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Plakatmotiv: Über den Todespass (1954)

Großartiges Westernabenteuer mit
einem unerwarteten James Stewart

Titel Über den Todespass
(The Far Country)
Drehbuch Borden Chase
Regie Anthony Mann, USA 1954
Darsteller

James Stewart, Ruth Roman, Corinne Calvet, Walter Brennan, John McIntire, Jay C. Flippen, Harry Morgan, Steve Brodie, Connie Gilchrist, Robert J. Wilke, Chubby Johnson, Royal Dano, Jack Elam, Kathleen Freeman, Connie Van u.a.

Genre Western, Abenteuer
Filmlänge 97 Minuten
Deutschlandstart
21. Dezember 1955
Inhalt

Alaska, im Jahr 1896: Unter großen Mühen hat Jeff Webster mit seinem Freund Ben Tatem eine Herde Rinder bis nach Skagway getrieben. Ihr Ziel ist Dawson City, wo die beiden mit dem Verkaufserlös Schürfrechte im dortigen Goldgebiet erwerben wollen. Doch sie werden aufgehalten. Als Jeff die Tiere durch die Hauptstraße von Skagway treibt und dabei eine Hinrichtung stört, gerät er in Konflikt mit dem zwielichtigen Gesetzeshüter Gannon.

Der Schurke nutzt die Gelegenheit und beschlagnahmt die komplette Viehherde. Jeff vermeidet die offene Auseinandersetzung und führt im Auftrag von Ronda Castle, die ihn vor Gannons Galgen bewahrt, einen Treck in die Goldgräberstadt Dawson in Kanada, wo Ronda einen Saloon eröffnen will. Durch einen Trick gelingt es Jeff, wieder in Besitz seiner Viehherde zu gelangen und die Tiere in Dawson, wo Gannon kein Zugriffsrecht mehr hat, wie geplant zu verkaufen.

Binnen kurzer Zeit haben er und Ben so viel Gold geschürft, dass sie sich zur Ruhe setzen könnten. Doch da trifft Gannon in Begleitung eines Revolverhelden in Dawson ein …

Was zu sagen wäre

Der Western zieht nach Norden. Zum Ende des 19. Jahrhunderts, der Film spielt 1896, wachsen in New York die ersten Hochhäuser, die Siedler im Westen haben die Städte befriedet, die Region des ehemals wilden Westens ist eingezäunt, die Eisenbahn verbindet den riesigen Kontinent, was nicht zuletzt die Zugriffsmöglichkeiten der Polizeibehörden verstärkt. In Alaska ist das so noch nicht der Fall. In dem abgelegenen Territorium herrscht, zumal während der Jahre des Klondike-Goldrausches, das Recht des Stärkeren. Was im Western die Siedler waren, die auf der Suche nach etwas Land und Glück waren, sind im Norden die Glücksritter, die auf der Suche nach Gold gnadenlosen Räuberbanden ausgeliefert sind.

Hier ist Washington und die hohe Politik so weit weg, dass der Sheriff Judikative und Exekutive in einer Person ist – „Sie dürfen sich verteidigen. Obwohl das aussichtslos ist.“ – und damit gute Geschäfte macht: „Ich brauche das Vieh. und was ich brauche, nehme ich mir.“ In Anthony Manns klasse Westenabenteuer hat sich im Norden eine Gesellschaft mit mafiösen Strukturen gebildet. Plakatmotiv (US): The Far Country (1954) Die Saloonbesitzerin, der Sheriff/Richter und ein paar Revolvermänner nehmen die Goldsucher nach Strich und Faden aus; erst auf heimischem, amerikanischem Boden, bald aber auch in Dawson auf kanadischer Seite. Goldsucher lassen abends ihr Geld im Saloon, werden, wenn sie genug geschürft haben und nach Hause reiten wollen, ermordet und ausgeraubt und bald gehen die Banditen dazu über, den Goldgräbern ihre Minen einfach wegzunehmen – unter fadenscheinigen juristischen Gründen.

Das ist das perfekte Setting für einen lonesome Cowboy, der in das Städtchen kommt und mal ordentlich aufräumt. Dieser Cowboy ist mit James Stewart (s.u.) auch akkurat besetzt. Aber Stewarts Figur, Jeff Webster, hält sich aus allem raus. Ein klassischer Film-Einzelgänger, vertraut niemandem außer seinem alten Freund und Faktotum Ben – wunderbar: Walter Brennan ("Panik am roten Fluss/Red River" – 1948; Faustrecht der Prärie – 1946; Haben und Nichthaben – 1944; Sergeant York – 1941) – , drängt sich nicht auf, erwartet nichts, kümmert sich nur um sich und seine Belange. Ein harter Knochen, der auch grobes Unrecht ungerührt geschehen lässt, sofern es nicht ihn selbst betrifft; dann allerdings wehrt er sich mit harten Schlägen und schnellen Schüssen.

Das ist spannend erzählt mit großartigen Bildern und einem Bühnenbau, in dem man den Dreck und Gestank der schlammigen Straßen im Kinosessel zu spüren glaubt. Diese gnadenlose Welt ist genau richtig, um einer wie Jeff Webster zu läutern. Er dürfte so Mitte 40 sein, hat also als Teenager im Sezessionskrieg erlebt, wie Amerikaner über andere Amerikaner herfallen und sich gegenseitig abgeschlachtet haben. Und er hat erlebt, wie danach das Land unter großen Schmerzen und weiteren Toten befriedet worden ist. Der Frieden bedeutet, dass heute Großgrundbesitzer, Bankiers, Ölbarone und die Herren der Eisenbahn den Großteil des Landes unter sich aufgeteilt haben. Mit so einer Biografie lernt man, unauffällig sein Ding zu machen, ein Stück Land zu kaufen, eine Farm drauf zu stellen und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Genau das hat Webster vor. Dass Gemeinsinn vor Eigensinn kommen sollte, Menschen einander helfen sollten, mach dem Amerikaner schließlich eine junge Französin klar, die unermüdlich und mit strahlenden Augen erklärt „Wenn ein Mensch in Not ist, dann muss man doch 'elfen.“ Jeff Webster ist ein für Stewart untypischer Charakter. Seit Der gebrochene Pfeil vor vier Jahren hat der gerne als Salonlöwe, Professor oder tapsiger Liebhaber besetzte Stewart schon häufiger harte Typen gezeigt, die zu echter Wut fähig sind, dabei aber immer für das Recht einstehen. Unter Manns Regie muss er sich zum Jagen tragen lassen, stellt sich erst nach vielen Toten in den Dienst der Gemeinschaft.

Mit Filmen wie Winchester 73 und "Nackte Gewalt" hat Anthony Mann einige der ganz großen Western inszeniert. Mit "The Far Country" legt er beeindruckend nach: Vielschichtige Charaktere, wunderschöne Landschaftspanoramen und eine komplexe Story, die das Leben im ausgehenden 19. Jahrhundert zeigt, die Menschen, die darin zurechtkommen mussten und im Kleinen noch einmal die Geburtswehen nachzeichnet, aus denen die Vereinigten Staaten von Amerika entstanden sind.

Wertung: 6 von 6 D-Mark
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