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Kinoplakat: Der Glöckner von Notre Dame
Ein Klassiker der Weltliteratur
Disney-bunt und -verlogen
Titel Der Glöckner von Notre Dame
(The Hunchback of Notre Dame)
Drehbuch Irene Mecchi + Tab Murphy + Jonathan Roberts + Bob Tzudiker + Noni White
nach Motiven des gleichnamigen Romans von Victor Hugo
Regie Gary Trousdale & Kirk Wise, USA 1996
Stimmen

Tom Hulce, André Eisermann, Hendrik Bruch, Demi Moore, Carin C. Tietze, Heidi Mollenhauer, Ute Lemper, Tony Jay, Klausjürgen Wussow, Kevin Kline, Jürg Löw, Paul Kandel, Heinz Rennhack, David Ogden Stiers, Helmut Krauss, Mary Kay Bergman, Irina von Bentheim, Gary Trousdale, Gerry Wolff, Corey Burton, Jan Spitzer, Bill Fagerbakke, Karl Schulz, Charles Kimbrough, Peter Fricke, Jason Alexander, Hans-Rainer Müller, Mary Wickes, Alice Franz, Frank Welker u.a.

aufgeführt sind die amerikanischen Original- und die deutschen Synchronsprecher

Genre Zeichentrick
Filmlänge 1991 Minuten
Deutschlandstart
28. November 1996
Website WaltDisney.org
Inhalt

Hoch oben in den Türmen Notre Dames fristet Quasimodo ein einsames Dasein als Glöckner. Er hat eine Warze mitten im Gesicht, einen großen Buckel und sein Vormund, Richter Frollo, verbietet ihm, die Türme der Kathedrale zu verlassen; er sei viel zu hässlich, die Menschen würden ihn auslachen. Also schaut er von hoch oben dem bunten Treiben vor seiner Tür zu – begleitet von seinen steinernen Freunden, den Wasserspeiern (Gargoyles) Victo, Hugo und Laverne.

Unten auf dem Vorplatz feiern die Menschen das Fest der Gaukler. Bestärkt durch die Gargoyles schleicht sich Quasimodo unter zum ersten Mal aus der Kathedrale unters Volk. Die Menschen, im Glauben, einen sehr gut verkleideten und maskierten Menschen vor sich zu haben, nehmen ihn in ihre Mitte, tanzen mit ihm – und wollen ihm schließlich die Maske abnehmen. Als sie merken, dass der Hässliche keine Maske trägt, lachen sie ihn aus. Es kommt ihm die Zigeunerin Esmeralda zu Hilfe. Beide fliehen in die Kathedrale – Quasimodo vor der geifernden Menge, Esmeralda vor Frollo, der sie als Hexe verbrennen will. Der erzdiakon des Gotteshauses gewährt Esmeralda Asyl.

Im Glockenturm zeigt Quasimodo Esmeralda seine Welt, zeigt ihr Modelle Notre Dames, die er gebastelt hat, bunte Ornamente. Esmeralda ist begeistert von der Kunstfertigkeit des schüchternen Glöckners, der sich für ein grobschlächtiges Monstrum hält, und macht ihm klar, dass das gegenteil der Fall sei; sie liest seine Hand und erzählt ihm, dass egal was Frollo ihm auch gesagt hat, er keine „Monster-Lebenslinie“ besitzt. Berührt und mit anfänglichen Gefühlen für seine neu gewonnene Freundin, benutzt er seine Fähigkeiten und klettert mit ihr die Türme und Zinnen der Kathedrale hinab, um sie zu befreien. In ihrer Dankbarkeit schenkt ihm Esmeralda eine gewebte Halskette: „Trägst du dies gewebte Band, hältst du die Stadt in deiner Hand.“

Richter Frollo sitzt zur gleichen Zeit in seinem Palast und zürnt der Zigeunerin und seinen unkeuschen Gedanken, die Esmeralda in ihm weckt. Er schwört, dass kann er sie nicht besitzen, sie niemand besitzen darf. Da meldet ihm ein Lakai, dass die Zigeunerin aus der Kirche entkommen ist und sich versteckt. Frollo beauftragt seinen Hauptmann Phoebus, nötigenfalls die ganze Stadt niederzubrennen, wenn das bei der Suche nach Esmeralda hilft – er will die Zigeunerin auf dem Scheiterhaufen brennen sehen. Phoebus scheitert mit seiner Aufgabe schon beim Müller, dessen Haus mit den darin eingeschlossenen Kindern er anzünden soll; Phoebus weigert sich, worauf Frollo ihn verhaften will. Wieder ist Esmeralda zur Stelle, rettet Phoebus in die Kathedrale. Quasimodo freut sich über die Geselschaft, ist andererseits aber traurig, dass seine neue Freundin offenbar Gefühle für den stattlichen blonden Hauptmann entwickelt.

Frollo tobt und steckt halb Paris in Brand, bis er schließlich das geheime Lager der Zigeuner findet, alle einsperrt und Esmeralda auf den Scheiterhaufen bindet. Quasimodo hat er in Ketten legen lassen; wehrlos von hoch oben muss er mit ansehen, wie der Richter die Lunte an den Scheiterhaufen legt …

Was zu sagen wäre

Wäre es nicht Disney, müsste man schreiend davonlaufen vor so viel Verlogenheit – oder in Depression verfallen. Die schöne Esmeralda verliebt sich (natürlich) in den semmelblonden, stattlichen Hauptmann. Für den liebestrunkenen Quasimodo mit dem Buckel bleibt nur die undankbare Rolle des guten Freundes, der immer zur Stelle ist, wenn es der Angebeteten mal schlecht geht. Klar: Das ist schon in Victor Hugos Buchvorlage so, aber da ist Phoebus dann wenigstens auch nur einer, der seinen Spaß mit der schönen Zigeunerin haben will, ihr auswendig gelerntes Romantiksprech vorsäuselt und später seine Verlobte Fleur de Lys heiratet (die es bei Disney nicht gibt).

Ein bisschen Hugo, ganz viel Disney

Überhaupt haben sich die Disney-Autoren – 25 Frauen und Männer haben an dem Script gearbeitet – sehr freigiebig bei Hugo bedient und wenig gelassen vom ursprünglichen düsteren Material; es wäre aber auch blöd gewesen, wenn Disneys Titelheld taub wäre und kaum sprechen könnte, wie im Roman. Und Die Schöne und das Biest gibt es ja schon seit 1991 aus dem Hause Disney.

Djali und Esmeralda – Szene aus Disneys Der Glöckner von Notre Dame

Apropos: Schön ist diese Esmeralda in der Tat. Es scheint fast so, als hätten seit Pocahontas (1995) andere Zeichner übernommen; war schon die Indianerprinzessin ein Hingucker, haben sie Esmeralda zu einem heißblütigen Topmodel gemalt; kein Vergleich zu der eher schüchternen Roman-Esmeralda, die um Männer einen großen Bogen machte und nur ihrem Gott zugetan war. Ihr zur Seite steht die wunderbare, Pfeife rauchende Ziege Djali. Auch sie gibt es – ohne Pfeife, aber mit goldenen Hörnern – bei Victor Hugo; hier ist sie ein bezaubernder Sidekick von zeitloser Coolness.

Disneys zweiter Frühling

Nach der mirakel-mystischen Pocahontas-Vorstellung ist „Der Glöckner von Notre Dame“ wieder ein Feuerwerk aus Formen, Witz und Phantasie – in den letzten Jahren haltes es die Kreativen bei Disney mit regelmäßigem Tempowechsel: Nach dem elegischen Arielle, die Meerjungfrau (1989) und der großen Oper in Die Schöne und das Biest (1991) folgten das Gagfeuerwerk Aladdin (1992) und das Circle-of-Live-Epos Der König der Löwen (1994), allesamt große Würfe nach einer Durststrecke, die auf Das Dschungelbuch (1967), Aristocats (1970) und Robin Hood (1973) gefolgt war. Der Film hat wunderschöne Bilder – die Gassen rund um die Kathedrale strahlen in einem Detailreichtum, dass man aus dem Gucken gar nicht raus kommt.

Das Wasser, das den guten Rotwein verdünnt, ist auch hier der Gesang. Der ist in der deutschen Fassung furchtbarer als in der passablen Originalfassung und anscheinend ein für Kinder sinnvolles retardierendes Moment – aber schal ist das trotzdem. 

Die Idee, dem einsamen Glöckner einige Gargoyles als redende Sparringspartner an die Seite zu stellen (sinnigerweise heißt einer Victor und einer Hugo), ist clever, die Umsetzung drollig – allerdings auch holprig in den Situationen, wenn andere Menschen in Quasimodos Kathedralen-Penthouse zu Gast sind. Dann stehen die steinernen Figuren, die eben noch mit dem Glöckner Karten gespielt haben, plötzlich sinnlos im Raum herum. Als die Kathedrale von Frollos Schergen gestürmt wird, beteiligen sie sich aber effektiv an deren Bekämpfung; was denn nun? Sind die Figuren tatsächlich lebendig? Oder leben sie nur in Quasimodos einsamer Einbildung? Solche Fragen lenken ab und stören die Freude am Film.

Victor, Hugo und Laverne sind die Disney-typischen Sidekicks, die auch hier dem Drama die Schärfe nehmen und es kindertauglich machen sollen. Das ist hier sinnvoll: „Der Glöckner von Notre Dame“ ist für Disney-Verhältnisse ein sehr erwachsener Stoff mit der klassischen Disney-Botschaft: „Erkenne Dich selbst. Erobere Dein Leben. Handle moralisch einwandfrei.“

Wertung: 8 von 11 D-Mark
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