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Plakatmotiv: Nackte Gewalt (1953)

Anthony Manns Psychogramm über
raue Männer im Überlebensmodus

Titel Nackte Gewalt
(The Naked Spur)
Drehbuch Sam Rolfe & Harold Jack Bloom
Regie Anthony Mann, USA 1953
Darsteller

James Stewart, Janet Leigh, Robert Ryan, Ralph Meeker, Millard Mitchell u.a.

Genre Western
Filmlänge 91 Minuten
Deutschlandstart
8. Dezember 1953
Inhalt

1868 in den Bergen Colorados: Howard Kemp ist auf der Suche nach dem Mörder Ben Vandergroat, den er für eine Belohnung von 5.000 Dollar dem Sheriff ausliefern will. Sein einsamer Weg führt ihn zu dem Goldsucher Jesse Tate, der sich aus Unkenntnis bereit erklärt, Howard für karge 20 Dollar zu helfen. Kurz darauf schließt sich der gerade entlassene Offizier Roy Anderson, ein eher labiler Charakter, der kleinen Truppe an.

Als sie Vandergroat finden, ist er jedoch nicht allein: Die junge Lina Patch hält ihm den Rücken frei. Den Kopfgeldjägern gelingt es schließlich, die beiden festzunehmen. Doch nun beginnt für sie die eigentliche Prüfung: Ben will natürlich fliehen.

Da eine Flucht nicht so einfach möglich ist, ersinnt er einen hinterlistigen Plan. Er sät Zwietracht in der Gruppe und hat dabei leichtes Spiel, da seine Bewacher jeweils eigene, unterschiedliche Motive haben. So wird Roy von einem Stamm der Schwarzfußindianer verfolgt und muss sich eigentlich von den anderen absetzen. Gleichzeitig spielt Jesse mit dem Gedanken, Howard gegen den Hinweis zur Lage einer Goldmine zu verraten. Als Ben schließlich Howards Zuneigung für Lina durchschaut, wird auch sie zur Waffe …

Was zu sagen wäre

Eine hügelige Waldlandschaft. Saftige Wiesen, perlende Bäche, blauer Himmel, schroffe Felsen. Ein gefesselter Mann auf einem Esel, umringt von vier anderen. Die eine ist sein Mündel. Die anderen drei stehen in dem Mann nur das Geld, das sie für ihn bekommen, wenn sie ihn abliefern am anderen Ende der Wälder und Felsen Colorados. Der führt nach Osten. Ungewöhnlich in einem Western, normalerweise geht es nach Westen.

Ungewöhnlich ist dieser Western. Sein Zugpferd ist James Stewart, der freundliche Jimmy (s.u.), der hier, zum dritten Mal unter der Regie von Anthony Mann (Meuterei am Schlangenfluss – 1952; Winchester 73 – 1950), sein von diesem Regisseur aufgedecktes, raues Image ausbaut. Er spielt Howard, einen Kopfgeldjäger, fest entschlossen, seine Beute, den gefesselten Mann auf dem Esel, nach Abilene zu bringen, wo ein Kopfgeld von 5.000 Dollar auf ihn ausgesetzt ist. Es ärgert ihn, dass zwei andere Männer, ein alter Goldsucher und der unehrenhaft aus der Army entlassene Roy, sich an seine Fersen heften. Im Verlauf des Films wird dieser raue Charakter ein wenig geschliffen, natürlich durch die junge Frau im Quintett, die sehr von der Ehre ihres Ziehvaters überzeugt ist und schmerzhaft lernen muss, dass der Mann ihr nicht so väterlich zugetan ist, wie er vorgibt. Howard kennt den Mann, Ben, von früher; aber es gibt keine gemeinsame, dunkle Vergangenheit. Aber Ben weiß zu erzählen, dass Howard seine Mary sitzen ließ, in den Bürgerkrieg zog und ihr versprach, sie zu heiraten, wenn er aus dem Krieg zurück ist. Um das zu unterstreichen, überschrieb Howard seiner Mary seine Ranch. Aber als er zurück war aus dem Krieg, war die Ranch verkauft und Mary mit einem anderen Mann verschwunden. Seitdem will Howard sein verlorenes Land zurück kaufen, die 5.000 Dollar für Ben würden gerade reichen.

Aber nicht, wenn er das Geld mit den anderen beiden teilen muss. Dieser Howard-Charakter ist getrieben von Hass und Sehnsucht gleichermaßen. Er will beweisen, dass er kein Depp ist, der sich von einer Frau auf Dauer sein Land – sein Land – wegnehmen lässt. Er will aber auch niemanden an den Galgen liefern. Schon gar nicht will er die anderen Männer töten, die sich ihm angeschlossen haben und auf ein Drittel des Kopfgelds scharf sind. Howard will nur seine Ranch zurück, Tiere züchten, mit der Natur leben.

Das wird er nicht erreichen, wenn nicht wenigstens die zwei anderen Männer, Roy und Jesse, sterben. Diese Ambivalenz schwebt über den grünen Wäldern und schroffen Felsen wie ein schwerer Hammer, der irgendwann niedersausen muss. Dabei machen es die anderen Männer dem Zuschauer leicht, ihnen eher kein Glück zu wünschen. Roy, der Ex-Soldat, ist ein Arschloch, dem aus guten Gründen ein Stamm Indianer auf den Fersen ist, vor denen er sich in der kleinen Gruppe verstecken will. Und Jesse, der Alte, träumt schon sein Leben lang von der großen Goldader, die Ben, der Gefangene auf dem Esel, so schmackhaft macht, dass Jesse den anderen schließlich in den Rücken fällt.

Alle diese Männer sind getrieben von einer nachvollziehbaren Motivation – Geld, Gold, ein sorgenfreies Leben. man kann es ihnen nicht übel nehmen. Der grausame Sezessionskrieg, Nord- gegen Südstaaten ist gerade erst drei Jahre vorüber, die Gesellschaft jenseits jener Bergidylle, in der das Drama zumeist spielt, liegt am Boden, findet erst langsam wieder zueinander. Das muss Anthony Mann nicht bebildern. Sein Zielpublikum, das US-amerikanische Kinopublikum, kennt die Geschichten; im Film lässt Mann die unterschiedlichen Schicksale dreier Menschen nur anklingen, das reicht, um uns die Wirren des Krieges vor Augen zu bringen.

Als fünftes Rad am Wagen ist die Frau dabei, gespielt von der damals 26-jährigen Janet Leigh. Sie drehte damals seit sechs Jahren Filme, meist als das bodenständige, blonde Mädchen mit blitzblauen Augen, und war von ihren großen Hauptrollen noch ein paar Jahre entfernt (Prinz Eisenherz – 1954; Im Zeichen des Bösen – 1958; Die Wikinger – 1958; Psycho – 1960; Botschafter der Angst – 1962; Ein Fall für Harper – 1966; The Fog – Nebel des Grauens – 1980; Halloween H20 – 1998). Ihre Rolle in "Nackte Gewalt" ist indifferent. Einerseits muss sie sich von den Männern herumschubsen – „Los, mach mal Kaffee!“ – und sich lüstern anmachen lassen, andererseits muss sie glaubhaft Gefühle für den 19 Jahre älteren James Stewart in dieser kratzigen Brummbärrolle entwickeln, ohne den der Film zu keiner für profitorientierte Hollywood-Studios passablen Lösung gebracht werden könnte.

Deshalb sind die letzten 15 Minuten des Films zwar notwendig, um zu diesem Finale zu finden. Aber für die raue Schönheit dieses Films über einsame Männer in dunklen Zeiten unter heiter blauem Himmel, die nur durchkommen wollen und für ihr Glück dann eben auch über Leichen gehen würden, sind sie vergeudet.

Der Originaltitel, "The Naked Spur" lässt sich wohl am ehesten mit Der nackte Antrieb übersetzen – oder: Die blanke Gier.

Wertung: 5 von 6 D-Mark
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