlacht den nächsten Krieg ablöst. die Männer in diesem Film sind allesamt Krieger. Oder Könige.
Oder Paris. Der jüngste Sohn des Priamos, des Herrschers über Troja, ist ein Träumer. „So jung wie Du war ich nie“, verzweifelt die blonde Helena an ihren Paris hin, der so gar kein Wissen über die Zustände in der Welt hat. Kämpfen kann er auch nicht. Nicht erwähnenswert, dass er sich auch nicht um sein Bild in den Geschichtsbüchern schert.
Der schöne Naive hat sich die Frau eines anderen Königs genommen, Helena. Die beiden lieben sich aufrichtig, was verständlich wirkt, weil beide in diesem Testosteron geschwängerten Opus wir Fremdkörper wirken. Helena, blond, schlank und apart geschminkt, wirkt so klein, als würde sie unter der fleischigen Last des Menelaos im Ehebett zersplittern. Und Paris klammert sich wimmernd ans Bein seines großen Bruders Hektor, um dem tödlichen Kampf gegen Menelaos zu entkommen. In einer Männerwelt, in der alle immer von Ehre reden, ist es erstaunlich, das Paris anschließend nicht unter Gelächter vom Hof gejagt wird, Königssohn hin oder her, er ist nur der zweitgeborene.
Petersens Film wird von drei personellen Dreiecken in Balance gehalten. Da sind zunächst die drei Könige, Priamos von Troja, der mächtige Agamemnon, der beinahe alle griechischen Stämme zu einem losen Staatenbund vereinigt hat, und Menelaos, Herrscher über Sparta und Ehemann der geraubten Helena. Helena gehört zu den drei zentralen Frauen des Stücks. Zu ihr gesellen sich Andromache, die ihrem Gatten Hektor die menschliche Erdung verleiht, die dem starken, ehrbaren Kämpfer sonst abhanden käme, sowie Paris' Cousine Briseis, die in einen Streit zwischen Achilles und Agamemnon gerät und schließlich mit Achilles sowas wie eine kurze Romanze erlebt.
Und schließlich das Dreieck der jungen Männer: Paris, der naive Träumer, dem es am Ende vorbehalten bleibt, das Schicksal Trojas in die Hände Aeneas' zu legen. Paris' älterer Bruder Hektor, ein Familienmensch, erfolgreicher Feldherr und starker Kämpfer, der seinem Bruder die Helena lässt und damit den eben erst besiegelten Frieden mit Sparta zunichte macht. Dann ist da Achilles, in den literarischen Vorlagen ein Halbgott, hier ein Mensch, aber was für einer. Er steht unter der Herrschaft Agamemnons, was ihn aber nicht veranlasst, Speer bei Fuß zu stehen. Er verschläft auch mal mit zwei Frauen im Bett eine große Schlacht. Der Mann denkt für sich und die seinen und nicht für irgendeinen König: „Die Götter beneiden uns, weil wir sterblich sind. Weil jeder Augenblick unser letzter sein könnte. Alles ist so viel schöner, weil wir irgendwann sterben.“ Seine Kampfkunst ist einzigartig, elegant, effektiv. Petersens Stuntleute haben mit Brad Pitt, der den Achilles spielt (Geständnisse – Confessions of a Dangerous Mind – 2002; Ocean's Eleven – 2001; Mexican – 2001; Snatch – 2000; Fight Club – 1999; Rendezvous mit Joe Black – 1998; Vertrauter Feind – 1997; Sleepers – 1996; 12 Monkeys – 1995; Sieben – 1995; Legenden der Leidenschaft – 1994; Aus der Mitte entspringt ein Fluss – 1992; Thelma & Louise – 1991), eine eigenständige Choeographie der Kampfbewegungen einstudiert, die über den Film hinausweist, dieser Stil wird Schule machen. Höhepunkt dieser Kunst ist der Kampf gegen Hektor vor den Toren Trojas, der wirkt, wie ein langer Walzer mit Rock'n'Roll-Einlagen.
Achilles und Hektor personifizieren den Generationenkonflikt in diesem manchmal wild ausgreifenden Epos gegen ihre Herrscher. Wo Agamemnon gierig nach der Krone des Alleinherrschers über Griechenland schielt und nach dem Motto Nimm Dir, was Du kriegen kannst vorgeht, verkörpern die jungen Kämpfer auf beiden Seiten den Blick nach vorn, dahin, wo sich nicht mehr Schlacht an Schlacht in endloser Folge reihen kann. Die Jungen wissen, dass es um mehr im Leben gehen muss, als um Krieg, dringen mit ihrer Haltung aber noch nicht durch.
Die Schlacht von Troja dauerte den historischen Erzählungen nach etwa zehn Jahre. Wolfgang Petersen verdichtet das auf wenige Wochen (Der Sturm – 2000; Air Force One – 1997; Outbreak – 1995; In the Line of Fire – 1993; "Tod im Spiegel" – 1991; Enemy Mine – Geliebter Feind – 1985; Die unendliche Geschichte – 1984; Das Boot – 1981; Smog – 1973), lässt in Dialogen aber anklingen, dass es zuvor schon andere Schlachten um Troja gegeben habe. Es ist eine gigantische Materialschlacht, analog wie digital. Da nähert sich eine unüberschaubare Anzahl an Schiffen der trojanischen Küste – zwei Schiffe sollen gebaut worden sein, alle weiteren hat der Computer ins Bild gesetzt. Da fliegt die Kamera über zehntausendköpfige Heere, die den Strand hochlaufen, und klatschen Menschen in Rüstungen aufeinander, bis das Blut spritzt. Es hat sich seit Mel Gibsons Braveheart eingebürgert, dass bei solchen Schlachtinszenierungen mit der Kamera draufgehalten wird – Vergleiche dieser Art sind wenig statthaft, aber Mel Gibson war in seiner Inszenierung um einiges brutaler in der Darstellung, als Petersen am Strand von Troja, aber dass solche Schlachten kein Kindergeburtstag waren, wird auch hier deutlich.
Aus diesen unübersichtlich werdenden Schlachten filtert Petersen Mann-gegen-Mann-Duelle heraus, moralische wie bewaffnete: Hektor gegen Achilles, Achilles – mit Herz für Priesterinnen – gegen Agamemnons Sucht nach Allmacht. Agamemnon wird gespielt von Brian Cox, der sich als Glücksgriff auf der Besetzungsliste erweist (Die Bourne Verschwörung – 2004; X-Men 2 – 2003; Die Bourne Identität – 2002; Aus Liebe zum Spiel – 1999; Corruptor – Im Zeichen der Korruption – 1999; Der Boxer – 1997; … denn zum küssen sind sie da – 1997; Tödliche Weihnachten – 1996; Glimmer Man – 1996; Braveheart – 1995; Rob Roy – 1995; Manhunter – Roter Drache – 1986). Brad Pitt mit nacktem, gold schimmernden Gesäß mag die Kinokassen klingeln lassen, Cox aber gibt seiner Figur mit amoralischer Wildheit und Arroganz menschliche Glaubwürdigkeit in einem Umfeld, dessen historische Genauigkeit quitschbunt angemalt worden ist, eher an TV-Serien erinnert, als an großes Kino.
Die großen Schlachtenbilder stehen diametral zur Kunst des wahren Dialogs in diesem Film. Als Paris mit der entführten Helena vor der Tür steht, fragt Priamos, der mächtige Herrscher des unbezwingbaren Troja seinen Sohn nur, „Liebst Du sie?“, als wäre es um Gefühle in jener Zeit je gegangen, und Paris antwortet. „Du bist ein großer König, Vater. Weil Du Dein Land so sehr liebst. Jeden einzelnen Grashalm, jedes winzige Sandkorn, jeden Stein im Fluss. Du liebst alles an Troja. Genau so liebe ich Helena.“ „Ich habe viele Kämpfe zu meiner Zeit geführt. Manche um Land, manche um Macht. Manche um Ruhm. Ich nehme an, wenn man um die Liebe kämpft, ist das ein weit besserer Grund als alle anderen. Aber ich werde nicht der sein, der kämpft.“, sagt der König und übergibt sein Schwert an Paris. „Das Schwert Trojas.“, stöhnt der. Das sind Gespräche auf dem Niveau der "Lindenstraße", gesprochen von Comicfiguren. Da schmachtet die blond-blauäugige Helena ohne einen Funken Erotik im Antlitz (hätte die in Griechenland nicht eigentlich eher von dunklem Teint sein sollen?), da muskelt Brad Pitt – in der deutschen Version jetzt mit der Synchronstimme von Nicolas Cage – und glutäugelt Eric Bana (Hulk – 2003; Black Hawk Down – 2001).
Das überstrahlt nur noch Peter O'Toole mit seinen wasserblauen Augen als Priamos (Phantoms – 1998; Der letzte Kaiser – 1987; Supergirl – 1984; Der lange Tod des Stuntman Cameron – 1980; Caligula – 1979; Wie klaut man eine Million? – 1966; Was gibt's Neues, Pussy? – 1965; Lawrence von Arabien – 1962).
Großartig ist die leichtfertige Verknüpfung im Drehbuch: „Nach Homers Ilias”. Komisch: In der hat Menealos den trojanischen Krieg überlebt. Da ist Helena mit ihm schließlich nach Sparta zurückgekehrt. Auch Agamemnon war eine triumphale Rückkehr beschieden. Er sollte erst später von seiner Gattin Klytaimnestra gemeuchelt werden. Aber wie sähe das denn aus? In einem Film für 200 Millionen Dollar! Die Bösen überleben? Das geht nicht, also hat sich Wolfgang Petersen einige Freiheiten genommen und eine Liebe-und-Rache-Version am Strand gedreht.
So richtig umhauen tut einen diese Sandalenversion der Lindenstraße nicht und den viel zitierten Vergleich mit dem Gladiator besteht der Film gar nicht. Aber er liefert doch wenigstens einen unterhaltsamen Nachmittag.
Persönliches: Ich finde, die Produzenten und Kinobesitzer könnten sich mal was für die Pausen überlegen, die sie in die Filme jetzt gerne hineinvergewaltigen – wie wäre es mit einem vernünftigen Übergang von Film zu Pause. Bei Ben Hur gab es das noch: Ein gestaltetes Marmorbild "Intermission".
