Nach dem Tod seiner Frau fehlt Frank der Mittelpunkt, und seinen vier erwachsenen Kindern fehlt der Mensch, mit dem sie ihr Leben besprechen und teilen konnten. Zu Franks Bedauern schlagen Amy, Robert, Rosie und David die Einladung ihres Vaters in ihr Elternhaus aus. Um zu seinen Kindern eine Beziehung aufzubauen, bricht der gesundheitlich angeschlagene Frank zu einem Roadtrip mit Überraschungsbesuchen auf.
Zunächst will er seinen Sohn David, einen Künstler, in dessen New Yorker Wohnung überraschen, doch dieser ist nicht anzutreffen. Daher reist Frank weiter nach Chicago zu Amy, der erfolgreichen Chefin einer Werbeagentur und Mutter von Jack. Es folgt ein Besuch in Denver bei Robert, einem Schlagzeuger, für den Frank sich immer eine Karriere als Stardirigent gewünscht hatte. Schließlich trifft Frank in Las Vegas Rosie, die schon als Kind eine Karriere als Tänzerin anstrebte.
Seine drei angetroffenen Kinder versichern dem besorgten Vater, sie seien glücklich. Doch Frank ahnt, dass sie ihm verbergen, wie es wirklich um sie und den abwesenden Bruder David steht. Er durchschaut ihre Lügen und bleibt fest entschlossen, die Familie zu vereinen und den Kindern das Gefühl zu geben, dass alles wieder gut werden könnte …
"Vater sein dagegen schwer" hieß der Titel eines Heinz Rühmann-Filmes von 1957, in dem sich ein freiheitsliebender Romanautor um die Kinder seiner verstorbenen Schwester kümmern muss. Dieser Film, entstanden 12 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs (und vier Jahre vor meiner Geburt), war mein erster Zugang zum Thema Vater sein. Väter spielen im Kino eine herausgehobene Rolle. Nie jammert einer im Kino der Meinung seiner Mutter nach. Die interessiert ihn nicht, und deren Liebe hat er sicher. Das Problem der Hauptfigur im Film ist meistens Dad, der mit seiner ausgeprägten Meinung, aber mangelnden Liebe zur Hauptfigur eben dieser Figur den Start ins Leben erschwert. Im US-Kino waren die Väter meistens im Krieg und kamen dann nicht immer zurück. Weltkrieg II, Korea, Vietnam, Afghanistan, Irak – das Väterthema ist ein großes in der US-Kunst.
Frank Goode hat in keinem Krieg gekämpft. Robert De Niro, der ihn spielt, ist 1943 geboren. Als er seine ersten Schritte beim Film macht, werden tausende junger Amerikaner eingezogen, ausgebildet und nach Vietnam geschickt (Kurzer Prozess – Righteous Kill – 2008; Inside Hollywood – 2008; Meine Frau, ihre Schwiegereltern und ich – 2004; The Score – 2001; 15 Minuten Ruhm – 2001; Meine Braut, ihr Vater und ich – 2000; Men of Honor – 2000; Makellos – 1999; Reine Nervensache – 1999; Ronin – 1998; Große Erwartungen – 1998; Wag the Dog – 1997; Jackie Brown – 1997; Cop Land – 1997; Sleepers – 1996; The Fan – 1996; Heat – 1995; Casino – 1995; Mary Shelley's Frankenstein – 1994; Kap der Angst – 1991; Backdraft – Männer, die durchs Feuer gehen – 1991; Schuldig bei Verdacht – 1991; Zeit des Erwachens – 1990; GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia – 1990; Stanley & Iris – 1990; Midnight Run – 5 Tage bis Mitternacht – 1988; Die Unbestechlichen – 1987; Angel Heart – 1987; Mission – 1986; Brazil – 1985; Der Liebe verfallen – 1984; Es war einmal in Amerika – 1984; "King of Comedy" – 1982; "Wie ein wilder Stier" – 1980; Die durch die Hölle gehen – 1978; New York, New York – 1977; Der letzte Tycoon – 1976; 1900 – 1976; Taxi Driver – 1976; Der Pate II – 1974; Hexenkessel – 1973). Frank hat, wie er stolz wildfremden Menschen im Zug erzählt, PVC produziert, das über die Jahre seine Gesundheit ruiniert hat, aber heute die Telefondrähte ummantelt, über die seine vier Kinder telefonisch in einem Kontakt stehen, von dem er gar nichts mitbekommt.
Mama hat sich um die Familie gekümmert, Papa hat gearbeitet und mit seinen Karriere-Erwartungen die Kinder unter Druck gesetzt. Leistung lohnt sich, war die Devise der Väter, mit der die Kinder nicht in jedem Fall zurecht kamen.
So naiv, wie diese Vatersicht klingt, ist dieser Vater Frank auch. Den heimischen Anrufbeantworter, zwischen den 1980er und 2000er Jahren kommunikatives Zentrum einer funktionierenden Familie, hat die Mutter besprochen – und bei der Aufnähme fröhlich erwähnt, dass Frank wohl gerade im Garten arbeite –, Frank hat zur Kommunikation, die er durch sein PVC hilft zu ermöglichen, keinen Zugang. Oder Koffer: Er trägt seinen Koffer so lange, bis ihm sein Enkel Jack zeigt, dass der Koffer Rollen und einen langen Griff zum ziehen hat. Er reist von Ost noch West durch mehrere Zeitzonen, kriegt das aber gar nicht mit und verpasst prompt seinen Bus. Er ist lebensfremd, auch bar jeden Misstrauen jedem Obdachlosen gegenüber. Er sieht in der U-Bahn einen Bedürftigen und will geradezu aufdringlich helfen – wie man das halt so macht in God's own Country – und versteht gar nicht, wie ihm geschieht, als dieser Bedürftige ihn dann nieder streckt. In dieser Naivität hat er auch seine Kinder nicht wirklich aufwachsen sehen und stellt nun fest, dass sie ihn alle anlügen und ihm ihr großartiges Leben nur vorgaukeln.
In Rückblenden, in denen er mit seinen kleinen Kindern spricht, die als ihre erwachsenen Ichs antworten, versteht er, wie er sie mit seinen Erwartungen so sehr unter Druck gesetzt hat, dass es ihnen ganz wichtig geworden ist, ihn nur nicht zu enttäuschen. Offene Gespräche haben sie lieber mit der Mutter geführt, die ihrem Mann das Unangenehme verschwieg. Ein Leben in nur scheinbarem Perfektionismus mit ganz echten Lebenslügen. Kirk Jones erzählt dieses Roadmovie von New York über Chicago und Denver nach Las Vegas unaufgeregt mit langen Sequenzen ohne Dialog, in denen wir Robert De Niro beim reisen und denken zuschauen. Dann schwirren wieder die Gespräche der erwachsenen Kinder über die vorbeiziehenden Telefondrähte, in denen die miteinander besprechen, wie sie Dad von ihrem Leben möglichst fern halten können.
Kate Beckinsale ("Klick" – 2006; Aviator – 2004; Van Helsing – 2004; Underworld – 2003; Weil es Dich gibt – 2001; Pearl Harbor – 2001; Brokedown Palace – Die Hoffnung stirbt zuletzt – 1999; Viel Lärm um nichts – 1993) spielt die sehr beschäftigte Agenturchefin Amy, die in einem schicken Designerhaus wohnt, von der aber bald nicht mehr so klar ist, ob sie die Agentur wirklich leitet. Ihr Ehemann lebt bei seiner Affäre und wird von dessen Sohn dafür gehasst. Sohn Robert ist nicht Dirigent, sondern Schlagzeuger ohne festes Engagement und hat keinen Erfolg als freier Musiker. Sam Rockwell (Moon – 2009; "Frost/Nixon" – 2008; "Tricks" – 2003; Geständnisse – Confessions of a Dangerous Mind – 2002; Heist – Der letzte Coup – 2001; 3 Engel für Charlie – 2000; Galaxy Quest – 1999; The Green Mile – 1999; Celebrity – Schön, reich, berühmt – 1998) spielt ihn leger, verleiht der Figur innere Ruhe; beruflicher Erfolg ist diesem Mann nicht so wichtig. Und Rosie, lebensbejahend gespielt von Drew Barrymore, hat die große Wohnung in Las Vegas nur von einem Freund geliehen, außerdem hat sie ein uneheliches Kind, das Frank bislang verheimlicht wurde ("Er steht einfach nicht auf Dich" – 2009; "50 erste Dates" – 2004; 3 Engel für Charlie: Volle Power – 2003; Geständnisse – Confessions of a Dangerous Mind – 2002; Unterwegs mit Jungs – 2001; "Donnie Darko" – 2001; 3 Engel für Charlie – 2000; "Ungeküsst" – 1999; Auf immer und ewig – 1998; Scream – Schrei! – 1996; Alle sagen: I love you – 1996; Batman Forever – 1995; KatzenAuge – 1985; "Der Feuerteufel" – 1984; E.T. – Der Außerirdische – 1982).
Das sind drei wunderbar spielende Satelliten um einen Robert De Niro, der seinen vielen Vaterrollen, die er in seiner Karriere gespielt hat, hier mit seinem nuancierten Spiel eine der schönsten hinzufügt.
Ob es das sehr blumige Finale gebraucht hätte, nachdem eigentlich längst alles gesagt und geklärt ist, kann man bestreiten. Aber dieser Film stammt aus den USA und in der dortigen Filmindustrie werden die Väter eben gefeiert.
Der Film ist eine Neuverfilmung des italienischen Films "Allen geht’s gut" ("Stanno tutti bene") von Oscar-Preisträger Giuseppe Tornatore aus dem Jahr 1990 mit Marcello Mastroianni in der Rolle des Vaters.
