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Plakatmotiv: Aviator (2004)

Ein wunderschöner Bilderbogen
dem es Dramaturgie fehlt

Titel Aviator
(The Aviator)
Drehbuch John Logan
Regie Martin Scorsese, Deutschland, USA 2004
Darsteller

Leonardo DiCaprio, Cate Blanchett, Kate Beckinsale, John C. Reilly, Alec Baldwin, Alan Alda, Ian Holm, Danny Huston, Gwen Stefani, Jude Law, Adam Scott, Matt Ross, Kelli Garner, Frances Conroy, Brent Spiner u.a.

Genre Biografie, Drama
Filmlänge 170 Minuten
Deutschlandstart
20. Januar 2005
Website miramax.com/the-aviator/
Inhalt

In den USA der 1920er und 30er Jahre steigt Howard Hughes, Milliardär, Filmproduzent und Flugpionier, rasend schnell zum glamourösen Hollywood-Mogul und Besitzer eines Industrie-Imperiums auf. Doch hinter der glänzenden Fassade machen psychische Probleme sein Leben zur Hölle.

Ende der 1920er Jahre steckt der junge Öl-Millionär Howard Hughes Unsummen in das Flieger-Epos "Hell’s Angels". Für die Realisierung setzt er eine beispiellose Armada von Flugzeugen, Piloten und Kameras ein. Schon hier zeigt sich die unglaubliche Risiko-Bereitschaft und visionäre Arbeitsweise des Exzentrikers, die nicht selten an Größenwahnsinn grenzt. Der Film, der tatsächlich zum Hit wird, bietet für ihn nicht nur den Einstieg in ein Leben als glamouröser Film-Mogul, der sich mit Stars wie Ava Gardner, Jean Harlow und Katharine Hepburn umgibt.

Hughes setzt auch als erfolgreicher Flugzeugkonstrukteur alles auf eine Karte. Als der Ehrgeizling in den 40er Jahren schließlich das Transatlantik-Monopol von Juan Trippes Fluggesellschaft TWA herausfordert, zieht er sich den politischen Zorn des einflussreichen, korrupten Senators Brewster zu. Und auch privat gleitet Hughes immer mehr in den Abgrund seiner krankhaften Phobien …

Was zu sagen wäre

Howard Hughes ist nicht zu fassen. „Es ist zu viel Howard Hughes in Howard Hughes“, stöhnt seine langjährige Freundin Katherine Hepburn. Dieser Mann ist ein Wirbel auf vielen Gebieten. Während er seinen ersten Stummfilm produziert, wieder verwirft, weil er erkennt, dass der Tonfilm mittlerweile der größere Erfolg gegenüber dem Stummfilm verspricht, den gleichen, aufwändigen, Film nochmal dreht – ein Weltkrieg-I-Epos mit vielen Doppeldeckern, noch mehr Kameras und mit Ton – entwirft er gleichzeitig zusammen mit seinem Techniker ein ganz neues Flugzeug mit maximal geringem Luftwiderstand. und er ist mit allem erfolgreich. Seine Filme spielen viel Geld ein und werden Klassiker. Seine visionären Flugzeugkonstruktionen sind für Fluggesellschaften wie für das Militär von großem Interesse.

Sein Erfolgsrezept: Er schlägt die bärtigen Besitzstandswahrer in der Film- und der Flugzeugindustrie mit ihren eigenen Waffen. Gegen die Zensurbehörde Hollywoods, die einen seinen Filme verbieten will, weil er zu freizügig Frauenbrüste herausstelle, argumentiert er mit dem Zentimetermaß, dass in allerlei Filmen in der Vergangenheit die Ausschnitte anderer Schauspielerinnen genauso groß herausgestellt worden waren. Einem kritischen Senator weist er nach, dass er, Hughes, zwar viele Millionen Gelder des Verteidigungsministeriums letztlich nicht in fliegende Flugzeuge habe ummünzen können. Dass das aber in viel größerem ausmaß auch für andere, Washington genehmere Flugzeugbauer zuträfe. Howard Hughes gehört nicht zum Establishment und er lässt sich von diesem auch nicht mobben.

Im Privaten ist dieser Mann eine manischer Händewascher. Seine Mutter hat ihm als Kind, damals grassierte die spanische Pest, große Vorsicht vor Viren und Bakterien antrainiert. Er nutzt Handtücher nur einmal, ist bei körperlichem Kontakt sehr zurückhaltend, was ihn aber nicht davon abhält, reihenweise Hollywood-Starlets zu daten. Hughes Reinheits-Manie bleibt auf Momente beschränkt. Auf filmische Momente. Und auch das Drama, das sich schließlich entwickelt, wirkt herbei geschrieben. Da kauft sich der Präsident der Fluggesellschaft Pan Am, Juan Trippes einen Senator, der mit einem Gesetz verhindern soll, dass Hughes mit der von ihm kontrollierten Fluggesellschaft TWA Transatlantikflüge in Konkurrenz zur Pan Am anbieten kann. Da gibt es eine dramatische Senatsanhörung, es gibt Kungeleien zwischen mächtigen Maßanzugträgern. Nur spannend wird das alles nicht.

Der Film ist eine Orgie wunderbarer Bilder von grandiosen Ausstattungen. Martin Scorsese (Gangs of New York – 2002; Bringing Out the Dead – 1999; Casino – 1995; Zeit der Unschuld – 1993; Kap der Angst – 1991; GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia – 1990; Die Farbe des Geldes – 1986; New York, New York – 1977; Taxi Driver – 1976) hat sich alle Mühe gegeben, eine Ära in ihrem ganzen Glanz und Gloria wieder auferstehen zu lassen. Aber er bietet auch die komplette A-Liga der Schauspielkunst Hollywoods auf – zum Teil in Mini-Rollen – was vermuten lässt, dass er auch etwas über den Mann Howard Hughes erzählen möchte. Das passiert aber nicht. Leonardo DiCaprio (Catch Me If You Can – 2002; Gangs of New York – 2002; The Beach – 2000; Celebrity – Schön, reich, berühmt – 1998; Titanic – 1997; William Shakespeares Romeo & Julia – 1996; Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa – 1993) legt sich in Zeug, um den wirtschaftlich erfolgreichen, charmanten, manischen Berserker zu portraitieren und man sitzt irgendwann im Kinosessel und denkt, nun gebt ihm doch endlich seinen Oscar. Aber auch dieser Leinwand-Howard-Hughes ist mehr Ausstattungsorgie als lebendiger Mensch. Die biografisch augenscheinlich wichtige Beziehung zur Schauspielerin Katherine Hepburn wird gezeigt, wird gespielt, wird beendet. Aber was die beiden voneinander und miteinander haben – außer ihrer Leidenschaft für das Fliegen – bleibt im Dunkel. Es ist halt zu viel Howard Hughes in Howard Hughes und dann sitzt halt eines Tages ein gewisser Spencer Tracy in ihrer Filmdekoration. Cate Blanchett (Der Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs – 2003; "Die Journalistin" – 2003; Der Herr der Ringe – Die zwei Türme – 2002; Heaven – 2002; Schiffsmeldungen – 2001; Der Herr der Ringe – Die Gefährten – 2001; Banditen! – 2001; The Gift – 2000; Der talentierte Mr. Ripley – 1999; Elizabeth – 1998) spielt die Hepburn burschikos, tough und sehr emanzipiert und sie kommt dieser Frau, nach allem, was ich über sie weiß, einigermaßen nahe. Sie bekam den Nebenrollen-Oscar für ihr Spiel.

Ähnlich oberflächlich geht der Film auf die zweite große Liebesgeschichte, der zu Ava Gardiner, ein, die sich zum Finale liebevoll um den zum menschlichen Wrack gewandelten Multimillionär kümmert, damit der in sein nächstes Gefecht ziehen kann. Diese Liebesgeschichte hat noch nicht richtig begonnen, da ist sie auch schon vorbei und dazwischen erfahren wir, dass Ava Gardner keine Diamanten geschenkt bekommen will, sondern eine Einladung zum Essen, und dass Hughes sie mit Wanzen und Privatdetektiven beschatten ließ. Der Mann hat halt einen Kontrollzwang.

Martin Scorsese liefert mit "The Aviator" ist ein wunderbar fotografierter, hingebungsvoll ausstaffierter Film mit vielen großen Schauspielern, der unterhält. Aber packen tut er nicht.

Wertung: 5 von 8 €uro
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