Nach Ende des viele Jahre dauernden Trojanischen Krieges möchte König Odysseus endlich zu seiner Frau Penelope und seinem Sohn Telemachos nach Ithaka zurückkehren. Doch die Heimreise entwickelt sich zu einer jahrelangen Irrfahrt voller Gefahren und Prüfungen.
Unterwegs muss sich der Held unter anderem der Göttin Kalypso, dem gigantischen Zyklopen Polyphem und der mächtigen Zauberin Circe stellen.
Währenddessen greift die Göttin Athene auf Ithaka in das Geschehen ein und drängt Telemachos dazu, sich auf die Suche nach seinem verschollenen Vater zu machen. Seine Reise führt ihn schließlich zu König Menelaos von Sparta, einem einstigen Mitstreiter Odysseus' im Trojanischen Krieg, von dem er sich wertvolle Hinweise auf den Verbleib seines Vaters erhofft …
„Gib die Kontrolle ab und lebe!“, ruft ihm Kalypso hinterher, die Odysseus sieben Jahre auf ihrer Insel festgehalten hat und da, endlich, gleitet er auf einem brüchigen letzten Stück Floß gen Ithaka, seine Heimat. Nach zehn Jahren Krieg vor den Toren Trojas dauerte da seine Irrfahrt nochmal zehn Jahre lang, hat ihn all seine Kameraden, die unter seinem Befehl standen, gekostet, beinahe sein Leben und seinen Glauben.
Die Sirenen flüstern ihm ein, was er selbst in dunklen Träumen glaubt: dass er in Wahrheit gar nicht heim zu Penelope wolle. Solange er auf er seinem Schiff ist, hat er die Entscheidung, das Kommando, die Kontrolle.
Christopher Nolens "Die Odyssee" ist ein Film über Männer, die glauben, die Kontrolle über das Weltgeschehen übernehmen zu können. Sie leben in einer Welt, in der die Götter des Olymp die Schicksale der Menschen lenken und jene bestrafen, die wider ihre Wünsche handeln. So gilt überall das Gastrecht des Zeus: Kommt ein Besucher in mein Haus, muss ich ihn anständig bewirten. Und der Besucher hat sich anständig zu verhalten und die Waffen stecken zu lassen. Wer das Gastrecht bricht, zieht den Zorn von Zeus auf sich. Spätestens mit seiner List, im Bauch einer Pferdestatue in die Stadt Troja vorzudringen und dadurch den Trojanischen Krieg zu entscheiden, hat er dieses Gastrecht missbraucht. Christopher Nolan (Oppenheimer – 2023; Tenet – 2020; Dunkirk – 2017; Interstellar – 2014; The Dark Knight Rises – 2012; Inception – 2010; The Dark Knight – 2008; Prestige – Die Meister der Magie – 2006; Batman Begins – 2005; Insomnia – Schlaflos – 2002; Memento – 2000) inszeniert den darauf folgenden Überfall auf die Stadt Troja als den Sündenfall, der die Menschheit in die Barbarei zurückwirft.
Nach zehn Jahren Warten und Kämpfen am Strand vor Troja fallen die Griechen mit blinder Wut über die Stadtbevölkerung her, morden, brandschatzen, vergewaltigen und lassen keinen Stein auf dem anderen. Sie sind zu ihrer eigenen Prophezeiung geworden, denn immer war vor den wilden Völkern vom Meer gewarnt worden, denen Zeus' Gastrecht egal ist und die die Zivilisation vernichten würden. Sie selbst entpuppen sich als dieses Volk vom Meer, über das sie vor zehn Jahren gekommen waren, um Troja zu erobern – hier übrigens nicht in erster Linie, um Helena, die geraubte Ehefrau des Königs von Sparta, Menelaos, zurück nach Sparta zu holen. Kriegsherr Agamemnon geht es, wie wir am Rande des Geschehens erfahren, um die Sicherung von Handelsrouten.
Die Selbstermächtigung des Odysseus besiegelt sein Schicksal und als er auch noch den Kyklopen Polyphem blendet, einen Sohn des Meeresgottes Poseidon, ist ihm der Zorn der Götter Zeus und Poseidon gewiss; sein Schiff treibt in eine zehn Jahre andauernde, unkontrollierte Irrfahrt über Poseidons Meere der griechischen Antike. Polyphem ist eine tragische Figur. Christopher Nolan zeigt ihn als unförmigen Riesen mit schief stehendem Auge und quer sitzender Nase, eher genetischer Unfall als brutaler Riese. Weil die Szenen mit dem Kyklopen ohne Musik auskommen und ohne die in anderen Homer-Verfilmungen gerne geführten Dialoge mit dem Einäugigen, erzeugt dessen grunzendes Auftreten in seiner düsteren Höhle im Kinosessel Angst. Ansatzlos greift er sich zwei von Odysseus' panisch kreischenden Männern, beißt ihnen Kopf und Glieder ab und legt sich dann schlafen.
Diese Neuverfilmung der Odyssee ist kein Gloria posaunendes Heldenepos mit Schlachten, Zauberern und Monstern. Es ist ein verschachtelter, düsterer Horrortrip durch eine Mythenwelt. Homers Odyssee ist eine fiktive Geschichte, Odysseus selbst eine Figur aus der griechischen Mythologie. Zu Beginn des Films, wenn der Vorhang sich gerade geöffnet hat, heißt es in einer Texteinblendung „In a time of apparent magic“ (In einer Zeit voll scheinbarer Magie);
im Original aufgeschrieben nach mündlich überlieferten Geschichten von einem Griechen, ist die Odyssee ein Märchen, im vorliegendes Film ein düsteres, das irgendwo spielen kann, Historiker streiten sogar, ob es Toja oder den Trojanischen Krieg historisch gegeben hat. Deswegen läuft die in Fan-Foren und Social Media geführte Diskussion, dass auf der Leinwand lauter Briten und Amerikaner, aber keine Griechen griechische Figuren spielen, ins Leere. Nolan erzählt diesen Mythos nicht chronologisch. Wie schon in Oppenheimer vor drei Jahren springt er in der Erzählung vor und zurück, erzählt aus zwei Perspektiven, ist eben noch bei Odysseus in der Höhle des Polyphem, dann schon bei Penelope, die seit zwanzig Jahren auf die Rückkehr ihres Odysseus wartet und einen ganzen Saal voller Männern bewirten muss (Zeus' Gastrecht!), die die vermeintliche Witwe ehelichen und damit über Ithaka herrschen wollen, dann liegt Odysseus in den Armen der Nymphe Kalypso, der Charlize Theron im Netzhemd und feuchtem Leinen den Charakter einer therapeutischen Heilerin mit Lotusblüten verleiht (Fast & Furious 10 – 2023; Fast & Furious 9 – 2020; Bombshell – Das Ende des Schweigens – 2019; Long Shot – Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich – 2019; Tully – 2018; Fast & Furious 8 – 2017; Atomic Blonde – 2017; The Huntsman & the Ice Queen – 2016; Mad Max: Fury Road – 2015; A Million Ways to Die in the West – 2014; Snow White and the Huntsman – 2012; Prometheus - Dunkle Zeichen – 2012; Young Adult – 2011; Hancock – 2008; Im Tal von Elah – 2007; "Kaltes Land" – 2005; "Monster" – 2003; The Italian Job – Jagd auf Millionen – 2003; "24 Stunden Angst" – 2002; Im Bann des Jade Skorpions – 2001; 15 Minuten Ruhm – 2001; Sweet November – Eine Liebe im Herbst – 2001; Die Legende von Bagger Vance – 2000; Men of Honor – 2000; The Yards – Im Hinterhof der Macht – 2000; Wild Christmas – 2000; Gottes Werk & Teufels Beitrag – 1999; Die Frau des Astronauten – 1999; Mein großer Freund Joe – 1998; Celebrity – Schön, reich, berühmt – 1998; Im Auftrag des Teufels – 1997; That Thing You Do! – 1996; 2 Tage in L.A. – 1996).
Wenn der Zuschauer auch immer den Überblick behält, wo sich die gezeigten Figuren wann im Zeitstrahl befinden, wirkt dieses erneute Spiel mit der erzählten Zeit wie eine durch die Kunst des Filmschnitts erzeugte eigene, cineastische Irrfahrt. Nolan liebt dieses Spiel, hat als Autor und Regisseur mit erzählter und Erzähl-Zeit schon in seinen Filmen Memento, Prestige, Inception, Interstellar und natürlich in Tenet experimentiert und legt mit seinem Hin- und Herspringen zwischen Ort und Zeit neben der rein erzähltechnischen Parallele zu Oppenheimer auch eine bemerkenswerte inhaltliche, die die beiden Hauptfiguren zu Brüdern im Geiste macht, entfesseln doch beide jeweils mit ihren Erfindungen das maximale Inferno, Oppenheimer mit der Atombombe, Odysseus als Erbauer des Trojanischen Pferds.
Der immer wieder als listenreich beschriebene Odysseus tritt hier nicht als der clevere Kerl mit den Lösungsvorschlägen auf. Matt Damon spielt Odysseus als müde gewordenen, an Troja seelisch zerbrochenen alten Mann ("The Instigators" – 2024; Oppenheimer – 2023; The last Duel – 2021; Le Mans 66 – Gegen jede Chance – 2019; Downsizing – 2017; The Great Wall – 2016; Jason Bourne – 2016; Der Marsianer – 2015; Interstellar – 2014; Monuments Men – 2014; The Zero Theorem – 2013; Elysium – 2013;
Liberace – Zuviel des Guten ist wundervoll – 2013; Wir kaufen einen Zoo – 2011; Contagion – 2011; Der Plan – 2011; True Grit – 2010; Hereafter – Das Leben danach – 2010; "Green Zone" – 2010; Invictus – 2009; Ocean's Thirteen – 2007; Departed – Unter Feinden – 2006; Ocean's Twelve – 2004; Die Bourne Verschwörung – 2004; Geständnisse – Confessions of a Dangerous Mind – 2002; Die Bourne Identität – 2002; Ocean's Eleven – 2001; All die schönen Pferde – 2000; Forrester – Gefunden! – 2000; Die Legende von Bagger Vance – 2000; Der talentierte Mr. Ripley – 1999; Dogma – 1999; Der Soldat James Ryan – 1998; Good Will Hunting – 1997; Der Regenmacher – 1997; Chasing Amy – 1997; Geronimo – Eine Legende – 1993), der nur mit seinen Männern nach Hause will und von den zürnenden Göttern stattdessen auf eine Höllenfahrt geschickt wird, die dann das volle Abenteuerpotenzial dieser Erzählung ausbreitet – auf der Ziegeninsel verlieren sie zwei ihrer Schiffe durch wilde Riesen, sie geraten in die Fänge der Kirke, die sie in einer an Grusel wahrlich reichen Sequenz in quiekende Schweine verwandelt, sie müssen in den Hades, um dort die Seele des Sehers Teiresias nach ihrem weiteren Schicksal zu befragen, sie passieren die Insel der Sirenen mit ihren gefährlichen Gesängen, sie müssen sich zwischen Pest und Cholera bei den Seeungeheuern Skylla und Charybdis entscheiden, Odysseus landet – und verschwindet jahrelang – ohne Erinnerung bei der Nymphe Kalypso,
Während im heimischen Palast die Freier der Penelope Geifer tropfen und Intrigen spinnen, während sie die Weinkeller leer saufen.
Nolan hat dieses ungefähr 250 Millionen Dollar teure Großkinoereignis wieder mit IMAX-Kameras auf 70mm gedreht – obwohl die wenigsten Kinos weltweit überhaupt noch analoge Filmprojektoren, geschweige denn 70mm-Projektoren haben. Im auf hohe Gewinnmargen durch möglichst billige Produktion bei hohen Schauwerten fixierten, auf Superheldenfranchises stierenden Hollywood ist er Vertreter eines Kinos, dessen letzte Zuckungen wir seit Jahren begleiten. Nachdem Oppenheimer mehr als eine Milliarde Dollar eingespielt hatte und dabei erheblich billiger war als jetzt "Die Odyssee" konnte Nolan eine Art Freibrief ausspielen. Er hat weitgehend auf digitale Tricks verzichtet, ist mit seiner Crew durch die Welt gereist – Marokko, Peloponnes, Sizilien, Schottland, Island – und dort an realen Schauplätze reale Bilder gedreht. Auf der Leinwand entwickeln diese Bilder, auch bei einer digital abgetasteten Kopie, große Wucht, einen Sog, der Bilder entstehen lässt, die es nur im Kopf des Zuschauers gibt: Der Film beginnt am Strand von Troja. halb im Sand versunken sehen wir eine große Pferdestatue, darin die Männer um Odysseus. Sie warten, tagelang, dass die Trojaner das Pferd bergen und in ihre Stadt holen. Menelaos erzählt erst später im Film, dass sie tagelang „in unserer Pisse und Scheiße“ ausgeharrt hätten, was die in der Ilias besungene Heldentat um das Trojanische Pferd auf eine ganz andere Stufe stellt.
"Die Odyssee" ist wahres Wuchtbrummenkino mit Zug zum Finale. Knapp drei Stunden dauert der Film und ist jeden Frame wert. Die Besetzung ist noch in der dritten Reihe hochkarätig und gibt dem Film auch auf dieser Ebene Glaubwürdigkeit und Tiefe; da stehen keine Klischeefiguren in den spektakulär inszenierten Bildern. Handarbeit von leidenschaftlichen Profis, die nicht auf digitale Götter setzen, sondern lieber selbst die Kontrolle behalten.
Echtes Kino, vielleicht ein letztes Mal.
