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Plakatmotiv: Ricochet – Der Aufprall (1991)
Ein visuell ansprechender Thrillride
der nicht mehr sein will als er ist
Titel Ricochet – Der Aufprall
(Ricochet)
Drehbuch Steven E. de Souza + Fred Dekker + Menno Meyjes
Regie Russell Mulcahy, USA 1991
Darsteller Denzel Washington, John Lithgow, Ice-T, Kevin Pollak, Lindsay Wagner, Mary Ellen Trainor, Josh Evans, Victoria Dillard, John Amos, John Cothran, Linda Dona, Matt Landers, Lydell M. Cheshier, Starletta DuPois, Sherman Howard u.a.
Genre Action, Thriller
Filmlänge 102 Minuten
Deutschlandstart
23. Juli 1992
Inhalt

Nick Styles, Cop in L.A., studiert nebenbei Jura. Eines Tages verhaften Styles und sein Partner Larry Doyle den Drogendealer und Killer Earl Talbott Blake, der eine Geisel nimmt, jedoch von Styles entwaffnet werden kann. Das Geschehen wird zufällig auf Video aufgenommen und später im Fernsehen gezeigt. Styles gilt fortan als ein Held, er und Doyle werden befördert. Später beendet Styles sein Studium und wird Staatsanwalt.

Sieben Jahre später flieht Blake aus dem Gefängnis. Er tötet seinen Komplizen und verbrennt dessen Leiche, um den eigenen Tod vorzutäuschen. Er tötet auch Stadtrat Farris, einen Freund Styles', und lässt diesen Mord wie einen Selbstmord aussehen. Zudem hinterlässt er einen gefälschten Abschiedsbrief, in dem Styles des Kindesmissbrauchs und des Diebstahls bzw. der Veruntreuung öffentlicher Gelder beschuldigt wird. Styles wird von Blake entführt, ihm wird Heroin und Kokain verabreicht. Eine von Blake angeheuerte Prostituierte täuscht Sex mit dem Polizisten vor, was Blake filmt.

Plakatmotiv (US): Ricochet (1991)Die Behörden und seine Ehefrau glauben den Erklärungen von Styles nicht …

Was zu sagen wäre

Wenn Film-Ehefrauen, die ihre Film-Ehemänner eben noch angehimmelt und ins Bett gezerrt haben, in der übernächsten Szene, zum Beispiel nach einer negativen Schlagzeile, größtes Misstrauen auf ihren Film-Ehemann herniederschneien lassen, weißt Du, Du sitzt nicht in einem von Realität getriebenen Ehedrama – „Ich bin nicht verrückt, ich bin noch derselbe Mann, wie bei unserer Hochzeit!“ „Das sieht nicht so aus.“ Filme wie „Ricochet“ sind Funktionsthriller, deren Spannung von Scharnierfiguren getrieben wird. Highlander-Regisseur Russel Mulcahy ist ein Meister in so etwas. Der hat schon mal aus einem durchgedrehten Wildschwein einen stylischen Action-Horror gemacht („Razorback – Kampfkoloß der Hölle“ – 1984). Aber im allgemeinen bewegt er sich in der Szene der Musikvideo-Regisseure. elton John  gehört zu seinen fans, aber auch Culture Club, Duran Duran und das Video zu Falcos „Jeanny“ ist auch von ihm.

„Ricochet“ ist kein Film, über den man lange nachdenken darf. Er funktioniert nach Schema Drehbuchseminar. das muss ja nicht immer schlecht sein. In der Auftaktsequenz zum Beispiel spielt Denzel Washington („Mo' Better Blues“ – 1990; „Glory“ – 1989; „Schrei nach Freiheit“ – 1987; „Sergeant Waters – Eine Soldatengeschichte“ – 1984) gegen ein paar Ghetto-Jungs Basketball. Da lernen wir: Washington ist ein Cop. Die anderen sind Halbweltler, Dogenkuriere, aber alle offenbar nicht gar so schlimm, weil beide Seite treffen sich auf dem Spielfeld mit Respekt – und Washington gewinnt das Spiel. Er ist also einer, der sich mit List auch gegen eine eingebildete Übermacht durchsetzen kann, er ist clever und gut vernetzt im Reich jener Kriminellen, die nicht so arg kriminell sind – in Filmen wie „Ricochet“ gibt es immer so eine kriminelle Zwischenwelt.

Der Hauptfeind in diesem Film ist ohnehin nicht der gnadenlose Schurke Blake, den John Lithgow gewohnt lustvoll gnadenlos spielt („Bigfoot und die Hendersons“ – 1987; „Manhattan Project“ – 1986; „2010 – Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen“ – 1984; Buckaroo Banzai – Die 8. Dimension – 1984; „Footloose“ – 1984; „Zeit der Zärtlichkeit“ – 1983; Unheimliche Schattenlichter – 1983; „Garp und wie er die Welt sah“ – 1982; Blow Out – Der Tod löscht alle Spuren – 1981; Schwarzer Engel – 1976). Der Hauptfeind sind Die Medien, die den unschuldig verfolgten Helden mit krachenden Schlagzeilen an den Pranger stellen, an dem ihm dann alle den Rücken kehren. Sein Partner, der statt dessen immer treu zu ihm steht, wird prompt erschossen. In Filmen dieser Art muss der Held alleine sein, der lonesome rider sein, der gegen die Widrigkeiten der Welt zu Felde zieht. John Lithgow definiert da auch nur eine Scharnier-Rolle, weil ja eben auch einer der gnadenlose Schurke sein muss, gegen den es zu Felde zu ziehen gilt. Lithgow macht seine Sache fabelhaft, kann man nichts sagen.

Plakatmotiv (US): Ricochet (1991)Ricochet, französisch für Auf-/ Abprall, ist ein Begriff aus der Ballistik. Damit wird, auch im Englischen, ein Querschläger bezeichnet.

<Nachtrag 2001>Was mag Russel Mulcahy falsch gemacht haben in Hollywood? Seinem Wildschwein- und seinem Highlander-Film kann man kassenträchtigen Thrill nicht absprechen. Das reicht in Hollywood eigentlich, um die großen Geldtöpfe für die Actionkracher zu bekommen. Auch Renny Harlin konnte sich nicht halten trotz interessanter Erfolge (Die Piratenbraut – 1995; Cliffhanger – 1993; Stirb Langsam 2 – 1990). John McTiernan hat sich trotz des Megaerfolgs Die Hard (1988) nicht etablieren können. Michael Cimino … gut, der verschwand vorerst, weil er allein (zu Unrecht) für das wirtschaftliche Desaster von Heaven's Gate verantwortlich gemacht worden war. Aber die eben genannten Filme – bis auf Die Piratenbraut – waren ja keine wirtschaftlichen Flops. Wurden da Künstler aus dem Verkehr gezogen, denen ihr Erfolg zu Kopf gestiegen war? Die ob ihrer Box-Office-Erfolge Forderungen stellten, die die Studio-Gewaltigen nicht erfüllen wollten, weil: Actionfilme nach Schema F kann schließlich jeder? Richard Donner, der die fröhlichen, Logik befreiten Lethal-Weapon-Filme gemacht hat, konnte sich in Hollywood halten. Weil er mehrere Pfeile im Köcher hatte – etwa die Superman-Serie? Weil er besser vernetzt war? Weil er den Frauen der Studiobosse die Tür aufhielt?

Russel Mulcahy, der Regisseur aus dem australischen Outback, hat mit seinem Wildschwein, mit Highlander und auch mit Ricochet gezeigt, dass er in der Lage ist, dem simplen Plot den visuellen Thrill zu geben, den solche filme brauchen. Er bietet Lichtstimmugen, die anders sind, er bietet Action-Montagen, die brutaler sind als die Dutzendware aus Hollywood … in seinem Nachtclub tanzen nicht die üblichen 90-60-90-Models, sondern adipöse Opfer des modernen Fast Food. In solchen Szenen kommt die Endzeit visuell der Jetztzeit reichlich nahe. Der Australier schafft es innerhalb eines Kameraschwenks, aus Glamour Schmutz zu machen. Nach seinem Regiedebüt „Razorback“, einem Horrorthriller über ein überdimensioniertes Wildschwein, folgte 1986 Highlander – Es kann nur einen geben. Dieser Film, der durch seine unkonventionelle Schnitt- und Kameratechnik und die Musik von Queen beim Publikum ankam, machte den Regisseur bekannt. Danach gelang Mulcahy kein großer Erfolg mehr. Weder die Fortsetzung „Highlander II – Die Rückkehr“ (1991), noch „Ricochet“ oder die beiden Flops „Karen McCoy – Die Katze“ (1993) mit Kim Basinger und Shadow und der Fluch des Khan (1994) mit Alec Baldwin konnten an seinen anfänglichen Erfolg heranreichen. Die folgenden Filme von Mulcahy erschienen oft als Videopremiere, so dass er sich wieder verstärkt der Schaffung von Musikvideos zuwandte, u. a. für Billy Joel und AC/DC.

„Ricochet“ ist ein unterschätzter Film. Nicht weil er eine besonders gut erzählte Story hätte, weil er sophisticated wäre. Er ist ein wunderbares Beispiel für Filme, wie sie Anfang der 1990er Jahre ins Kino kamen und eigene Akzente setzten. Im Rückblick bleibt er ein schmutziger kleiner Film wie zum Beispiel Jurassic Park III. Er will nicht mehr sein, als er ist: ein Thrillride.</Nachtrag 2001>

Wertung: 7 von 10 D-Mark
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